Kinder diktieren Texte

Schon Kita-Kinder haben Freude daran, wenn ihre Äußerungen schriftlich festgehalten werden. Eine Methode, mit deren Hilfe Kinder eigene schriftliche und schriftsprachliche Texte produzieren und so erste Erfahrungen mit verschiedenen Aspekten der Schriftsprache machen können, ist das „Diktierende Schreiben“ (Merklinger 2018). Hierbei diktiert ein Kind einer Skriptorin (oder einem Skriptor) einen Text zu einer Schreibvorgabe (z.B. einer Geschichte). Die Aufforderung an das Kind lautet beispielsweise:


„Du hast die Geschichte [...] gehört. Auf diesem Blatt kannst du aufschreiben, was dir wichtig ist. Ich schreibe für dich.“ (ebd., S. 78).

Oder auch:  

Auf diesem Blatt kannst du die Geschichte [...] für X aufschreiben. Dann kannst du die Geschichte X schenken. Ich schreibe für dich.

Das Kind nutzt den Erwachsenen also als „Schreibwerkzeug“. Dabei erlebt es den Unterschied zwischen Sprechen und Schreiben und die Funktion von Schrift. Ziel ist dabei nicht nur Schriftlichkeit, sondern auch Schriftsprachlichkeit (Merklinger 2009, S. 11).

Das Diktieren ist keine dialogische Situation, in der die Fachkraft dem Kind Fragen stellt und die Antworten des Kindes aufschreibt. Stattdessen regt sie das Kind an, einen schriftsprachlichen Text zu produzieren. In einer solchen Schreibsituation erfährt das Kind, dass man das, „was aufs Papier kommt, ohne weitere Erläuterung verstehen können“ muss (Dehn et al. 2012, S. 104).

Wichtig ist hierfür eine „Haltung des Schreibens“ (Merklinger 2018, S. 192): Der gemeinsame Fokus der Aufmerksamkeit ist das Schreibblatt. Die Skriptorin „sitzt so neben dem Kind, dass es Buchstabe für Buchstabe verfolgen kann, wie sein Text auf dem Papier entsteht“ (ebd.). Eine rechtshändige Skriptorin sitzt daher stets auf der rechten Seite des Kindes und umgekehrt. Der Text wird in Großbuchstaben notiert, der Stift wird stets in Schreibposition gehalten.

Die Skriptorin macht das Kind immer wieder implizit auf Merkmale der Schriftsprachlichkeit aufmerksam. Dies geschieht durch:

  • lautes Mitsprechen im Schreibtempo, durch das das Kind die Langsamkeit des Schreibens erlebt
  • deutliche Aussprache von Endungen, die beim Sprechen oft „verschluckt“ werden (z.B. „eine“ statt „ne“)
  • Vorlesen von bereits Geschriebenem und Zeigen auf das Geschriebene
  • Pausen während des Aufschreibens
  • Ausreichend Zeit, damit das Kind passende Formulierung finden kann (ebd.)

Bei Bedarf kann die Skriptorin das Schreiben auch explizit thematisieren, z.B. durch Fragen wie:

  • ‚Wie soll ich das aufschreiben?‘
  • ‚Was soll ich schreiben?‘
  • ‚Wie soll ich anfangen?‘
  • ‚Soll ich schreiben ‚und als er’ oder ‚als er’?“ (ebd., S. 184/185)

Sprachliche Fehler (z.B. falsche Artikel oder Verbformen) werden beim Aufschreiben direkt korrigiert und dabei korrekt mitgesprochen.

Das Diktieren macht Kinder auch auf die Form von Sprache aufmerksam und ist damit förderlich für die Entwicklung der phonologischen Bewusstheit: „Die Kinder sehen, wie die Erwachsene ihren Text schreibt und dabei langsam mitspricht, und sie verändern dabei ihre eigene Sprechweise, das heißt, sie sprechen gedehnt, Wort für Wort oder sogar silbisch, tun also das von sich aus, was ihnen bei den Trainingsmaterialien oft schwerfällt: ich ma:g di:ch so: ge:r-ne; Mistkäfer-par-füm“ (Dehn et al. 2012, S. 105).

Während sprachliche Fehler korrigiert werden, gibt es im Bereich der konzeptionellen Schriftlichkeit kein „richtig“ und „falsch“, sondern nur ein „mehr oder weniger“. Auch die Inhalte bestimmt das Kind selbst. Es gibt also keine vorgegebene „richtige“ Lösung (ebd.). Daher kann sich beim Diktieren grundsätzlich jedes Kind  als erfolgreich erleben – auch wenn es vielleicht nur einzelne Wörter oder Buchstaben diktiert (Merklinger 2018, S. 176).

Folgende Publikationen mit Informationen, Bildmaterial und praktischen Beispielen zum Diktierenden Schreiben stehen Ihnen zum Download zur Verfügung:

 

 


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Quelle: http://www.schule-bw.de

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