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"Was wäre, wenn die Schüsse von Sarajevo am 28. Juni 1914 nicht gefallen wären?" - Kontrafaktische Geschichte im Geschichtsunterricht

Kontrafaktische Geschichte, auch virtuelle Geschichte oder Alternativgeschichte, bezeichnet eine Form historischer Narration sowie ein Gedankenexperiment eines nicht tatsächlichen, aber durchaus denkbaren Prozesses in der Vergangenheit. Zugespitzt könnte man diese Form der ahistorischen Historiographie auch als methodisch kontrolliertes Spekulieren bezeichnen. Kennzeichnend für diese Gedankenexperimente, die ihren Ursprung in der Philosophie haben, sind Fragestellungen, die mit der Formulierung „Was wäre, wenn…“ beginnen.

Die zahllosen Kritiker aus den Reihen der Geschichtswissenschaft sprechen der kontrafaktischen Geschichte nicht selten in aller Deutlichkeit ihre Daseinsberechtigung ab, denn warum, so die Kritiker, sollte man sich gerade in der Geschichtswissenschaft mit etwas beschäftigen, das nicht mehr zu ändern ist. Hieran anknüpfend sollte der Ausgangspunkt eines historischen Erkenntnisgewinns noch immer das Gewesene und eben nicht das Spekulative sein. Neben diesen Stimmen, die das Ungeschehene als vollkommen bedeutungslos für das Geschehene bezeichnen, wird kontrafaktische Geschichte häufig als Phantasterei und Utopie gebrandmarkt, und lediglich zu einem Genre des Reißerischen und Populären stilisiert (eine Zusammenfassung der Einwände gegen eine kontrafaktische Geschichte bietet Demandt (5. Auflage, 2011), S. 11-15). Im Gegensatz zur anglophonen Historiographie, in der sich kontrafaktische Gedankenexperimente des Historischen einer gewissen Beliebtheit erfreuen, waren diese lange Zeit kein Gegenstand der historischen und geschichtsdidaktischen Forschung in Deutschland.

Gerade für die Geschichtsdidaktik muss dieser Befund überraschen, obgleich das lerntheoretische Potenzial medial verfremdeter und fiktiver Darstellungen, zum Beispiel in Form historischer Comics (vgl. Mounajed (2009), Literaturliste), längst erkannt wurde (vgl. Fürst (2014), S. 24f. vgl. Literaturliste). Die Konstruktion alternativer Handlungsmöglichkeiten und somit kontrafaktischer Geschichte kann neben der Förderung der Narrationskompetenz das Bewusstsein um die Beurteilung von Kausalfaktoren und die Begründung eigener Werturteile schärfen (vgl. Memminger (2007), S. 50, Literaturliste). Dass Geschichtsunterricht, der gewöhnlich eine nicht-öffentliche Interaktion von Lehrern und Schülerinnen und Schülern darstellt, somit eine größere Spekulationsfreiheit als der Geschichtswissenschaft zukommt, sollte Ermutigung sein, das Potenzial der Kontrafaktizität in das Unterrichtsgeschehen einzubinden (eine ausführliche fachdidaktische Begründung zur Verwendung kontrafaktischer Gedankenexperimenten im Geschichtsunterricht bietet Fürst (2014), S. 38-40).

Die New York Times berichtet über das Attentat von Sarajevo
Die New York Times berichtet über das Attentat von Sarajevo
Quelle: Wikimedia Commons 1280x931 Pixel

Bei der Auswahl eines durch die Lehrkraft konstruierten Szenarios sollte unbedingt darauf geachtet werden, sogenannte „Wendepunkte“ der Geschichte auszuwählen. Denn hierin sind mögliche Alternativen verdichtet und auf wesentliche Entscheidungssituationen und -träger didaktisch reduzierbar. Dieser zunächst zu rekonstruierende Bedingungsrahmen stellt somit den Ausgangspunkt jeder kontrafaktischen Geschichte dar. Das primäre Ziel besteht somit nicht darin, hypothetische Phantasien zu konstruieren, sondern durch ein kontrastives Vorgehen den historischen Sinn für das tatsächlich Gewesene zu schärfen. Bezüglich des methodischen Instrumentariums ist die kontrafaktische Historiographie der Quellenkritik und somit der Wissenschaftlichkeit verpflichtet (vgl. hierzu Fürst (2014), S. 36f.).

Zu einem dieser Schlüsselpunkte der europäischen Geschichte des 20. Jahrhunderts zählt das Attentat von Sarajevo vom 28. Juni 1914 auf den österreichisch-ungarischen Thronfolger Erzherzog Franz Ferdinand und seine Frau Sophie Chotek, Herzogin von Hohenberg, anhand dessen die Lerngruppe folgende Fragestellung erarbeiten soll:
Was wäre geschehen, wenn die Schüsse von Sarajevo am 28. Juni 1914 nicht gefallen wären?

