Quoi de neuf 1/2017 - Tagungen des deutschen und französischen Geschichtslehrerverbands in Braunschweig und Paris

Quoi de neuf - Nouvelles du bilingue - 1/2017

Tagungen des deutschen und französischen Geschichtslehrerverbands in Braunschweig und Paris (Februar und April 2017)

Aus Anlass des 80. Jahrestags des ersten Erscheinens deutsch-französischer Schulbuchempfehlungen veranstaltete der Verband der Geschichtslehrer Deutschlands (VGD) am 27. Februar 2017 eine Tagung in Braunschweig in den Räumen des Georg-Eckert-Instituts für Internationale Schulbuchforschung. Das niedersächsische Kultusministerium und der Klett-Verlag haben die Tagung großzügig unterstützt. Sie verfolgte das Ziel, einerseits die deutsch-französischen Schulbuchgespräche zu würdigen und andererseits eine Fortsetzung der gemeinsamen deutsch-französischen Verständigungsarbeit auf dem Feld der noch weit auseinanderliegenden und keineswegs leicht zu überbrückenden didaktischen Vorstellungen anzuregen.

Delegationen der APHG und des VGD
Die Delegationen der APHG und des VGD e.V. am 22. April 2017 im Ehrenhof der Sorbonne. - Foto: Marc Charbonnier

Der Vormittag war dem historischen Rückblick gewidmet. Einleitend gab Rainer Bendick einen Überblick zur Geschichte der deutsch-französischen Schulbuchgespräche zwischen 1937 und 1989. Der Generalsekretär des französischen Gesichtslehrerverbands, der Association des Professeurs d'Histoire et de Géographie (APHG), Hubert Tison, referierte über die Beteiligung der APHG an den Gesprächen. Der ehemalige Mitarbeiter der Georg-Eckert-Instituts, Rainer Riemenschneider, war leider aus privaten Gründen verhindert. Er ließ der Tagung aber das Manuskript seines Vortrags zukommen, das Ulrich Bongertmann vortrug. Riemenschneider berichtete, wie er in den 1980er Jahren die dritte Runde der deutsch-französischen Schulbuchgespräche initierte, die sich mit der jüngeren Zeitgeschichte beschäftigten. Er stellte die Unterstützung der politischen Instanzen für die Gespräche heraus. Ohne auf den Inhalt Einfluss zu nehmen, ermöglichten die finanzielle Hilfe des Auswärtigen Amts und der institutionelle Rahmen des Eckert-Instituts den Erfolg der Gespräche. Seitdem gibt es praktisch keine inhaltlichen Differenzen mehr, so dass die letzte Runde der Schulbuchgespräche auch den Weg ebnete für das deutsch-französische Geschichtsbuch. Heute, nachdem die Inhalte und ihre Deutungen keine Probleme mehr bereiteten, so schloss Riemenschneider, wäre ein intensiver deutsch-französischer Austausch über didaktische Standards und Gütekriterien des Geschichtsunterrichts eine logische Fortsetzung der deutsch-französischen Schulbuchgespräche der Vergangenheit.

Steffen Sammler referierte über die Wirkung der Schulbuchgespräche. Er zeigte am Beispiel der zweiten Runde der Schulbuchgespräche (1951-1967), wie nachhaltig die von den deutschen und französischen Gesprächspartnern auf mehreren Konferenzen erarbeiteten Schulbuchempfehlungen die konkreten Inhalte der Bücher versachlichten und welch paradigmatische Bedeutung die deutsch-französischen Gespräche für andere bilaterale Schulbuchgespräche hatte. Hieran knüpfte Thomas Strobel an, der die deutsch-polnischen Schulbuchgespräche und die Erarbeitung des deutsch-polnischen Geschichtsbuchs vorstellte.

Der Nachmittag war im engeren Sinne didaktischen Fragen gewidmet. Ausgehend von den Erfahrungen als Mitherausgeber des deutsch-französischen Geschichtsbuchs und im Vergleich von deutschen und französischen Abituraufgaben problematisierte Peter Geiss die deutschen Vorstellungen von urteilsbezogenen Arbeitsaufträgen. Am Beispiel von deutschen Abituraufgaben über die Revolution von 1848 zeigte er überzeugend, wie Aufgabenstellungen, die Werturteile einfordern, zu Anachronismen führen, die der historischen Situation nicht gerecht werden. Demgegenüber bestechen Aufgaben aus der französischen Unterrichtstradition durch die Klarheit der historischen Analyse. Andererseits könnte der französische Geschichtsunterricht in Anbetracht der Überlegungen zur Stärkung des "esprit critique" im historischen Lernen von den deutschen Erfahrungen profitieren. Daher regte Geiss an, im binationalen Dialog didaktische Fragen zu diskutieren und in grenzüberschreitender Forschung auf empirischer Basis Aufgabenformate und Schülerarbeiten zu untersuchen.

