Buchtipps, Methoden, Konzepte und Projekte rund ums Lesen und Vorlesen bietet der Ideenpool Lesen gegliedert für alle Schularten und auch für den Elementarbereich.

Bücher des Monats Oktober 2017

Chang, Pei-Yu: Der geheimnisvolle Koffer von Herrn Benjamin (ab 4 - 6 Jahren)
NordSüd Verlag

Fleur Daugey: Vögel auf Weltreise (ab 9 Jahren)
Verlag Jacoby Stuart

Jan von Holleben und Lisa Duhm : Wenn ich Kanzler(in) von Deutschland wär… .  (ab 9 Jahren) Gabriel Verlag

Ketil Bjornstad: Mein Weg zu Mozart  (ab 14 Jahren)
Insel Verlag

Chang, Pei-Yu: Der geheimnisvolle Koffer von Herrn Benjamin


Verlag: NordSüd Verlag 2017
Illustrator: Chang, Pei-Yu
ISBN - 10: 3314103824
ISBN - 13: 978-3314103827
Gebunden : 48 Seiten
Bilderbuch
Altersempfehlung: ab 4 - 6 Jahren

Der außergewöhnliche Philosoph, der im Buch Herr Benjamin genannt wird, muss aufgrund seiner „brillanten Ideen aller Art“ sein Land verlassen, da dieses eines Tages entschied, „dass außergewöhnliche Ideen sehr, sehr gefährlich seien.“ Chang zeichnet grotesk wirkende Bilder eines totalitären Staates, die erhobenen Hände sich ergebender Menschen finden ihre Entsprechung im Astwerk der Bäume, die identisch uniformierten Soldaten versperren jegliche Fluchtwege.
In Frau Fittko findet Herr Benjamin eine Helferin, die ihn zusammen mit einer Gruppe anderer Flüchtlinge zur Grenze bringen kann. Alles soll so unauffällig wie möglich und mit leichtem Gepäck von statten gehen. Doch Herr Benjamin bringt seinen großen und schweren Koffer mit. „Er ist mir das Allerwichtigste, wichtiger als mein Leben.“
Über „unzählige Brombeerbüsche und Olivenbäume und Felsen“ gelangen sie schließlich zur Grenze. Doch Herr Benjamin darf die Grenze nicht passieren. Er verschwindet spurlos und mit ihm sein Koffer. Das große Geheimnis um den Inhalt bleibt aber bestehen. Auf den letzten Seiten des Buches wird gerätselt, was das ganz besondere im Koffer gewesen sein könnte.
Sind Flucht, Vertreibung und Verfolgung Themen, die in einem Kinderbuch dargestellt und in frühem Alter zur Auseinandersetzung angeboten werden sollten? Greift man im Kindergarten oder auch in der Schule den Impuls des Koffers auf, der das Allerwichtigste beinhaltet, kann diese Frage mit Ja beantwortet werden. Handlungsorientiert könnte man den Kindern ermöglichen, einen Koffer zu falten und Dinge, die aus Katalogen und Zeitschriften ausgeschnitten oder selbst gestaltet sind, hineinzulegen. So besteht für jedes Kind die Möglichkeit, über die „Allerwichtigsten Dinge“ zu philosophieren und diese dann aufzubewahren.
Die Künstlerin Pei-Yu Chang legt mit ihrer Abschlussarbeit des Illustrationsstudiums an der FH Münster ein beeindruckendes Bilderbuch vor, das in Bildcollagen die letzte Reise des jüdischen Denkers Walter Benjamin rekapituliert.


C.D. Ideenpool Lesen

Fleur Daugey: Vögel auf Weltreise

Originaltitel: Alles über Zugvögel

Verlag: Jacoby Stuart 2016
Illustratorin: Sandrine Thommen
ISBN: 3941787535
ISBN-13: 978-3-941787-53-7
Gebunden: 53 Seiten
Altersempfehlung: ab 6 Jahren
zweisprachig bebildertes Kinderbuch

Allein schon das Cover, auf dem über zwanzig verschiedene große und kleine Vögel abgebildet sind, macht neugierig. Über alle dargestellten Zugvögel findet man spannende Informationen in diesem wunderschönen und übersichtlich gestalteten Sachbuch. Auf einer oder zwei Doppelseiten werden Informationen zu einem anderen Aspekt der Zugvögel gegeben. Denn jeden Herbst machen sich 50 Milliarden Vögel auf den Weg zu ihren Winterquartieren. Das Buch stellt die wichtigsten Zugvögel vor, beschreibt ihre Flugrouten und erklärt, wie sich Vögel orientieren und gibt in Worten und ästhetisch gezeichneten Bildern Auskunft über alles, was mit dem Vogelzug zu tun hat.