Das Attentat von Sarajevo
Das Attentat von Sarajevo (nachträgliche Illustration in einer französischen Zeitung)
Quelle: Wikimedia Commons 1210x1375 Pixel

Nach den Ereignissen in Sarajevo waren die fünf europäischen Großmächte (Österreich-Ungarn, Deutsches Reich, Russland, Frankreich und Großbritannien) und Serbien zu einer unmittelbaren Reaktion gezwungen. Gewissermaßen forderte das Attentat alle handelnden politischen Akteure zu einer Entscheidung heraus, die die Pole einer diplomatischen Verständigung bis hin zu einer sofortigen Kriegserklärung umfasst. Wie im Brennglas verdichtet, kann das Attentat von Sarajevo hierbei als Auslöser einer sich anschließenden politisch-militärischen Eigendynamik gedeutet werden, an dessen Ende die Lunte am "Pulverfass Europa" entzündete und Europa in einen "Weltbrand" stürzte. Bei der Konstruktion des kontrafaktischen Szenarios ist gerade eine schlüssig zu argumentierende Gewichtung der Kausalfaktoren aller beteiligten politischen Akteure unabdingbar zu berücksichtigen.


II. Methodenvorschlag

0. Vorentlastende Hausaufgabe:

Als vorentlastende Hausaufgabe sollte die Lerngruppe den historischen Kontext des Attentats von Sarajevo erarbeitet haben (vgl. als Hilfe den obersten rechten Kasten).

1. Einstieg: Kontrafaktische Geschichte

Um die Lernenden mit dem Gegenstand der kontrafaktischen Geschichte vertraut zu machen, bietet sich eine Zusammenfassung des kontrafaktischen historischen Romans "Vaterland" (1992) aus der Feder von Robert Harris an. Hierin wird auf wenigen Zeilen ein kontrafaktisches Szenario entfaltet, wonach die Nationalsozialisten nach der gescheiterten Normandieoffensive der Alliierten, den Krieg gewonnen und ganz Europa beherrscht hätten.
Alternativ können gemeinsam die ersten Minuten der gleichnamigen Romanverfilmung (1994) angesehen werden, um im Anschluss den Begriff der kontrafaktischen Geschichte einzuführen und gemeinsam Merkmale dieser zu erarbeiten.
Auch der Begriff des historischen Wendepunkts kann hierbei eingeführt werden. Im Plenum können optional auch historische Wendepunkte des 20. Jahrhunderts gesammelt werden.

2. Erarbeitungsphase:

In Form einer Gruppenarbeit sollen die Lernenden eigene alternative historische Entwicklungsmöglichkeiten zum Ausbruch des Ersten Weltkriegs infolge des Attentats von Sarajevo formulieren.
Dazu arbeiten Sie zunächst aus den Quellen 1-3 heraus, inwiefern der Kriegsausbruch 1914 determiniert war; mithilfe der Materialien 1 und 2 sollen sie überdies aktuelle historische Forschungen in ihre Überlegungen mit einbeziehen.

Arbeitsauftrag

1. Untersuche in Einzelarbeit Q 1-3 daraufhin, inwieweit der 1. Weltkrieg determiniert (=vorherbestimmt) war.
2. Berücksichtigt in einem zweiten Schritt in Partnerarbeit auch M 1 und M 2.
3. Fertigt daraufhin in Gruppen zu viert ein Plakat an, bei dem ihr ein kontrafaktisches Szenarium umreißt.

Individualisierung:

Im Sinne einer Individualisierung können ergänzend Statistiken zu den Rüstungsausgaben der Großmächte 1904-1914 (vgl. Kasten rechts) in die Erarbeitungsphase aufgenommen werden.

3. Auswertung:

Die Auswertung erfolgt (optional gestützt durch Plakate) im Plenum. Die einzelnen Gruppen präsentieren ihre kontrafaktischen Szenarien.

4. Vertiefung:

Im Sinne einer Vertiefung und Problematisierung (Transfer) werden die Lernenden mit dem kontrafaktischen Szenario des Historikers Niall Ferguson (Folie) konfrontiert (auch als pdf-Datei zum Download).
Im Anschluss werden Gemeinsamkeiten und Unterschiede zu den eigenen Ergebnissen diskutiert und die Plausibilität des von Ferguson entworfenen Szenarios geprüft.
Zusätzlich könnte man diese extreme Zuspitzung einer virtuellen Geschichte auch mit den skeptischen Einlassungen von Richard J. Evans kontrastieren (auch als als pdf-Datei zum Download).

5. Hausaufgabe:

Als Hausaufgabe kann ein im Jahr 2014 veröffentlichter Artikel der Bildzeitung dienen. Die Schülerinnen und Schüler werden aufgefordert, das kontrafaktische Szenario herauszuarbeiten, auf seine argumentative Schlüssigkeit zu prüfen und im Sinne einer Handlungs- und Produktionsorientierung einen Leserbrief zu verfassen, in dem sie ihre eigene Meinung darlegen. Als weitere binnendifferenzierende Erarbeitung kann in die Analyse des Zeitungsartikels auch die reißerische und hoch emotionale Sprache einbezogen werden.