Buchtipps, Methoden, Konzepte und Projekte rund ums Lesen und Vorlesen bietet der Ideenpool Lesen gegliedert für alle Schularten und auch für den Elementarbereich.

Unsere Buchempfehlungen im Mai 2018

Thilo Reffert: Fünf Gramm Glück: Die Lebensgeschichte einer Brotdose ( ab 7 Jahren)
Verlag: Klett Kinderbuch

Cornelia Funke: Gespensterjäger in großer Gefahr, Band 4 (ab 8 - 10 Jahren)
Verlag: Loewe

Gudrun Pausewang: Ich war dabei (ab 12 Jahren)
Verlag: S. Fischer


Thilo Reffert: Fünf Gramm Glück: Die Lebensgeschichte einer Brotdose

Verlag: Klett Kinderbuch 2017
lllustratorin: Sonja Kurzbach
ISBN -13: 978-3954701551
Gebunden : 64 Seiten
Roman, Bilderbuch
Altersempfehlung: ab 7  Jahren


Wie wäre es, die Welt mit den Augen eine Brotdose zu sehen? Die Vesperdose des Erstklässlers Ludwig erzählt ihre Lebensgeschichte. Sie berichtet von ihrer Herstellung in einer Fabrik in China, von der Schiffsreise nach Europa, ihrer Veräußerung in einem Laden, von ihrem Alltag als Brotdose und von allerhand Abenteuern, die sie erlebt. Einmal wird sie auf dem Pausenhof vergessen und muss eine Nacht in der Fundsachenkiste der Schule verbringen. Auf humorvolle und gleichzeitig dramatische Weise schildert sie, wie sie einen Waschgang in der Spülmaschine, eine Nacht im Kühlschrank und einen Aufenthalt im Fundbüro erlebt. Und bei all dem weiß sie genau, dass sie gebraucht wird. Dass sie für Ludwig wichtig ist. Denn ohne seine Vesperdose geht er nicht zur Schule.
Schon allein der Buchtitel und das witzige Cover, mit dem das Buch eine Brotdose nachahmt, spricht Vorschul- und Grundschulkinder sofort an, bringt sie zum Lachen und weckt Neugier. Das Buch wird quer mit dem Buchrücken nach oben gehalten und das Cover sieht aus wie eine Brotdose, die man auch aufklappen kann und in der man dann auch ein Vesper findet. Dass die Geschichte aus der Perspektive der Brotdose selbst erzählt wird, ist sehr lustig, und die Erlebnisse der Brotdose werden ausgesprochen humorvoll und gleichzeitig fesselnd erzählt. Die farbenfrohen Illustrationen ergänzen den Text perfekt.
Dem Autor gelingt es in seinem Buch, einen Alltagsgegenstand, der die Kinder täglich begleitet, zum Leben zu erwecken. Zum einen wird witzig und fantasievoll erzählt, wie die sich Brotdose mit anderen Gegenständen unterhält, wir erfahren, wie es nachts im Kühlschrank zugeht und worüber sich die vergessenen Dinge in der Fundsachenkiste unterhalten. Zum anderen bietet das Buch aber auch eine weitere Dimension: Die jungen Leserinnen und Leser beginnen, über ihre eigene Brotdose und andere Alltagsgegenstände nachzudenken. Was bisher einfach so hingenommen wurde, wird nun hinterfragt: Wo kommt meine eigene Brotdose eigentlich her? Warum werden viele Produkte in China oder anderen fremden Ländern hergestellt? Was geschieht mit meiner Brotdose, wenn ich sie verliere oder wenn sie kaputtgeht? Was bedeutet Recyling? So bietet das Buch auch thematisch viele Anknüpfungspunkte, über die bei der Lektüre gesprochen werden kann. Auch sprachlich ist die Geschichte recht anspruchsvoll, da sie viele schwierige Wörter enthält, bei denen Erstleser noch Unterstützung brauchen.
Dadurch, dass die Brotdose eine Geschichte und ein Schicksal erhält, erfährt dieser vielleicht bislang eher wenig beachtete Alltagsgegenstand nun auch bei den jungen Leserinnen und Leser eine neue Wertschätzung. So setzt dieses Buch ein Zeichen gegen die heutzutage weit verbreitete Wegwerfmentalität und für die Wertschätzung der Dinge.
Mit dem Erzähl- und Schreibimpuls „Erzähle/Schreibe/Male eine Geschichte von einem Gegenstand, den du täglich benützt.“ Könnten eigene Texte, Comics und verbale Vorträge von Schülerinnen und Schülern entstehen.
Leseprobe über die Seite des Verlages


