Landesbildungsserver Baden-Württemberg - Eberhardt Brügel
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Eberhard Brügel:
Gezielte Kreativitätsförderung im Kunstunterricht

"Wagnis und Sensibilität, Ironie und Spiel, Bereitschaft zu unkonventionellen Lösungen und Konsens - diese Elemente der Kunst - sind nicht Tugenden, die die funktionalisierte Welt erst aushaltbar machen, es sind Tugenden, ohne die sie nicht funktionieren würde."
Hartmut von Hentig 1969, Seite 82


Eberhard Brügel:
Gezielte Kreativitätsförderung im Kunstunterricht - Klärung anthropologischer Vor-aussetzungen und Begründung kunstspezifischer Methoden


Der vorliegende Text ist das um einige Passagen erweiterte Redemanuskript eines Referats auf der Akademie Rotenfels im April 2002. Zitate und Anmerkungen, die lediglich bereits Dargelegtes noch ergänzen, sind in Klammern gesetzt. Die während des Referats gezeigten Bildbeispiele sind in den in der Literaturliste angegebenen Publikationen des Autors abgebildet.

Einführung

Kreativität ist einer der am häufigsten gebrauchten Begriffe. Überall wird sie beschworen oder als Qualifikation vorausgesetzt. Schlagen wir nur einmal den Annoncenteil einer beliebigen Zeitung auf. Wir müssen nicht lange unseren vertrauten Begriff vermissen. Da suchen Firmen fachlich versierte "kreative" Persönlichkeiten für Leitungspositionen, für den Außendienst oder für spezielle Aufgaben. Unter der Rubrik "Reisen" lesen wir vom "Kreativurlaub" und vom "kreativen" Erholen, ob es sich nun um einen Kurs "Seidenmalerei in der Toskana" oder um einen "Bauchtanz für jüngere und ältere Frauen in der Provence" handelt. Das ist weder als Satire gemeint, noch von mir in böswilliger Absicht erfunden, sondern schon weitgehend Alltagsrealität. Der Begriff Kreativität wird aber nicht nur häufig und meist unreflektiert, sondern auch in äußerst verschiedenen, oft sich widersprechenden Bedeu-tungen verwendet. Da wird einmal Kreativität als Heilmittel zur Erholung angepriesen, während noch auf derselben Inseratsseite dem potentiellen Kunden versprochen wird, dass er vor jeglicher Art eines "Kreativ-Stresses" verschont bleibe. Was gilt nun eigentlich? Dient Kreativität der Erholung oder stellt sie einen Stressfaktor dar? Ist Kreativität eine Domäne der Freizeit oder unverzichtbarer Bestandteil beruflicher Qualifikation? Es ist wohl höchst unwahrscheinlich, dass Firmen einen "kreativen" Manager suchen, um diesem einen Bereich der Erholung zu schaffen. Ich breche hier die Aufzählung der Beispiele für den unreflektierten Gebrauch des Begriffes der Kreativität ab. Es dürfte klar geworden sein, dass die häufige Verwendung den Begriff der Kreativität unscharf gemacht, zerkaut und verbraucht hat. Übrig geblieben ist nicht mehr als eine Zauberformel, mit welcher man kreatives Verhalten erhofft und beschwört, wohl kaum aber gezielt in Gang bringt, bzw. fördert. (Dazu: Hartmut von Hentig: Kreativität - Hohe Erwartungen an einen schwachen Begriff, 2000)
Was bedeutet nun aber der Begriff der Kreativität konkret? Zunächst einmal ist es die Übersetzung des früher geläufigen Begriffes des "Schöpferischen". Den Wechsel zu dem Fremdwort darf man indes nicht als bloßen Ausdruck modischer Laune werten. Vielmehr erwies sich der Begriff des "Schöpferischen" vor allem vor dem Hintergrund der seit den 50er Jahren betriebenen Kreativitätsforschung als nicht mehr tragfähig. Zu sehr ist der Wortsinn des "Schöpferischen" von der Auffassung des Genialen und von quasireligiösen Vorstellungen geprägt. Schöpferische Leis-tungen spiegeln in diesem Verständnis die göttliche Schöpfungstat im Kleinen und Kleinsten wieder. Wen sollte es da noch verwundern, wenn ästhetische und ethische Kategorien untrennbar miteinander verknüpft wurden. Wenn auch nicht direkt auf die Kreativität bezogen, trifft man auf eine solche ideologische Vermengung von Kategorien in dem bekannten Sprichwort von den bösen Menschen, die keine Lieder kennen würden.
Ferner war dem "Schöpferischen" eine nicht näher erklärungsbedürftige Kraft gemeint, die sich irgendwo im Menschen befinden würde. Die aktuellste Lokalisierung ist der Bauch, aus dem heraus ja heutzutage soviel geschaffen wird. Da diese nicht näher definierbare Kraft sozusagen als ein Keim betrachtet wurde, verband man mit ihm die biologistische Vorstellung vom Wachsenlassen. In der Folge dieser Auffassung entstanden dann die verschiedenen Formen der Schonraumpädagogik. Obwohl damit bei begabten Schülern durchaus Erfolge erzielt wurden, bot das Schöpferische keinerlei Ansatzpunkte für eine gezielte Förderung. Übrigens ist diese Auffassung heute noch - auch in der Schule - weit verbreitet.


Definition des Begriffes der Kreativität

Jetzt erwarten Sie von mir zu Recht eine präzise Definition des Begriffes der Kreativität. Und damit fängt eine neue Schwierigkeit an, denn je nach Forschungsansatz driften die Erklärungen auseinander. Man hat sich deshalb auf eine allgemeine Definition geeinigt: Kreativität ist die Fähigkeit, Neues zu produzieren und zu entdecken. Dabei wird unter Produktion nicht nur die Herstellung eines Produktes im umgangssprachlichen Sinn verstanden, sondern auch die Entwicklung eines neuen Gedankens. Neu ist ein Gedanke im Sinne der Erweiterung oder gar Veränderung einer Sachstruktur. Gleichermaßen gilt dies für Entdeckungen und Erfindungen. Dabei unterscheidet man zwischen der objektiven und subjektiven Erfindung, bzw. der objektiven und subjektiven Innovation. Objektiv neu ist eine Entdeckung bzw. Erfindung dann, wenn sie überhaupt zum erstenmal gemacht wird, subjektiv neu, wenn das betreffende Produkt zwar bereits vorhanden ist, von einem einzelnen aber für sich entdeckt bzw. erfunden wird. Das trifft für Unterricht zu, in welchem Schüler für sich entdecken und erfinden können, was im objektiven Sinn bereits existiert.

