Landesbildungsserver Baden-Württemberg - Begegnungen
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Begegnungen und Kunst – ein Projektbericht

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„Am Anfang hatte ich kein gutes Gefühl, denn es war für mich eine neue Erfahrung mit Menschen mit geistigbehinderten Menschen umzugehen.“ „Zuerst hatte ich eigentlich Angst, dass die Partner zu anders sein würden.“ Mit solchen oder ähnlichen Aussagen beschreiben die Schüler des Scheffel-Gymnasiums ihre Befürchtungen zu Beginn des Kunstprojekts, bei dem sie mit Schülern der benachbarten Schule für Geistigbehinderte zusammengearbeitet haben.

Die Tatsache, dass die Schulen sich räumlich zwar sehr nahe sind, bisher dennoch nur wenige gemeinsame Projekte stattgefunden haben, hatte uns vermuten lassen, dass vor allem die Schüler des Gymnasiums nur wenig Erfahrungen im Umgang mit den Schülern der anderen Schule hatten. Um dies zu verändern und auch den Schülern mit einer geistigen Behinderung ein neues Erfahrungsfeld zu erschließen, beschlossen wir ein gemeinsames Kunstprojekt durchzuführen.

Glücklicherweise konnten wir schnell Kontakt zu einer Kunstlehrerin des Gymnasiums herstellen, die Interesse an einem kooperativen Projekt hatte und bereit war, mit Ideen, organisatorischem Eifer und Zeit das Projekt mit voran zu treiben. Das so entstandene Vorbereitungsteam, bestehend aus der Kunstlehrerin und uns Sonderschullehreranwärtern, traf sich bereits einige Monate bevor das Kunstprojekt beginnen sollte, um Vorstellungen abzugleichen und zu überlegen, wie und in welchem Rahmen ein Kunstprojekt realisierbar wäre. Bei gegenseitigen Unterrichtshospitationen bekamen wir einen Eindruck von der jeweils anderen Schülerschaft. Dies war vor allem für die Gymnasiallehrerin wichtig, da sie bis zu dem Zeitpunkt nur wenig Erfahrung in der Zusammenarbeit mit Schülern einer Schule für Geistigbehinderte hatte. Aber auch für uns war es gut das Bild, das wir von einer sechsten Klasse des Gymnasiums hatten, an der Realität zu überprüfen. Aufgrund unserer Vermutung, dass die Schüler des Gymnasiums bisher nur selten in Kontakt mit Menschen mit einer geistigen Behinderung gekommen waren, planten wir für sie eine Informationsveranstaltung.

Bei dieser Informationsveranstaltung im Gymnasium stellten wir Schülern einer sechsten Klasse unsere Idee vor und gaben Informationen zum Thema Behinderung, besonders zur geistigen Behinderung sowie zum Sonderschulsystem. Auch wenn die Schüler bisher nur vereinzelt Kontakt zu Menschen mit einer geistigen Behinderung gehabt hatten, war das Interesse an dem Thema und das Interesse über eigene Bezüge und Erfahrungen zu berichten sehr groß. Während der Veranstaltung füllten die Schüler Fragebögen aus, auf denen sie ihre Ängste und Wünsche in Bezug auf das Projekt mitteilen konnten. Auf diese Äußerungen gingen wir bei einem Besuch der Schüler in der Georg-Wimmer-Schule ein. Im Anschluss an diesen Besuch konnten sich die Schüler entscheiden, ob sie an dem Projekt teilnehmen wollten. Uns war die Freiwilligkeit der Teilnahme sehr wichtig, da ein erzwungener Kontakt negative Einstellungen häufig noch verstärkt oder hervorruft. 18 Schüler entschieden sich für eine Teilnahme am Projekt.

Die neun Schüler der Georg-Wimmer-Schule, die wir für das Projekt ansprachen, besuchten alle die Hauptstufe. In persönlichen Gesprächen bereiteten wir sie auf das Projekt vor und gaben auch ihnen die Möglichkeit Wünsche und Bedenken zu äußern.

In dem Vorbereitungsteam verständigten wir uns darauf Kleingruppen zu bilden. Diese sollten aus zwei Gymnasiasten und einem Schüler mit einer geistigen Behinderung bestehen. Beim ersten Treffen ging es also neben einem ersten Kennenlernen auch um die Einteilung der Gruppen. Um zu vermeiden, dass die Gymnasiasten sich die Georg-Wimmer-Schüler auf Grund von Äußerlichkeiten auswählten, sollte dies nach dem Zufallsprinzip von statten gehen. Die Schüler der sechsten Klasse hatten sich schon im Vorfeld zu Paaren zusammengefunden. Jedes dieser Paare musste nun ein Seilende festhalten, die anderen Enden liefen alle bei einer Lehrerin zusammen. Die Schüler der Georg-Wimmer-Schule suchten sich nun ein Seilende aus, zogen daran und ‚angelten’ sich so ihre Partner.

