Förderdiagnostik

Sprachliche Kompetenzen und Förderbedarfe werden ermittelt und die Ergebnisse für die gezielte Förderung fruchtbar gemacht.

Material im Aufbau

„Ein diagnostisches Verfahren wird nur dann eingesetzt, wenn alltägliche Lernbeobachtungen nicht ausreichen, um die notwendigen Entscheidungen [für eine Fördermaßnahme] zu treffen.“ (Deutsch als Zweitsprache in der Grundschule, S. 10).

Alltägliche Lernbeobachtungen können dann möglicherweise nicht ausreichen, wenn keine Klarheit darüber erreicht wird, wo bei der Förderung angesetzt werden soll. Der Förderbedarf erscheint z. B. hoch, sodass der Sprachstand genauer durch Erhebungsverfahren festgestellt werden muss, um die nächsten Schritte identifizieren zu können. Verschiedene Lehrkräfte kommen u. U. auch zu unterschiedlichen Aussagen zum Förderbedarf. Das kann daran liegen, dass relevante Beobachtungen nicht von allen bestätigt werden oder dass sie sich auch zu widersprechen scheinen. Eine Schärfung und Differenzierung durch genauere Auswertung wird dann notwendig.

Auch darf nicht unterschätzt werden, dass bei vielen Lehrkräften immer noch die Tendenz besteht, schon bei z. B. gravierenden orthografischen Fehlern relativ schnell mangelnde Sprachkenntnisse zu attestieren, obwohl die sonstige sprachliche Richtigkeit und der Ausdruck durchaus Stärken zeigen. Eine Defizitorientierung ist immer noch weit verbreitet und trägt ihren Teil zur Bildungsbenachteiligung bei. Eine Förderdiagnostik, die klare Aussagen vor allen Dingen über Stärken, über schon Erreichtes und nicht nur über Schwächen von Lernenden trifft, hilft dem entgegenzutreten und Chancen konstruktiv durch gezielte Förderarbeit zu nutzen. 

In erster Linie werden in der Förderdiagnostik die sprachlichen Kompetenzen ermittelt. Jedoch dient sie meist auch der Klarheit darüber, was die inhaltlichen Leistungen in den Fächern betrifft. Denn ein mögliches Ergebnis ist, dass eine schlechte Leistung vor allem in den schriftlichen Leistungsüberprüfungen keinen kognitiven, sondern einen sprachlichen Hintergrund hat. Damit in einer pädagogisch sinnvollen Weise umzugehen, liegt bei der Fachlehrkraft. Das bedeutet abgesehen von Überlegungen zur Notengebung, dass sie Teil der sprachlichen Förderung dieser betroffenen Lernenden wird, gerade was die sprachlichen Herausforderungen in ihrer Fachsprache anbelangt (vgl. Sprachsensibler Fachunterricht, Sprachförderung im Fach).

 


Sprachstandsbeobachtungen

Screening

Hinweise zur Auswertung

Förderplan

Konsequenzen für die Praxis

Erhebungsverfahren

Links und Literatur zur Vertiefung

Bibliografische Nachweise

 

Sprachstandsbeobachtungen
Im alltäglichen Unterricht findet immer Prozessbeobachtung statt. Wird bei bestimmten Lernenden ein Förderbedarf vermutet und eine Förderdiagnostik angestrebt, kann die Prozessbeobachtung intensiviert und systematisiert werden. Es werden dann in einem nicht-standardisierten Verfahren anhand von Beobachtungsbögen zu den fraglichen Kompetenzen Lexik, Grammatik, Hören, Sprechen, Lesen, Schreiben relevante Beobachtungen festgehalten, die die Lehrkraft bei den Schülerinnen und Schülern über einen aussagekräftigen Zeitraum macht. Nicht nur die Sprachproduktion während des Unterrichts wird als Diagnosematerial verwendet, sondern auch Klassenarbeiten, schriftliche Hausaufgaben, etc. sind dazu geeignet.

Bei mehrsprachigen Lernenden gilt es bei den Beobachtungen zu berücksichtigen, dass sie u. U. in bestimmten Bereichen der Grammatik, die gerade für die Aneignung der Bildungssprache in der Schule besonders wichtig sind, Hürden zu überwinden haben. Hier kommt es häufiger zu z. B. Interferenzfehlern im Zusammenhang mit der Erstsprache, wenn das Sprachbewusstsein zuvor nicht gefördert wurde. Das betrifft vor allem:

  • das Genus und
  • den Kasus der Nomen sowie daraus folgend
  • die grammatische Kongruenz von Nominalphrasen und Verweiswörtern. Auch
  • Präpositionen und
  • unregelmäßige Verben können Schwierigkeiten machen

Diese Phänomene sollten auf jeden Fall auf ihre Relevanz im Förderprofil hin überprüft werden. 

nach oben

 

Screening
Es ist auch möglich, zu Beginn eines Schuljahres eine ganze Lerngruppe/Klasse in einem Screening-Verfahren wie einem C-Test einer ersten Einschätzung zu unterziehen, um dort herauszufinden, ob es bei einigen Lernenden Hinweise auf einen Förderbedarf gibt. Zusätzlich können auch in bestimmten Jahrgangsstufen die sowieso durchgeführten Lernstandsfeststellungen wie in Baden-Württemberg Lernstand 5 mit ihren jeweiligen Schwerpunkten zusätzlich herangezogen werden. 

nach oben

 

Hinweise zur Auswertung von Prozessbeobachtungen
Zur Auswertung und Interpretation der Beobachtungen sind Faktoren zu beachten wie

  •   das Lebensalter und

  •   die familiären Ressourcen (Zeit, Unterstützungsmöglichkeiten, etc.)

Bei mehrsprachigen Lernenden sind zusätzlich bedeutsam

  •   die Sprachbiografie, die Auskunft gibt über die
    •   Kontaktdauer mit Deutsch und über die
    •   Erstsprache bzw. Familiensprache

(vgl. Junk-Deppenmeier / Jeuk 2015, S.16). 

nach oben

 

Förderplan
Der Ermittlung des genau umrissenen Förderbedarfs folgt die Erstellung eines Förderplans, in dem die priorisierten Ziele, die jeweiligen Mittel, die zeitliche Planung und die Ausführenden der Förderung festgelegt werden.
Die Aufgaben für die Förderung werden dabei möglichst auf mehrere Schultern verteilt. Je nach Möglichkeiten tragen unterschiedliche Akteure dazu bei:

  • additive Sprachförderung durch eine Deutschlehrkraft;

  • Sprachförderung im Fach durch die Fachlehrkraft;

  • Maßnahmen, die die Schülerinnen und Schüler selbst durchführen können;

  • Maßnahmen, die die Eltern je nach festgestellten Ressourcen, durchführen können;

  •  

    Maßnahmen, die im Ganztagesbereich, im AG-Bereich oder außerschulisch unterstützen können.

nach oben

 

Konsequenzen für die Praxis

Vermeidung einer Defizitorientierung:

Die Diagnostik und der Förderplan geben Antworten auf drei Fragen (Dehn 1994):

  • Was kann das Kind?

  • Was muss es noch lernen?

  • Was soll es als Nächstes lernen?

Sie fragt nicht: Was kann das Kind nicht?

Die Förderung bedarf der Kommunikation mit allen Lehrkräften und sonstigen schulischen Betreuenden der Schülerinnen und Schüler mit Förderbedarf:

  • Austausch der Beobachtungen

  • Verteilung der Fördermaßnahmen / Unterstützungsmaßnahmen

  • Evaluation der Förderung

       → Erstellung eines Rückmeldesystems (Formular, Kurzbeobachtungsbogen, Gesprächsrunde)

 

Die Förderung bedarf der Kommunikation mit den Schülerinnen und Schüler mit Förderbedarf:

  • Lernbegleitungsgespräche, Reflexion der Fortschritte

  • Zuweisung von eigenständig durchgeführten Fördermaßnahmen

       → Neben der konkreten Sprachförderung Zeit für das Gespräch vorsehen, Selbsteinschätzungsbögen  verwenden

 

Die Förderung bedarf der Kommunikation mit den Eltern der Schülerinnen und Schüler mit Förderbedarf:

  • Austausch über Diagnose und danach über Fortschritte

  • Feststellung der Ressourcen, die die Eltern in die Förderung investieren können

  • Zuweisung von Fördermaßnahmen für zu Hause

       → positive Rückmeldung zuerst geben, wenn möglich die Beteiligung der Eltern im Förderplan festhalten, als Kopie mitgeben und beim nächsten Austausch Rückmeldung dazu einfordern.

