Kinder entdecken die Schrift

Das Interesse von Kindern an Buchstaben und Schrift kann durch vielfältige Materialien und Aktivitäten aufgegriffen werden.

Vorbildfunktion der pädagogischen Fachkraft
In der Kita ergeben sich viele Möglichkeiten, Kinder Erwachsene beim Lesen und Schreiben zusehen zu lassen: Beim Schreiben einer Notiz für die Eltern oder einer Lerngeschichte, beim Notieren von Beobachtungen, beim Lesen eines Buches, eines Rezepts oder einer Spielanleitung. Durch das Vorbild der Erwachsenen erfahren Kinder, dass Geschriebenes eine bestimmte festgelegte Bedeutung hat, die man durch Lesen erschließen kann. Zudem erleben sie, dass sich Schrift für Mitteilungen an andere und als Merkhilfe nutzen lässt.

Das Nachahmen des Schreibens durch Kritzelbilder und -briefe und die Beschäftigung mit Buchstaben sind weitere wichtige Schritte auf dem Weg zur Schrift, die in der Kita durch das Angebot vielfältiger Materialien und Aktivitäten unterstützt werden sollten.

Auseinandersetzung mit Buchstaben
Bei der Auseinandersetzung mit Buchstaben steht nicht das Erlernen von Buchstaben und Buchstabenfolgen im Mittelpunkt, sondern die Erfahrung von Merkmalen und der Funktion von Schrift. Beispiele hierfür sind das Erleben der Form und der Raum-Lage von Buchstaben durch Buchstabenturnen, das Legen von Buchstaben mit verschiedenen Materialien oder das Zeichnen von Buchstaben in Sand oder Ton. Das Interesse von Kindern an Schrift kann auch durch das Beschriften von Bildern und anderen Kunstwerken mit dem eigenen Namen, das Beschriften von Materialkisten, das „Schreiben“ und „Lesen“ von Einkaufzetteln und Rezepten usw. und durch den Umgang Materialien wie Buchstabenstempeln etc. aufgegriffen werden.

Wenn Erwachsene das von Kindern Geschriebene vorlesen, erleben Kinder den Zusammenhang zwischen Buchstaben und Lauten (Näger 2013a). Auch in Bilderbüchern lassen sich Buchstaben und Schrift(en) entdecken, thematisieren und vergleichen.

Eine gute Möglichkeit um festzustellen, inwieweit ein Kind die Funktion von Schrift schon erkannt hat, ist das „Gezinkte Memory“.

Viele Praxisvorschläge für die Auseinandersetzung mit Buchstaben und Schrift finden Sie in der Broschüre Sprechen, Schreiben, Lesen - Kinder auf dem Weg zur Schrift sowie im Kita-Fachtext „Literacy im Kindergarten“ (Kieschnik 2016). Weitere Ideen enthalten die Bücher „Überall steckt Sprache drin“ (Jungmann et al. 2015), „Vom Zeichen zur Schrift“ (Zinke et al. 2005) und „Literacy – Kinder entdecken Buch-, Erzähl- und Schriftkultur (Näger 2017), die Broschüre Sprechen, Schreiben, Lesen – Kinder auf dem Weg zur Schrift sowie der Artikel „Mit Bilderbüchern Sprachstrukturen entdecken (Näger 2013a). Ein Beispiel für die Auseinandersetzung mit schriftlichem „Echtzeug“ wie (Regional-)zeitungen stellt das Projekt Literacy – Lernen mit Echtzeug dar.

Unterstützung linkshändiger Kinder
Wichtig ist es, zu beobachten, welche Hand ein Kind bevorzugt, damit linkshändige Kinder von Beginn an die notwendige Unterstützung erhalten.
Wenn sich linkshändige Kinder sich bei ihren ersten Schreibversuchen am Modell mit der rechten Hand schreibender Kinder und Erwachsener ausrichten, verdecken sie das Geschriebene während des Schreibens teilweise mit der linken Hand. Sobald sie später mit dem Füller schreiben, verwischen sie außerdem mit der Schreibhand die Tinte. Zumeist beginnen sie spätestens dann das Handgelenk nach oben zu ziehen, was zu einer verkrampften Schreibhaltung führt.
Linkshändige Kinder müssen daher „mit Beginn des Malens und bei den ersten Schreibversuchen eine Blattlage, Stifthaltung und Lage der rechten Hand am Blattrand erlernen können, die

