Auf der Suche nach
Verständigung:
Das Kommunikationstagebuch
"Das Hauptziel der Unterstützten Kommunikation ist
die Erweiterung und
Verbesserung der gegenseitigen
Verständigung." Dieser Satz begleitet mich
nun schon sehr
lange Zeit und stellt alltäglich neue Herausforderungen an all
diejenigen Personen, die damit konfrontiert werden.
Um diesem Ziel ein Stück weit näher zu
kommen, bedarf es eines möglichst
genauen Wissens
über die Gedanken, Wünsche und Vorstellungen der
Schüler/innen.
"Da sich viele körperbehinderte Schüler
sprachlich nicht oder nur unzureichend
ausdrücken
können, muss ihnen die Möglichkeit gegeben werden,
ihre
Äußerungen nichtsprachlich ( z.B. durch Gestik
u. Mimik) und handelnd darstellen
zu können."
(Empfehlungen
für den Unterricht in der Schule für
Körperbehinderte ( Sonderschule ) ).
Je mehr der Mensch in seiner Kommunikationsfähigkeit
eingeschränkt ist, umso
schwieriger gestaltet sich die
Teilhabe am Leben
![]() Maren, nicht sprechend, starke Athetose |
Maren unterrichtete ich seit dem Schuljahr 1998/99 gemeinsam
mit zwei
anderen Schülern mit schwerer Behinderung in einer
integrativen Klasse
innerhalb unserer Schule für
Körperbehinderte mit den Bildungsgängen
Grund- und
Hauptschule, Förderschule und Schule für
Geistigbehinderte.
Die Differenzierungsstunden orientierten sich an den
Lernbedürfnissen
der Schülerinnen und
Schüler, einige Unterrichtsstunden konnten im
Klassenverband
erteilt werden und hatten einen besonderen Stellenwert
im Sinne des
gemeinsamen Handelns und gegenseitigem Rücksichtnehmens
(v.a.
die Stunden der "Bildenden Kunst"/ "Gestalten mit Material").
Die Angebote meiner Differenzierungsgruppe, der Maren
angehörte,
erfolgten anhand des "Bildungsplanes der Schule
für Geistigbehinderte
(Sonderschule)" des Landes Baden -
Württemberg. Im Mittelpunkt standen
Kommunikationsangebote mit
Hilfe von Symbolkarten (Picture Communication
Symbols = PCS ), Ja -
Nein - Tafeln und einfachen, für jeden Schüler
individuell erstellten Kommunikationstafeln.
Für Maren stand dann ab Januar 2000 ihr "Ich-Buch"
mit dem Charakter der
Beschreibung der Schülerin im
Vordergrund, z.B. Ich bin Maren, Ich wohne in...,
Ich spiele gerne....
Gleichzeitig wurde eine neu überdachte Kommunikationstafel
an
dem Rollstuhltisch angebracht. Beides diente als ständig
verfügbares und
einzusetzendes Kommunikationsmittel. Neue
Überlegungen standen im Raum,
nämlich eine Probephase
mit einem Talkereinsatz ( Alpha - Talker ) .
Und: es wurde geprobt und angesteuert... Aber: unsere
Zwischenerfahrungen
zeigten uns, dass die Ansteuerungsproblematik kaum
lösbar war.
Einer der vielen Ansprüche an Kommunikation muss auch
lauten:
Welcher Aufwand ist machbar, kann tatsächlich
realisiert werden,
um Kommunikation zu ermöglichen?
Dennoch war der Einsatz eines Talkers ein von allen gesetztes
Ziel für Maren,
wobei sich im Laufe des Jahres 2000 heraus
kristallisierte, dass Marens
kognitive und motorische
Fähigkeiten durch ihre massive Bewegungseinschränkung
nicht ausreichten, um das gesteckte Ziel zu erreichen....
Im Laufe des - kommunikativen - Förderprozesses war
die Erkenntnis eingetreten,
dass trotz hoher Motivation auf Seiten der
Schülerin die Bedienung / Benutzung
herkömmlicher
Kommunikationssysteme nicht das vorrangige Ziel sein konnte.
Erschwerend kam hinzu, dass durch häufige
Unterbrechungen der Fördereinheiten
(Krankheiten mit
längeren Abwesenheitsphasen) kleinste Ansätze von
Ansteuerungsmöglichkeiten wieder verloren gingen.
Maren
reagierte sichtlich unzufrieden, konnte auch "ja" " nein" nicht mehr
gezielt einsetzen...