Forschungsapekte des kreativen Verhaltens

Anlass für die in den USA fast fetischhaft am Intelligenzquotienten orientierte Psychologie, Kreativität zu erforschen, war die Erfahrung, dass trotz ausgefeilter Analyse- und Trainingsmethoden Leute mit hohem Intelligenzquotienten (IQ) nicht die erwarteten Leistungen erbrachten. Es musste also neben der Intelligenz noch etwas anderes für die Entwicklung neuer Ideen verwantwortlich sein. Zwei Psychologen machten sich an die Aufgabe: Victor Löwenfeld, der Kreativität auf dem Gebiet der Bildenden Kunst erforschte, und Guilford, der vom amerikanischen Verteidigungsministerium den Auftrag für eine solche Forschung erhielt. Unabhängig voneinander kamen sie zu den gleichen Ergebnissen. Bis in die 70er Jahre entwickelte sich daraufhin die Kreativtätspsychologie rasant.
Ich stelle die grundlegenden Ergebnisse dieser Forschung skizzenhaft vor:
Es gilt als unumstritten, dass Kreativität universal ist, d.h. dass jeder Mensch kreative Anlagen in mehr oder weniger ausgeprägter Weise und mit unterschiedlichen Begabungsrichtungen besitzt.
Was Kreativitätspsychologen anhand von Tests außerhalb des bildnerischen bzw. künstlerischen Bereiches nachgewiesen haben, will ich später anhand von bildnerischen Beispielen von Kindern und Jugendlichen belegen. Zuvor möchte ich aus didaktischen Gründen noch auf die drei unterschiedlichen Forschungsansätze verweisen.Man unterscheidet zwischen
- der kreativen Persönlichkeit,
- dem kreativen Prozess und
- dem kreativen Produkt.

Die kreative Persönlichkeit

Die kreative Persönlichkeit verhält sich gegenüber der Umwelt als besonders offen. Sie bemerkt Veränderungen rascher, vermag diese Wahrnehmungen deutlich zu strukturieren und umzustrukturieren, ist insgesamt kritischer, ist motiviert für Problemlösungen und zeigt dabei ein beachtliches Durchhaltevermögen, was eine hohe Frustrationstoleranz voraussetzt. Mit letzterem ist die Fähigkeit gemeint, Rückschläge bei der Entwicklung von Problemlösungen zu verkraften. Das setzt unter ande-rem voraus, dass Unsicherheit und die Mehrdeutigkeit komplexer Situationen ertragen werden können. Der kreative Mensch ist weniger von der Zustimmung seiner Mitmenschen abhängig als von dem erfolgreichen Abschluss seiner Problemlösungen. Er versteht es in der Regel, seine Einsichten, Entdeckungen oder Erfindungen mit geeigneten Mitteln zu präsentieren. Das hat jedoch, da es sich um Neues han-delt, nicht automatisch eine allgemeine Anerkennung zur Folge. In der Mehrzahl der Fälle begegnet der Kreative allgemeinem Unverständnis wenn nicht gar offener Feindseligkeit. Da er aber sich beharrlich um Verständnis bemüht, gilt der kreative Mensch oft als stur, verbohrt, unbelehrbar, als Phantast oder schlichtweg als verrückt. Die Beharrlichkeit liegt nicht zuletzt jedoch in einem hohen Verantwortungsbewusstsein begründet, das kreative Menschen gegenüber anderen in besonderer Weise auszeichnet. So kann er sich in einen für seine unmittelbare Umgebung lästigen missionarischen Eifer hineinsteigern. Von vielen wird deshalb der Kreative oft als aggressiv charakterisiert. So wird die kreative Persönlichkeit oft mit dem Etikett des Unsozialen versehen. 1997 hat Martin Schuster ein solches Verhalten bei Bildenden Künstler vor dem Hintergrund allgemeiner Ablehnung jeder Form von neuer Kunst beschrieben. "Für die erfolgreiche Präsentation der kreativen Idee braucht der Künstler also ein Bündel von Eigenschaften zwischen sozialer Unempfindlichkeit, Dickfelligkeit, Selbstherrlichkeit und Mut und Bereitschaft, sich und sein Leben für die Sache der Kunst einzusetzen:..." Martin Schuster, 1997, Seite 75
In der Schule hat man gleich mehrerer solcher Etiketten parat wie "frech", "aufmüpfig", "aus Prinzip dagegen", im günstigsten Fall vielleicht noch "extrem introvertiert".
Der Immunologe Fitz Melchers von Basler Institut für Immunologie charakterisiert seinen Schüler Georges Köhler, den bei ihm promovierten Medizin-Nobelpreisträger von 1984, als die typisch kreative Persönlichkeit. Man kann vermu-ten, dass der Umgang mit diesem nicht gerade einfach gewesen sein muss: "Köhler war sehr originell und zudem ein Mann mit experimentell ausgesprochen geschickten Händen." und "Von 100 Ideen waren 99 zum Haare ausraufen, aber die hunderste war genial." zitiert in: Badische Zeitung vom 30.November 1999, Seite 26


Der kreative Prozess

Ich nehme bei diesem Thema zwei Aspekte in den Blickpunkt:
den zeitlichen Ablauf des kreativen Prozesses
und die spezifischen Handlungs- bzw. Denkformen innerhalb dieses zeitlichen Ablaufes.
Zum ersten Punkt zitiere ich J.P. Guilford:
"Die Abhandlungen derjenigen, die versucht haben, ein verallgemeinertes Bild des kreativen Verhaltens zu entwerfen, stimmen weitgehend darin überein, dass der vollständige kreative Akt vier wichtige Stufen einschließt.
Diesem Bild entsprechend beginnt der schöpferische Mensch mit einer Periode der Präparation, die einer Prüfung des Problems und der Sammlung von Information oder Material dient. Dann folgt eine Periode der Inkubation, die wenig Fortschritt in Richtung der Ausführung zu bringen scheint. Aber man berichtet uns, dass, wenn auch unbewusst, Aktivität vorhanden ist. Schließlich kommt dann der große Mo-ment der Inspiration mit einer endgültigen oder halb endgültigen Lösung, oft von starker Gefühlswallung begleitet. Darauf folgt in der Regel eine Periode der Evaluation (Bewertung) und der Verifikation, in der der Schaffende die Lösung erprobt oder das Ergebnis im Hinblick auf seine Tauglichkeit oder seinen Wert überprüft." J.P. Guilford, 1971, Seite 28
Der Moment der Inspiration wird auch als das Eureka, bzw. Heureka-Erlebnis bezeichnet. Als Archimedes beim Baden das Prinzip des Auftriebs entdeckt hat, soll er ausgerufen haben: "heureka" (Ich habe es gefunden.)

kreativitätsspezifischen Handlungs- bzw. Denkformen:

Sensibilität, bzw. Problemsensitivität:

Die Voraussetzung, dass überhaupt ein Problem erkannt wird, ist eine gesteigerte Sensibilität, Probleme überhaupt zu spüren, zu empfinden und zu erkennen.

