Motorische Entwicklungsförderung (MEF) - Einleitung
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Für einige Schüler klingt das Läuten am Ende der großen Pause besonders schrill. Sport steht auf dem Stundenplan und sie ahnen schon, wie es wieder kommen wird: Beim Langstreckenlauf werden sie nach Luft japsen und als Letzter im Ziel sein, beim Turnen werden sie ihren Körper nur mit Mühe über die Geräte quälen, und in die Volleyballmannschaft wird sie sowieso wieder keiner wählen.
Darüber sind sich die Experten einig:
"Noch nie waren so viele Kinder motorisch auffällig wie heute" sagt Klaus Bös, Sportwissenschaftler an der Uni Karlsruhe. Die körperliche Leistungsfähigkeit von Schülerinnen und Schülern hat sich im Laufe der letzten Jahrzehnte zunehmend verschlechtert."
2004 hat die Forschergruppe um Klaus Bös die Ergebnisse einer Studie mit knapp 1500 Grundschulkindern aus 33 deutschen Schulen vorgestellt. Demnach gibt es zwar einige Verbesserungen, bei der Maximalkraft etwa, weil die Kinder größer und schwerer sind als früher. Aber was die Bereiche Ausdauer, Beweglichkeit und Koordination betrifft, schneiden die Schüler der Bös-Studie deutlich schlechter ab. "Viele haben schon Probleme mit Grundfertigkeiten wie Laufen, Klettern, Werfen, Springen", so Bös. Beim Laufen schafften zehnjährige Jungen im Jahr 1976 im Durchschnitt noch 1024 Meter in sechs Minuten, 1996 nur noch 876 Meter. Auch der Sportpädagoge Horst Rusch von der Technischen Universität München bestätigt diesen Trend. Er ließ Kinder und Jugendliche im Alter von 6 bis 17 Jahren wiederholt seinen aus sechs Übungen bestehenden "Münchner Fitnesstest" absolvieren. Das Resultat: Nur rund ein Viertel der Schüler erreichte 2001 die Durchschnittsleistungen von 1986 (Rusch, 2001).
Erste hausinterne unsystematische Beobachtungen in der Albert-Schweitzer-Schule zeigen ein ähnliches Bild. Drittklässler scheitern beim Hopserlauf oder Hampelmann oder beim Balancieren rückwärts über eine Schwebekante. Noch dramatischer wird der Absturz, wenn man nicht nur auf die Durchschnittswerte der motorischen Leistungen, sondern auf das untere Ende der Skala schaut: Während die Zahl der Schülerinnen und Schüler mit hervorragender Kompetenz im motorischen Bereich gestiegen ist, gibt es aber auch mehr ganz schwache Ergebnisse (Rusch, 2001). Sportskanonen, die - von den Eltern gefördert - im Verein trainieren, teilen sich die Klassen mit besonders ungelenken und dicklichen "Stubenhockern".
Die Ursachen mangelnder motorischer Kompetenzen sind vielfältig und wissenschaftlich noch nicht vollständig geklärt. Warum so viele Kinder in so schlechtem körperlichen Zustand sind, erklärt ein Einblick in den normalen Tagesablauf von Schülerinnen und Schülern: Neun Stunden pro Tag verbringen sie im Sitzen - morgens im Schulbus oder im Auto der Mutter, dann im Unterricht, anschließend beim Computerspiel. Danach kommen die Hausaufgaben und abends das Fernsehen im Kinderzimmer. Jeder vierte der von Bös befragten Grundschüler gab an, maximal einmal pro Woche draußen zu spielen. "Kinder bewegen sich heute im Schnitt nur noch 30 Minuten täglich intensiv" (Büsching, Kinderarzt).
