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Die Veränderung der politischen Kommunikation in der Weimarer Republik durch den technischen Fortschritt

Die aktuelle Debatte über das Verhältnis von Medien, vor allem der neuen Medien, und Politik, etwa um personalisierte Wahlwerbung (Präsidentschaftswahlkampf in den USA), die Debatte um Datendiebstahl (Facebook, Cambridge Analytics), Fake News u.a., zeigt den aktuellen Bezug der Frage nach der Rolle der damals neuen (Massen-)Medien in der politischen Kommunikation der Weimarer Republik. Politische Kommunikation, verstanden als die zentralen Mechanismen bei der Herstellung, Durchsetzung und Begründung politischen Handelns, wird in diesem Modul vor allem in ihrer normativen und institutionellen Perspektive betrachtet. Darüber hinaus soll in diesem Modul auch verdeutlicht werden, dass Radio und Mikrophon nur ein Teil jener Faktoren sind, die für die Veränderung der politischen Kommunikation in der Weimarer Republik und langfristig auch der politischen Kultur im 20. Jahrhundert verantwortlich waren.  Der Schwerpunkt dieses Moduls konzentriert sich auf die in der Weimarer Republik neuen technischen Errungenschaften Rundfunk und die Konfiguration Mikrophon-Lautsprecher-Verstärker und deren politische Bedeutung für die Zeit.

August 1929: Die Eröffnung der VI. großen deutschen Funkausstellung am Kaiserdamm in Berlin!

Die plastische Darstellung eines Rundfunksenders, dessen Wellen sich sprialenförmig über die ganze Welt verbreiten, auf der Ausstellung.

Am Beginn wird ein kurzes authentisches Tondokument der Weimarer Republik präsentiert: der Sendebeginn des Rundfunks in Deutschland 1923. Nach einer kurzen Überleitung hören die Schülerinnen und Schüler ein zweites Audiodokument: die Rundfunkansprache Hans Bredows 1924. Er war Vorsitzender der Reichs-Rundfunk-Gesellschaft (RRG) und gilt als einer der Begründer des deutschen Rundfunks. Mit Hilfe des Audiodokuments lernen die Schülerinnen und Schüler die idealistischen und vor allem auf Bildung abzielenden Erwartungen kennen, die die Radiomacher der Weimarer Zeit an den Rundfunk hatten. 

Die zweite Erarbeitung zielt auf die Bedeutung und (tatsächliche) Nutzung der technischen Errungenschaften sowie auf die Grundbedingungen der Institution Radio in der Weimarer Republik. Hierzu lesen die Schülerinnen und Schüler einen Infotext, der sowohl den Rundfunk als auch die technische Konfiguration Mikrophon-Lautsprecher-Verstärker thematisiert und den Umgang der Nationalsozialisten mit beiden Techniken in den 1920er Jahren vertieft. An dieser Stelle soll klar werden, dass die Weimarer Regierungen - im Gegensatz zu den Nationalsozialisten - das Radio und die neue Technik nicht zur Verbreitung und Kommunikation ihrer politischen Ziele und Ansichten nutzten, sondern ganz auf der Linie Bredows den Unterhaltungs- und Bildungsauftrag verfolgten, ja sogar das Radio bewusst unpolitisch gestalteten. 

September 1930: Massendemonstration der nationalsozialistischen deutschen Arbeiterpartei im Sportpalast in Berlin

Blick in den überfüllten Sportpalast während der nationalsozialistischen Wahlversammlung

In der anschließenden Reflexion setzen sich die SuS mit einer kritischen Historikermeinung zur Bedeutung der Medien in der Weimarer Republik auseinander. Dies erfolgt in Partnerarbeit, da sich an dieser Stelle eine kooperative Lernform anbietet. Abschließend sollen sich die Schülerinnen und Schüler Gedanken machen, welche technischen Errungenschaften und/oder Medien in den letzten Jahren die politische Kommunikation in Deutschland verändert haben.


