Das KZ vor der Haustür - KZ Spaichingen, ein Außenlager von Natzweiler-Struthof

Hintergrund

Bedeutung


Die Geschichte des ehemaligen Konzentrationslager Spaichingen erstreckt sich nur über einen kurzen Zeitraum von Ende 1944 bis April 1945. Doch deswegen ist die Geschichte nicht unbedeutender, sind die Opfer nicht unwichtiger als an bekannteren Orten.

Das Lager in Spaichingen ist als Außenlager von Natzweiler-Struthof in einer Zeit entstanden, in der das Hauptlager bereits evakuiert war und nur noch die Verwaltung existierte. Die Spaichinger Häftlinge kamen also nicht über das Stammlager an ihren Bestimmungsort.

Spaichingen ist ein Beispiel, das die Besonderheiten des KL Natzweiler abbildet. Die Lager des Natzweiler-Komplexes waren in die totale Kriegswirtschaft eingebunden. Gerade Spaichingen ist ein gutes Beispiel dafür, dass an einem Wirtschaftsstandort gezielt Häftlinge angefordert wurden und für diese dann ein Lager errichtet wurde. Die Mauserwerke aus Oberndorf  verlegten einen Teil ihrer Produktion unter dem Tarnnamen „Metallwerke Spaichingen“ in die Kleinstadt. Ein Großteil der Häftlinge musste täglich an der Errichtung einer Produktionshalle arbeiten, in der  V2-Bordwaffen produziert werden sollten, zu deren Produktion es jedoch nie kam.

Ehemalige Häftlinge des Lagers in Spaichingen berichteten über die äußerst unmenschlichen Lebens- und Arbeitsbedingungen, es kam sogar der Vergleich auf, in Spaichingen ginge es grausamer zu als in Auschwitz. Damit lässt sich zeigen, dass das Grauen eben nicht nur weit weg stattfand, sondern auch vor der Haustür. Gerade am lokalen Beispiel wird das Geschehen fassbarer, unmittelbarer und zeigt, dass das nationalsozialistische Terrorregime bis in die Provinz reichte.

Die Quellenlage bietet Einblicke aus der Perspektive der Inhaftierten und Zeitzeugenberichte der Spaichinger Bevölkerung. Beide Seiten machen die menschenverachtenden Umstände deutlich. Einzelne Versuche, die Situation der Häftlinge etwas zu lindern, sind belegt, gleichzeitig wird auch die Bedrohung durch den Staatsapparat deutlich. Dem Bürger, der Lebensmittelpäckchen an den täglichen Arbeitsweg der Häftlinge legte, wurde gedroht, dass er selbst in Sträflingskleidung gesteckt werde, sollte er nochmals einen Hilfsversuch unternehmen.

 B 16 Brief des Spaichinger Bürgermeisters an Herrn Renk, A1201 Stadtarchiv Spaichingen


Mitglieder der SS-Wachmannschaft gingen ganz unterschiedlich mit den Häftlingen um, die individuellen Handlungsmöglichkeiten der Täter werden auch am  Beispiel Spaichingen deutlich. Ein Bericht aus dem Jahr 1946, angefertigt vom ehemaligen Ratsschreiber Karl Knapp im Auftrag der französischen Besatzer, macht dies deutlich. Knapp befragte im Auftrag von Kapitän Tresnel Spaichinger Bürger zu den Verhältnissen im Spaichinger Lager. Immer wieder wird ausgesagt, dass sich ein gewisser SS-Wachmann Seidel für Häftlinge einsetzte, sogar Lebensmittel sammelte, um sie den Häftlingen auf den Todesmarsch mitzugeben. Ebenso wird die besondere Brutalität des Kapos Bürtel hervorgehoben. Auch der zweite Lagerkommandant Schnabel war für seine äußerste Brutalität bekannt. Verschiedene Ebenen der Schuld können am Exempel Spaichingen bedacht bzw. diskutiert werden.

Interessant ist die Aufarbeitung der KZ-Geschichte in Spaichingen. Hier ist die Stadt ein Beispiel von vielen: zunächst empfand man das erste Mahnmal als Bestrafung, da es von der französischen Besatzungsmacht „verordnet“ wurde. Erst in den 60er Jahren wird Stück für Stück erkannt, dass man diese Geschichte nicht verdrängen kann. Bürgern aus Spaichingen war es in den Folgejahren wichtig das Geschehen aufzuarbeiten, daran zu erinnern. Dieser Prozess ist 2018 noch lange nicht abgeschlossen, gerade deshalb bietet sich Spaichingen als Beispiel an, Wege der Erinnerung und Aufarbeitung zu diskutieren.  

 


 - Arbeitskreis Landeskunde/Landesgeschichte RP Freiburg-


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