Divergentes oder divergierendes Denken

Diese Fähigkeit wird mit Begriffen wie assoziatives oder laterales Denken gekenn-zeichnet. Es ist nicht zielgerichtet, sondern eher vage, sprunghaft, fast träumerisch und in der Regel von einer Spontaneität bestimmt. "Als spontan bezeichnet man... ein Vorgehen, das sich ohne weiteres Nachdenken (aus dem Unbewussten) ergibt." Martin Schuster, 1997, Seite 68
Da Denken oft mit dem Fließen einer Flüssigkeit verglichen wird, eignet sich die Gießkanne, bei welcher das Wasser in viele Richtung versprüht wird, als anschauliches Beispiel für divergentes Denken.
Innerhalb des divergenten Denkens unterscheidet man Flüssigkeit und Flexibilität.
Unter Flüssigkeit versteht man die Fähigkeit, in möglichst kurzer Zeit viele Ideen zu produzieren, unter Flexibilität, die Fähigkeit, dabei ungewöhnliche Einfälle zu haben. "Neigt der Proband dazu, sich in alten Fahrbahnen zu bewegen, oder zweigt er bereitwillig in neue Kanäle des Denkens ab?" Guilford, a.a.O. Seite 33.
Flüssigkeit erfasst somit den quantitativen, Flexibilität den qualitativen Aspekt des divergenten Denkens.

Konvergentes Denken

Mit ihm ist das zielgerichtete, in logisch aufeinander aufbauenden Schritten verlau-fende, lineare, diskursive Denken gemeint. Mit der Beschreibung der einzelnen Komponenten des konvergierenden Denkens beziehe ich mich auf Victor Löwenfeld.

Analyse oder die Fähigkeit, das Bedeutungsvolle zu abstrahieren:

Mit dieser Fähigkeit spricht Löwenfeld einmal eine zunehmend bewusste Wahrnehmung an, die in der neueren Forschung als "Achtsamkeit" (Brodbeck) bezeich-net wird, zum andern aber auch die Fähigkeit, Gegenstände, d.h. auch Kunstwerke, zu analysieren und deren Bedeutung im strukturellen wie auch gesellschaftlichen Gesamtzusammenhang zu erkennen. "Symbolische Strukturen müssen oft zerlegt werden, bevor neue gebaut werden können" Guilford,a.a.O., Seite 68
(Obwohl Löwenfeld schon in den 50er Jahren die Bewertung nicht nur auf den Aspekt der Funktion bezog, sondern auch unter das Postulat ethischer Verpflichtung stellte, wurde im Verlauf der folgenden Jahrzehnte Kreativitätstraining - schon der Begriff ist entlarvend - auf eine ausschließlich formale Ebene beschränkt. In der neueren kreativitätspsychologischen und pädagogischen Literatur wird deshalb die Frage nach Folgen von Erfindungen und Entdeckungen immer lauter gestellt. "So wenig, wie allein die Machbarkeit und die Verkäuflichkeit eine Sache rechtfertigen, so wenig ist die Innovation an sich schon gut. Der Gedanke, verhäckselte und dehydrierte Tierkadaver an Vieh zu verfüttern, war äußerst "innovativ", aber eben auch monströs! Neue, weite und zugleich engmaschige Fangnetze, mit denen hochseetüchtige Trawlerflotten ein Vielhundertfaches der jahrhundertelang üblichen Fischmenge einholen, sind einmal eine willkommene Erfindung gewesen, aber sie schonen die Brut (beispielsweise) der Kabeljaus und Thunfische nicht, haben zur Unterbrechung der Nahrungskette und damit zur Entleerung ganzer Meere geführt und werden am Ende den Fischfang selbst zerstören." Hartmut von Hentig, 2000
Ein Beispiel ethischer Verantwortlichkeit bot Leonardo da Vinci bereits Anfang des 16. Jahrhunderts, als er das Prinzip des Unterseebootes entdeckte und Konstruktionszeichnungen anfertigte, diese jedoch wegen der schrecklichen Folgen nicht veröffentlichte.)

Synthese

"Unter Synthese verstehen wir die Vereinigung mehrerer Elemente zu einem neuen Ganzen." Guilford,a.a.O., Seite 68 Mit der Fähigkeit zur Synthese ist sowohl die Kombinatorik gemeint als auch die Organisation, die gleichermaßen auf inhaltliche wie formale Aspekte bezogen ist.

Gedächtnisspeicher, Kenntnisse, Fertigkeiten

In der Kreativitätspsychologie spielt der Begriff des overlearning (mehr lernen, als man im Augenblick braucht) eine entscheidende Rolle. Gemeint ist damit die Aneignung von Wissen (Gedächtnisspeicher), von Kenntnissen und Fertigkeiten. Doch warnt Karl-Heinz Flechsig zugleich vor dem Missverständnis, dass zunächst einmal Kenntnisse und Fertigkeiten erworben werden, um dann in einem zweiten Schritt sich der Förderung von kreativem Verhalten zuzuwenden. "Individuen, die kreatives Verhalten äußern sollen, bedürfen eines gesicherten Inventars an Mitteln und Fertigkeiten, welches komplex strukturiertes Verhalten erst ermöglicht. Wer neue Gedanken äußern will, muss die Sprachen, in denen er sich ausdrückt, beherrschen, auch das Genie bedarf des Handwerks. Die Tatsache, dass konventionelle Techniken Voraussetzungen für Kreativität sind, darf jedoch nicht dazu verleiten, letztere zu blockieren, dass elementare Fertigkeiten noch nicht hinreichend beherrscht werden." Flechsig 1972, Seite 208 ff.)

