Landesbildungsserver Baden-Württemberg - Unterstützte Kommunikation - Nicht wann - sondern wie
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Nicht wann - sondern wie

nicht           wann         wie

......oder: Ich will das in meinem Kommunikationstagebuch festhalten.

Zur biographischen Arbeit mit Menschen, die unterstützte Kommunikationssysteme
beanspruchen

    Mädchen    Junge       Buch         Kommunikationstagebuch

 

Über die Lebenswirklichkeit eines körperbehinderten Menschen wurde schon viel geschrieben.
Wie aber kann der betreffende Mensch selbst handelnd dazu beitragen, dass seine Erlebnisse,
seine gelebte Wirklichkeit festgehalten und somit dokumentiert werden....

Mit Maren habe ich in den letzten Jahren schon viel erleben dürfen... und wir haben ja mit
dem Kommunikationstagebuch eine Möglichkeit gefunden, mit der Maren, ich und die
unmittelbare Umwelt gut leben können. (1)

Mittlerweile hat Maren schon 4 dicke Bücher über ihre letzten 4 Lebensjahre –
sie hat somit ihre Geschichte und kann auch jederzeit auf diese zurückgreifen.
Sie ist trotz der Schwere ihrer Behinderung in der Lage mit anderen Menschen
zu kommunizieren und ihnen mitzuteilen, was für sie - beispielsweise - am
letzten Montag wichtig war.

Da ja mittlerweile jede meiner 7 Schülerinnen (2) ein Kommunikationstagebuch
besitzt und alle regelmäßig darin ihre wichtigsten Tageserlebnisse festhalten,
werde ich immer wieder von Kollegen gefragt, wie wir in unserer Klasse
denn DAS überhaupt schaffen können, da wir Lehrkräfte doch immer
während des Schulalltages unter permanentem Zeitmangel und einem schier
nicht zu bewältigenden Arbeitspensum stünden.....

Für meine Klassenteammitglieder und für mich ergibt sich aus solchen
Gesprächen eigentlich stets die gleiche neue Fragestellung: Wenn wir
Professionelle nicht die Zeit finden um mit Menschen – egal mit welchen
Einschränkungen –zu kommunizieren , will meinen: das
Kommunikationstagebuch zu bearbeiten - tja, wer und wann dann...?

Vielleicht ist es an der Zeit unsere Vorstellungen von Unterricht
( also geplantem Lernen ) in und an der Arbeit mit Menschen mit
schwersten Beeinträchtigungen ( „Menschen mit basal
handlungsorientierter Lebensentwicklung“ ) hin und wieder tüchtig zu
überdenken....

Dank eines großen Zufalles werde ich mittlerweile auch von außen in
meinem Denken unterstützt.

Dieser Zufall brachte mich in engen Kontakt zu Franziska Schäffer, die
durch ihre langjährige schulpraktische Tätigkeit und Arbeit mit Schülern
mit ( basal-/elementar-/kreativ- ) pragmatischen Lebenskompetenzen
mir viele neue Impulse mit auf meinen täglichen Schulweg gab und gibt. (3)

Anhand eines Beispiels aus meinem Unterricht möchte ich versuchen
den Zusammenhang zwischen Anspruch auf Kommunikation,
Eingebundensein in Alltagssituationen und Entscheidungskompetenz
eines Menschen mit schwerer Behinderung aufzuzeigen.

 

Die Schüler meiner Klasse bereiten wöchentlich einmal einen Brotaufstrich
und einmal eine kleine, warme Speise zu. Diese Angebote gehören mit zu
den Höhepunkten der Schulwoche. Wir beginnen stets mit unserem
„Unsere Klasse kocht recht viel – Rap“. Alle, aber wirklich alle Schülerinnen
sind hoch motiviert, haben ihre Schürzen mit Hilfe angelegt, die Hände
gewaschen – und spätestens bei der Präsentation des Kochtopfes und
des Kochlöffels wissen alle, dass jetzt wieder ein lukullischer Hochgenuss
bevorsteht.

Maren signalisiert meist jetzt schon mit starkem Gestikulieren und eindeutigen
Blicken in die Richtung des Schrankes, dass wir unbedingt die digitale
Kamera brauchen werden, um die wichtigsten Zubereitungsschritte festzuhalten.