Für die Schüler hat die körperliche Passivität weitreichende gesundheitliche Folgen:
- Gelenk- und Skelettveränderungen. 44 Prozent der Viertklässler aus der Bös- Studie klagen über gelegentliche und acht Prozent über ständige Rückenschmerzen
- Zunahme von Unfällen, die mit der schlechterer Körperbeherrschung zusammenhängen (WGV, 2003)
- Übergewicht, das weitere Erkrankungen nach sich zieht. Ein Großteil der Übergewichtigen hat Bluthochdruck und damit ein höheres Infarktrisiko.
- Ein Drittel der Patienten, die heute neu an Diabetes Typ - 2 ("Altersdiabetes") erkranken, sind inzwischen Jugendliche.
Trotz dieser desolat anmutenden Bilanz gibt es Hoffnung.
Wissenschaftliche Forschungsergebnisse aus der sportwissenschaftlichen
und der medizinischen Trainingslehre (z.B. Weineck, 2002) sind
ermutigend. Sie zeigen, dass man davon ausgehen kann, dass motorische
Defizite durch Training kompensiert und motorische
Könnenserlebnisse auch direkt identitätsstiftend
wirken können.
Ausgangssituation an der Albert-Schweitzer-Schule
Auch die Albert-Schweitzer-Schule besuchen zunehmend mehr Kinder, die
motorische Auffälligkeiten und Defizite in der Bewegung haben,
die sich dann, wenn nicht gegengesteuert wird, im Laufe der Schulzeit
nicht abbauen, sondern sich - nach unseren Erfahrungen - immer
stärker ausprägen. Letztendlich
beeinträchtigen diese körper- und bewegungsbezogenen
Defizite die allgemeine Entwicklung erfolgreicher Schulkarrieren.
Die Schülerinnen und Schüler selbst erleben
Handlungsdefizite im Bewegungsbereich, die von der Schule in schlechten
Noten dokumentiert werden, als frustrierend und entwickeln eine sich
zunehmend stabilisierende, andauernde Bewegungsunlust, die durch
Bewegungsvermeidungstechniken weiter stabilisiert wird. Hinzu kommt,
dass der derzeitig boomende Körperkult (Schmidt,
2002) und eine körperorientierte Fitnessbewegung
zunehmend gesellschaftliche Bedeutung erfährt. Kinder mit
Bewegungsproblemen werden öffentlich stigmatisiert und in
ihrer Identitätsentwicklung nachhaltig gestört. Aus
pädagogischer und psychologischer Sicht spricht daher einiges
dafür, Kindern mit Bewegungsproblemen Hilfestellung zu geben.
Das in der Albert-Schweitzer-Schule entwickelte und praktizierte
Förderkonzept versucht, Schülerinnen und
Schüler mit diversen Bewegungsproblemen möglichst
frühzeitig zu identifizieren, um eine negative
Bewegungskarriere rechtzeitig unterbrechen zu können. Dazu
sind zwei Voraussetzungen zu schaffen:
DIAGNOSTISCHE KOMPETENZ UND TRAININGS- UND SPIELKOMPETENZ
Diagnostische Kompetenz
Die je spezifischen Bewegungsprobleme von Schülerinnen und Schülern müssen in einem ersten Schritt durch die Lehrerinnen und Lehrer erkannt und eingeschätzt werden. Manchen Problemen kann durch differenzierte, unterrichtliche Bewegungsangebote und durch das an der ASS praktizierte Konzept "Bewegte Schule" bereits auf dieser Ebene abgeholfen werden.
Bei schwierigeren oder komplexen Bewegungsproblemen müssen jedoch differenzierte diagnostische Verfahren eingesetzt werden, die das Bewegungsproblem freilegen können. In diesen Fällen ist in unserem Konzept eine wissenschaftlich gesicherte testdiagnostische Untersuchung notwendig. Aus der Vielfalt motorischer Tests (Bös, 2001) haben wir uns für den praktikablen Münchner Fitnesstest (1994) entschieden. Die Bewegungsdefizitanalyse liefert auf der Basis des Münchner Fitnesstests (1994) eine gesicherte Grundlage für die Konstruktion eines individuell angemessenen Förderangebots.