(Es "ergibt sich die allgemeine Schlussfolgerung, dass es für das Individuum, in welchem Informationsfeld auch immer es anstrebt, kreativ zu sein, wichtig ist, über ei-nen guten Vorrat von Informationen dieser Art, wie er durch Tests kognitiver Fähigkeiten in jenen Bereichen angezeigt wird, in seinem Gedächtnisspeicher zu verfügen. Diese Ableitung richtet unsere Aufmerksamkeit auf den Besitz eines Informationsüberflusses..." Guilford, a.a.O., Seite 144)

Zwischenfazit

Die Darlegung der beiden Formen des divergenten und konvergenten Denkens beschließe ich mit drei Zitaten, die aus unterschiedlichen Positionen aus dasselbe meinen.
Zunächst lasse ich den Betriebswissenschaftler und Kreativitätspsychologen Karl-Heinz Brodbeck zu Wort kommen:
"Was meinen wir eigentlich mit "denken"?... Beobachten wir uns einfach selbst im Alltag: "Ich habe eben daran gedacht, wie du gestern..." - "Ich überlege gerade, ob man nicht ..." - "ich denke, wie es wohl übermorgen sein wird, wenn ..." Dies sind Hauptformen unseren bewussten Denkens, so, wie wir es gewöhnlich verstehen: Wir erinnern uns, lösen Probleme oder machen Pläne und Modelle für die Zukunft. Daneben gibt es aber noch ganz andere Formen des Denkens. Wir erkennen sie an Formulierungen wie: "Ich war ganz in Gedanken versunken." - "ich habe ein wenig geträumt" - "Mir geht der Gedanke einfach nicht aus dem Kopf". Während wir beim aktiven Erinnern, beim Problemlösen oder beim Planen für die Zukunft unsere Achtsamkeit ganz in vergangene Situationen, auf einen Vorstellungsinhalt oder eine zukünftige Situation richten, finden wir uns beim Träumen, Herumdenken oder bei quälenden Gedanken in einer eher passiven Rolle, in der uns das Denken wi-derfährt." Karl-Heinz Brodbeck, 1999, Seite 115 ff.
Carl Einstein hat seine Vorgehensweise in der wissenschaftlichen Arbeit folgendermaßen beschrieben:
"Worte oder Sprache, wie sie geschrieben oder gesprochen werden, scheinen in meinem Denkmechanismus keine Rolle zu spielen. Die psychischen Einheiten, die im Denken als Elemente zu dienen scheinen, sind gewisse Zeichen und mehr oder weniger klare Bilder, die 'willentlich' reproduziert und kombiniert werden können... Die oben genannten Elemente sind, in meinem Fall, visueller und manchmal physischer Art. Konventionelle Worte oder andere Zeichen müssen erst auf einer zweiten Stufe mühsam gesucht werden, wenn das obengenannte assoziative Spiel genügend gefestigt ist und nach Wunsch reproduziert werden kann." Albert Einstein. Zi-tiert in: Arnheim, Rudolf: Visuelles Denken. In: Kepes, Gyorgy: Visuelle Erziehung. Brüssel 1967. Seite 12

Schließlich zitiere ich die Bildlegende des Blattes Nr. 43 aus dem Radierzyklus von Francisco José de Goya:
"Von der Vernunft verlassen erzeugt die Phantasie unmögliche Ungeheuer. Mit ihr vereint, ist sie die Mutter der Künste und der Ursprung der Wunder." Zyklus 'Los Caprichos'(Launen), 1797 -98, Radierung und Aquatinta. 216 x 152 mm

Kreativität in der Bildenden Kunst

Unabhängigkeit der Kreativität von Disziplinen und Gattungen

Die Erfindung der Glühbirne, die Entdeckung des Gesetzes der Schwerkraft sind kreative Leistungen, die jedermann einleuchten. Das heißt Kreativität wird in allen Bereichen menschlicher Tätigkeiten wirksam, sonst würde der Mensch heute noch in Höhlen hausen. Aber auch im zwischenmenschlichen Bereich kommt Kreativität dort zur Geltung, wo konventionelle Verhaltensweisen Probleme nicht mehr lösen helfen und neue Formen des Umgangs, bzw. der Konfliktbewältigung gesucht werden müssen.
Dass die Bildende Kunst im kreativen Prozess jedoch eine besondere Rolle spielt, kommt in den oben zitierten Texten, bzw. Äußerungen von Einstein und Goya insofern zum Ausdruck, als divergentes Denken weitgehend von Vorstellungsbildern bestimmt wird.
Im Folgenden sollen an einzelnen Beispielen der Bildenden Kunst Phasen des krea-tiven Prozesses gedanklich nachvollzogen, bzw. einzelne Komponenten kreativen Verhaltens konkret nachgewiesen werden.

Amorphes Material, bzw. amorphe Strukturen als Auslöser von divergentem Denken

Im Surrealistischem Manifest von 1924 gibt dessen Autor André Breton folgende Definition der damals neuen Kunstrichtung:
"Surrealismus, Substantiv, mas., reiner, psychischer Automatismus, durch welchen man, sei es mündlich, sei es schriftlich, sei es auf jede andere Weise, den wirklichen Ablauf des Denkens auszudrücken sucht. Denk-Diktat ohne Vernunft-Kontrolle und außerhalb aller ästhetischen oder ethischen Fragestellungen.
...Der Surrealismus beruht auf dem Glauben an die höhere Wirklichkeit gewisser, bis heute vernachlässigter Assoziationsformen, an die Allgewalt des Traumes, an das absichtsfreie Spiel des Gedankens. Er zielt darauf hin, die anderen psychischen Mechanismen zu zerstören und ihre Stelle einzunehmen zur Lösung der wichtigsten Lebensprobleme." André Breton. In: Patrick Waldberg 1965, Seite 7
Mit dieser Definition beschreibt André Breton exakt die Eigenschaften des divergie-renden Denkens, das zunächst an der Auslösefunktion amorphen Materials nachgewiesen werden soll. Dabei hilft eine Erfahrung, bzw. ein Spiel der Fantasie, das jeder Mensch seit seiner Kindheit kennt, die assoziative Ausdeutung von Wolken. Dazu schreibt der Traumpsychologe Kemper: "Unscharf konturierte, flüchtig wech-selnde Wolkenfetzen am Himmel ermöglichen dem Spiel unserer Fantasie, in ihnen zu gleicher Zeit ein bestimmtes Tier oder die geografischen Konturen eines Landes oder eine menschenähnliche Fratze und noch vieles mehr zu erkennen, während die mit fotografischer Treue wiedergegebene Reproduktion eines bestimmten Gegenstandes jede Vieldeutigkeit ausschließt." Werner W. Kemper 1956, Seite 74

