Lateinische Bibliothek

Cicero, De Officiis 1, 20 – 23

Die Kardinaltugenden: Die Gerechtigkeit

Die Gerechtigkeit (iustitia) als eine der vier Kardinaltugenden und die ethische Sicht auf das Privateigentum

Als zweite der vier Kardinaltugenden beschreibt Cicero die Gerechtigkeit (iustitia), die er als die wichtigste Tugend für das Zusammenleben betrachtet.

Für diesen Text benötigt man die Vokabeln aus dem Sachfeld Tugenden und Werte im Grundwortschatz des Lateinportals.

Am Ende dieses Dokuments gibt es Anregungen für die Diskussion über den Text.

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Figur der Iustitia (Gerechtigkeit)

Die Figur der Iustitia (Gerechtigkeit) am Petrusbrunnen in Trier. Die Gerechtigkeit wird durch die Waage und das Schwert symbolisch dargestellt. Weitere Bilder und Informationen zu diesen Brunnenfiguren im Verzeichnis Bilder für den Lateinunterricht.

Am Ende dieses ersten Abschnitts über die Gerechtigkeit gibt Cicero eine oft zitierte Definition des Begriffs der Gerechtigkeit.

 

[1, 20]

De tribus autem reliquis latissime patet ea ratio,

qua societas hominum inter ipsos et vitae quasi communitas continetur;

cuius partes duae:

iustitia,

in qua virtutis splendor est maximus,

ex qua viri boni nominantur,

et huic coniuncta beneficentia,

quam eandem vel benignitatem vel liberalitatem appellari licet.

patēre, pateō, patuī (kein PPP.) Tabelle: einen weiten Spielraum haben, offenstehen; latē patēre: von Bedeutung sein

ratiō, ratiōnis, f. Tabelle: die Lebenshaltung, die Lebensform. Der Bedeutungsanteil "Vernunft" klingt in diesem Wort noch an.

cuius partes: Relativischer Satzanschluss. Ergänzen Sie sunt.

ex qua viri boni nominantur: nach der ...

quam ... licet: relativische Verschränkung mit einem AcI, der von licet (es ist erlaubt) abhängt. Eine wörtliche Übersetzung ist unmöglich; Sie können diese Übersetzung wählen: „ ..., die man ... nennen darf.“

eandem: ebenso

 

Sed iustitiae primum munus est,

ut ne cui quis noceat,

nisi lacessitus iniuriā,

deinde ut communibus pro communibus utatur, privatis ut suis.

mūnus, mūneris, n. Tabelle: die Aufgabe

ne cui quis: Nach der Subjunktion ut ne (dass nicht; Konsekutivsatz) fällt beim Indefinitpronomen aliquis die Vorsilbe ali- weg. Also bedeuten die beiden Formen cui und quis jeweils niemand bzw. jemand. Zu aliquis siehe den Eintrag im Grundwortschatz: Indefinitpronomina, mit weiteren Angaben.

lacessere, lacessō, lacessīvī, lacessītum Tabelle: reizen

communibus/privatis: Beide Adjektive werden hier substantivisch und im Neutrum Plural verwendet. Sie können die Übersetzung „gemeinsame/private Dinge“ oder „Gemeinbesitz/Privatbesitz“ wählen.

 

Im folgenden Absatz behandelt Cicero die Entstehung des Privateigentums und dessen Beziehung zur Gerechtigkeit, und damit auch die Bindung des Privateigentums an das Gemeinwohl.

[1, 21]
Sunt autem privata nulla naturā, sed aut vetere occupatione,

ut qui quondam in vacua venerunt,

aut victoria,

ut qui bello potiti sunt,

aut lege, pactione, condicione, sorte;

privāta, privātōrum, n. (Pluralwort) Tabelle: (hier, wie im Satz vorher) das Privateigentum. Naturā steht im Ablativ (Ablativus causae, hier mit durch zu übersetzen)

occupātiō, occupātiōnis, f. Tabelle: die Inbesitznahme, die Besetzung

qui: Hier gilt das Gleiche, was im vorigen Abschnitt über aliquis gesagt wurde. Ut gehört zu den Wörtern, nach denen die Vorsilbe ali- wegfällt.

in vacua: in unbewohntes Gebiet

potīri, potior, potitītus sum Tabelle: in Besitz nehmen

pactiō, pactiōnis, f. Tabelle: der Vertrag

condiciō, condiciōnis, f. Tabelle: die Abmachung, die Übereinkunft

sors, sortis, f. Tabelle: das Los

 

ex quo fit,

ut ager Arpinas Arpinatium dicatur, Tusculanus Tusculanorum;

similisque est privatarum possessionum discriptio.

ager: (hier): das Gebiet; ager Arpinas: das Gebiet um die Stadt Arpinum (in Latium; dies war Ciceros Geburtsstadt.)

Arpinates, Arpinatium/Tusculani, Tusculanorum: die Arpinaten (Einwohner der Landschaft um Arpinum, bzw. Tuskulaner)

discriptio, discriptionis, f. Tabelle: die Verteilung

 

Ex quo,

quia suum cuiusque fit eorum,

quae naturā fuerant communia,

quod cuique obtigit,

id quisque teneat;

e quo si quis quaevis sibi appetet,

violabit ius humanae societatis.

suum cuiusque: Wort für Wort übersetzt: „jedem sein Eigenes“. Hier kann man die Übersetzung „Privateigentum“ verwenden.

obtingere, obtingo, obtigi (kein PPP.) Tabelle: zufallen, zuteil werden

Teneat ist Prädikat eines Hauptsatzes und muss daher nach den hierfür geltenden Regeln übersetzt werden, siehe Satzbau: Konjunktiv im Hauptsatz.

eorum muss als neutrum aufgefasst werden: von den Dingen

e quo: Relativischer Satzanschluss im Adverbialsatz (Satzbau); si quis: wenn jemand

quaevīs: irgendeine Sache

 

Im folgenden Abschnitt (De officiis 1, 22) erörtert Cicero die Verpflichtungen, die nach der Auffassung v. a. der Stoiker aus dem Privateigentum entstehen.

