Interkulturelle Identitätsarbeit

Interkulturelle Persönlichkeitsbildung themen- und fachübergreifend begleiten

 

Die Teilnahme an sozialen Gruppen beeinflusst immer die Ausbildung von Persönlichkeit, die Entwicklung von Identität Interkulturelle Identitätsarbeit durch Gemeinschaftserlebnisse mit anderen und in Abgrenzung von anderen. Das gilt in besonderem Maße für kulturell und sozial vielfältige Gruppen in Schulen, da hier das Identifikationsangebot breit ist.

Da Kinder und Jugendliche einen großen Teil ihres Alltags innerhalb von schulischen Institutionen verbringen, hat das gesamte Schulleben für diese persönlichkeitsbildenden Prozesse auch eine große Bedeutung - neben den Eltern (vgl. interkulturelle Elternmitwirkung) und weiteren außerschulischen Bezugspersonen.

Quer durch alle schulische Themen innerhalb und außerhalb des Unterrichts, bieten sich zahlreiche Anlässe für den Austausch über kulturell und sozial codierte Handlungen an, die über den Sprachunterricht hinausgehen. Das gilt auch für das Verhalten und Positionen der am Unterricht Teilnehmenden in der Gruppe. Es ist wichtig, der Reflexion darüber Raum zu geben. Die positiven Effekte sind:

  • das Kennenlernen anderer kultureller Perspektiven;
  • die produktive und wertschätzende Auseinandersetzung mit unterschiedlichen kulturellen Identitäten, ihren Wahrnehmungen und Äußerungen wie z. B. Mehrsprachigkeit;
  • die Überprüfen, das Verwerfen, das Relativieren oder das Bestätigen der eigenen kulturellen Perspektive;
  • das Hinterfragen von kulturell (und sozial) bedingten Vorannahmen gegenüber dem Anderen;
  • das Erkennen und Nutzen von gemeinsamen Werten und Haltungen;
  • das Aushalten von Differenzen (statt gewaltsamer Konflikt);
  • die Vermeidung kultureller Festlegung (Kulturalisierung) von Individuen;
  • die Annäherung an eine eigene transkulturellen Identität durch den Prozess der Passung der eigenen Bedürfnisse mit denen der kulturell vielfältigen Gruppe/Gesellschaft.

Lehrkräfte leiten in der persönlichen Begegnung, im Unterricht, in den Arbeitsgemeinschaften, in der Betreuung, in der Gremienarbeit die Lernenden dazu an, die Bedeutung der schulischen Themen und der Gruppenprozesse für ihre kulturelle Identität zu reflektieren: Non scholae sed vitae discimus.

 

 

Transkulturelle Identität

Kulturalisierung

Passungsarbeit

Literatur und Links zur Vertiefung

Bibliografische Nachweise

 

 

Transkulturelle Identität
Identität ist die Antwort auf Fragen „Wer bin ich?“, „Was macht mich aus?“ In unterschiedlichen Stadien der Biografie fällt die Antwort eines Individuums dazu unterschiedlich aus, je nachdem welchen Einflüssen das Individuum unterliegt.

Identitäten sind hybride, komplex und im Fluss und nicht einseitig und statisch. Ein Individuum wählt aus den ihm dargebotenen kulturellen Elementen aus und vereinigt sie in seiner Person: Die Identität wird transkulturell, sie beinhaltet nicht zwei oder mehr kulturelle Identitäten, sondern bildet eine neue aus den Bausteinen. Die Freiheit und die Möglichkeit dies zu tun, ohne Diskriminierung und Repressalien zu erfahren, wird durch bewusste, reflektierte Identitätsarbeit im Schulleben unterstützt.

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Kulturalisierung
Monolithische kulturelle Identitäten sind eine Illusion. Den Griechen gibt es nicht, genauso wenig wie die Russin noch den Juden oder den Afrikaner. Das Konzept ist lange überholt und war eigentlich nie existent, gleichwohl ist es immer noch sehr wirkmächtig. Es kommt alltäglich als so genannte „positive Diskriminierung“ daher: „Du bist doch Thailänderin. Da wäre es schön, wenn du im Kostüm auf dem Schulfest einen Tempeltanz zeigen könntest.“ Oder viel öfter als Rassismus: „Der Junge kommt aus Somalia. Den müssen wir erstmal in die Förderklasse stecken.“ Das kann soweit gehen, dass gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit geäußert wird, indem Bezeichnungen für Gruppen hetzerisch als Schimpfwort verwendet werden.