Die 3er-Teams, die in dieser Konstellation bis zum Ende des Projekts bestehen blieben, haben sich aus verschiedenen Gründen als sinnvoll erwiesen: Sie ermöglichen einen engeren Kontakt zwischen den Teilnehmern der beiden Schulen. Der Kreis der Kontaktpersonen wird eingegrenzt, was vor allem für geistig behinderte Schülerinnen und Schüler wichtig ist. Unsicherheiten auf Seiten der Gymnasiasten konnten durch die Paarbildung teilweise aufgefangen werden. Zusätzlich war es vorteilhaft, dass im Krankheitsfall immer noch zwei Teammitglieder weiterarbeiten konnten.

Nachdem die Teams also gebildet waren, konnten sich die Schüler in einem Spiel kennen lernen und etwas über die Hobbys, Interessen und Hintergründe der anderen erfahren. Dabei stellten alle Teilnehmer fest, dass die Unterschiede gar nicht so groß waren wie vermutet.

Während der nächsten Treffen arbeiteten die Schüler gemeinsam an lebensgroßen Schattenrissen. Dazu stellten jeweils ein Gymnasiast und der Georg-Wimmer-Schüler des Teams eine Begegnungssituation dar, die mit Hilfe eines Tageslichtprojektors auf eine große Pappe geworfen wurde. Der Schattenriss wurde von dem zweiten Gymnasiasten abgezeichnet. Die so entstandenen Figuren wurden mit Teppichmessen ausgeschnitten und sowohl die Figuren als auch der übrig gebliebene Rahmen wurden einfarbig angemalt. Während mehrerer Treffen hatten die Schüler die Möglichkeit verschiedene Drucktechniken auszuprobieren (Köperdruck, Materialdruck, Papierdruck, Frottage). Die entstandenen Bögen wurden genutzt, um die Rahmen zu füllen. Dort, wo die Schüler die Figuren ausgeschnitten hatten, wurden nun die Drucke hinterklebt, sodass die Figuren wieder sichtbar wurden.

Mit der Auswahl des Themas und der Techniken wollten wir erreichen, dass die Schüler sachlogisch zusammenarbeiten (Frottagetechnik, Schattenrisse) und allen die Möglichkeit geben, unabhängig von ihren kognitiven Voraussetzungen, ähnliche Ergebnisse zu erzielen (Drucktechniken).

Die Arbeit in den 3er-Teams verlief sehr unterschiedlich. Einige Teams arbeiteten sehr harmonisch zusammen und benötigten fast keine Unterstützung durch uns Lehrer. In anderen Teams gab es Schwierigkeiten im Umgang mit dem Teampartner mit einer geistigen Behinderung. Häufig waren sprachliche Probleme die Ursache, aber auch das Verhalten der Schüler mit einer geistigen Behinderung verunsicherte die Sechstklässlern gelegentlich. In Gesprächen und durch die Vermittlung von Hintergrundwissen haben wir versucht, die Probleme aufzufangen. Eine Schülerin reflektierte dazu: „Ich wusste nicht, wie ich mit R. umgehen soll. Als ich begriffen habe, dass ich ‚normal’ mit ihr umgehen soll, tat ich das auch und so waren wir ein eingespieltes Team.“ In einem Team gab es so große Uneinigkeiten zwischen den beiden Gymnasiasten, dass einer der beiden zeitweise aus dem Projekt ausstieg.

Beim Abschluss-Treffen des Kunstprojekts konnten die Schüler, in lockerer und heiterer Atmosphäre mit Getränken und Knabbereien, die gemeinsame Arbeit bei einer Diaschau noch einmal Revue passieren lassen. Den geladenen Reportern der lokalen Presse gaben die Schüler bereitwillig Auskunft über ihre Arbeit und deren Entstehungsprozess. Wir haben jedem Schüler eine Urkunde überreicht, in dem die Teilnahme am Projekt bestätigt wird. Die Rückmeldungen, die wir dabei von den Teilnehmern erhielten, waren sehr unterschiedlich: Einige waren froh, dass das Projekt zu ende war: „Trotz allem war dieses Projekt nicht so wirklich unser Ding, um ehrlich zu sein fanden wir es sehr anstrengend.“ Die Schüler mussten immer wieder viel Verständnis und Rücksichtnahme aufbringen um sich aufeinander einlassen zu können. Dies hat sie viel Kraft gekostet. Dass auch die Sprache und Kommunikation zwischen den Schülern zum Teil problematisch war, spiegelt sich in der folgenden Schüleraussage wider: „Eigentlich fand ich das Projekt ganz okay. Zwar hätte mit etwas anderes als Schattenbilder besser gefallen aber es war akzeptabel.
Wir hatten leider auch Kommunikationsschwierigkeiten. Aus diesem Grund würde ich es nicht noch mal machen. Dennoch bin ich froh, dass ich an diesem Projekt teilgenommen habe, denn jetzt bin ich dadurch um eine Lebenserfahrung reicher.“ Andererseits waren viele Schüler auch traurig und haben nachgefragt, wann wieder so ein Projekt stattfindet: „Es hat total viel Spaß gemacht und man hat sich besser kennengelernt. Im Großen und Ganzen: gelungen!“

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