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Götz Aly: Die Euthanasie als "Testfeld" für die Shoah

In der Behandlung des von den Nationalsozialisten verübten Unrechts werden in den Schulen seit vielen Jahren die verschiedensten Aspekte untersucht: die Ausgrenzung von Sinti und Roma, die Tötung von Behinderten, viele Blickwinkel auf die Shoah bis hin zum Umgang mit der Schuld nach 1945. Weniger häufig werden Querverbindungen zwischen diesen einzelnen, an sich schon kaum fasslichen Verbrechen dargestellt – wenn, dann meist mithilfe der ideologischen Grundlagen der NS-Rassenlehre. Einen weiteren Zugang ermöglicht der hier vorgestellte Text von Götz Aly: Das Testfeld. Aly argumentiert mit der Praxis der Vernichtung und stellt einen Zusammenhang zwischen den nationalsozialistischen Morden an den Behinderten und der zeitlich nachgeordneten Shoah her.

Mit grauen Bussen wurden die Opfer nach Grafeneck deportiert
Mit grauen Bussen wurden die Opfer nach Grafeneck deportiert.
(Aufnahme 1940 Diakonie Stetten)
Foto: © Archiv Gedenkstätte Grafeneck

Didaktisch kann der neue Text dazu dienen, eine Verbindung zwischen zwei sonst unverbundenen Elementen der nationalsozialistischen Geschichte herstellen. Der hier präsentierte Text kann also eingesetzt werden als Brücke zwischen der Behandlung von NS-Euthanasie und Holocaust. Nicht nur wurden etwa in Grafeneck auf der Schwäbischen Alb die ersten Opfer der Nationalsozialisten vergast, sondern es gab auch breite personelle Kontinuitäten, was das Personal in den Euthanasie-Tötungsanstalten Grafeneck, Hadamar oder Pirna angeht, und den späteren Vernichtungslagern im Osten. Die wichtigste Verbindung zwischen den Morden an Behinderten und der Vernichtung der jüdischen Minderheit in Europa erscheint nach Alys Darstellung aber die deutsche Bevölkerung zu sein: Mit den Morden an Behinderten wurde getestet, inwieweit die Deutschen bereit waren, die systematische staatliche Ermordung von Menschen aus ihrer nächsten Umgebung auf der Grundlage einer rassistisch-utilitaristischen Begründung hinzunehmen. Dadurch dass selbst ca. 90% der Familienmitglieder nicht gegen die Deportation der in Heimen befindlichen Behinderten einschritten, hatte man eine Blaupause für den Umgang mit der seit Jahren gezielt propagandistisch angefeindeten jüdischen Minderheit.

KZ Auschwitz, Einfahrt
KZ Auschwitz, Einfahrt
Auschwitz, Polen 1945. Eingang nach der Befreiung, im Vordergrund von den Wachmannschaften zurückgelassene Ausrüstungsgegenstände.
Foto: Bundesarchiv, B 285 Bild-04413 / Stanislaw Mucha / CC-BY-SA
Quelle

Der Text "Im Bannkreis des Bösen" von Götz Aly und als pdf-Datei zum Download. eignet sich zum Übergang zwischen zwei Einzelstunden zur nationalsozialistischen Geschichte in der Sekundarstufe I wie in der Sekundarstufe II und eröffnet die Möglichkeit der Problematisierung, indem Querverbindungen zwischen sonst unabhängig dargestellten Teilthemen hergestellt werden und sich dadurch eine gewisse „Ganzheitlichkeit“ des nationalsozialistischen Unrechts offenbart.


Der Text wird mit freundlicher Genehmigung des S. Fischer Verlags abgedruckt und stammt aus dem Buch: Götz Aly, Die Belasteten, Frankfurt/Main 2013: S. Fischer, S. 287-289.