Einer geografischen, kulturellen Herkunft wird ein Bündel an Stereotypen zugeordnet, das dann die Erwartungen an die Person bestimmt. Nicht nur wird man den einzelnen Individuen persönlich damit nicht gerecht. Kulturalisierende Zuschreibungen spielen verhängnisvollerweise in Bildungsentscheidungen eine Rolle und versperren Wege.

Kulturalisierende Zuschreibungen finden nicht nur dem Anderen gegenüber statt, sondern werden auch innerhalb der eigenen, vermeintlich homogenen Kulturgemeinschaft konstruiert, dienen zur Abgrenzung, verzerren und fälschen die Wirklichkeit und sind gesellschaftlich destruktiv: „Deutsche Leitkultur“, „Wir Türken sind gläubige Muslime,“, „Wir Amerikaner haben eine Vergangenheit gewaltsamer Auseinandersetzungen und müssen deshalb Waffen tragen.“

Besonders in Zeiten eines wiedererstarkenden Nationalismus wird ein statischer Kulturbegriff von Populisten genutzt und wieder gesellschaftsfähig. Deshalb stehen besonders Schulen in der Verantwortung, junge Menschen dagegen zu sensibilisieren.

Lehrkräfte und Lernende hinterfragen sich hierbei selbst immer wieder diskriminierungskritisch und unterstützen sich gegenseitig in der Bemühung, eigene stereotype Zuschreibungen dem anderen gegenüber bei sich selbst aufzudecken. Sie achten in ihrer Sprache auf Höflichkeit und Respekt und vermeiden Ausgrenzung, z.B. durch die Einteilung in „wir“ und „ihr“ und „die da“. Lehrkräfte setzen als Sprachvorbilder die Kommunikationsregeln und lassen Ausgrenzung und Verunglimpfungen nicht unbesprochen und sanktionieren sie gegebenenfalls.

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Passungsarbeit
Identität entwickelt sich im Zusammenspiel zwischen den eigenen Bedürfnissen und den Erwartungen und der Anerkennung von außen. Um diese immer wieder in Einklang zu bringen, um die eigene Position immer wieder zu entwickeln und anzupassen, bedarf es einer bewussten Auseinandersetzung damit. Andernfalls ist die Gefahr der Orientierungslosigkeit und der Ausgrenzung groß. Diese Passungsarbeit dort zu unterstützen, wo die Orientierung an den kulturellen Angeboten zum großen Teil stattfindet, liegt nahe. Mitschülerinnen, Mitschüler und Lehrkräfte sind Vorbild und Rollenmodell, an denen der einzelne sich abarbeitet. Unterrichtliche, schulische Themen, die in diesem Personenkreis verhandelt werden, können ebenfalls mit Leitlinien diese Passungsarbeit unterstützen.

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Literatur und Links zur Vertiefung

Gomolla, M. (2005): Schulentwicklung in der Einwanderungsgesellschaft. Strategien gegen institutionelle Diskriminierung in England, Deutschland und in der Schweiz. Waxmann. Münster
In diesem Zusammenhang vor allem Kapitel 3: Institutionelle Diskriminierung und schulischer Wandel

Keupp, H. et al. (32006): Identitätskonstruktionen. Das Patchwork der Identitäten in der Spätmoderne. Reinbek bei Hamburg
Referenzwerk zum Thema Identitätsarbeit

Landesinstitut für Schulentwicklung / Landeszentrale für politische Bildung Baden-Württemberg / Ministerium für Kultus, Jugend und Sport Baden-Württemberg (Hrsg.) (2016): Jugendliche im Fokus salafistischer Propaganda. Stuttgart
Online abrufbar hier
Handreichung zum Thema mit Hintergründen und Theorie-Praxis-Bezug

Mercator-Institut / Zentrum für Lehrerbildung der Universität Köln (Hrsg.) (2016): Neu zugewanderte Kinder und Jugendliche im deutschen Schulsystem. Bestandsaufnahme und Empfehlungen
Online abrufbar hier
Aktuelle Studie zum Thema

Nick, P. (2003): Ohne Angst verschieden sein. Differenzerfahrungen und Identitätskonstruktionen in der multikulturellen Gesellschaft. Campus. Frankfurt am Main
Studie zu den sozialpsychologischen Ursachen der Ablehnung von Fremden, von Fremdenfeindlichkeit und Gewalt mit praktischen Hinweisen zur positiven Nutzung von Differenz

Weber, M. (2011): Pädagogische Routinen und hausgemachte „interkulturelle“ Probleme. Vom praktischen Nutzen, Heterogenität besser zu verstehen. In: Neumann, U. / Schneider, J. (Hrsg.): Schule mit Migrationshintergrund. