Quoi de neuf 1/2017 - Die Welt (neu) denken - Bericht von einer internationalen Konferenz

Quoi de neuf - Nouvelles du bilingue - 1/2017

Die Welt (neu) denken - Bericht von einer internationalen Konferenz

Anlässlich des 60. Jahrestages der Römischen Verträge hat die Pädagogische Hochschule (PH) Freiburg als Koordinator des Projekts "Border Education - Space, Memory, and Reflections on Transculturality" (BE-SMaRT) zur internationalen Konferenz "Die Welt (neu) denken - zum Verhältnis von Grenzen und Erinnerungen in der europäischen Lehrerbildung" geladen. Die Mitglieder der Steuerungsgruppe, die sich aus sieben europäischen Institutionen zusammensetzt, streben das Ziel an ein übergeordnetes Curriculum in der Lehrerbildung durchzusetzen, um anhand einer interdisziplinären Methodik unterschiedliche Konstrukte von Grenzen, die Bedeutung von kultureller und historischer Erinnerung und Identitätsfindung professionell reflektieren zu können.

Gastgeber Olivier Mentz
Gastgeber Olivier Mentz begrüßt die Teilnehmer. - Photo: Laura Schmidt

Angesichts der politischen und gesellschaftlichen Krise Europas, stellt sich mitunter die Frage welche Aufgabe schulische Bildung hat, um europäische Identität und Solidarität bei jungen Menschen zu fördern. Die Entwicklungen der letzten Jahre zeigen zwar, dass Mehrsprachigkeitskonzepte und interkulturelle Kompetenzen hoch im Kurs zu stehen scheinen, doch wie viel Wissen über die Geschichte der europäischen Idee, über die politischen Organe und die verbindenden Werte der Gemeinschaft wird tatsächlich auch abseits des konventionellen Politikunterrichts vermittelt?

Um auf dem Weg in eine Postwachstumsgesellschaft der Isolierung einzelner Nationalstaaten und einem Auseinanderdriften der Europäischen Union nachhaltig entgegenzuwirken, bedarf es der Kräfte vor allem der jungen und nachfolgenden Generationen. Aus diesem Grund ist schulische Bildung vor dem Hintergrund demokratischer Werte und dem Konzept der Transkulturalität die erste gesellschaftliche Instanz diese Haltungen zu vermitteln. Weil Schüler jedoch immer nur so gut sein können wie ihre Lehrer, sollten europäische und transkulturelle Inhalte und Fragestellungen fester und verpflichtender Bestandteil der Lehrerbildung sein.

Um auf die Wichtigkeit einer kooperativen Lehrerbildung in Europa aufmerksam zu machen, haben sich die Partner im Erasmus+-Projekt BE-SMaRT zusammengeschlossen. Zum Team gehören Lehrende des St. Mary's University College Belfast, der Université Claude Bernard Lyon, der Mälardalen University Eskilstuna in Schweden, der University of Tartu in Estland, der University of Ljubljana in Slowenien und der Europäischen Akademie Otzenhausen. Es ist das Nachfolgeprojekt eines anderen europäischen Projekts, "Perception, Attitude, Movement - Identity Needs Action", das Lehrmaterialien für eine europäische Dimension in der Schule konzipiert hatte.

Da dem Konsortium auffiel, wie divers Lehre, Wissenschaft und Lehrerbildung in den unterschiedlichen Ländern wahrgenommen und umgesetzt wird, entschied es sich mit BE-SMaRT ein Folgeprojekt zu initiieren, das sich zum Ziel gesetzt hat, Lehramtsstudierende bei der Annäherung an die eigene und die fremde Identität zu unterstützen, da dies immer in einem Spannungsfeld zwischen (mentalen) Grenzen und (historischer) Erinnerung geschehe, so Olivier Mentz, Projektkoordinator von der PH Freiburg. Während des Förderungszeitraumes von 2014 bis 2017 hat die Projektgruppe unter anderem ein Studienmodul zum Projektthema entwickelt, zwei Bücher veröffentlicht und ein Memorandum formuliert, das Entscheidern in der Lehrerbildung vorgelegt werden soll, damit diese sich für eine Internationalisierung dieses Bereichs einsetzen.

Bereits in der Begrüßung zur Konferenz gibt Gastgeber Olivier Mentz zu bedenken, dass bisher nur wenige Programme in der Lehrerbildung einen verpflichtenden Auslandsaufenthalt fordern. Doch um fundierte Kenntnisse und Fähigkeiten eigen- und fremdkultureller Reflexion zu erwerben reicht eine einmalige und zeitlich begrenzte Exkursion in die Fremde nicht aus. Es bedarf darüber hinaus eines kontinuierlichen Nachdenkens und Infragestellens der eigenen Bewertungen, Konstrukte und Haltungen gegenüber der Verortung der eigenen Identität innerhalb des nationalen und europäischen Gefüges.

Um ein Bewusstsein für solche Fragestellungen zu schaffen, steht am Anfang der Konferenz die Frage danach, was eine Grenze überhaupt ist. Der Historiker Alexander Drost (Universität Greifswald) erläutert in seinem Vortrag, dass Grenzen in erster Linie mentale Konstrukte sind, die aufgrund von Bewertungen der sich innerhalb ihrer befindenden Religionen, Ethnien, linguistischen Orientierungen und politischen Systeme zu sozialen Abgrenzungen führen. Deutlich spürbar ist dieses Phänomen derzeit rund um den Globus, rächt sich die von der Politik lange ignorierte soziale Ungleichheit nun u.a. im Aufstieg rechtspopulistischer Parteien.

