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2016/12/22

Startschuss für umfangreichste deutsche Video-Studie zu Unterricht

Die 1995 auch in Deutschland durchgeführte internationale Video-Unterrichtsstudie TIMSS (Trends in International Mathematics and Science Study) hat die Entwicklung der empirischen Unterrichtsforschung hierzulande enorm beflügelt. In vielfältigen Forschungsarbeiten ist es seitdem gelungen, das Wissen um die Qualität und die Wirkung von Schulunterricht deutlich auszubauen – auch wenn noch viele Fragen offen sind. Mit der neuen „Leibniz-Video-Studie zum Mathematikunterricht“ wird eine Expertengruppe unter Leitung des Icon externer Link Deutschen Instituts für Internationale Pädagogische Forschung (DIPF) nun mehrere zentrale Herausforderungen der Unterrichtsforschung bearbeiten. Das Vorhaben hat sich im Leibniz-Wettbewerb durchgesetzt. Auf Beschluss des Leibniz-Senats, der jetzt erfolgt ist, wird es daher von der Leibniz-Gemeinschaft gefördert. Es handelt sich um die bislang umfangreichste deutsche Video-Unterrichtsstudie.
Das Forschungsteam wird Video-Aufnahmen in 85 Schulklassen der Sekundarstufe 1 in allgemeinbildenden Schulen durchführen – mit Fokus auf eine festgelegte Unterrichtseinheit im Fach Mathematik. Die Aufnahmen werden mit Leistungstests, Befragungen der Schülerinnen und Schüler sowie der Lehrkräfte, Intensivbeobachtungen weiterer Lehrerinnen und Lehrer, der Auswertung von Unterrichtsmaterialien und der Re-Analyse bestehender Video-Daten anderer Studien verknüpft. „Wir untersuchen unterrichtsbezogene Fragen in noch nicht dagewesener Tiefe“, so Professor Dr. Eckhard Klieme und Dr. Anna-Katharina Praetorius vom DIPF, die das Vorhaben gemeinsam beantragt haben. Neben ihrem Team am DIPF sind auch Icon externer Link Arbeitsgruppen des IPN – Leibniz-Institut für die Pädagogik der Naturwissenschaften und Mathematik und der Icon externer Link Technischen Universität München sowie weitere führende deutsche Expertinnen und Experten der (videobasierten) Unterrichtsforschung aus verschiedenen Disziplinen beteiligt. Es ist ausdrücklich vorgesehen, dieses Netzwerk im Lauf des Projekts um nationale und internationale Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler zu erweitern.
Ein zentrales Ziel des Vorhabens ist es, das Verständnis von Unterrichtsqualität weiterzuentwickeln. In der deutschsprachigen Forschung hat sich ein Modell für guten Unterricht mit drei Dimensionen etabliert: strukturierte Klassenführung, konstruktive Unterstützung und kognitive Aktivierung. Die Forschenden wollen diesen Ansatz um fehlende Aspekte – etwa fachspezifische Merkmale – erweitern. Zudem soll das Verständnis dieser Basisdimensionen vereinheitlicht und ein umfassendes Modell hierfür entwickelt werden, das in Folgestudien einheitlich angewendet werden kann – was bisher so nicht erfolgt ist.
Darüber hinaus ist bislang nicht hinreichend geklärt, wie sich Unterricht in verschiedenen Ländern unterscheidet. Entsprechende Gemeinsamkeiten und Unterschiede zwischen Deutschland und weiteren Ländern sollen durch eine Verknüpfung des Vorhabens mit einer internationalen Video-Unterrichtsstudie, an der auch Schulen in Chile, England, Japan, Kolumbien, Mexiko, Shanghai, Spanien und den USA teilnehmen, untersucht werden. Diese internationale Studie wird vom DIPF gemeinsam mit zwei US-Forschungsorganisationen konzipiert und wissenschaftlich geleitet. Organisiert wird sie von der OECD unter dem Namen „TALIS-Video“ als Ergänzung des sogenannten „Teaching and Learning International Survey“. TALIS-Video analysiert und vergleicht die Wirksamkeit von Unterricht in verschiedenen Staaten. Teile des Designs der Leibniz-Video-Studie sind parallel zu TALIS-Video angelegt, damit auch für Deutschland Aussagen zur kulturellen Vergleichbarkeit möglich werden. So untersuchen beide Erhebungen 85 Klassen der Sekundarstufe 1 und die gleiche mathematische Unterrichtseinheit (Quadratische Gleichungen).
Darüber hinaus verfolgt die Leibniz-Video-Studie weitere wissenschaftliche Ziele. Sie ist auf drei Jahre bis 2019 angelegt. Die Forscherinnen und Forscher werden die Ergebnisse über verschiedene wissenschaftliche Publikationen der Öffentlichkeit zugänglich machen. Das Netzwerk soll zudem weitere Impulse für die Unterrichtsforschung liefern, indem die beteiligten Fachleute im Lauf der Arbeiten weitere Forschungsprojekte initiieren. Zentrale Erkenntnisse für die Schulpraxis werden auf einer Transferveranstaltung aufbereitet.