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Warum man die "Völkerwanderung" in Anführungszeichen setzen sollte

Die „Völkerwanderung“ war einst fester Bestandteil des kulturellen Gedächtnisses – sie markierte das Ende der Antike, ihr Ende läutete spätestens das Mittelalter ein und zugleich die Totenglocken des (West-)Römischen Reiches. „Die Vorstellung endloser Wagentrecks aus hünenhaften Kämpfern und ihren Familien, die sich aus dem Innern Germaniens oder von noch entlegeneren Orten aus in Richtung des Römischen Reiches aufmachten und nach einer langen Phase des Ringens und Kämpfens auf dessen Boden ihre eigenen Reiche errichteten,“ wie der Althistoriker Mischa Meier schreibt, habe nach der Vorstellung vieler „die Grundlagen der modernen Staatenwelt … gelegt“ oder Chlodwig, Alarich oder Theoderich seien „Gründungsväter“ der modernen französischen bzw. deutschen Nation (S. 5). Das Monströse dieser Wanderung wurde im Unterricht meistens mit Landkarten vermittelt, bei deren diachronischer Reihung sich das (West-)Römische Reich langsam auflöste. Wie von Geisterhand wurden in diesem Prozess ganze Völker verpflanzt, manchmal auch mehrfach. Aus heutiger Sicht mutet diese Vorstellung eher abstrus an und so ist es kein Wunder, dass die Fachwissenschaft schon seit einiger Zeit größte Vorsicht bei dem Begriff walten lässt und es spricht unbedingt für den neuen Bildungsplan, dass er auf den Begriff „Völkerwanderung“ ganz verzichtet. In Schulbüchern, auch der neuesten Generation, taucht er immer noch auf bis hin zum Glossar.

Urheber: Sansculotte via Wikimedia Commons (https://upload.wikimedia.org/wikipedia/commons/0/00/Karte_v%C3%B6lkerwanderung.jpg)

Eine Karte der Völkerwanderung, wie sie in vielen Schulbüchern nach wie vor auftaucht
(Urheber: Sansculotte via Wikimedia Commons)

 

 

In diesem Modul wird der Versuch unternommen, den Begriff zu dekonstruieren, indem er mit einer viel komplexeren historischen Realität kontrastiert wird. Der Althistoriker Mischa Meier bricht in einem Aufsatz in der didaktischen Fachzeitschrift „geschichte für heute“ (gfh), aus dem in diesem Modul ausführlich zitiert wird, die einfache Opposition Germanen vs. Rom auf. Allein schon der Vergleich mit den korrespondierenden Begriffen anderer Sprachen „migration period“ oder „invasions barbares“ zeigt die unterschiedlichen Konnotationen, die aus unterschiedlichen Perspektiven erwachsen: Wo „Völkerwanderung“ die Initiative und den Gestaltungswillen bei den Germanen sieht, vermittelt der französische Begriff eher den Eindruck der passiv erlittenen Katastrophe. Ebenso muss das moderne Konzept von „Volk“ für die Spätantike oder das Frühmittelalter grundsätzlich bezweifelt werden. Was die Quellen als genus oder natio bezeichnen, hat nichts mit unserer heutigen Vorstellung zu tun, die aus dem 19. Jahrhundert rührt und inzwischen als Konstruktion entlarvt wurde. Tatsächlich muss die Transformation der römischen Welt viel grundsätzlicher und über einen weitaus größeren Zeitraum betrachtet werden, als es die Chiffre der „Völkerwanderung“ unterstellt. Zweifellos haben Germanen nicht den „Untergang des Römischen Reiches“ herbeigeführt; stattdessen wären die Kontinuitäten zwischen Spätantike und Frühmittelalter eher zu betonen als die Brüche, die die Epochenordnung unterstellt.