 

Die Förderung bedarf der kontinuierlichen Dokumentation, um die Maßnahmen zielgerichtet und aktuell zu gestalten sowie den Austausch der Beteiligten auf informierter Grundlage leisten zu können.


nach oben

 

Erhebungsverfahren
Heilmann, B. (2012): Diagnostik und Förderung leicht gemacht. Klett. Stuttgart (Profilanalyse nach Grießhaber)

Hobusch, A. / Lutz, N. / Wiest, U. (61999): Sprachstandsüberprüfung und Förderdiagnostik für Ausländer- und Aussiedlerkinder (SFD 1/2 und SFD 3/4). Persen. Buxtehude

Jeuk, S. (2011): Sprachstandsbeobachtung zu „der, die, das 1/2". Cornelsen. Berlin.

Junk-Deppenmeier, A. / Jeuk, S. (Hrsg.) (2015): Praxismaterial Förderdiagnostik. Werkzeuge für den Sprachunterricht in der Sekundarstufe I. Fillibach bei Klett.
strukturierte Zusammenstellung und Einordnung von Erhebungsverfahren für verschiedene Zielgruppen

Knapp, W. (2001): Diagnostische Leitfragen. Sprachschwierigkeiten bei Kindern aus sprachlichen Minderheiten. In: Praxis Grundschule Heft 3, S. 4-6.

Land Baden-Württemberg (Hrsg.) (2016): Potenzial und Perspektive. Ein Analyseverfahren für neu Zugewanderte. Stuttgart. (u.a. Bausteine „Lernstand Deutsch“ und „Biografische Informationen“)
Informationen dazu online hier

Reich, H. H. / Roth, H.-J. (2004): Hamburger Verfahren zur Analyse des Sprachstands Fünfjähriger (HAVAS 5). Landesinstitut für Lehrerbildung und Schulentwicklung Hamburg. Hamburg

Sächsisches Bildungsinstitut (Hrsg.) (2013): Niveaubeschreibungen Deutsch als Zweitsprache für die Primarstufe. Radebeul.
Online abrufbar hier

Sächsisches Bildungsinstitut (Hrsg.) (2013): Niveaubeschreibungen Deutsch als Zweitsprache für die Sekundarstufe I. Radebeul.
Online abrufbar hier     

Schulz, P. / Tracy, T. (2011): Linguistische Sprachstandserhebung – Deutsch als Zweitsprache. Hogrefe. Göttingen

Seminar Heilbronn (Hrsg.) (2015): Heilbronner Blitz-Screening (HBS). Heilbronn.
testet das Verstehen von Aufgaben
Online abrufbar unter

nach oben

 

Links und Literatur zur Vertiefung
Landesinstitut für Schulentwicklung Baden-Württemberg (Hrsg.) (2016): Deutsch als Zweitsprache in der Grundschule. Stuttgart. 

Landesinstitut für Schulentwicklung Baden-Württemberg (Hrsg.) (2016): Viele Sprachen – eine Schule. Zielsprache Deutsch in allen Fächern der Sekundarstufe I. Stuttgart. 

Lengyel, D. et al. (Hrsg.) (2009): Von der Sprachdiagnose zur Sprachförderung. Waxmann. Münster

nach oben


Bibliografische Nachweise
Baur, R. / Spettmann, M. (2009): Der C-Test als Instrument der Sprachdiagnose und Sprachförderung. In: Lengyel, D. et al. (Hrsg.): Von der Sprachdiagnose zur Sprachförderung. Waxmann. Münster

Dehn, M. (1994): Zeit für die Schrift. Lesenlernen und Schreibenkönnen. Kampverlag. Bochum

Döll, M. (2009): Beobachtungen und Dokumentation von Kompetenz und Kompetenzzuwachs im Deutschen als Zweitsprache mit den Niveaubeschreibungen DaZ. In: Lengyel, D. et al. (Hrsg.): Von der Sprachdiagnose zur Sprachförderung. Waxmann. Münster

Junk-Deppenmeier, A. / Jeuk, S. (Hrsg.) (2015): Praxismaterial Förderdiagnostik. Werkzeuge für den Sprachunterricht in der Sekundarstufe I. Fillibach bei Klett.

Landesinstitut für Schulentwicklung Baden-Württemberg (Hrsg.) (2016): Deutsch als Zweitsprache in der Grundschule. Stuttgart. 

Landesinstitut für Schulentwicklung Baden-Württemberg (Hrsg.) (2016): Viele Sprachen – eine Schule. Zielsprache Deutsch in allen Fächern der Sekundarstufe I. Stuttgart. 

nach oben