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Buch des Monats August 2014

Antonia Michaelis - Nashville oder Das Wolfsspiel (ab 16 Jahren)


Antonia Michaelis:

Nashville oder Das Wolfsspiel



Verlag Friedrich Oetinger, 2013

ISBN: 978-3-7891-4275-8
gebunden, 480 Seiten

Altersempfehlung: ab 16 Jahren
Ersterscheinung: Juli 2013

Die 18-jährige Svenja zieht zum Medizinstudium nach Tübingen. Das erste Semester hat sie in Leipzig studiert und dabei noch daheim bei ihren Eltern gewohnt. Beim Einräumen ihrer ersten eigenen Bleibe, einer kleinen, möblierten und etwas heruntergekommenen Wohnung in der Tübinger Altstadt, genießt sie das Gefühl, dass jetzt etwas Neues beginnt – etwas Neues, das nur ihr gehört. Nun kann sie tun und lassen, was sie will und ist dabei niemandem Rechenschaft schuldig. Doch diese Atmosphäre des Aufbruchs und der Sorglosigkeit wandelt sich abrupt, als Svenja in ihrem Küchenschrank ein auf dem Kopf stehendes Kind vorfindet. Ein ungefähr zehnjähriger verwahrloster Junge hat in ihrer Wohnung Zuflucht gesucht. Svenja fühlt sich für den Jungen verantwortlich und bringt es nicht übers Herz, zur Polizei zu gehen und den Jungen zu übergeben. Der Junge spricht kein Wort, er wirkt verängstigt und traumatisiert. Es wird immer deutlicher, dass er irgendetwas Schreckliches erlebt haben muss. Svenja versucht, dem Jungen Geborgenheit und Sicherheit zu vermitteln, der unruhige Schlaf des Jungen und seine Albträume färben jedoch immer mehr auf Svenja ab. Da der Junge stumm bleibt, nennt Svenja ihn nach dem Aufdruck auf seinem T-Shirt „Nashville“.

Gleichzeitig gestaltet sich das studentische Leben für Svenja schwierig: Weil sie sich um den Jungen kümmert, kommt sie schon zur Einführungsveranstaltung ihres Semesters zu spät und hat so einen holprigen Start an der Universität. Da sie ständig über den Jungen nachdenkt, hat sie Probleme, sich ins Studium einzufinden und Kontakte zu anderen Studierenden zu knüpfen. Schließlich lernt sie doch Menschen kennen, denen sie sich anvertrauen kann: die kochverrückte Kunstgeschichtestudentin Katleen von gegenüber, den jungen Arzt Gunnar sowie den Medizinstudenten Friedel und seine Freunde aus der Wohngemeinschaft im besetzten Haus. Nun taucht Svenja auch ein Stück weit ins studentische Leben ein, mit Partys, Konzerten, Kaffeeklatsch, einer Stocherkahnfahrt, amourösen Abenteuern und zu studentischen Verrücktheiten wie spontaner Obstjonglage im Supermarkt, einem nächtlichen Bad im Brunnen oder einem Sprung in den Neckar.

Doch die Verantwortung für den Jungen wiegt für die junge Studentin immer schwerer: In der Stadt wird die Leiche einer obdachlosen Frau gefunden. Was hat der Junge mit dem Mord zu tun? Welchen Bezug hat er zur Obdachlosenszene? Wohin ist das Bargeld verschwunden, das Svenjas Mutter ihr geschickt hat? Und warum hortet der Junge Messer unter Svenjas Bett? Es stellt sich zunehmend die Frage, ob Svenja um den Jungen oder vor dem Jungen Angst haben muss. Weitere Obdachlose werden ermordet. Und je mehr Svenja und ihre Freunde über die Mordserie herausfinden, desto gefährlicher wird es für sie alle...

Diesen packenden Thriller möchte man nicht weglegen, denn die Autorin Antonia Michaelis vermag es, über die gesamten 480 Seiten den Leser zu fesseln. Der Verlag empfiehlt das Buch für Jugendliche und Erwachsene. Weil die Brutalität der Morde und die Ängste der Protagonisten so anschaulich geschildert werden, ist dieses Buch für ältere Jugendliche ab 16 Jahren zu empfehlen. Auch die stellenweise recht explizite Darstellung von Sexualität spricht für diese Altersempfehlung.

Selbst wenn man sich im wirklichen Leben schwer vorstellen kann, dass eine junge Studentin sich ohne Hilfe der Behörden eines kleinen Jungen annehmen kann – in diesem Roman gelingt es der Autorin, sowohl die Handlung als auch die Charaktere glaubhaft darzustellen. Die Personen wirken authentisch und der Zusammenhalt der Freunde, die immer füreinander da sind, wenn es darauf ankommt, wirkt immer wieder als Rettungsanker in einer chaotischen, gefährlichen Welt.

Die junge Studentin Svenja bietet für junge Leserinnen und Leser, die auf der Schwelle zwischen Schule und Ausbildung stehen, sicherlich einiges an Potential zur Identifikation. Wie sie alle befindet sich Svenja in einem Spannungsfeld zwischen Aufbruchsstimmung und Angst, zwischen Sorglosigkeit und Verantwortung, zwischen Selbstbestimmtheit und Fremdbestimmtheit sowie zwischen Vertrauen und Argwohn. Nur dass Svenja mit der Entdeckung des fremden Jungen in ihrem Küchenschrank kein ganz normales studentisches Leben mehr führt, sondern einen Mörder finden muss, bevor es zu spät ist...

(SK, Arbeitskreis Lesen)

Cover: Copyright OETINGER VERLAG