Zwischenzeitlich wurden Maren und ich mit neuen Hinweisen und
Tipps seitens Kollegen
"überschüttet": Langfristig
sollte das Ziel sein, dass ein elektrischer Rollstuhl per
Kopfschalter
zu bedienen sei !!!
Auch der "Alpha - Talker" wurde erwähnt.
Obwohl Maren mir immer wieder
"mitteilte", dass sie das nicht
könne, machten wir uns gemeinsam an eine
Intensivierung von
Schalter-/ Sensoreinsätzen im Unterricht heran.
Dass Maren
einen Fön alleine per linkem Kopfschalterdruck
auslösen und
somit ein Pustebild gestalten konnte oder einen
Mixer in Gang setzen konnte,
um Pudding anzurühren, war
kurzfristig toll und relativ erfolgreich. Maren hatte
die
Aufmerksamkeit der Mitschüler und Lehrer, sie konnte sich
aktiv in den
Unterricht einbringen. Aber - war das die
gesuchte Kommunikationsform?
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Parallel zu allen Unterrichtsvorhaben und Gedanken
bezüglich eines adäquaten,
an den
Bedürfnissen von Maren orientierten Kommunikationsmittels,
besuchte
ich ständig Fortbildungsangebote zum Themenfeld
Kommunikation.
Aus verschiedenen Erfahrungsaustauschen wurden für
mich zwei zentrale
Punkte bedeutsam:
-
Ein nicht sprechendes Kind hat keine Vergangenheit, weil es
nichts von sich erzählen kann.
- Situationen und Möglichkeiten, die
vorhanden sind, sollen
verstärkt genutzt werden.
Aus diesen beiden Punkten heraus begannen wir im März
2001 - mit Einwilligung
der Schülerin und ihrer Eltern - mit
dem Kommunikationstagebuch .
Ich schrieb den Eltern ins Kontaktheft: "Wir sind stets auf
der Suche nach neuen
Formen der Kommunikationshilfen für
Maren. Wir würden gerne ein
Kommunikationstagebuch
für Ihre Tochter anlegen, sodass sie auch in der Lage
wäre, von Vergangenem zu berichten, sie selbst entscheiden
kann, was ihr wichtig
erscheint. Das heißt, dass wir Sie zu
Hause auch mit einbeziehen müssten/dürften.
Sie
würden von uns PCS - Symbole zum Einkleben erhalten,
könnten aber auch
andere Formen wählen ( Schrift,
Zeitungsartikel, Fotos,...). Das Tagebuch geht
heute schon mit "
würden Sie uns bitte mitteilen, ob Sie für diese Form
des
besseren Verstehens von Maren auch wären?" Am folgenden
Tag stand im
Kontaktfheft: "Eine tolle Idee mit dem Tagebuch! Wir
werden uns bemühen
mit Maren zusammen etwas zu
erzählen."
Die Anfänge mit dem Tagebuch:
Von nun an nahm/nimmt das Kommunikationstagebuch den
größten Stellenwert in
Marens Alltag ein. Dieses
Kommunikationstagebuch ist ein sogenannter Chefkalender,
der oft als
Werbegeschenk für Kunden, z.B. von Banken, verteilt wird. Die
tägliche
Bearbeitung mit von Maren ausgewählten PCS -
Symbolen, Bildern, Druckarbeiten
(Schrift) ist von höchster
Bedeutung und wird von ihr mit Nachdruck gefordert.
Das Kommunikationstagebuch wurde auch im Klassenverband zum
Mittelpunkt von
Erzählanlässen und regt die
Mitschüler stets zum Mitdenken, Nachfragen und Vorlesen
an.
Maren wiederum machte " zum ersten Mal" die wichtige Erfahrung, dass
andere
Personen Interesse an ihrer Lebensgeschichte hatten.
Innerhalb der Differenzierungsgruppe wurde das System
"Kommunikationstagebuch"
auch für sprechende Schüler
erweitert, die den Wunsch äußerten "Ich will auch
ein Buch".
Bekim, ein Mitschüler von Maren, arbeitet seither
an einem Kommunikationswochenbuch,
in dem er die für ihn
wesentlichen Unterrichtsgeschehnisse festhält. Bilder, mit
einer digitalen
Kamera erstellt, wählt er aus, klebt sie ein,
diktiert den Lehrern die Kommentare und fängt
nun mit Hilfe
seines Buches an sich für Schrift zu interessieren ("Ich will
lesen"). Daniel,
ein weiterer Mitschüler, kann lesen und
einfache Texte schreiben und hat seither ein
Jahresbuch, in welches er
freie Texte schreibt und mit Bildern belegt.
