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Claus Schenk Graf von Stauffenberg - Soldat fürs Schulbuch

Vom verwöhnten Aristokraten zum Attentäter: Vor 100 Jahren wurde der Widerstandskämpfer Claus Graf von Stauffenberg geboren

VON ULI FRICKER

Mit freundlicher Genehmigung des Südkurier

Zuerst Adelsspross und dichtender Jüngling, dann Offizier, schließlich Hochverräter, nach der Hinrichtung verfemt, endlich bundesrepublikanischer Staatsheiliger. Das ist die erstaunliche Lebenskurve von Claus Schenk Graf von Stauffenberg. Vor 100 Jahren wurde er in Jettingen im bayerischen Schwaben geboren.

Stauffenberg ist und bleibt ein deutscher Streitfall. Im gesamten Widerstand ist er nicht der Einzige, der die Hand gegen Hitler erhob. Andere waren noch radikaler wie Johann Georg Elser, der alleine am Attentat arbeitete und scheiterte. Stauffenbergs Kollege Freiherr von Gersdorff war mutiger, er war bereit zum Selbstmordattentat, was ebenfalls misslang. Dennoch hat sich Stauffenberg fester als alle anderen ins Gedächtnis eingeprägt. Er ist der Widerständler schlechthin - ein Soldat fürs Schulbuch.

Was nach 1945 einsetzte, war nicht nur eine nachträgliche Rehabilitierung des "Verräters"; es ist auch eine postume Erhebung zum Vorbild. Aus einfachen Gründen: Die Bundeswehr brauchte eine Handvoll von Soldaten, die man vorzeigen konnte. Stauffenberg bot dafür ideale Voraussetzungen: Er war ein tadelloser Soldat mit besten Zeugnissen - und er wandte sich von der Sache Hitlers ab, weil er es mit seinem Gewissen nicht länger vereinbaren konnte.

Erstaunlich ist nicht nur die Tat, sondern der Weg dorthin. Widerstand war ihm nicht an der Wiege gesungen, sondern Disziplin und eine gewisse Vornehmheit. Seine Familie zählte zum alten schwäbischen Dienstadel, der Vater diente noch dem König von Württemberg. Als Jugendlicher war der junge Graf ein Schwärmer und Idealist, er träumte von der deutschen Vergangenheit und dichtete. Im Schlepptau seiner Brüder schloss er sich dem Kreis um den Dichter Stefan George an, der ihn fortan prägte. Die Stimmung dort muss schwül gewesen sein. Der Dichter "tauchte alles in einen hellen mythischen Nebel", so schreibt Stauffenbergs Biograf Peter Hoffmann. George wiederum war begeistert, dass sich auch junge Aristokraten seinem mystischen geistigen Reich anschlossen - Führerkult eingeschlossen. Die Stauffenbergs nannten sich selbst "des Staufers und Ottonen blonde erben", die Kleinschreibung war von George übernommen worden. Gemeinsam träumte die Runde von einem "geheimen Deutschland". Sie verstand sich als geistige Elite. Als Vorbild für ein demokratisches Staatswesen jedenfalls wäre der Jünger des leicht versnobten Zirkels nicht in Frage gekommen.

Sofort nach dem Abitur trat der jüngste Stauffenberg in die Wehrmacht ein. Sie versprach Ansehen und Aufstieg, das Offizierskorps verstand der Fähnrich als Auslese der Besten. Gegen Hitler und seine Machenschaften hatte er zunächst nichts einzuwenden: Kein Wort ist von ihm über den Boykott jüdischer Geschäfte oder die Rassengesetze zu hören. Nach dem Krieg gegen Polen (1939) kommentiert er noch ganz als Herrenmensch über die Bevölkerung, die er dort antrifft, er nennt sie einen "unglaublichen Pöbel." Noch ist das Feldlager seine Bühne. In einem kriegführenden Reich sind Krieger wichtiger als Verwalter.

Wann wird aus dem Karrieristen der Mann des Widerstands? Dafür gibt es keinen genauen Zeitpunkt, aber eine Reihe von Ereignissen. Ein Historiker wie Hans Mommsen legt 1942/43 als Zeitraum fest, in dem Claus von Stauffenberg vom Glauben an Hitler und seiner Führungskunst abfiel. Entscheidend waren die Geschehnisse an der Ostfront: Der Generalstäbler hatte früh von der Jagd auf Juden erfahren und diese verurteilt. Auch den Umgang mit der Zivilbevölkerung in Russland oder Polen fand er widerlich.

Dazu kommt die Art der Kriegsführung, die er ablehnte. Hitler kommandierte einen unsinnigen Krieg, der enorme Opferzahlen auf beiden Seiten zeitigte. Dass mit dem Krieg im Kaukasus oder auf Kreta etwa Deutschland verteidigt werde, glaubte er nicht. In ihm wuchs die Gewissheit, dass der Diktator den Untergang der Deutschen herbeiführen würde. So reifte der Gedanke zur Tat. Die Entscheidung muss vor seiner schweren Verwundung in Tunesien gefallen sein; der Verlust eines Auges und der rechten Hand bestärkte ihn darin. Da die Generäle in der Mehrheit nichts vom Militärputsch wissen wollten, fiel das Attentat den Obersten auf die Füße. Von Stauffenberg nahm die Aufgabe an - ohne Rücksicht auf Verluste, ohne Rücksicht auch auf das eigene Leben. Immerhin war der Oberst verheiratet. 1944 hatten er und seine Frau vier Kinder, das fünfte war unterwegs.

Den Deutschen bleibt er ein schwieriger Patron, ein Widerständler, der selbst mit vielen Widersprüchen behaftet war. Vielen jedoch gab er nach 1945 die Gewissheit, dass auch das "bessere" und andere Deutschland nie untergegangen war.


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Aufgaben

  1. Zum obigen Text: "Vom Karrieristen zum Mann des Widerstandes": Untersuche mit Hilfe des Textes, welcher Schritte es zu dieser Wandlung bei Stauffenberg bedurfte.
  2. Zum obigen Text: Als Vorbild für ein demokratisches Staatswesen wäre der junge Stauffenberg nicht in Frage gekommen. Untersuche mit Hilfe des Textes, inwiefern diese Aussage zutrifft.
  3. Zum obigen Text: Erkläre, warum das Stauffenberg-Bild seit den 50er-Jahren einer solch starken Veränderung unterlag.
  4. Aufgabe 4 (zu den Links zum 20. Juli 1944 in der rechten Spalte):
    Gestalte mit Hilfe des ersten Links eine fiktive Zeitungsnachricht zum Attentat vom 20. Juli 1944.
    Schaue dir im Kasten "Bilder" die entsprechenden Bilder an.

Vertiefung/Binnendifferenzierung:

  1. Zu den Links zum 20. Juli 1944 in der rechten Spalte: Fasse mit Hilfe der entsprechenden Links die Widerstandsaktivitäten Ludwig Becks, Henning von Tresckows, Carl Friedrich Goerdelers und des Kreisauer Kreises zusammen. Erläutere, inwiefern der 20. Juli 1944 der Höhepunkt des deutschen Widerstandes war.
  2. Zu den Links zum Widerstandsrecht in der rechten Spalte: Untersuche mit Hilfe der Links zum Widerstandsrecht, ob bzw. unter welchen Umständen Tyrannenmord als legitim bezeichnet wird. Finde Beispiele für historische Fälle gerechtfertigten politischen Widerstands.