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Buch des Monats November 2014

Shion Miura - Schneeschütteln in Kamusari (ab 14 Jahren)


Shion Miura:

Schneeschütteln in Kamusari



Carlsen, 2013

ISBN: 978-3-551-58302-4
gebunden, 240 Seiten

Altersempfehlung: ab 14 Jahren

Yuki Hirano hat seinen Schulabschluss in der Tasche. Da er kein sehr fleißiger Schüler war, kommt ein Studium für ihn nicht in Frage. Was soll er nun aus seinem Leben machen? Yuki weiß einfach nicht, worauf er Lust hat und schiebt deshalb die Entscheidung über seine Zukunft auf. Diese Unentschlossenheit macht ihn träge. Er jobbt zwar regelmäßig im Supermarkt, hängt ansonsten aber viel herum. Nach der Abschlussfeier in der Schule verkünden ihm sein Klassenlehrer und seine Eltern, er werde ein Jahr lang ein Praktikum in Kamusari machen. Yuki fühlt sich abgeschoben und möchte nicht weg aus der Großstadt Yokohama an den A… der Welt! Widerstand ist jedoch zwecklos. So fügt er sich in sein Schicksal und steigt noch am selben Tag in den Zug nach Kamusari. Die Zugfahrt führt immer weiter weg von der Zivilisation hinein in die Berge und gleichzeitig ins Ungewisse – Yuki weiß noch nicht einmal, was für ein Praktikum er dort machen soll. Erst vor Ort stellt sich heraus, was sein Praktikum überhaupt beinhaltet: Er soll in einem abgelegenen Bergdorf in einem Forstbetrieb arbeiten. "Total uncool!", findet Yuki und versucht mehrmals abzuhauen. Doch seine Fluchtversuche misslingen.

Der Titel des Romans „Schneeschütteln in Kamusari“ bezieht sich auf die erste Aufgabe, die Yuki dort erledigen muss: Zedern, die sich unter dem Gewicht des Schnees tief geneigt haben, müssen von ihrer Last befreit werden. Damit sie nicht brechen oder krumm wachsen, muss der schwere Schnee abgeschüttelt werden. Yuki hat sehr zu kämpfen. Er fühlt sich einsam – zu den Einheimischen findet er keinen Zugang, und seine Freunde aus Yokohama antworten nicht auf seine Postkarten. Außerdem leidet er unter der körperlichen Arbeit, die er einfach nicht gewohnt ist: Seine Hände sind voller Blasen, er hat Muskelkater überall und ihm will die Arbeit einfach nicht so gelingen wie den örtlichen Forstarbeitern. Aufgrund seiner Ungeschicktheit wird er oft ausgelacht und so ist er ständig frustriert. Doch langsam stellen sich erste kleine Erfolgserlebnisse ein und nach und nach gewinnt Yuki an Selbstbewusstsein. Immer mehr lernt er die Natur und die Menschen in Kamusari schätzen – und verliebt sich sogar.

Die Geschichte wird erfrischend und witzig aus Yukis Perspektive erzählt. Sein Entsetzen darüber, dass er in einem Kaff am Ende der Welt gelandet ist, wird anschaulich und mit viel Humor vermittelt. Je mehr Yuki in den Bergen ankommt, desto mehr Raum nimmt im Roman auch die Beschreibung der Natur ein und die Faszination, die sie auf Yuki ausübt. Nicht nur zur Natur, sondern auch zu den schrulligen Einheimischen findet Yuki mit der Zeit einen Zugang, entdeckt auch liebenswürdige Seiten an ihnen und bewundert zunehmend ihre Lebensweise. Er lernt ihre Bräuche kennen und erlebt ihren Alltag und ihre Rituale: Bäume pflanzen und Bäume fällen, Gottheiten der Berge, traditionelle Blütenschau, Gottesentführung, Glühwürmchen, Kamusari-Kirschblüte und vieles mehr. Erst findet Yuki einiges befremdlich, dann lernt er, die Dinge einfach so hinzunehmen, wie sie sind.

Dieser Roman ist ein Plädoyer für Offenheit und Toleranz gegenüber Fremdem und Neuem, ein Aufruf zu Respekt vor anderen Menschen, alten Traditionen und der Natur. Yukis Geschichte zeigt aber auch, dass man manchmal ganz weit wegfahren muss, um zu sich selbst zu finden. Und bei aller Beschaulichkeit und Philosophie handelt es sich um einen flotten, humorvollen Jugendroman, nach dessen furiosem Finale man als Leser nur zu gerne wissen würde, wie es wohl mit dem sympathischen Yuki weitergeht.

In Japan ist Shion Miura eine etablierte, mit mehreren Preisen ausgezeichnete Autorin. „Schneeschütteln in Kamusari“ ist ihr erster Roman, der auf Deutsch erscheint, und hoffentlich ist es nicht der letzte. Denn dieser Roman macht Lust auf mehr.

(SK, Arbeitskreis Lesen)

Cover: Copyright Carlsen Verlag