Besonders interessant sind die Beschreibungen der Rekorde, die Zugvögel aufgestellt haben. So erlebt die Küstenseeschwalbe immer den Sommer, weil sie während des Jahres den ganzen Erdball umrundet - immer dem Sommer hinterher. Ein anderer Aspekt, der sich für den Vogelzug als entscheidend herausgestellt hat, ist die Erderwärmung, durch die sich auch der Vogelzug einiger Zugvögel ändert. Die Straßen des Himmels und wie sich die Vögel orientieren, wird in gut verständlicher Sprache beschrieben. Zudem wird die Arbeit der Ornitologinnen und Ornitologen erklärt.
Die erzählerisch informativen Texte sind kurz und knapp gehalten, die Namen der Vögel sind fett gedruckt, so dass man immer weiß, um welche es sich handelt. Insgesamt bietet das Buch zahlreiche Gesprächsanlässe, es eignet sich gut zum Vorlesen, aber auch für Schülerinnen und Schüler zur Ausarbeitung eines Referates.

Des Weiteren bietet das Programm „Antolin“ Fragen zu diesem Buch an, die Kinder der 4. Klasse beantworten und Punkte dafür sammeln können. Außerdem findet man im Internet auf der geolino-Seite ein Quiz über Zugvögel, das man nach Lektüre des Buches beantworten kann.
Zum sachkundlichen Aspekt des Themas finden sich auf der Seite des Bundesamtes für Naturschutz schöne Fotos zu Zugvögeln, die man mit den gemalten Bildern im Buch vergleichen kann.

Das Buch erhielt den Prix Amerigo Vespucci Jeunesse als bestes naturkundliches Jugendbuch des Jahres 2015 in Frankreich ausgezeichnet und wurde im November 2016 mit dem LesePeter der Arbeitsgemeinschaft Jugendliteratur und Medien ausgezeichnet.

 

N.l. und C.D. Ideenpool Lesen

Jan von Holleben und Lisa Duhm: Wenn ich Kanzler(in) von Deutschland wär…

Untertitel: Die wichtigsten Kinderfragen zur Politik

Verlag: Gabriel, 2017
Fotografie: Jan von Holleben
ISBN: 3522304810
ISBN-13: 978-3-522-30481-8
Gebunden: 144 Seiten
Altersempfehlung: ab 9 Jahren
Sachbuch

Was ist eigentlich Politik? Wie funktioniert Politik und wofür brauchen wir sie überhaupt? Ist Politik nicht total langweilig für Kinder? Dieses Buch zeigt, dass dem nicht so sein muss, indem es in kindgerechter Weise eine informative und gleichzeitig unterhaltsame Einführung in das Thema gibt. Zu den Unterthemen Demokratie, Europäische Union, Parteien in Deutschland, Wahlen sowie Kinder und Politik werden zahlreiche Fragen beantwortet, begleitet von ansprechenden Fotografien, die die Inhalte auf bunte und ansprechende, aber gleichzeitig auch kluge Weise aufnehmen und illustrieren.

Wer entscheidet in einer Demokratie? Und warum gibt es demokratische Systeme nicht überall? Ist Kanzler/in oder Präsident/in der bessere Job? Was ist so toll an der EU und wer gehört dazu? Wo trifft sich die EU eigentlich? Kann ein Land einfach Mitglied der EU werden und wieder austreten? Welche Parteien gibt es in Deutschland und warum haben sie Farben? Was bedeutet es, wenn jemand „links“ oder „rechts“ ist? Muss jeder Erwachsene zur Wahl gehen? Müssen Politiker und Politikerinnen auch halten, was sie im Wahlkampf versprechen? Und warum dürfen Kinder noch nicht wählen? Wie können Kinder dennoch mitbestimmen? Auf diese und andere Fragen gibt das Buch Antworten.

Das Besondere an diesem Buch ist zum einen, dass für das Buchprojekt echte Fragen von Schülerinnen und Schülern verschiedenen Alters an weiterführenden Schulen gesammelt wurden, so dass letztlich auch die Fragen abgedeckt werden können, die Kinder zwischen neun und ca. 13 Jahren wirklich interessieren. Zum anderen besticht das Buch durch seine ansprechende Gestaltung mit den bunten und kreativen Fotografien von Jan von Holleben, der auch für das Reihenkonzept verantwortlich zeichnet: Dieses Buch erschien in einer Reihe von Sachbüchern für Kinder ab acht bzw. neun Jahren zu verschiedenen Themen wie zum Beispiel Erwachsenwerden/Pubertät, Weltreligionen, Internet, Scheidung oder das menschliche Gehirn.

Leseprobe mit komplettem Inhaltsverzeichnis über die Seite des Verlages



S.K. Ideenpool Lesen

Ketil Bjornstad: Mein Weg zu Mozart

Originaltitel: Veien til Mozart

Verlag: Insel Verlag, Berlin, 2016
Übersetzer: Lothar Schneider
ISBN: 3458176810
ISBN-13: 978-3458176817
Gebunden: 443 Seiten
Altersempfehlung: ab 14 Jahren
Biografischer Roman