Oscar Dominguez: Max Ernst: Faszinierende
Landschaft 1947 Zypressen, 1940

Oscar Dominguez hatte das Abklatschverfahren, die sog. Décalcomanie, erfunden. Auf eine Glasplatte wurde Farbe aufgetragen, darauf wurde ein Blatt Papier gelegt und abgezogen. Es ergaben sich dadurch bizarre Strukturen, die vergleichbar dem Wolkenspiel assoziativ ausgedeutet wurden. Dominguez griff danach nicht mehr gestalterisch in die Strukturen ein, sondern legte nur einen Ausschnitt fest. Im Gegensatz zu ihm deutete Max Ernst seine Décalcomanien, die er mit stark verdünnter Ölfarbe auf Leinwand herstellte, nachträglich noch aus, indem er seine Assoziationen malerisch ausführte.
Mit kreativitätspsychologischer Sprache formuliert kommt im Ausdeuten das diver-gente Denken, in der Auswahl des Ausschnittes, bzw. in der malerischen Realisierung der Assoziationen das konvergente Denken zur Geltung.
Auch die wohl bekannteste Methode, kreative Lösungen für ein Problem zu finden, das brainstorming, kann zum Vergleich herangezogen werden. Dem Ausdeuten entspricht die sogenannte green light stage, in der jeder Teilnehmer seine Gedanken äußern kann, ohne dass weder eine positive noch negative Bewertung stattfindet. Die gestalterische Verwirklichung wäre demnach identisch mit der red light stage, in der die Ideen auf ihre Brauchbarkeit und Realisierung hin überprüft werden.

Richard Riemerschmid: pietra dura: Landschaft in der
Wolkengeister, um 1900 Toscana, 17. Jahrhundert,
Künstler unbekannt

Bereits vor dem Surrealisten befassten sich einzelne Künstler des 19. Jahrhunderts mit der Ausdeutung amorpher Strukturen, wobei diese Strukturen aus der Wirklichkeit übernommen wurden wie Felsen, Dampf oder wie im Beispiel von Riemer-schmid die Wolken.
Besonders das Zeitalter des Manierismus und des Barocks liebten das assoziative Spiel, wobei deren Spielwiese vor allem das Kunsthandwerk war, wie das Beispiel der pietra dura belegt, einer Inkrustation unterschiedlicher Steine, deren Strukturen für die Darstellung von Wolken, Wälder, Wiesen und Felder verwendet wurden. Gelegentlich wurden auch in Achate oder auf geschliffenen Marmorplatten, welche die Assoziation von Wasser nahe legten, mit Ölfarbe Schiffe gemalt.
Als inzwischen klassisches Beispiel für das assoziative Ausdeuten amorpher Strukturen dient ein Text von Leonardo da Vinci, der auf die hämische Bemerkung von Boticelli, für eine Landschaftsmalerei bräuchte man nur einen mit Farbe getränkten Schwamm auf die Leinwand werfen, folgendermaßen in seinem Traktat der Malerei schrieb:
"Art und Weise, den Geist zu verschiedenerlei Erfindungen zu mehren und anzure-gen
Ich werde nicht ermangeln, unter diesen Vorschriften eine neuerfundene Art des Schauens herzusetzen, die sich zwar klein und fast lächerlich ausnehmen mag, nichtsdestoweniger aber doch sehr brauchbar ist, den Geist zu verschiedenerlei Erfindungen zu wecken. Sie besteht darin, dass du auf manche Mauern hinsiehst, die mit allerlei Flecken bekleckst sind, oder auf Gestein von verschiedenem Gemisch. Hast du irgend eine Situation zu erfinden, so kannst du die Dinge erblicken, die diversen Landschaften gleich sehen, geschmückt mit Gebirgen, Flüssen, Fel-sen, Bäumen, großen Ebenen, Tal und Hügeln in mancherlei Art. Auch kannst du da allerlei Schlachten sehen, lebhafte Stellungen sonderbar fremdartiger Figuren, Gesichtsmienen, Trachten und unzählige Dinge, die du in vollkommene und gute Form bringen magst. Es tritt bei derlei Mauern und Gemisch das Ähnliche ein wie beim Klang der Glocken: da wirst du in den Schlägen jeden Namen und jedes Wort wiederfinden können, die du dir einbildest.
Achte diese meine Meinung nicht gering, in der ich dir rate, es möge dir nicht läs-tig erscheinen, manchmal stehen zu bleiben und auf die Mauerflecken hinzusehen oder in die Asche im Feuer, in die Wolken, oder in Schlamm und auf andere solche Stellen; du wirst, wenn du sie recht betrachtest, sehr wunderbare Erfindungen zu ihnen entdecken. Denn des Malers Geist wird zu (solchen) neuen Erfindungen (durch sie) aufgeregt, sei es in Kompositionen von Schlachten, von Tier und Menschen, oder auch zu verschiedenerlei Kompositionen von Landschaften und von ungeheuerlichen Dingen, wie Teufeln u. dgl., die angetan sind, dir Ehre zu bringen. Durch verworrene und unbestimmte Dinge wird nämlich der Geist zu neuen Erfindungen wach. Sorge aber vorher, dass du alle die Gliedmaßen der Dinge, die du vorstellen willst, gut zu machen verstehst, - so die Glieder der lebenden Wesen, wie auch die Gliedmaßen der Landschaft, nämlich die Steine, Bäume und dergleichen." Leonardo da Vinci 1909, Seite 53
Was Leonardo da Vinci hier darlegt, dürfte wohl die früheste Anleitung für kreatives Verhalten sein. Höchst interessant ist dabei der Vergleich mit dem Glockenläuten, macht er doch damit darauf aufmerksam, das als Assoziation sich nur einstellen kann, was man als Bildvorstellung bereits in sich trägt. Die Schlussfolgerung lautet: Je mehr ästhetische Erfahrungen jemand besitzt, umso mehr Assoziationen können sich einstellen, bzw. umso reichhaltiger und komplexer sind die unbewussten Verknüpfungen der unterschiedlichen inneren Bilder.
Leonardo da Vinci verweist aber genauso nachdrücklich auf die Voraussetzungen des konvergenten Denkens, indem er feststellt, dass man zeichnen können muss: "Sorge aber vorher, dass du alle die Gliedmaßen der Dinge, die du dir vorstellst, gut zu machen verstehst,..."