Erst die genaue Diagnose motorischer Defizite und Auffälligkeiten ermöglicht eine problem- und schülerspezifische Zusammenstellung von therapiebezogenen Angeboten. Die Schülerinnen und Schüler werden auf der Grundlage dieser Analyse differenzierten Trainingsbereichen zugeordnet. Wir nennen diese Bereiche - wie in unserem sprachorientierten Förder- und Trainingskonzept (Rapp/Schmidt, 2001) - Trainingsinseln, auf denen die Schülerinnen und Schüler über einen längeren Zeitraum hinweg betreut werden.
Spiel- und Trainingskompetenz
In didaktischer Perspektive zeichnen sich zwei Zugriffsweisen ab:
- Gezieltes Training in defizitären motorikbezogenen Bereichen, z.B. konditionelle Fähigkeiten, anaerobe Ausdauerfähigkeit, Gleichgewichtsfähigkeit, Kraft etc (siehe Testkategorien MEF).
- Angebot von Spielsituationen in Form "verpackter", an den Ergebnissen der Diagnostik orientierter Übungsangebote in differenzierten Gruppen. Sie vermitteln die diagnostisch eingeforderten Übungsziele nicht direkt, sondern quasi nebenher. Der Spaß- und Freudefaktor wird als Motivator betrachtet. Die Schülerinnen und Schüler erfahren positive Körper- und Bewegungsgefühle. Sie erleben sich selbst nicht als krank und daher therapiebedürftig, sondern werden durch erfahrungs- und spielerisch orientierte Methoden identitätswirksam gefördert.
Während die erste Perspektive eher für
außerschulische krankengymnastische Interventionen und
gezieltes Fitnesstraining geeignet ist, bieten sich für die
zweite Perspektive eher die schulischen Rahmenbedingungen an.
Wo immer - in diagnostischer Perspektive - möglich, bevorzugen
wir auf unseren "Inseln" Trainings- und Spielangebote in
unterschiedlich großen Gruppen, weil neben motorischen
Kompetenzen auch soziale Effekte positiv auf die Motivation zur
Korrektur motorischer Defizite durch Training und Spiel wirken. Eine
gelungene Übung, ein gutes, spannendes Spiel führen
zu Könnenserfahrungen, die eine motorisch stigmatisierte
Identität nachhaltig stärken kann.
Trainings- und Spielinseln
Auf unseren Trainings- und Spielinseln machen wir folgende Angebote:
Trainings- und
Spielinsel 1:
- Körperbezogene Selbsterfahrungen
- Wahrnehmung und Erleben des eigenen Körpers
- Sinneserfahrungen
- Körperbezogene Ausdrucksmöglichkeiten
...
mehr Informationen zur Trainings- und Spielinsel 1 hier
Sozialerfahrungen
- Entwicklung von Sozialkompetenz
- Mit anderen über Bewegung kommunizieren
- Regelspiele
- Miteinander kooperieren - gegeneinander konkurrieren
...
mehr Informationen zur Trainings- und Spielinsel 2 hier
Handlungsorientierte Materialerfahrungen
- Sich mit räumlichen und dinglichen Gegebenheiten der Umwelt auseinandersetzen
- Sich den Gesetzmäßigkeiten der Objekte anpassen oder diese passend machen
- Erkundendes und experimentierendes Lernen von Bewegungen
...
mehr Informationen zur Trainings- und Spielinsel 3 hier
Ausblick
Grundlage unserer MEF Konzeption war zunächst die Entwicklung eines Konstrukts mit der Schülerinnen und Schüler mit Bewegungsdefiziten identifiziert, diagnostiziert und mit konkreten, kompensatorischen Trainings- und Spielangeboten versorgt wurden. Diese wurden den ihnen nicht als krankheitsorientierte Therapie angeboten, sondern als Trainings- und Spielangebot für größere und kleinere Gruppen. Im Bewegungsbereich frustrierte und stigmatisierte Schülerinnen und Schüler sollten Freude und Spaß an der Bewegung erfahren können. Auf dieser Erfahrungsgrundlage wird dann auch eine Perspektive aufgebaut, die ein lebenslanges Interesse an Bewegung, Sport und Spiel initiieren kann.