Nach diesen Vorbereitungen beginnt die Unterrichtsstunde

„Unser Traubentraum“

unserTraubenTraum

 

Grundprinzipien des Unterrichts:

  • aktives Einbeziehen einer jeden Schülerin beim Zubereiten von
    Getränken und Speisen
  • Förderung der verschiedensten Wahrnehmung im gustatorischen,
    olfaktorischen, taktil - haptischen, visuellen, akustischen, somatischen,
    vestibulären Bereich
  • Sich selbst als aktiv handelnde Person erleben bzw. Aktivierungshilfen
    an sich tolerieren
  • Impulse und Handlungen wiedererkennen und darauf reagieren
  • Selbst entscheiden, ob etwas gemocht wird oder nicht
  • Kommunikationsförderung

 

Phase

Unterrichtsschritte / Handlungsabläufe


Einstieg

und

Vorbereitung

Für alle Schülerinnen
- „Unsere Klasse kocht recht viel –Rap“

- Zutaten begreifen:

  • Trauben mit den Händen befühlen
  • Trauben waschen
  • Trauben riechen, schmecken
  • Sahnebecher umgreifen
  • Sahnebecher schütteln, Flüssigkeit hören
  • Sahnebecher öffnen, Sahne in eine Schüssel schütten, riechen und schmecken
  • Philadelphia-Käsepackung befühlen, drücken
  • Philadelphia-Packung öffnen, riechen und schmecken
  • Zuckertüte umfassen, halten, schütteln
  • Zuckertüte öffnen
  • Zucker auf die Handinnenfläche streuen, verreiben, riechen und schmecken
  • Salzpäckchen umfassen, halten, schütteln
  • Salzpäckchen öffnen
  • Salz auf die Handinnenfläche streuen, verreiben, riechen und schmecken
  • Zimtstreuer umfassen, halten und schütteln
  • Zimtstreuer öffnen
  • Zimt auf die Handinnenfläche streuen, verreiben, riechen und schmecken
  • ..... und vielleicht fällt jedem noch mehr dazu ein

 

Medien Kochtopf + -löffel, Trauben, Sahne,  Philadelphia-Käse, Zucker, Salz, Zimt, Schüssel,
Digitale Kamera, >Fotos !!


Für das Verständnis und das eigene Umsetzen dieses Unterrichts werden folgende
Überlegungen benötigt:

  • Schon hier ist für den Leser vielleicht zu erkennen, dass bei allem Tun Zeit keine Rolle spielen darf,
    dass man sie sich für die Schüler nehmen muss. Und noch etwas ist sehr wichtig – bei dieser Form
    des Arbeitens kommt man fast zwangsläufig weg vom so genannten Unterrichtsstundenraster.
    In unserem Arbeitsteam bemühen wir uns so oft wie möglich die „Fächer“ aus unseren Köpfen
    wegzudenken, dafür mehr fächerübergreifend, ganzheitlich und integrativ zu arbeiten....
  • Im Vorfeld überlege ich mir natürlich schon, welche Schülerin welche Teilaufgabe übernehmen soll.
    In der Regel stelle ich ihr jedoch zwei Teilaufgaben zur Auswahl .
  • Die individuelle Betätigungsmöglichkeit und das aktive Auseinandersetzen mit einem Material /
    Nahrungsmittel steht mit im Vordergrund.
  • Realgegenstände hinstellen, per Blickkontakt, Kopfwegdrehen oder Ja-Nein –Abfrage kann ein
    Schüler sich entscheiden, ob ihm die Erfahrung angenehm ist.
  • Mit mehreren Symbolkarten arbeiten und diese als Antwort auf eine Frage benutzen: Zeig mir,
    welche Zutat du willst.
  • Für einen schwerst beeinträchtigten und blinden Schüler in meiner Klasse trifft im Moment noch
    ein anderer Schüler die Auswahl.
  • Die adäquaten Symbole werden von mir oder mit Hilfe einer Schülerin am Tage zuvor am PC
    ausgewählt, ausgedruckt und laminiert.
  • Das handlungsbegleitende Sprechen möchte ich an dieser Stelle nur kurz erwähnen, da es für
    mich selbstverständlich ist, alle kommunikativ - sozialen Aspekte zu nutzen.
Phase