Max Ernst: Im Stall der Sphinx, 1925, Frottage
Max Ernst hat die Entdeckung und die Anwendung der Frottage folgendermaßen beschrieben:
"Ich befand mich nun an einem regnerischen Abend in einem Gasthaus an der See. Da suchte mich eine Vision heim, die meinem faszinierten Blick die Fußbodendielen aufdrängte, auf denen tausend Kratzer ihre Spuren eingegraben hatten. Ich beschloss, dem symbolischen Gehalt dieser Heimsuchung nachzugehen und, um meine medidativen und halluzinatorischen Fähigkeiten zu unterstützen, machte ich von den Fußbodendielen eine Serie von Zeichnungen, indem ich auf sie ganz zufällig Papierblätter legte und diese mit einem schwarzen Blei rieb. Als ich intensiv auf die so gewonnenen Zeichnungen starrte, auf die dunklen Stellen und andere von zartem lichtem Halbdunkel, da war ich überrascht von der plötzlichen Verstärkung meiner visionären Fähigkeiten und von der halluzinatorischen Folge von gegensätzlichen und übereinandergeschichteten Bildern,..." (Max Ernst, zitiert in: Katalog. Stuttgart 1970, Seite 42)

(Für das assoziative Ausdeuten amorpher Strukturen liefert Paul Klee folgende Schilderung: "Im Restaurant meines Onkels, des dicksten Mannes der Schweiz, standen Tische mit geschliffenen Marmorplatten, auf deren Oberflächen ein Ge-wirr von Versteinerungsquerschnitten zu sehen war. Aus diesem Labyrinth von Linien konnte man menschliche Grotesken herausfinden und mit Bleistift festhalten. Darauf war ich versessen, mein "Hang zum Bizarren" dokumentierte sich (neun Jahre)." Paul Klee 1987, Seite 69)

Präformiertes Material als Auslöser von divergentem Denken, die Transformation

Unter präformiertem Material versteht man in der Kunst natürliche oder hergestellte Gegenstände, die vor ihrer künstlerischen Bearbeitung eine Form besitzen wie z.B. ein Ast oder eine Fahrradlenkstange.

Man Ray: "By Itself II, 1918 Man Ray: Ohne Titel, 1919
Holz, 60 X 19 cm" Airbrush-Verfahren mit Aquarell
Man Ray hat für dieses auf Holz
Objekt ein Teilstück einer
Zeichenmaschine für Architekten
Verwendet.

Was passiert eigentlich, wenn man ein Fundstück, ohne dass es in irgendeiner Wei-se bearbeitet wird, in einen Ausstellungsraum oder in ein Museum stellt? Abgesehen von dem Ortwechsel geschieht an und mit dem Objekt überhaupt nichts. Die Veränderung vollzieht sich im Betrachter. Dieser sieht einen Gegenstand, den er sonst in einem anderen Zusammenhang kennt, in einer neuen Umgebung. In die-sem neuen Kontext empfindet der Betrachter den an sich bekannten oder womöglich sogar vertrauten Gegenstand plötzlich als fremd. Es hat eine Verfremdung stattgefunden oder, wie die Franzosen sagen, ein Dépaysement, eine Entheimatung des Objektes.
Im Museum oder in einer Galerie hat der Gegenstand seine ursprüngliche Funktion verloren und wird zu einem ästhetischen Objekt, zu einem Objekt der Anschauung.

Die Verfremdung wird noch gesteigert, wenn der Gegenstand in ein anderes Material umgesetzt wird, bzw. wenn von ihm Abgüsse, Abdrücke oder Abreibungen gemacht werden. Automatisch findet mit einer materialen Verfremdung auch eine formale Veränderung, eine Transformation statt. Dies veranschaulicht der Vergleich des Objektes "By itself II" von Man Ray mit dem Bild, das mit demselben Teilstück des Zeichengerätes im Airbrush-Verfahren hergestellt wurde.

Südsudanesicher Getreidespeicher Max Ernst: Der Elefant von
Abbildung in einer Zeitschrift, die Celebes, 1921, Öl auf Leinwand
Max Ernst zu dem Gemällde "Der
Elefant von Celebes" anregte.

Anders als Man Ray ging Max Ernst mit dem zufälligen Entdeckung einer Abbildung eines südsudanesischen Getreidespeichers um. Er übertrug die Abbildung in eine Ölmalerei und kombinierte sie mit zusätzlichen Elementen, so dass ein ungewöhnli-ches, an einen Elefanten erinnerndes Bild entstand.
Nach demselben Prinzip entstanden die zahlreichen Gemälde von Giuseppe Arcimboldi im 16. Jahrhundert, der aus Fischen, Krebsen und Meerespflanzen eine Allegorie des Meeres, aus Früchten die Allegorie des Sommers und in derselben Weise noch viele andere allegorische Figuren gestaltete.
Gerade auf diesem Feld könnten noch zahlreiche Beispiele genannt werden. Zu den bekanntesten zählen wohl der Stierkopf von Picasso aus dem Jahr 1940, der aus der Kombination eines Fahrradsattels und einer Lenkstange besteht, und von demselben Künstler die Plastik "Pavian mit Jungen" aus dem Jahr 1942, dessen Kopf aus zwei aufeinandergestellten Spielzeugautos gebildet wird.


Horst Haitzinger: Ölmultis und Verbraucher, Karikatur in der Badischen Zeitung vom 1. Juni 1979
Karikaturisten arbeiten gerne mit Assoziationen. Der Benzinschlauch mit Füllstutzen wird in eine Schlange umgedeutet. Der Witz funktioniert deshalb, weil beide Bedeutungen " Benzinschlauch und Schlange " erkennbar bleiben.
Assoziationen entstehen durch formale Analogien. Schlauch und Schlange haben ähnliche For-men.