Des Weiteren haben wir die gegenwärtig plakativ geführte Diskussion auf eine empirische Grundlage gestellt und Grund- (KL. 3/4 ) und Hauptschülerinnen und -schüler (KL 5/6) der Albert-Schweitzer-Schule mit dem Münchner Fitnesstest (Rusch,2001) getestet und parallel dazu Daten über die Freizeitstile dieser Kinder erhoben. Im
In einer ersten Auswertung zeigt sich bereits, dass es Beziehungen zwischen motorischen Problemen und Freizeitstilen der Schülerinnen und Schüler gibt. Schülerinnen und Schüler mit motorischen Problemen bevorzugen Freizeitstile, die sich auf rezeptive (z.B. Fernsehen) und eher kognitive (z.B. Computerspiele) Stile beziehen. Sie sind eher passiv (Fernsehen) oder aktiv (z.B. Computer) medienorientiert. Demgegenüber sind motorisch fitte Schülerinnen und Schüler an Freizeitaktivitäten interessiert, die sich im weitesten Sinn auf "Bewegung, Sport und Spiel" beziehen.
Die körperliche Fitness einzelner Schülerinnen und Schüler lässt sich nicht ohne weiteres pauschal beurteilen. Die an der Albert-Schweitzer-Schule durchgeführten empirischen Untersuchungen zeigen auch, dass man nicht von einem durchgängigen Rückgang körperlicher Fitness bei Kindern und Jugendlichen reden kann. Vielmehr zeigt sich bei differenzierter Betrachtung, dass bei Kindern und Jugendlichen entscheidend ist, ob es sportliche Vorbilder in der Familie oder in der Peergroup gibt (Nachahmungshypothese, Bandura 2000) und diese im besten Fall auch noch Mitglieder in einem Sportverein sind. Das Problem abnehmender Fitness zeigt sich nicht im Bereich der Mittelwerte, sondern im Bild einer Scherenbewegung, einer sich immer weiter öffnenden Schere nach fit, beziehungsweise nicht fit.
Unser Klientel sind nicht fitte Kinder, die wir aus der Masse der Schülerinnen und Schüler herauspicken und direkt ansprechen. Dazu haben wir in unserem Projekt ein Instrumentarium entwickelt, um diesen Personenkreis zu identifizieren und zu diagnostizieren. Auf dieser Grundlage können zielorientierte, kompensatorische Trainings- und Spielangebote gemacht werden, die im besten Falle auch durch parallel laufende Konzepte gesunder Ernährung unterstützt werden sollten. Im Fächerverbund "Musik, Sport, Gestalten" des neuen Bildungsplans in Baden-Württemberg werden wir im September 2004 mit einem ernährungsunterstützten Fitnesstraining beginnen.
Literatur:
Hartmann, P.: Lebensstilforschung, Gütersloh, 1999
Weineck, J.: Sportbiologie, Balingen 2002
Bös, K.: Handbuch Motorische Tests, Göttingen, 2001
Schmidt, G.: Identität und Body-Image. Die soziale Konstruktion des Körpers, Tübingen 2001
Oettinger, B. u. T.: Funktionelle Gymnastik, Schorndorf 2002
Fischer, K./Holland-Moritz: Mosaiksteine der Motologie, Schorndorf 2001
Schrag, M./Durlach, F. J./Mann, C.: Erlebniswelt Sport, Schorndorf, 1996
Rapp, C,/Schmidt, G.: Entwicklung eines defizitorientierten Förder- und Trainingskonzepts, Zeitschrift Lehren und Lernen 2/2000
Rusch, H./Weineck, J.: Sportförderunterricht, Schorndorf, 1998