Unterrichtsschritte / Handlungsabläufe

Anmerkungen



Erarbeitung

 

  • Arbeitsmaterialien richten
  • Zutaten abmessen und abwiegen
  • Schüssel festhalten
  • Zutaten in die Schüssel füllen
  • Zutaten mit dem Handmixer verrühren
  • >>>> Einsatz eines BigMack
  • >>>> Einsatz eines Einfach-Sensors
    ( Round-Pad ) in Verbindung mit einem Netzschaltadapter
  • selbstbestimmtes Tun
  • probieren des Traubentraums mit dem Finger ( abschlecken )
  • Entscheidung treffen:
    schmeckt mir
    schmeckt mir nicht
    ich weiß nicht

 

Die beiden Schüler, für die es richtig und wichtig ist
„Mengen und Größen“ auf ihrem Stundenplan stehen
zu haben, bekommen ganz konkrete Aufgabenstellungen
wie Erlesen des nächsten Arbeitsschrittes – teils mit
Schrift, teils mit Symbolen, Umsetzung der
Mengenangaben - „Wieviel sind eigentlich 4 Esslöffel ?“...).

Kausale Zusammenhänge erkennen –
wenn Sensor gedrückt >>
dann funktioniert Handmixer.

Verschiedene Schüler, verschiedene motorische Aspekte:
Körperteil herausfinden, das am beständigsten,
schnellsten arbeiten und am wenigsten ermüden kann
>> Kopf, Hand, Knie,..

Medien Rezept, Schüssel, Sieb, Waage, Handmixer, esslöffel, Messer. Round-Pad, Netzschaltadapter, BigMack, Digitale Kamer, > Fotos !!



Entscheidung treffen: schmeckt mir / schmeckt mir nicht / ich weiß nicht

schmeckt mirschmeckt mir nichtich weiß nicht

 

Verschiedene Geschmacksrichtungen anbieten und probieren

- Vorlieben entwickeln oder ändern:

eher süß eher scharf eher sauer

Bei dieser Aufgabenstellung lassen sich unschwer die Feinschmecker
erkennen: Zunächst reagieren die Schülerinnen oft mit Kopfschütteln
oder Kopfwegdrehen, halten dann inne , schlecken die Speisenprobe
von ihrem Finger ab und.... lächeln, lachen, versuchen die Hand heranzuziehen.....

Wie in vielen anderen Klassen auch gestaltet sich die Nahrungsaufnahme
bei den einzelnen Schülern äußerst unterschiedlich: Sondenernährung
- passierte Kost - kleine Stücke essen können, die mit der Hand gereicht
werden - kleine Stücke essen können, die mit dem (Spezial-)Löffel gereicht
werden – abbeißen - kauen und schlucken.

Mit Angeboten wie dem hier vorgestellten Brotaufstrich werde ich aber
jeder einzelnen Schülerin der Klasse gerecht:

Der Schüler mit der Sonde kann alle Zutaten mit der Zunge schlecken,
die anderen essen den Aufstrich wie eine Quarkspeise, und 2 Schüler
können den Aufstrich mit leckerem Brot genießen.

Da wir verschiedene Aufstriche zubereitet haben und diese im Kühlschrank
für ein paar Wochen gut haltbar sind, können die Schülerinnen beim Frühstück
mitunter zwischen 2 oder 3 Aufstrichvarianten auswählen:
Lukullische Olivencrème, Salamiaufstrich, Möhren-Zucchini-Crème, ...