Gerne und ausdauernd schauen sich nun die Schüler -
auch im "Talkertreff", einem
regelmäßigen
unterrichtlichen Treffen von nicht sprechenden Schülern der
Schule -
ihre Kommunikationsbücher gegenseitig an, lesen sich
vor und sind gemeinsam aktiv.
Maren genießt hierbei die volle
Aufmerksamkeit ihrer Mitschüler.
Schnell wurde die Tendenz erkennbar, dass die
Talkeransteuerung nicht mehr im
Mittelpunkt steht, dass ein
Sensoreinsatz, wo immer möglich, genutzt wurde und
Maren ihr
Kommunikationstagebuch als wichtigstes Kommunikationsmittel benutzte.
Im Unterricht konnte ich beobachten, dass der
Aktivitätspegel bei allen - besonders
bei Maren - hoch
schnellte und als großer positiver Nebeneffekt eine
Zufriedenheit
bei allen Beteiligten in den Vordergrund rückte.
Schon zu diesem Zeitpunkt zeichnete sich ab, dass diese Form
der Unterstützten
Kommunikation eine
äußerst zeit- und arbeitsintensive Methode
darstellt, auch unter
den Aspekten der selbstkritischen Hinterfragung,
der permanenten Suche nach
Optimierung und der
Überprüfung von neuen, von außen
angebotenen elektronischen
Kommunikationshilfsmitteln, wie z.B. ALADIN
.
Die Differenzierungsgruppe wuchs im Laufe des Schuljahres
2001/02, da es sich zeigte,
dass auch andere nicht sprechende
Schüler/innen von dieser Arbeitsform profitieren
könnten. Offensichtlich wurde eine neue Form der Interaktion
zwischen Kind
( Schüler ) - Lehrer - Eltern in allen
Richtungen sichtbar.
Seit dem Schuljahr 2002/03 wird die nun auf sechs
Schüler/innen gewachsene Gruppe
aus
sonderpädagogischen und organisatorischen Gründen als
eigenständige Klasse
von mir und einem riesigen Team, aber
kleinem Stammteam, geführt.
Vier nicht sprechende, schwerst behinderte
Schüler/innen haben je ein eigenes
Kommunikationstagebuch, ein
Schüler besitzt ein Kommunikationswochenbuch und ein
weiterer
( s.o. ) bearbeitet sein Kommunikationsjahresbuch.
Die Eltern der betreffenden Schüler/innen
äußerten den Gedanken, dass wir nun eine
"Kommunikationsklasse" sind und sehen Vorteile für ihre Kinder
und sich selbst darin.
Eine Mutter erklärte auch, dass sie nun endlich auf
die Frage der Mitmenschen
"Was macht dein Kind eigentlich in der
Schule?" eine Antwort geben kann und
dieses mit dem
Kommunikationstagebuch für Außenstehende auch
belegen kann.
Das bedeutet, dass die Eltern dieser
Schüler/innen für sich und die Umwelt sehen,
dass in
der Schule sinnvoll und an/mit den Möglichkeiten der
Schüler/innen gearbeitet
wird.
Gleichzeitig ist für alle Beteiligte erkennbar
geworden, dass es motivationale Veränderungen
gegeben hat. Die
Zeiten der Aufmerksamkeiten haben sich gegenüber den Zeiten
der Passivitäten deutlich erhöht.
Folgerungen für die Arbeit im Unterricht:
Für die tägliche Unterrichtsvorbereitung ist
es unumgänglich über die Bedürfnisse,
Wünsche
und Neigungen der Schüler/innen genau
Bescheid zu wissen (s.o.). Ein reichhaltiger Fundus
an Prospekt-,
Zeitungs-, Katalogmaterial ist dringend notwendig. Darüber
hinaus sollten der
Wochenablauf und die möglichen
Unterrichtsinhalte mit Hilfe von PCS - Symbolen oder
ähnlichen
Materialien geplant und vorbereitet werden. Die Auswahl dessen, was in
die
Kommunikationstagebücher soll, liegt bei dem jeweiligen
Schüler. Bei einigen sieht die
Auswahl so aus, dass sie durch
hin- bzw. wegschauen die Symbole und Bilder bestimmen
(symbolische
Kommunikation), andere wählen ihr Informationsmaterial mit
Fotos der digitalen
Kamera am Computer aus, wiederum andere werden
zurzeit aktiv beim Schneiden und Kleben
mit einbezogen ( basale
Kommunikation ). Jeder nutzt seine
Möglichkeiten....