Die Funktion des Zufalls in der Bildendenden Kunst

Während der bisherigen Darlegung kam immer wieder der Zufall ins Spiel. Die Strukturen der Décalcomanie, die zufällige Entdeckung einer Abbildung eines afrikanischen Getreidespeichers usw. stellen jeweils einen Zufallsfund dar.
Was ist eigentlich die Ursache für die Aufmerksamkeit, die ein Künstler gerade die-sem oder jenem Zufall schenkt? Christian Kellerer gibt auf diese Frage eine plausible Erklärung. Seine These lautet: "Nichts ist Zufall " alles ist Zu-Fall, d.h. Zufall ist unbewusste Wahl." Er begründet seine Aussage mit den drei psychologischen Individualfaktoren der Erlebnisbereitschaft, des psychischen Bedeutungsgewichtes und der Assoziationstendenz.
Erlebnisbereitschaft zeigt generell jeder, der die Existenz des Zufalls anerkennt. Solche Menschen rechnen ständig mit unvorhersehbaren auf- und anregenden Be-gebenheiten, mit Risiken und Abenteuern. Besonders Pablo Picasso zeichnete sich durch eine hohe Erlebnisbereitschaft aus: "Ich suche nicht, ich finde.", sagte er und bekannte damit eine grundsätzlich offene Haltung gegenüber dem Zufall.
Das psychische Bedeutungsgewicht meint den Sachverhalt, dass nur das als Zufall bewusst wird, was für den einzelnen eine mehr oder weniger große Bedeutung be-sitzt. Alles andere ist belanglos und wird als Zufall überhaupt nicht wahrgenommen. Dazu ein alltägliches Beispiel: Jeden Samstag Morgen herrscht in den Zentren der Städte ein großes Gedränge. Die Tatsache, dass man viele Menschen trifft, ist kein Zufall, wohl aber jede einzelne Begegnung mit fremden Personen. Dennoch spricht man erst von einem Zufall, wenn man einen Bekannten trifft.
Das bedeutet: Erst wenn ein unerwartetes Ereignis für den einzelnen mehr oder weniger bedeutsam ist, spricht man von einem Zufall.
Ebenso macht auch in der Kunst erst das Bedeutsame ein unerwartetes Ereignis zum Zufall. Kellerer spricht von der "unbewussten Wahl". Das Unbewusste wird von C. G. Jung folgendermaßen definiert: "Alles, was ich weiß, an das ich aber mo-mentan nicht denke; alles, was mir einmal bewusst war, jetzt aber vergessen ist; alles, was von meinen Sinnen wahrgenommen, aber von meinem Bewusstsein nicht beachtet wird; alles, was ich absichts- und aufmerksamskeitslos, das heißt unbewusst fühle, denke, erinnere, will und tue; alles Zukünftige, das sich in mir vorbereitet und später erst zum Bewusstsein kommen wird; all das ist der Inhalt des Unbewussten." C. G. Jung 1963, Seite 169
In der Kunst kann das Zufallserlebnis persönliche Erfahrungen oder Probleme betreffen. Es erfüllt in diesem Fall eine symbolische Funktion. Der Zufall kann sich aber auch auf formale oder technische Fragen beziehen, mit denen sich der Künstler gerade auseinandersetzt. In diesem Fall handelt es sich um die von einem Interesse geleitete selektive Wahrnehmung. Dazu gibt es ein bezeichnendes Do-kument von Vincent van Gogh, dessen malerisches Interesse sich auch auf die verbrauchten Gegenstände und welke Natur richtete: "... heute bin ich an einem Ort gewesen, wo die Aschenmänner den Müll hinbringen. Donnerwetter, war das schön ... Morgen bekomme ich einige interessante Gegenstände von diesem Müllabladeplatz zur Ansicht oder als Modelle, wenn Du willst " unter anderem kaputte Straßenlaternen, verrostet und verbogen " der Aschenmann wird sie mir mit-bringen. Das wäre für ein Märchen für Andersen, diese Sammlung ausgedienter Eimer, Körbe, Kessel, Soldaten-Kochgeschirre, Ölkannen, Draht, Ofenrohre...
Heute Nacht werde ich wahrscheinlich davon träumen, aber vor allem diesen Win-ter tüchtig daran arbeiten. Wenn Du je in den Haag kommst, führe ich Dich mal hin und auch an ein paar andere Stellen " wahre Paradiese für den Künstler, so unansehnlich sie auch sind..." Vincent van Gogh in einem Brief vom Februar 1883 an den Freund G.A. Ritter von Rappard
Der Umgang der Künstler mit Zufallsfunden zeigt eine große Bandbreite.
- Präsentation: Der Fundgegenstand wird aus dem gewohnten Kontext he-rausgenommen und ohne verändernden Eingriff in einem Kunstraum aufgestellt, bzw. als Fotografie in einem Kunstbuch abgebildet. Beispiele: Man Ray: By itself II, 1918 (siehe oben!), Marcel Duchamp: Flaschentrockner, 1914; To-mi Ungerer: Tomi Ungerers Fundsachen (Buch), 1987
- Ausgestaltung/Umgestaltung: Der Fundgegenstand wird verändert. Beispie-le: Marcel Duchamp: fresh widow 1920; Man Ray: Ingres Violine; Andy Goldsworthy: Prinzip der Färbung von Steinen mit buntem Laub;
- Synthese: Collage, Montage, Assemblage. Beispiele : Picasso : Pavian mit Jungen, 1942; Max Ernst: Die heilige Cäcilie und das unsichtbare Klavier, Malerei; Giuseppe Arcimboldi: allegorische Darstellungen, 16. Jahrhundert; Paul Klee: Handspielpuppen aus Fundstücken wie Elektrischer Spuk, 1923, oder Zündholzschachtelgeist.

Vergleich einer Kreativitäts-Trainingsmethode mit künstlerischen Gestaltungsprinzipien

Kreativität ist derart komplex, dass man ihr von den unterschiedlichsten Standpunkten aus näherkommen kann. So soll das im Folgenden zitierte Checklistenverfahren der Kreativitätspsychologen Davis und Roweton auf Beispiele der Kunst und Bildwerbung angewandt werden.
"(1) Füge etwas hinzu und/oder ziehe etwas ab; (2) verändere die Farbe; (3) variie-re die Materialien; (4) arrangiere die Teile anders; (5) verändere die Gestalt; (6) verändere die Größe;; (7) modifiziere den Aufbau oder den Stil."
Beispiele
zu 1.): Max Ernst veränderte die Holzstichvorlagen des Romans "Les damnées de Paris" von 1882, indem er die Figuren fragmentierte oder ihnen Fragmente anderer Gegenstände hinzuklebte.
Zu 2.): Die Expressionisten setzten statt der Erscheinungsfarbe eine Ausdruckfarbe ein, so dass Gesichter gelegentlich grün gemalt wurden. In der Bildwerbung isteht für dieses Vorgehen die bekannte Lila-Kuh der Firma Milka.
Zu 3.) Magritte verlieh in einigen seiner Gemälden den Figuren den stofflichen Cha-rakter von Felsen. Claes Oldenburg nähte einen "Soft Typewriter" aus Wachstuch zusammen.
Zu 4.): Mit dem Stierkopf von 1940 hat Pablo Picasso Fahrradlenker und "sattel in einer neuen Weise kombiniert.
Zu 5.): Vor allem von Bildhauern des 20. Jahrhunderts wurde die menschliche Ges-talt auf unterschiedlichste Weise verändert. (Giacometti, Moore, Laurens usw.)
Zu 6.): Claes Oldenburgs banale Gebrauchsgegenstände erfahren eine Verfremdung durch eine enorme Vergrößerung, z.B. der Gartenschlauch in Freiburg.
Zu 7.): Pieter Brueghel nahm als Vorbild für sein Gemälde "Turmbau zu Babel" das Kolosseum von Rom. Indem er es sozusagen umgestülpt hat, ist die Struktur des Innenraums in seinem Bild an der Außenseite abzulesen.
Die Modifikation des Stiles ist in all jenen Nachgestaltungen zu erkennen, mit denen Künstler ein Gemälde eines anderen Künstlers neu interpretieren.