Bjornstads Autobiografie ist ein Buch, das man, einmal begonnen, nicht mehr aus der Hand legen will. Er stellt seine Kindheit in einen permanenten Dialog zur Entwicklung des jungen Wolfgang Amadeus Mozart, der in seinen Briefwechseln mit seinen Familienangehörigen nahezu plastische Gestalt gewinnt.
Der Autor, der in einem Osloer Vorort aufwächst, wird durch die musikbegeisterte Mutter und einen philanthrop-freigeistlichen Vater auf der Steinerschule (Waldorfschule) angemeldet, auf der er eine musische, nicht autoritär orientierte Erziehung genießen soll. Schon früh wird er zu einem Klavierlehrer geschickt, der sich mit dem zunächst wenig begeisterten Sieben- bis Zehnjährigen abmüht: „Jedesmal, wenn ich ein neues Musikstück sah, das ich spielen sollte, mit unzähligen Kreuz und b, Fis-Dur oder es-Moll, verlor ich den Mut“ wird er sich später erinnern. Vor allem die Konkurrenz des drei Jahre älteren Bruders Tormod scheint übermächtig. Ketil kämpft mit Verdauungsproblemen und mit seiner Fettleibigkeit, die ihn von vielen Aktivitäten seiner Mitschüler ausschließt. Er hat wenig Zutrauen zu seinen Fähigkeiten, deren Entwicklung durch seine Faulheit zusätzlich behindert wird. Erst seine zweite Klavierlehrerin Amalie Christie versteht bei dem nunmehr vorpubertären Jungen Interesse und Ehrgeiz zu wecken. Zunehmend verehrt er die elegante ältere Frau, die ihn in das musikalische Werk der großen Komponisten einführt und zu einem der besten klassischen Nachwuchsinterpreten Norwegens macht.
Mit 18 Jahren leidet Ketil so sehr unter seiner Fettleibigkeit, dass er in wenigen Monaten 56 Kilogramm abnimmt, vor allem um für Mädchen attraktiver zu werden. Zu einer zusätzlichen Wendung in Ketils Leben führt das Zusammentreffen mit dem populären Jazzmusiker Ole Paus, dessen unkonventioneller Lebensstil ihm zutiefst imponiert. Nahezu von jetzt auf nachher verlässt der begabte Klassikinterpret sein Metier und wechselt ins freie Leben und in die freie Jazzmusik, die er neben der Schriftstellerei seit nunmehr nahezu 50 Jahren betreibt.
In zwischengeschalteten Kapiteln schildert Ketil Bjornstad neben der eigenen Biografie die Entwicklung des jungen Wolfgang Amadeus Mozart. Das hochbegabte Kind, das zusammen mit seiner ebenfalls begabten und vom Vater getrimmten älteren Schwester Nannerl vor den Fürsten der Welt konzertiert, wird durch sein Können und Auftreten zur Attraktion und zum Liebling an Europas Fürstenhöfen. Immer gecoacht und begleitet durch einen ehrgeizigen Vater, der über seine Kinder die wirtschaftliche Enge seiner Stellung als zweiter Violinist der Salzburger Hofkapelle zu überwinden sucht. Es sind vor allem die oft in Dialekt und derber Sprache gehaltenen Briefwechsel mit Schwester Nannerl und den Eltern, später auch zu Freundinnen und zu seiner Frau, die Mozarts Persönlichkeitsstruktur offenlegen und die gleichzeitig zu einem Lesevergnügen werden. Eingeleitet und kommentiert werden diese Briefe durch den Autor Ketil Bjornstad, der Leserinnen und Leser gekonnt in die sozialen und politischen Zusammenhänge sowie das Lokalkolorit einiger Residenzstädte des ausgehenden 18. Jahrhunderts einführt. Immer wieder schwingen auch Parallelen zur eigenen Biographie mit, wiewohl sich Bjornstad nicht direkt mit dem Talent und der Genialität des früh verstorbenen Ausnahmekönners Mozart vergleicht.


Didaktischer Kommentar

Das Buch liest sich durch die intensive Betrachtung der Kindheit und Jugend von Bjornstad und Mozart wie ein Entwicklungsroman, bei dem die Leserinnen und Leser besonders bei Ersterem Parallelen zum eigenen Leben herstellen können. Selbstzweifel an der eigenen Leistungsfähigkeit, die Unzufriedenheit mit dem eigenen Aussehen und Körper sowie deren Überwindung durch Fleiß und Selbstdisziplin können Jugendlichen für ihren eigenen Weg wertvolle Unterstützung bieten.
Dazu hilft der Blick in die Ständegesellschaft des 18. Jahrhunderts am Beispiel der Familie Mozart, bei jugendlichen Leserinnen und Lesern die Einsicht für demokratische und soziale Errungenschaften zu stärken. Mozarts lebenslanger Kampf um materielle Absicherung aufgrund fehlender Tantiemen und dem nicht vorhandenen Copyright-Schutz als Autor einer Unmenge von Musikstücken, erfühlen die Leserinnen und Leser durch die von Bjornstad ausgewählten Brieftexte. „Mein Weg zu Mozart ist eine ungewöhnliche Erinnerung, denn sie ist keine Autobiographie im üblichen Sinne, sondern zugleich eine grandiose Hommage an den Komponisten Wolfgang Amadeus Mozart“ .

¹Johannes Kaiser in der Sendung „SWR2 Cluster“ vom 14.09.2016

A.R. Ideenpool Lesen