Franziska Flucke stellte anhand exakter empirischer Daten die Situation des bilingualen Geschichtsunterrichts in Deutschland und Frankreich vor. Rainer Bendick sprach über den spezifischen Umgang mit der jeweils eigenen Nationalgeschichte, der in der Wahrnehmung des Anderen Missverständnisse auslösen kann. Claire Ravez stellte die Gütekriterien des Geschichtsunterrichts in Frankreich vor. Susanne Popp verglich die in den Niederlanden und Deutschland anerkannten Gütekriterien. Diese Beiträge zeigten klar, dass Inhalte und Deutungen im internationalen Vergleich keine Probleme mehr bereiten, dass nationale Perspektiven andere Länder nicht mehr mit Missgunst oder feindseligen Urteilen erfassen. Die didaktischen Szenarien und die Vorstellungen von "gutem Geschichtsunterricht" gehen allerdings sehr weit auseinander, so dass man den Eindruck hat, didaktischen Nationalismen gegenüberzustehen, die heute Irritationen auslösen, so wie es einst die nationalistischen Inhalte und Deutungen der Geschichtsbücher taten.

Eine Podiumsdiskussion zum Thema "Wieviel und welches Wissen braucht der Geschichtsunterricht?" stand am Ende des Tages. Konkretes Wissen auch in chronologischer Ordnung wurde als unabdingbare Grundlage für den Geschichtsunterricht gesehen. Lehrpläne, die sich auf die Beschreibung von Kompetenzen beschränkten und weitgehend auf inhaltliche Vorgaben verzichten, kritisierten die Diskutanten, weil hier die dem Fach Geschichte eigene Logik verloren gehe.

Als Abschluss der Tagung fand am folgenden Tag ein Expertengespräch statt zu Desideraten und Perspektiven künftiger deutsch-französischer Gespräche über den Geschichtsunterricht. Den Teilnehmern schien ein weiterer Austausch insbesondere über didaktische Fragen sinnvoll. Auf einer Tagung in Paris, die die APHG ausrichtete, sollten die Details geklärt werden.

Diese Tagung fand am 21. April in Paris in den Räumen des Lycée Saint Louis statt. Ullrich Bongertmann, der Vorsitzende des Verbands der Geschichtslehrer Deutschlands, stellte die Lage des Geschichtsunterrichts in der Bundesrepublik dar. Die föderale Zersplitterung des Geschichtsunterrichts auf der inhaltlichen Ebene finde ihr einigendes Band in einer gemeinsamen Ausrichtung des Unterrichts, die in den drei Anforderungsbereichen in allen Ländern anerkannt werde. Diese Ausführungen vertiefte Rainer Bendick durch die Darstellung deutscher Unterrichtsprinzipien. Martin Stupperich stellte das von Karl-Ernst Jeismann entwickelte Konzept zum historischen Urteil - den Dreischritt von Analyse, Sachurteil und Werturteil - am Beispiel der judenkritischen Schriften Martin Luthers vor. Besonders die Ausführungen zur Urteilsbildung durch Schüler im Geschichtsunterricht lösten bei den französischen Kollegen Nachfragen aus, ein Hinweis darauf, dass diese Thematik im deutsch-französischen Dialog für alle Seiten nützliche Ergänzungen finden kann.

Yohan Chanoir berichtete über die Erfahrungen, die er mit dem deutsch-französischen Geschichtsbuch im Unterricht gemacht hatte. Er betonte, dass der systematische Perspektivenwechsel des Buches, der ein historisches Problem stets aus deutscher und französischer Sichtweise darstellt, sowie die Kombination von Aufgabenstellungen aus deutscher und französischer Tradition die Attraktivität des Buches gegenüber den didaktischen Szenarien der mononationalen Bücher ausmache. Nathalie Schmitt-Wald stellte ein deutsch-französisches Thema für den Geographieunterricht vor. Am Beispiel des Projekts, die Straßburger Straßenbahn bis Kehl zu verlängern, erläuterte sie ein umfassendes Unterrichtskonzept zu der Frage, wie grenzüberschreitende Raumordnungsverfahren im bilingualen Geographieunterricht thematisiert werden können. Maguelone Nouvel-Kirschleger widmete sich einem historischen Thema, nämlich den deutsch-französischen Schulbuchgesprächen der 1950 und 1960er Jahre. Sie stellte die Zusammensetzung der nationalen Kommissionen vor und erläuterte die, gerade zu Anfang, nicht einfache Kontaktaufnahme der Partner.

Am folgenden Tag trafen sich die Tagungsteilnehmer im Saal Marc Bloch der Sorbonne. Sie verfassten ein Kommuniqué, das in deutscher und französischer Sprache auf den Internetseiten der beiden Verbände veröffentlicht wurde (https://www.aphg.fr/Renforcer-les-relations-franco-allemandes, http://geschichtslehrerverband.de/2017/05/07/1206/) und das die Absicht betont, die Kontakte zwischen deutschen und französischen Geschichtslehrern fortzusetzen. Hierzu könnten die im April 2018 in Marseille stattfindende Euro-Clio Tagung, die Journées Nationales der APHG 2019 in Lothringen und der Historikertag 2020 den Rahmen geben. Es wurde vereinbart, die Vorträge der Braunschweiger und Pariser Tagung zu veröffentlichen. Im Wochenschauverlag wird Ende 2017 der Tagungsband erscheinen.

Dr. Rainer Bendick rainer.bendick@osnanet.de, Verband der Geschichtslehrer Deutschlands (VGD)

Zurück zum Inhaltsverzeichnis der Ausgabe 1/2017 von Quoi de neuf - Nouvelles du bilingue


Den gesamten Newsletter zum Download als PDF-Datei finden Sie hier.

Wenn Sie "Quoi de neuf - Nouvelles du bilingue" abonnieren wollen, folgen Sie bitte diesem Link.

Hier können Sie frühere Ausgaben von "Quoi de neuf - Nouvelles du bilingue" online lesen.