Das Modul geht in mehreren Schritten vor: Zunächst werden die den Begriffen „Völkerwanderung“, „invasions barbares“ und „migration period“ inhärenten unterschiedlichen Perspektiven thematisiert, woraufhin die Schüler den eigentlichen Vorgang untersuchen, indem sie zunächst populärwissenschaftliche und fachwissenschaftliche Ansichten zum Prozess der sog. „Völkerwanderung“ gegenüberstellen. Der vertiefende Blick auf die Forschungsgeschichte kann im Anschluss erklären, warum es zu der lange Zeit gängigen Interpretation der „Völkerwanderung“ als markantem Bruch zwischen Antike und Mittelalter kam. Wie Vieles ist dies auf Entwicklungen im 19. Jahrhundert zurückzuführen, die oft heute noch unterschwellig virulent sind. Am Beispiel der Westgoten und Ostgoten können Schülerinnen und Schüler schließlich arbeitsteilig oder arbeitsgleich herausfinden, an welchen Stellen die alten Konzepte brüchig sind und so selbst zu einer differenzierten Vorstellung der Ereignisse im 5. Jahrhundert kommen, um von hier aus nochmals den Begriff der „Völkerwanderung“ zu hinterfragen und womöglich als unpassend zu beurteilen.

Denkbar wäre von hier aus, auch aktuelle Verwendungen des Begriffes „Völkerwanderung“ für Migrationsphänomene der letzten Jahre zu diskutieren. Wenn ein Begriff als solcher schon nicht stimmig ist, wird es natürlich umso schwieriger, auf seiner Basis einen historischen Vergleich anzustellen oder wie es Mischa Meier formuliert: „Die aktuelle Suche nach vordergründigen Parallelen und Analogien, die bereits mit der Verwendung des Terminus ‚Völkerwanderung' für gegenwärtiges Geschehen beginnt, droht hingegen Geschichte zu einem beliebig passenden Generalschlüssel zu degradieren, um politischen oder moralischen Imperativen einen diese scheinbar begründenden Anstrich zu verleihen.“ (S. 31)


Unterrichtsdesign

1. Einstieg: „Völkerwanderung“, „migration period“, „invasions barbares“ – drei Begriffe für ein Phänomen

2. Entwicklung der Leitfrage: Was bedeutet es, wenn „Völker wandern“?
Hypothesenbildung

3. Erarbeitung 1: Die „Völkerwanderung“ – eine Erfindung des 19. Jahrhunderts?
Erläutere, inwiefern der Begriff „Völkerwanderung“ ein Produkt des 19. Jahrhunderts ist und weshalb er zu überdenken ist.

4. Erarbeitung 2: Gab es überhaupt „Völker“ im Frühmittelalter?
Erkläre, warum dem Begriff „Völkerwanderung“ ein Missverständnis zugrundliegt.

5. Erarbeitung 3: Der Blick der heutigen Forschung auf die Transformation des Römischen Reiches

Entwickle eine ausreichend differenzierte Argumentation zur Beschreibung des historischen Phänomens der Transformation im 5. Jh.

Beispiel 1: Die Goten im 4. Jh. – militärisch schlagkräftige Flüchtlinge
Beispiel 2: Mobile Kriegergruppen als Gewaltgemeinschaften
Beispiel 3: Die „Westgoten“: mobile Armee mit wachsender ziviler Begleitung

6. Urteilsbildung: Wie ist der Begriff „Völkerwanderung“ für die Transformation im 5. Jh.heute zu beurteilen?
Aspekte der Beurteilung

  • Mobilität als allgegenwärtiges Phänomen in der römischen Geschichte
  • „Völkerwanderung“ als besonders massive und intensive Phase der Mobilität
  • römischer Charakter der sog. „barbarischen“ Akteure
  • Kooperation der römischen Eliten mit Neuankömmlingen
  • „Völkerwanderung“ als ein von Römern ausgelöstes Phänomen?

7. Aktualisierung: „Völkerwanderung“ im 21. Jahrhundert?

  • Wer „wandert“ heute? Warum?
  • Ist der Begriff angebracht? Ist der Vergleich zulässig? Wer zieht solche historischen Vergleiche? Welche Ziele verfolgt er damit?
  • Welche Fragen müsste man angesichts von Migration eher stellen?

 


Die Texte dieses Moduls sind entnommen: Mischa Meier, Menschen in Bewegung – Die ‚Völkerwanderung‘, in: geschichte für heute (gfh) 2/2017, S. 5-31 – von dort stammen auch die didaktischen Ideen, die diesem Modul zugrunde liegen.