S.K. Ideenpool Lesen

Cornelia Funke: Gespensterjäger in großer Gefahr, Band 4

Verlag : Loewe 2017
Illustratorin: Fréderic Bertrand
ISBN-13: 978-3785582336
ISBN - 10: 3785582331
Gebunden: 176 Seiten
Fantasy
Altersempfehlung: ab 8 - 10 Jahren

Wer mag sie nicht, die furchtsame Jagd auf Gespenster, die atemberaubenden Mutproben und das sichere Meistern jeglicher Gefahren, um dabei seine große Tapferkeit unter Beweis zu stellen. Bei Cornelia Funkes „Gespensterjäger in großer Gefahr“, erschienen als  4. Band der Reihe „Gespensterjäger“ im Loewe Verlag, wird dies alles mühelos vereint.
Der 11jährige Tom Tomsky steht vor seiner nächsten Prüfung zum Dritten Gespensterjäger-Diplom. Die zunächst einfach erscheinende Aufgabe, eine Spukerscheinung der dritten Gefahrenkategorie zu fangen, führt ihn und seine beiden Freunde Hedwig Kümmelsaft und Hugo, ein MUG (Mittelmäßig Unheimliches Gespenst), in ein kleines Dorf namens Moorweiher.
Cornelia Funke stimmt ihre jungen Leser bereits im Prolog auf die schaurige Geistergeschichte ein. Dort empfiehlt sie, das Buch nach Anbruch der Dunkelheit besser nicht mehr zur Hand zu nehmen und warnt davor, an nebelverhangenen Orten zu lesen. Den Lesehunger nun geweckt, steigt die Geschichte sofort rasant in die Geschehnisse ein. Tom begegnet Professor Schleimblatt, einem seltsamen Mann, von dem er seine Prüfungsaufgabe erhält, eine Begegnung, die ihn und den Leser Unbehagliches erahnen lässt.
Auf 167 Seiten verliert die Geschichte zu keiner Zeit an der notwendigen Spannung und lädt den Leser gelegentlich durch Hugos witziges Verhalten zum Schmunzeln ein.  Im fast menschenleeren Moorweiher beginnt in der verlassenen Kirche zunächst die Jagd auf die zwölfte Spukerscheinung. Doch als die Freunde schon glauben, am Ziel zu sein, soll ihnen ihr Sieg zum Verhängnis werden. Der gefangene Geist entpuppt sich als der zwölfte Bote einer mächtigen und bedrohlichen Spukerscheinung. Welche Folgen das haben soll, erfahren die drei Freunde und die Leser erst viel zu spät. Die Situation gerät zunehmend außer Kontrolle. Der Nebel wird dichter, der Modergeruch wird stärker, die Häuser im Dorf scheinen leise vor sich hin zu ächzen und zu stöhnen und Steine im Kopfsteinpflaster der Straßen versinken im Schlamm. Doch der Wirt des Gasthauses wird zum rettenden Helfer und Verbündeten der drei Geisterjäger. Und langsam erhärtet sich ein schlimmer Verdacht.
Tom Tomsky beweist Mut und Tapferkeit. Trotz aller Vorwarnungen von Hugo und Hedwig Kümmelsaft lässt er sich nicht abhalten, die gefährliche Begegnung mit dem Dämonenfürst und seiner Gefolgschaft auf sich zu nehmen, um das Dorf endgültig von allen Spukerscheinungen zu befreien. Ob es ihm gelingen wird, dieser Gefahr zu trotzen? Und wird die Freundschaft der drei dieser harten Probe standhalten?

Die Autorin schafft es eindrucksvoll, die schaurige Stimmung im Buch für ihre jungen Leser aufzubauen. Allerdings stellt sie den Leser auch vor zahlreichen Abkürzungen von Geisterformen und Bekämpfungsmethoden. Hier wird dem gespensterunerfahrenen Leser am Ende des Buches im Glossar eine Anleitung zu den einzelnen Abkürzungen angeboten. Fréderic Bertrand kreiert eine gute Mischung aus schaurig erregenden und gleichzeitig lustig aussehenden Monstern. Auch das ansprechende Buchcover mit seinen dunklen Farben und den Gebäudeumrissen im Hintergrund bereitet den Leser auf die schaurige Geschichte vor.
Tom lebt den Leserinnen und Lesern Mut und Problemlösefähigkeit vor und das Aushalten von Gefahren durch Kalkül in der Begegnung mit dem Schrecklichen. Die Unterstützung der Freunde und die Hilfe in letzter Not sind notwendig, um der Gefahr zu trotzen und auch die Freunde müssen außergewöhnlichen Situationen standhalten.

