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Mysterienreligionen und Christentum


Schon am Ende der römischen Republik, vor allem aber im Kaiserreich und in der Spätantike, entwickelte sich eine neue Religiosität, die sich von der Welt der alten griechisch-römischen Religion weit entfernte. Es entstanden die sog. Mysterienreligionen. Der Name kommt von den jeweils besonderen und zum Teil geheimen Einweihungszeremonien und Kultformen, den Mysterien. Der Gläubige hieß "Myste" (vgl. Bleicken, a.a.O., S. 114).

Mysterienreligionen waren Erlösungsreligionen. Ansätze zum Erlösungsdenken gab es schon bei den Griechen, zum Beispiel beim Demeterkult in Eleusis (Eleusinische Mysterien) und beim Dionysos-Kult. Aber es waren Kulte aus Ägypten, Syrien und Kleinasien, die nun ihren Siegeszug im Römischen Reich antraten. Auch das Christentum gehört als Erlösungsreligion in diesen Zusammenhang, obwohl es keine reine Mysterienreligion ist. Es prägte Europa über Jahrhunderte bis in die Gegenwart. Neben der Philosophie und der Demokratie ist es die dritte wesentliche Hinterlassenschaft der Antike an Europa.

Die alte römische Religion und das Ungenügen an den alten Göttern

Da sich die Römer vor übermenschlichen Mächten fürchteten, brachten sie ihren Göttern Opfergaben, um ihre Unterstützung zu gewinnen (Grundsatz: Ich gebe, damit du gibst. (Lat.: Do, ut des)). Das galt selbstverständlich auch für die vergöttlichten Kaiser.

Jeder einzelne Römer konnte sich aussuchen, ob und bei welchem Gott er sich "versichern" lassen wollte. Es kam auf das Opfer an, das in der richtigen Form dargebracht werden musste. Es ging nicht um gute Taten.

Vor dem Hintergrund der sozialen, militärischen und staatlichen Entwicklungen in der Spätantike entstanden neue religiöse Bedürfnisse, die rein äußerliche alte Religion begann zu verblassen. Die nunmehr aufsteigenden Mysterien- oder Erlösungsreligionen, mit denen das Christentum verwandt war, gewannen immer mehr Einfluss. Sie bildeten das Umfeld des Christentums und prägen es bis heute mit.

Charakteristische Züge der Erlösungsreligionen

Die Erlösungsreligionen bieten gegenüber der traditionellen griechisch-römischen Religion eine Reihe von Neuerungen. Diese umfassen:

  1. Der Mensch sucht und findet eine persönliche Nähe zum jeweiligen Gott angesichts der subjektiv empfundenen persönlichen Unzulänglichkeit. "Um die für das Miterleben notwendige Nähe zu dem Gott zu erreichen, bemühen sich die Gläubigen um eine ekstatische Versenkung in das Göttliche. Sie wird auf die verschiedenste Weise erreicht: durch ein individuelles Sichversenken, durch rauschähnliche Zustände, die mittels Lärm, magischer Rituale gemeinschaftlicher Übungen u. a. herbeigeführt werden, oder durch ein intellektuelles Bemühen um die Erkenntnis des Göttlichen" (Bleicken, a.a.O., S. 116).
  2. "Die Gegenwart des Gottes ist wie beim Kultmahl so auch sonst ein immer wieder begegnender Teil von Zeremonien oder religiösen Erlebnissen" (ebda., S. 116).
  3. Der Mensch sucht und findet Führung durch den Gott, der in das Leben der Menschen eingreift. Der Gott hilft auch durch Wunder, durch die er sich und seine Macht ausweist.
  4. Er ist kein abstrakter Gott, sondern "er nimmt an dem Geschehen teil, ja er kämpft in der Welt [...] und dies [...] in sehr mannigfachen Formen. Er ist, wie etwa Mithras, der kriegerische Kämpfer, der die feindlichen, bösen Mächte besiegt und im Triumph über die Finsternis die Menschen erlöst, oder er leidet wie die Menschen selbst und führt die an ihn Glaubenden gerade durch das Leiden zum ewigen Glück" (ebda., S. 117).
  5. "Der Gott ist immer gegenwärtig, und er erscheint den Menschen nicht nur symbolisch, sondern in seiner gedachten Wirklichkeit" (ebda., S. 116).
  6. "Das ersehnte Ziel der neuen Religiosität ist die Befreiung des Menschen aus der diesseitigen Ausweglosigkeit" (ebda., S. 116f.). In der Vereinigung mit Gott und in der Teilhabe an seinem Sieg über das Böse findet der Gläubige Erlösung.
  7. Die Vereinigung mit dem Gott in Ewigkeit schenkt dem Gläubigen das ewige Leben. Der Glaube an ein individuelles Weiterleben nach dem Tode ist zentral.
  8. Der erlösende Gott ist ein einzelner Gott. Allerdings kennen die Mysterienreligionen keinen Gott, der keine anderen Götter neben sich duldet, sondern die Verehrung des einen ZENTRALEN Gottes ist durchaus mit der Verehrung weiterer Götter vereinbar, die aber neben der zentralen Gottheit zurücktreten oder in ihr aufgehen (sog. Synkretismus). Der Zug zum Monotheismus ist zwar unübersehbar, aber es handelt sich noch nicht um Monotheismus.
  9. Es entsteht im Gegensatz zur alten griechisch-römischen Religion eine Ethik. Diese "erfährt also durch die Religion eine Wiederbelebung, ja der jeweilige Gott wird sogar der eigentliche Bezugspunkt ethischer Normen. [...] Es war [...] nicht nur eine Forderung der Religion, sondern geradezu eine Sehnsucht der Menschen, durch die Erfüllung von Geboten, die im Rahmen der durch Gott garantierten Erlösung standen, ihre Zukunft gestalten und zu sich selbst finden zu können" (ebda., S. 119).
  10. "Die Vereinigung mit dem Erlösergott und die Wiedergeburt aus ihm erfordert jedoch ein Wissen von Gott" (ebda., S. 118). Der Myste muss sich dieses Wissen erwerben. Dabei wird "seine ganze Persönlichkeit mit all ihren Wertvorstellungen von dem neuen Glauben beansprucht" (ebda., S. 119).
  11. "Die Lehrenden haben als die Wissenden, die den neu Eintretenden einführen, sehr großen Einfluss. Mit ihnen verbindet sich oft ein größeres Maß von Heiligkeit, weil sie als diejenigen, die mit dem Gott schon potentiell vereinigt sind, eine größere Nähe zu ihm haben. [...] Es gibt Erlösungsreligionen, in denen der Aufstieg zur Erkenntnis weitgehend in einer Stufenleiter formalisiert ist; es sind in ihnen verschiedene Ränge zu durchlaufen, in denen erst der höchste Rang das vollständige Wissen und damit die Schau Gottes gewährleistet" (ebda. S.120).
  12. Zu den Mysterienreligionen gehören religiöse Gemeinschaften auf der Basis persönlicher Zusammenkünfte. Die religiöse Gemeinschaft steht im Mittelpunkt des Denkens und Fühlens der Mitglieder.
  13. Beim Eintritt in die Gemeinschaft gibt es eine Eintrittszeremonie: "Durch den Vollzug bestimmter Handlungen, die eines magischen Charakters nicht entbehren und alle in irgendeiner Weise die Reinigung des Eintretenden (mittels Feuer, Wasser, Luft, Blutopfer oder Fruchtbarkeitssymbolik) symbolisieren wollen, wird das neue Mitglied Teil der Gemeinschaft" (ebda., S. 121).
  14. Geschichte wird als Heilsgeschichte begriffen.