1. Einstieg: Sendestart des deutschen Rundfunks (Audio)

Transkribierter Text des Beginns des Rundfunks 1923, Berlin Vox Haus:

„Achtung, Achtung! Hier ist die Sendestelle Berlin, im Vox Haus. Auf Welle 400 Meter. Meine Damen und Herren, wir machen Ihnen davon Mitteilung, dass am heutigen Tage der Unterhaltungsrundfunkdienst mit Verbreitung von Musikvorführungen auf drahtlos-telefonischem Wege beginnt. Die Benutzung ist genehmigungspflichtig. Als erste Nummer bringen wir: Cellosolo mit Klavierbegleitung, Andantino von Kreisler, gespielt von Herrn Kapellmeister Otto Urak, am Flügel Herr Fritz Goldschmidt.“

 Fasse kurz zusammen, was man aus dem Audiodokument erfährt. (Sendebeginn, Sendeort, Gebühren, Unterhaltung, Musik, drahtlos)

2. Überleitung: Technischer Fortschritt und politische Kommunikation in der Weimarer Republik

  • Rolle von Rundfunk und Lautsprecher; Erwartungen an das neue Medium und Nutzung in den 20er-Jahren
  • Leitfrage: Wie wurden die technischen Möglichkeiten des Rundfunks in der Weimarer Republik genutzt?

3. Arbeitsphase I: Hans Bredow: Weihnachstansprache 1924 (Audio) 

Kreuze auf AB 1 an, welche Erwartungen er an das neue Medium hat.

Transkribierter Text von Hans Bredow

Sicherung: Lösungsblatt für AB 1

4. Arbeitsphase II: Technischer Fortschritt und politische Kommunikation in der Weimarer Republik 

  1. Beschreibe in Stichpunkten die Veränderung der politischen Kommunikation durch den technischen Fortschritt in den 1920er und Anfang der 1930er-Jahren (Mikrophon-Rundfunk). (*)
  2. Vergleiche in Stichpunkten das Verhältnis der Regierungen der Weimarer Republik und der Nationalsozialisten in den 1920er-Jahren zum neuen Medium Radio. (**)

Sicherung: Lösungsblatt für AB 1

5. Reflexion: Die Bedeutung des Radios in der Weimarer Republik

Der Medienhistoriker Konrad Dussel schreibt 2009 in seinem Artikel über die Bedeutung des Hörfunks in der Weimarer Republik, explizit in Bezug auf den Erfolg der Nationalsozialisten bei den Wahlen zwischen 1928 und 1933:

„Zwei Kardinalfehler der Medienüberschätzung gilt es zu vermeiden - heute wie in der Zukunft. Zum einen: Die Medien sind wichtige, aber nicht die alleinigen Triebkräfte der Geschichte. Und zum anderen: Medien sind immer mehrere. Sie bilden ein Orchester, das nicht auf ein einzelnes Instrument zu reduzieren ist. […] Dabei sind nicht nur ihre Möglichkeiten, sondern auch ihre Grenzen zu sehen. Das Radio war damals sicherlich nicht das wichtigste Instrument im Medien-Orchester.“

(Dussel, Konrad: Radiowahlkampf. Oder: Welche Bedeutung besaß der Hörfunk in der Weimarer Republik? In: Becht, Hans-Peter/ Kretschmann, Carsten/ Pyta, Wolfram (Hrsg.): Politik, Kommunikation und Kultur in der Weimarer Republik. Heidelberg 2009, S. 127.)

Diskutiert diese Aussage zu zweit und formuliert anschließend ein Fazit.

6. Aktualisierung: Die Bedeutung von Medien heute

Welche technischen Errungenschaften oder Medien haben die politische Kommunikation in Deutschland in den letzten Jahren verändert? Erläutere ihre Vor- und Nachteile.

[Vorteile: Vernetzung der Welt, erleichterte Kommunikation, erleichterter Zugriff auf Informationen, auch für die politische Bildung, Transparenz; Nachteile: Datenmissbrauch (s. Cambridge Analytics), zu viel Transparenz?, Oberflächlichkeit?]