[1, 22]

Sed quoniam,

ut praeclare scriptum est a Platone,

non nobis solum nati sumus ortusque nostri partem patria vindicat, partem amici,

atque,

ut placet Stoicis,

quae in terris gignantur,

ad usum hominum omnia creari, homines autem hominum causā esse generatos,

ut ipsi inter se aliis alii prodesse possent,

in hoc naturam debemus ducem sequi,
communes utilitates in medium adferre,
mutatione officiorum, dando accipiendo, tum artibus, tum opera, tum facultatibus devincire hominum inter homines societatem.

nōbīs: Dativus commodi

ortus, ortūs, m. Tabelle: die Entstehung, die Existenz

vindicāre Tabelle: beanspruchen

quae: Relativsatz ohne Bezugswort. Es ist ea zu ergänzen.

Stoici: die Stoiker, Vertreter der stoischen Philosophie, denen Cicero hier weitgehend folgt.

mūtātiō, mūtātiōnis, f. Tabelle: die Gegenseitigkeit

opera, operae, f. Tabelle: die Mühe, der Aufwand

devincīre, devinciō, devīnxī, devīnctum Tabelle: verbinden

 

[1, 23]

Fundamentum autem est iustitiae fides,

id est dictorum conventorumque constantia et veritas.

conventa, conventorum, n. Tabelle: die Abmachungen

Ex quo,

quamquam hoc videbitur fortasse cuipiam durius,

tamen audeamus imitari Stoicos,

qui studiose exquirunt,

unde verba sint ducta,

credamusque,

quia fiat,

quod dictum est,

appellatam fidem.

cuipiam: von quispiam: irgendjemand

exquīrere, exquīrō, exquīsīvī, exquīsītum Tabelle: nachforschen, untersuchen. Cicero bezieht sich hier auf die etymologische Methode der Stoiker. Die Etymologie in diesem Sinne versucht die aktuelle Bedeutung eines Wortes aus dessen Herkunft zu erschließen. Die hier vorgeschlagene Begründung (fidēs kommt von fiat) gilt aber wie viele dieser Herleitungen als unhaltbar.

fiat: Da quia (weil) mit dem Indikativ steht, muss der Konjunktiv an dieser Stelle wie in einem Hauptsatz, und zwar mit sollen übersetzt werden.

Sed iniustitiae genera duo sunt,

unum eorum,

qui inferunt,

alterum eorum,

qui ab iis,

quibus infertur,

si possunt,

non propulsant iniuriam.

Nam qui iniuste impetum in quempiam facit aut ira aut aliqua perturbatione incitatus,

is quasi manus afferre videtur socio;

inferre iniuriam Tabelle: Unrecht zufügen

propulsāre Tabelle: abwehren

quispiam: irgendjemand. Dekliniert wird der erste Teil dieses Indefinitpronomens.

manūs afferre: wörtlich: Hand an jemanden legen; Übersetzungsvorschlag: angreifen

 

Qui autem non defendit nec obsistit,

si potest,

iniuriae,

tam est in vitio,

quam si parentes aut amicos aut patriam deserat.

qui autem: Hier liegt kein relativischer Satzanschluss vor, sondern ein normaler Relativsatz (Satzlehre: Relativsatz ohne Bezugswort). Übersetzen Sie qui mit „wer“.

obsistere, obsistō, obstitī (kein PPP.) (mit Dativ-Objekt) Tabelle: jemanden oder etwas abwehren, sich jemandem widersetzen

dēserere, dēserō, deseruī, dēsertum Tabelle: im Stich lassen

 

Anregungen für die Diskussion

  1. Arbeiten Sie aus § 1, 20 den Begriff der Gerechtigkeit heraus.
  2. In den Institutiones des Iustinian (§ 1.1.3), einem spätantiken Werk zur Rechtstheorie, findet man folgenden (oft zitierten) Satz:
Iuris praecepta sunt haec: honeste vivere, alterum non laedere, suum cuique tribuere.

Übersetzungshilfen: laedere: verletzen; cuique kommt von quisque: jeder. Übersetzen Sie diesen Satz und vergleichen Sie dessen Aussage mit der Bestimmung der Gerechtigkeit, die in De officiis 1, 20 f. gegeben wird.

  1. Nehmen Sie Stellung zu der Frage, ob der von Cicero entwickelte Begriff der Gerechtigkeit heute noch Bestand hat, z. B. in den Rechtsvorstellungen der Bundesrepublik Deutschland, soweit Sie diese z. B. im Gemeinschaftskundeunterricht kennengelernt haben.
  2. Recherchieren Sie nach anderen antiken Gerechtigkeitsvorstellungen (Platon, Aristoteles) und prüfen Sie, welche Übereinstimmungen es gibt. Ziehen Sie nicht nur das Internet, sondern auch Philosophielexika z. B. in Ihrer Schülerbücherei heran.

 


Weiter mit De officiis 1, 34: Über den gerechten Krieg oder zur Übersicht über die Lektüreeinheit Cicero, De officiis.

 


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