Bedeutende Mysterienreligionen

Bedeutende Mysterienreligionen waren der Mithras-Kult, der Kult des Jupiter Dolichenus aus Doliche in Nordsyrien (eigentlich ein Baal), der Kult von Attis und Kybele aus Kleinasien sowie der ägyptische Kult von Isis und Osiris.

Der Mithraskult, der älter ist als das Christentum, soll hier als Beispiel kurz näher vorgestellt werden.

Mithras kam aus Persien und verbreitete im Anschluss an die iranische Religion des Zoroaster (Zarathustra) die Vorstellung eines Kampfes zwischen Gut und Böse.

"Mithras ist nach der Heilsgeschichte an einem 25. Dezember aus dem Fels geboren und gleich nach der Geburt von zufällig anwesenden Hirten auf dem Feld mit ehrenden Geschenken bedacht worden. Herangewachsen, verfolgt und tötet er den heiligen Stier, aus dessen Blut, Fleisch und Sperma die Pflanzen und Tiere der Welt entstehen; diese Weltschöpfung wird vergebens durch die Mächte des Dunkels, symbolisiert durch Schlange und Skorpion, die Verbündeten des Gottes der Finsternis - letzterer heißt Ahriman, bisweilen wird er auch als Satan bezeichnet -, bekämpft. Nach der Weltschöpfung geht der Kampf zwischen Licht und Dunkel weiter; er wird auch in der diesseitigen Welt geführt, und Mithras unterstützt nach seiner Entrückung in den Himmel, von wo er den Kampf überwacht, seine Anhänger in ihrem Streit für Wahrheit, Reinheit und Gerechtigkeit. Die Gläubigen steigen nach ihrem Tod zu Mithras auf und leben selig in seinem Lichtreich. Der Kult kennt auch ein Ende aller Zeiten mit einem Weltgericht, in dem Mithras endgültig über Ahriman triumphieren wird" (ebda., S. 123).

Vor allem Soldaten verbreiteten den Kult über das ganze Römische Reich. Frauen waren ausgeschlossen.

Wie sehr Isis zum Vorbild Mariens wurde, soll der folgende Bildvergleich andeuten. Wie Maria gebar Isis als Jungfrau und unterwegs; wie Jesu Mutter war sie Himmelskönigin und Schmerzensmutter.

Isis stillt den Horus- Knaben; Ersatzlink: Isis stillt den Horus- Knaben

Maria lactans (lat.: lactans - Milch gebend)


Aufgaben

  1. Zeige, inwiefern der Mithras-Kult eine typische Mysterien-Religion ist.
  2. Vergleiche die Übereinstimmungen zwischen Christentum und Mithras-Kult.
  3. Beurteile, wie stark der religiöse Einfluss der Spätantike bis heute noch spürbar ist.

Vertiefung/Binnendifferenzierung:

Untersuche auf ähnliche Weise die unter "Links Mysterienreligionen" (rechte Seite) dargestellten Kulte von Isis und Osiris, Kybele und Attis und/oder Iupiter Dolichenus.


Der Text orientiert sich an: Jochen Bleicken, Verfassungs- und Sozialgeschichte des Römischen Kaiserreiches, Band 2, Paderborn, 1978