Phase

Unterrichtsschritte / Handlungsabläufe

Anmerkungen

 

Dokumentation

 

  • Gruppenbildung und Arbeitsteilung
  • Festhalten in den    Kommunikationstagebüchern:
  • 2 Schüler lesen mit einem Teammitglied die Fotos am PC ein, legen Seite in Publisher an
  • die anderen 5 Schülerinnen bereiten Arbeitsmaterialien (ggf. mit Assistenz) vor: Tagebücher, Scheren, Klebestifte, Buntstifte
  • Auftrag an alle: Intensivierung der aktiven Teilhabe und Entscheidungsfindung > welches Foto / welches Symbol / mit wem möchte ich mein Buch bearbeiten

 

Auswahl von Symbolen und/oder Fotos per Hinschauen und/oder Abfragen; Folie vom Käse und/oder Schmirgelpapier oder aufschäumendes Papier (Thermopapier) mit Symbolkonturen zum Abtasten (für blinden Schüler)

Schluss Gemeinsames gegenseitiges Vorstellen der eigenen Unterrichtsergebnisse mit Hilfe der Kommunikationstagebücher Rückführung der individuell erarbeiteten Inhalte in die Gesamtheit des Klassenthemas
Medien PCS-Symbole, Vorgabe von entscheidungsmöglichkeiten, Kommunikationstagebücher

Zusammenfassung:

Häufig denken wir, wir wüssten, was den Schülerinnen gefällt, was ihnen Spaß macht...

Wir vergessen dabei oft, dass alle Schülerinnen selbst äußern können, ob etwas
für sie angenehm ist oder nicht, ihnen etwas missfällt oder nicht. In meiner Klasse
können zwei Schüler dies verbal mitteilen, einige nutzen unterstützte
Kommunikationssysteme, bei denen wir uns auf das Verständnis der Mitteilungen
konzentrieren müssen, während wir bei anderen Schülerinnen sehr viel Geduld und
Zeit benötigen um ihre Äußerungen zu verstehen. Kommunikation findet immer in
den verschiedensten Formen statt: Eingesetzt werden kann Atmung,
Körperbewegung, Mimik, Gestik, Laute und stimmliche Sprache.

Fazit: Jeder Mensch kommuniziert.

Die Kommunikationstagebücher bilden eine Hilfe dafür die Wünsche und den
Willen der Schülerinnen festzuhalten und sie für andere Menschen verständlich
zu machen.

Das eingeklebte Foto, das eingeklebte Symbol, die ausgeschnittenen Zeitungsbilder
oder aber das Handgeschriebene der Bezugsperson enthält für meine Schüler eine
große persönliche Bedeutung. Außerdem können sie mit Hilfe ihrer
Kommunikationstagebücher andere Menschen an der gelebten Vergangenheit
teilhaben lassen. Diese fragen nach, lesen vielleicht noch einmal vor, blättern nach...

Der Zeitrahmen für die o. g. Form der Dokumentation (das Festhalten von für den
einzelnen Schüler wichtigen Unterrichtsinhalten) umfasst meist einen ganzen Schulalltag...
Es ist eine zeitintensive Arbeit, die Menschen mit schwersten Beeinträchtigungen dazu
verhilft, anhand der individuell bevorzugten Kommunikationsform Lebenssituationen
reflektieren zu können, die nicht nur in der Gegenwart und – antizipatorisch – in der
Zukunft stattfinden (werden), sondern die wie bei allen Menschen auch aus der
Vergangenheit erinnert werden können.


Ingeborg Frindt

Im Oktober 2004

P.S.: Für alle, die es ausprobieren möchten, hier das Rezept von link intern  „Unser Traubentraum“

 

1. Ingeborg Frindt "Auf der Suche nach Verständigung - das Kommunikationstagebuch", in: Unterstützte

    Kommunikation 4/2003 und in Sonderpädagogische Förderung 3/2004

2. Um Menschen weiblichen und männlichen Geschlechts gleichermaßen zu respektieren und dem Leser gleichzeitig 

    die doppelte Lesart der Bezeichnungen zu ersparen, erfolgt deren Nennung nach dem Zufallsprinzip.

    Franziska Schäffer "Eine persönliche Erklärung", in: Sonderpädagogische Förderung 2/2003

 

"The Picture Communication Symbols (PCS) (c) 1981-2004 Mayer-Johnson, Inc., (c) Deutsche Übersetzung 1992-2004
REHAKOMM, Peter Jacobi, Mit freundlicher Genehmigung." Mayer-Johnson, Inc. P.O. Box 1579 Solana Beach,
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