7. Differenzierung: Impulse zur Diskussion

  • "Die Möglichkeit, Massen von hunderttausenden von Menschen gleichzeitig durch die Sprache zu beeinflussen, ist von einer Bedeutung, die jeder sofort in ihrem vollen Ausmaß sich klarmachen kann, wenn er einmal den Gedanken ausspinnt, wie anders so manche geschichtliche Entwicklung verlaufen wäre, wenn dieses Mittel etwa der Menschheit seit dem klassischen Altertum zur Verfügung gestanden hätte." (H. Gerdien: Über klanggetreue Schallwiedergabe mittels Lautsprecher, in: Telefunken-Zeitung, 8. Jg., Nr. 43, 1926, S. 28-38. )
  • Am 22. August 1930, anlässlich der Eröffnung der 7. Deutschen Funkausstellung und Phonoschau in Berlin, hielt Albert Einstein eine Rede auf dem Ausstellungsgelände am Funkturm in Berlin-Charlottenburg„Denket auch daran, dass die Techniker es sind, die erst wahre Demokratie möglich machen. Denn sie erleichtern nicht nur des Menschen Tagewerk, sondern machen auch durch die Werke der feinsten Denker und Künstler, deren Genuss noch vor kurzem ein Privileg bevorzugter Klassen war, der Gesamtheit zugänglich und erwecken so die Völker aus schläfriger Stumpfheit. Was speziell den Rundfunk anbelangt, so hat er eine einzigartige Funktion zu erfüllen im Sinne der Völkerversöhnung. Bis auf unsere Tage lernten die Völker einander fast ausschließlich durch den verzerrenden Spiegel der eigenen Tagespresse kennen. Der Rundfunk zeigt sie einander in lebendigster Form und in der Hauptsache von der liebenswürdigen Seite. Er wird so dazu beitragen, das Gefühl gegenseitiger Fremdheit auszutilgen, das so leicht in Misstrauen und Feindseligkeit umschlägt.“

  • Hans Bredow, Mai 1924, anlässlich der Eröffnung des ersten Hamburger Rundfunksenders: „Man ging zum Konzert, zu Vorträgen, in das Theater, man lief zu Anschlagsäulen, Zeitungsstellen, Auskunftsbüros, wenn es sich um wichtige, spannende Nachrichten drehte, man opferte Ruhe, Gesundheit und Zeit auf beschwerlichen Wegen zum geistigen Wohl - und jetzt kommt die Kunst und das Wissen ins Haus! Die jagende Unrast der Großstadt entweicht, das Haus wird zum Heim, auch für Kunstgenuß und Belehrung.“

  • Carl Severing (SPD, 1928-1930 Reichsinnenminister) zur Rundfunkzensur: „Wäre Toleranz unsere größte Stärke im deutschen Volke, dann brauchte es keine Zensur geben. Wir müssen allmählich aber erst die deutschen Rundfunkteilnehmer zur Toleranz, zur Duldsamkeit anderer Anschauungen gegenüber erziehen. Und solange diese Erziehungsarbeit nicht abgeschlossen ist, ist die Einrichtung der Überwachungsausschüsse im Rundfunk unentbehrlich.“

  • Der Zeitzeuge Hans Strese berichtet über die Ausrufung der Weimarer Republik durch Philipp Scheidemann und weist darauf hin, dass es damals noch gar keine Lautsprecher gegeben hat (das Video und die Tonaufnahme vermitteln einen anderen Eindruck. Auffällig ist jedoch im Video, dass es tatsächlich keinen Lautsprecher gibt, die Stimme aber eindeutig verstärkt wurde). Die Tonaufnahme wurde erst Jahre später (1928) nochmals aufgenommen.


Weiterführende Literatur:

Wie Historizität von Medien in die Quellenanalyse einbinden?

Aufsätze, Exzerpte, Zitate zur Geschichte des Lautsprechers und der elektroakustischen Massenbeschallungen

Cebulla, Florian: Der Rundfunk in der Weimarer Republik: "Kulturfaktor" und Politikum. In: Weber, Klaus-Dieter (Hrsg.): Verwaltete Kultur oder künstlerische Freiheit? Momentaufnahmen aus der Weimarer Republik 1918 - 1933. Kassel 2002, S. 307–324.

Dussel, Konrad: Radiowahlkampf. Oder: Welche Bedeutung besaß der Hörfunk in der Weimarer Republik? In: Becht, Hans-Peter/ Kretschmann, Carsten/ Pyta, Wolfram (Hrsg.): Politik, Kommunikation und Kultur in der Weimarer Republik. Heidelberg 2009, S. 127-141.

Epping-Jäger, Cornelia: Laut/Sprecher Hitler. Über ein Dispositiv der Massenkommunikation in der Zeit des Nationalsozialismus. In: Kopperschmidt, Josef (Hrsg.): Hitler als Redner. München 2003, S. 143-157.

Marek, Michael: Das Radio spricht. Das Radio swingt (1918-1933). Die Geschichte des Rundfunks in Deutschland. 2004. (CD Hörspiel)

Tonnenmacher, Jan: Kommunikationspolitik in Deutschland. Stuttgart 22003.