  1.  ihre Sicht auf ihre Schrift – soweit das unsere rechtsläufige Schrift zulässt – ermöglicht,
  2. das spätere Verwischen der Tinte vermeidet und
  3. verhindert, dass sie beim Schreiben in die so genannte Hakenhaltung (eine Haltung ‚von oben‘) ausweichen.“ (Sattler & Marquart 2010, S. 11)

Das Blatt liegt hierfür (vom Kind aus gesehen) etwas links von der Körpermitte und ist um 30° bis 40° nach rechts gedreht, d.h. die linke untere Ecke ist weiter vom Körper entfernt als die rechte. Das Kind schreibt „nach unten“, dabei liegt die Schreibhand stets unterhalb des Geschriebenen. Der Stift wird mit drei Fingern gehalten, das Ende des Stifts zeigt in Richtung des linken Ellbogens. Die rechte Hand liegt auf dem Blatt und verhindert ein Wegrutschen.

Linkshändige Kinder benötigen in der Regel Hilfestellungen durch Erwachsene, um sich entgegen dem Vorbild rechtshändiger Kinder und Erwachsener von Beginn an das für sie geeignete Handling von Stift und Papier zu gewöhnen. Ihre Begleitung ist daher „mit einem kleinen Mehraufwand“ verbunden (Weber 2014, S. 73):

Hilfreich ist eine (rutschfeste) Mal- und Schreibunterlage, auf der die richtige Lage des Papiers und der Hände eingezeichnet ist. Film- und Bildmaterial zu diesem Thema finden Sie hier . Für viele linkshändige Kinder ist auch die Verwendung einer Schreibhilfe sinnvoll, die auf den Stift aufgesteckt wird und die korrekte Stifthaltung vorgibt (Sattler 2016). Darüber hinaus ist darauf zu achten, dass ein linkshändiges Kind links von einem rechtshändigen Kind sitzt, damit die Kinder sich nicht gegenseitig behindern (Informationsblatt der Ersten deutsche Beratungs- und Informationsstelle für Linkshänder und umgeschulte Linkshänder 2007; Schründer-Lenzen 2013).

Eine bei vielen Kindern beliebte Aufgabe ist es, geometrische Formen abzuzeichnen oder Muster in einer Zeile zu vervollständigen. Hierbei sollten Formen bzw. Muster immer auch auf der rechten Seite der Zeile vorgegeben sein, damit sie auch für linkshändige Kinder sichtbar sind (Kisch & Pauli 2018).

Die von linkshändigen Kindern im Allgemeinen bevorzugte Wahrnehmungs- und Verarbeitungsrichtung ist von rechts nach links. Sie malen daher oftmals eher in der rechten Blatthälfte. Linien werden zumeist von rechts nach links gezogen. Das gilt auch für das Schreiben erster Buchstaben. Außerdem schreiben linkshändige Kinder häufiger als rechtshändige Kinder zunächst in Spiegelschrift, d.h. sie beginnen die Zeile auf der rechten Seite des Blattes und schreiben einzelne oder alle Buchstaben spiegelverkehrt, also entgegengesetzt zur Lese- und Schreibrichtung der deutschen Schrift. Dies ist kein Anlass zur Besorgnis; es bietet aber die Möglichkeit, das Kind darauf aufmerksam zu machen, dass die deutsche Schrift von links nach rechts geschrieben wird (Sattler 2016).

Umfangreiche Informationen zum Thema „Linkshändige Kinder im Kindergartenalter“ finden Sie im gleichnamigen Buch von J. B. Sattler (2016) und in den Büchern „Linkshänder – Na klar!“ von A. Kisch & S. Pauli (2018) und „Linkshändige Kinder richtig fördern“ (Weber 2014) sowie im Artikel „Linkshändig schreiben, darf man das?“ (Sattler 2017). Hinweise zu für linkshändige Kinder geeigneten Mal- und Schreibmaterialien stehen Ihnen im Abschnitt „Schreib- und Lesematerialien für rechts- und linkshändige Kinder“zur Verfügung.