Das Buch richtet sich an gute Leser der 3. und 4. Klassenstufe. Es ist schaurig schön und humorvoll gleichermaßen geschrieben und empfiehlt sich für schreckerprobte Jungen und Mädchen.
Ein Gespensterdiplom können die Schülerinnen und Schüler erwerben, wenn sie die Fragen der Lesespurgeschichte lösen können. Durch die richtige Beantwortung der Fragen wird sowohl ein Buchstabe für das Lösungswort als auch die nächste Frage bekannt gemacht.


S.B. Ideenpool Lesen

Gudrun Pausewang: Ich war dabei

Verlag: S. FISCHER  2015, erstmals erschienen bei Patmos 2004
ISBN-10: 3733501055
ISBN-13: 978-3733501051
Taschenbuch: 154 Seiten
Altersempfehlung: ab 12 Jahren
Taschenbuch

Die Generation, die man noch zu ihren Erlebnissen im Krieg befragen kann, wird es in naher Zukunft nicht mehrgeben. Wer sich mit der Zeit des Nationalsozialismus befassen möchte und zwar ganz ohne den erhobenen Zeigefinger, dem seien die vielfältigen Kurzgeschichten von Gudrun Pausewang ans Herz gelegt. Im Mittelpunkt steht jeweils ein Protagonist der Enkelgeneration, der über den Kontakt beispiels-weise mit der Tante, der Oma oder dem Opa mit der schwierigen Zeit des National-sozialismus, mit den Verirrungen, der Schuld oder dem Schweigen konfrontiert wird. In ihrem Nachwort schreibt Pausewang: „Ich habe sie geschrieben, um mit dazu beizutragen, dass die Verbrechen dieser Zeit nicht in Vergessenheit geraten.“
In der ersten Kurzgeschichte mit dem Titel „Er war noch warm“ wird detailreich be-schrieben, wie die jüdische Familie Birnbaum, die früher den Kolonialwarenladen bewirtschaftete, im Morgengrauen abtransportiert wird und die Nachbarn als Gaffer diesem Akt der Unmenschlichkeit teilweise sogar amüsiert zuschauen. Die Ge-schichte endet damit, dass bereits kurz nach der Abfahrt des Lastwagens eine Nachbarsfamilie in das Haus einzieht, die Vorratskammer plündert und sich den noch warmen Eintopf der gerade abtransportierten Familie schmecken lässt. Das ist keine leichte Kost, das schockiert und berührt.
Exemplarisch sei auch die Geschichte „Süß und ehrenvoll“ herausgegriffen, die das Verhältnis von Opa Gernot zu seinem Enkel Paul charakterisiert. Die Frage nach dem Sinn des Lebens beantwortet Paul im Ethikunterricht damit, dass er den Sinn seines Lebens darin sehe, glücklich zu sein. Sein Opa berichtet ihm daraufhin, dass er, als er in seinem Alter war, nicht anderes wollte, als dem Vaterland zu dienen. Nach dessen Tod findet Paul auf dem Dachboden ein altes Schulheft. Darin schreibt der Opa als 15jähriger, dass sein größter Wunsch darin bestehe, als Soldat im Krieg für das Vaterland zu sterben. Für diesen Aufsatz erhielt er von seinem damaligen Lehrer eine große Eins. Paul liest diesen Aufsatz, ist zutiefst gerührt und beschließt dieses Zeitzeugnis aufzubewahren.

Auch wenn die Geschichten manchmal etwas konstruiert wirken – ich bezweifle, dass Paul als Kind der Jetztzeit die deutsche Schrift des Opas wirklich hat lesen können - möchte ich doch dafür plädieren, sie zu lesen.

Didaktischer Kommentar:

Im Deutsch- und Geschichtsunterricht wären die Kurzgeschichten von Pausewang eine lehrreiche Lektüre, um die Zeit des Nationalsozialismus plastisch werden zu lassen. Für den Religions- und Ethikunterricht könnten sie die Funktion erfüllen, sich mit der Wirkung der Nazi-Ideologie auseinanderzusetzen und davon ausgehend jeg-liche Ideologien kritisch zu beleuchten.
Die Zeit des Nationalsozialismus zunächst einmal in Grundzügen zu erfassen, die damit verbundene Ideologie des Faschismus zu hinterfragen, dafür gibt das Buch von Pausewang viele Diskussionsanlässe.
Alles in allem ist es ein sehr anrührendes Buch und das ist ja auch eine Funktion des Lesens, die ihre Berechtigung hat. Sich von den Geschichten dieses Buches berühren zu lassen heißt ja für Schülerinnen und Schüler, Empathie zu üben.


M.S.S. Ideenpool Lesen