Ein Mädchen (3;3 Jahre) deutet In analoger Weise ist die automatische Zeichnung von
die zuerst aus einem absichtsfreien André Masson (1925) entstanden. Assoziationen, die sich
Kritzeln entstandenen Spuren als während des Kritzelns einstellten, sind mehr oder weniger
Wasser und setzt abschließend deutlich in der Zeichnung zu erkennen.
noch einen Seehund dazu.

Der kreative Aspekt im bildnerischen Verhalten von Kindern und Jugendlichen

Schon von der frühen Kindheit an können alle Fähigkeiten, die Kreativität konstitu-ieren, festgestellt werden: das Sammeln und Aufstellen von Fundstücken, das asso-ziative Ausdeuten von Kritzelzeichen und von Fundstücken, wobei die rein formale Ausgestaltung ebenso vorzufinden ist wie die inhaltliche Umgestaltung. Ebenso kombinieren Kinder und Jugendlichen mit den unterschiedlichsten Materialien und Fundstücken.

Kunstdidaktische Schlussfolgerung

"Wer Ziele hat, nicht aber sagen kann, was man zu ihrer Erreichung in einer für an-dere Menschen wenigstens teilweise nachvollziehbaren oder nachprüfbaren Wei-se tun kann oder soll, bekommt vielleicht noch attestiert, dass er Großes im Sinne habe, was sich aber wohl leider nicht durch Schule vermitteln lasse. Das sagt, wer so Großes will, wie die Literatur lehrt, meist auch selbst." Gunter Otto 1977, Seite 113
Lehrerinnen und Lehrer vertreten gelegentlich die Auffassung, dass Kunstunterricht per se schon kreatives Verhalten fördern würde. Das ist ein großer Irrtum. Kunstun-terricht kann im Gegenteil Kreativität sogar unterbinden, wenn z.B. divergentes Denken nicht nur nicht geübt, sondern sogar verhindert wird. Selbst Verfahren, die assoziatives Ausdeuten nahe legen wie die Décalcomanie oder Frottage fördern Kreativität nicht automatisch. Vielmehr müssen Phasen des assoziativen Ausdeu-tens als fester Bestandteil des Unterrichtsverlaufes berücksichtigt werden.
Nicht zuletzt ist das Lehrverhalten entscheidend. Konformitätsdruck, hohe Leis-tungserwartung und mangelndes Einfühlungsvermögen verhindern Kreativität. Da-gegen bereitet die wohlwollende Neugier, was da alles an Bilderfindungen im Klassenzimmer entsteht, eine günstige Atmosphäre für kreatives Denken und Han-deln.

Der zehnjährige Max beginnt seine Zeichnung zunächst mit der Absicht, die Stadt Kiel im Stil eines Landkartenbildes darzustellen. Der gestrichelte Ausschnitt zeigt eine Straße mit Parkplätzen. Da ihm die Zeichnung nicht gefällt, deutet er die Straße in ein Hausdach um und ergänzt die noch fehlen-den Teile des Hauses. Hier trifft die Redewendung zu: Not macht erfinderisch.
Auch Künstler kamen, wenn sie mit einem Entwurf eines Bildes oder einer Skulptur unzufrieden wa-ren, gelegentlich auf völlig neue Lösungen. So schlug z.B. Marino Marini eine Tonplastik zusammen, weil sie ihm nicht gefallen hatte. Das halb zerstörte Modell brachte ihn auf die Idee einer neuen Skulptur, aus der dann die "il miracolo"-Serie entstand.


Literatur:

Rudolf Arnheim: Visuelles Denken. In: Gyorgy Kepes: Visuelle Erziehung. Brüssel 1967.
Karl-Heinz Brodbeck: Entscheidung zur Kreativität. Primus Verlag Darmstadt, zweite Auflage 1999
Eberhard Brügel: Kunstpädagogische Anmerkungen zu den Komponenten des kreativen Verhaltens. In: H.G. Schütz und W. Schiementz (Hrsg.) Kunstpädagogi-sche Einsichten. Pädagogischer Verlag Burgbücherei Schneider. Baltmannsweiler 1987
Eberhard Brügel: Zufallsverfahren. In der Reihe Praxis Kunst. Schroedel Verlag, Han-nover 1996
Kunstverein Stuttgart (Hrsg.): Max Ernst. Katalog, Stuttgart 1970
Karl-Heinz Flechsig: Erziehen zur Kreativität. In: A. Flitner und Scheuerl (Hrsg.): Einfüh-rung in pädagogisches Sehen und Denken, München 1962
Hartmut von Hentig: Creator oder die Entdeckung eines Neuen Kulturprinzips (1966). In: Spielraum und Ernstfall, Klett Verlag Stuttgart 1969
Hartmut von Hentig: Kreativität - Hohe Erwartungen an einen schwachen Begriff. Beltz Verlag, Weinheim/Basel 2000
C. G. Jung: Erinnerungen, Träume, Gedanken. Zürich/Stuttgart 1963
Werner W. Kemper: Der Traum und seine Be-Deutung. Rowohlt Verlag, Reinbek 1977
Paul Klee. In: Ann Temkin: Klee und die Avantgarde 1912 - 1940. In: Kunstmuseum Bern (Hg.), Jürgen Glaesemer, Wolfgang Kersten, Ursula Traffelet (Red.): Paul Klee, Leben und Werk. Verlag Gerd Hatje 1987,
Ekkehard Mai (Hrsg.): Das Capriccio als Kunstprinzip. Skira editore, Mailand 1996
J.P. Guilford: Kreativität. In: Günther Mühle/Christa Schell (Hg.): Kreativität und Schule. Piper & Co. Verlag, München. 2. Auflage 1971
Gunter Otto: Didaktik der Ästhetischen Erziehung zwischen Kunst und Wissenschaft. In: G. Keusen (Hg.): Vortragsreihe Kunstpädagogik. Verlag M.P.O. Wölk, Senden-horst 1977
Martin Schuster: Künstlerische Kreativität - Der Versuch einer kreativen Auseinan-dersetzung. In Hans Rudolf Becher u.a. (Hg.): Taschenbuch Kunst Pädagogik Psy-chologie - Kunststandpunkte. Schneider Verlag Hohengehren GmbH, Baltmanns-weiler 1997
Tomi Ungerer: Tomi Ungerers Fundsachen. Hamburg. 1987
Leonardo da Vinci: Traktat von der Malerei, nach der Übersetzung von Heinrich Ludwig. Jena 1909
Patrick Waldberg: Der Surrealismus. DuMont Verlag, Köln 1965

Download: Gezielte Kreativitätsförderung im Kunstunterricht von E. Brügel PDF-Icon (870 KB)


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