Die Angst vor dem Anderen, vor dem Fremden mag auch eine Folge von unhinterfragten Vorurteilen sein, die im enggefassten Curriculum der schulischen Bildung nicht ausreichend berücksichtigt werden. Eine Lehrkraft im deutschem Schulsystem ist dazu angehalten ihre Schüler im Bewusstsein demokratischer Werte zu kritischen und mündigen Bürgern zu erziehen. Dies beinhaltet aber auch, dass gänzlich andere Meinungen und Urteile ihren Platz haben dürfen und sollen. Um jedoch nicht voreilig in Schwarz-Weiß Malerei zu verfallen, ist ein Blick über die Grenze, eine Öffnung für die Befindlichkeiten und Bedürfnisse der anderen vonnöten. Dies setzt nicht nur den Willen zum interkulturellen Dialog voraus, sondern auch das Verständnis für transkulturelle Ausprägungen. Vereinfacht gesagt bezieht sich die Unterscheidung der Begriffe Inter- und Transkulturalität auf das Individuum. Während Interkulturalität bestimmte Eigenschaften und Merkmale allen Individuen einer Gruppe eines bestimmten Kulturraumes zuschreibt, bezieht sich Transkulturalität auf die dem Individuum eigenen Merkmale, welche sich sowohl innerhalb einer Gemeinschaft unterscheiden können, sich aber auch grenz- und kulturüberschreitend gleichen.

Teilnehmer der Konferenz
Teilnehmer der Konferenz. - Photo: Laura Schmidt

Dass der Begriff der Grenze im Grunde über keine eigene Essenz verfüge, sondern eher individuell und multiperspektivisch betrachtet werden müsse, erläutert Harald Bauder von der Ryerson University (Toronto/Kanada). Identität bilde sich eher über Zugehörigkeit und nicht über das Vorhandensein nationaler Grenzen.

In einer weiteren Sektion beschäftigen sich Markus Raith aus Freiburg, Pascal Clerc aus Lyon und Dariusz Komorowski aus Breslau mit interkultureller Kommunikation in Sprache, Literatur und Film. Interessant und bezeichnend im Rahmen der Tagung und ihrer Kernthemen Grenzen und Erinnerungen, ist die Tatsache, dass die Referenten während ihrer Vorträge auf Deutsch, Englisch und Französisch kommunizieren. Allerdings bilden diese Sprachbarrieren eine Herausforderung für all jene, die der jeweils angewandten Sprache nicht mächtig sind, da keine Simultanübersetzung angeboten wurde.

Tatjana Resnik Planinc, Dozentin für die Geographiedidaktik an der Universität Ljubljana und Leiterin des slowenischen BE-SMaRT-Teams, hat gemeinsam mit Bostjan Rogelj und Katja Vintar Mally eine Umfrage unter Studierenden zum Thema "Yugonostalgia" durchgeführt. Da neben Grenzen auch Erinnerungen der Orientierung während des Identitätsbildungsprozesses dienen, ist es interessant zu erkennen, dass auch das Phänomen der Ostalgie grenzüberschreitend erlebt wird. Die Nostalgie als Rückbesinnung auf Werte, Personen und Produkte vergangener Zeiten kann auch in Slowenien als einem Teil des ehemaligen Jugoslawien beobachtet werden. Entgegen einer vorschnellen Annahme gleichen sich die Erinnerungen der Jugend und ihrer (Groß-)Eltern, obwohl die Befragten keine eigenen Erfahrungen mit dem damaligen System verbinden. Ein deutliches Zeichen dafür, dass Erinnerungen "vererbt" und somit ganze Folgegenerationen von ihnen geprägt werden. Neben den Erinnerungen ist es Resnik Planinc wichtig mit ihren Studierenden über mentale Grenzkonstruktionen ins Gespräch zu kommen. Als Ausbilderin angehender Lehrkräfte legt sie Wert darauf ihnen bewusst zu machen, dass Grenzen zunächst im Kopf entstehen. Vorurteile seien eng verknüpft mit der Psyche, Gefühlen und den Werten der sozialen Klasse in der ein Mensch sozialisiert wird. Daher sei es schwierig die Gratwanderung zu meistern zwischen dem, was man eigentlich fühlt und denkt und dem, was man dann tatsächlich sagt.

Besonders an der Konferenz war auch die Anwesenheit von Lehramtsstudierenden. Johanna (23) findet die Veranstaltung "spannend, weil ein praktischer Bezug zur Lehrerbildung hergestellt wird". Da sie sich nicht nur im Rahmen ihres Studiums für Sprachen und mentale Grenzkonstrukte interessiert, sollte es "mehr Seminare und Vorlesungen zu Mehrsprachigkeit und Transkulturalität geben und auch verpflichtende Angebote zu solchen Themen".

Insgesamt war Olivier Mentz zufrieden mit der Veranstaltung, die von 64 Teilnehmern aus 11 Ländern besucht wurde. Allerdings sei es wünschenswert der Politik zu verdeutlichen wie wichtig es für die Lehrerbildung sei, über den Tellerrand zu schauen und internationaler zu werden. Zudem sei der wissenschaftliche Diskurs wertvoll, um ein besseres gegenseitiges Verständnis zu erwirken und so innovativ in die Zukunft blicken zu können. Hierfür sei es wichtig die "Verbesserung der Lehre und Forschung voranzutreiben und auch mehr Gastdozenten einzuladen, weil die Wahrnehmung und Praxis von Lehre in anderen Ländern sich sehr von unseren Auffassungen unterscheiden".

Weitere Informationen zum Projekt und zur Tagung auf der Homepage von BE-SMaRT: (https://sites.google.com/site/besmartproject/home).

Laura Schmidt, Freiburg

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