6. Jh. v. Chr. Entwicklung des Standbildes Kouros

Kouros von Delphi, Kouros von New York, Kouros von Tenea, Kouros von Anavysos

Kouros - Entwicklung des Standbildes

Der stehende unbekleidete Jüngling ist das Lieblingsthema der attischen Plastik.

Am Ende des 7. Jahrhunderts v. Chr. entstand in Athen das knapp überlebensgroße Standbild eines Jünglings (Kouros von New York). Heute befindet sich diese Skulptur in New York; Metropolitan Museum. Die Figur war wahrscheinlich für ein Grab bestimmt. Viele vergleichbare Statuen standen ursprünglich auf Gräbern und sollten nach den Vorstellungen der Griechen jene darstellen, die in diesem Grab beigesetzt waren.  Ähnliche Standbilder wurden auch in Heiligtümern aufgestellt.

Kouros von Delphi Kleobis Kouros von New York Kouros von Tenea Kouros von Anavyssos

 

Der Jüngling (Kouros von New York) ist schlanker proportioniert als der Jüngling von Delphi (Kleobis). Er ist in dem Körperbau, den Gliedmaßen, dem Rumpf und dem Kopf feingliedriger gestaltet. Das derbe und gedrungene, was den Jüngling von Delphi auszeichnet, fehlt dem Kouros von New York. Er wirkt stärker durchgeistigt und „abstrakter“ gegliedert. Die Figur wirkt geordnet und gerüstartig aufgebaut. Es werden Kniescheiben, begrenzende Muskelansätze, Leistenlinie, scharfe Kanten des Rippenrandes, Brustmuskeln und die Horizontalen der Schlüsselbeine scharf umrissen. Die Haare werden mit einem Band zusammengehalten und fallen auf dem Rücken herab. Sie sind sehr sorgfältig ausgearbeitet.  Der Kouros ist vollkommen nackt. Nur ein schmales Relief ziert den Hals. Im Gesicht fallen die großen Augen, die flachen Brauenbögen und die schmale Nase auf. Somit wirkt das Gesicht schmaler und langerstreckter als das Gesicht des Jünglings von Delphi und erscheint dadurch weniger gespannt. 

Die Figur besticht durch eine große gestalterische Dichte, die die einzelnen Körperformen zusammenfasst. Somit kann die Figur auf das späte 7. Jahrhundert v. Chr. datiert werden. Zu Beginn des 6. Jahrhunderts runden sich die Körperformen ab und füllen sich drängender mit organischer Substanz.

Diese Entwicklungsstufe erkennt man am Standbild Jüngling von Tenea. Die derbe robuste Darstellung, verglichen mit der attischen Figur, weist auf dorische Bildhauer hin. Die Formen sind runder ausgearbeitet. Beispielsweise die Schenkel, die Rundungen des Unterleibs und die vordrängenden Wangen weisen dieses Stilmerkmal auf. Es entspricht dem damaligen Zeitgeist. An der gedrungenen Proportionierung erkennt man das dorische Körperideal.

Die Einzelformen werden jetzt vielteiliger und an den Schenkeln werden die Muskelstränge unterscheidbar. Die weichen Partien des Unterleibs stehen im Kontrast zum gespannten Brustkorb. Das Gesicht wirkt differenzierter und lebendiger. Die Mundwinkel werden zum berühmten archaischen Lächeln gehoben.

Beispielhaft für Figuren der zweiten Hälfte des 6. Jahrhunderts v. Chr. ist der Kouros von Anavyssos. Dieser Grabkouros wurde im südlichen Attika gefunden. Die Figur wirkt weniger hart und angespannt im Vergleich zu den dorischen Jünglingen (Jüngling von Tenea). Dafür ist die Gestaltung der Oberfläche stärker durchgestaltet und gewinnt an Ausdruckskraft.

Der Vergleich der früharchaischen Jünglingsstatuen, etwa dem, von großartiger Spannung erfüllten, New-Yorker Kouros und dem kraftstrotzenden vitalen Jüngling von Tenea, verdeutlicht sehr anschaulich die künstlerische Entwicklung, die sich im sechsten Jahrhundert v. Chr. vollzogen hat. Der Darstellungstypus, Kouros, wurde einmal als Ausdruck aristokratischer Lebenshaltung geschaffen. Der Typus blieb erhalten, aber seine allgemeine Erscheinungsform wandelt sich im Lauf der Jahrzehnte entscheidend. 

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