Ganz wichtig hierbei ist immer der Aspekt aus der Sicht des
Schülers "Was habe ich heute
erlebt,
was ist für mich wichtig?"
Fazit:
Mit dem Einsatz eines Kommunikationstagebuches kommen wir dem
Ziel der Unterstützten
Kommunikation, der Erweiterung der
Kommunikationsfähigkeit und einer Verbesserung der
gegenseitigen Verständigung näher.
Durch den täglichen Einsatz ihrer
Kommunikationstagebücher werden den Schüler/innen
Kommunikationserfahrungen ermöglicht, die in einem anderen
Unterrichtsablauf nur selten
gegeben sind. Je mehr Informationen der
Schüler in seinem Kommunikationsbuch zur
Verfügung
hat, umso mehr hat er "Vergangenheit", umso mehr können wir
uns gemeinsam
austauschen, uns etwas erzählen. Auch "Zukunft"
wird vorstellbar, greifbar, z.B. beim
Vorausblättern.
Gleichzeitig haben alle am Schüler/Kind Tätigen die
Chance miteinander
zu kommunizieren und sich dadurch mit dem System der
Unterstützten Kommunikation ein
Stück weit zu
identifizieren. Dies hat zur Folge, dass jeder, der in der
Kommunikationsklasse
am Unterrichtsgeschehen beteiligt ist,
selbstverständlich an dem Prozess des Bearbeitens des
Buches
mit dem Schüler mitarbeitet und über die
Möglichkeiten des Einsatzes von technischen
Mitteln wie PC,
digitale Kamera usw. Bescheid weiß.
Weiterhin bedeutet diese Form von Unterricht ein Umdenken im
Hinblick auf Stundenplan/
Unterrichtstafel. Kommunikation findet immer
statt und steht in dieser Klasse absolut im Vordergrund.
Die Durchführung der Unterstützten
Kommunikation, hier der Er- und Bearbeitung von
Kommunikationsbüchern, ist so vielfältig, dass
für nahezu jeden behinderten Menschen
zumindest Teilaufgaben
hinzukommen und sie sich als selbst handelnde, teilhabende
Personen
erleben können (ausschneiden, kleben, halten, zeigen).
Je mehr der Schüler in seinen Aktivitäten aufgrund der Schwere seiner Behinderung beeinträchtigt ist, umso mehr ist er vielleicht auf diese Form der Kommunikation angewiesen.
Zum jetzigen Zeitpunkt " März 2004 " existiert für die Schülerin Maren ihr Kommunikationstagebuch bereits seit drei Jahren. Durch den jederzeit möglichen Zugriff auf die Kommunikationstagebücher der vergangenen drei Jahre ist auch ein Zugriff auf die Lebensgeschichte des nicht sprechenden Kindes möglich.
Nicht nur die Eltern und wir Lehrer können dadurch auf Erlebtes und Dokumentiertes zurück greifen, sondern vor allem kann die nicht sprechende, körperlich schwer beeinträchtigte Schülerin auf ihr Leben zurück blicken und dieses für die Zukunft auch planend mitgestalten: "Da habe ICH das gemacht, das möchte ICH noch einmal tun."
Diese Kommunikationsform könnte ich mir auch
für das Leben nach der Schulzeit gut vorstellen.
Mich
persönlich beschäftigt in jüngster Zeit auch
die Situation der älteren/alten Menschen mit
hohem
Pflegeaufwand, die ihre Verbalsprache verloren haben. Diese
könnten durch ein aktiveres
Kommunikationsmodell ( Festhalten
von Situationen, Festhalten ihrer Bedürfnisse) eine
sinnvollere
Lebenserfüllung finden.
Mit dem ( Unterrichts - ) Angebot des Kommunikationstagebuches bin ich den Ansprüchen der nicht sprechenden Menschen nach Partizipation, selbstbestimmten Handeln, Selbstverwirklichung und der Zusammenarbeit mit dem sozialen Umfeld ein großes Stück näher gekommen.
Wir haben lange mit Maren gesucht - und mit dem Kommunikationstagebuch haben wir etwas Sinnvolles gefunden.
Ingeborg Frindt - Lerchenstraße 3 - 78141 Schönwald
- Fachoberlehrerin an der Schule
für Körperbehinderte ,78048 Villingen-Schwenningen -


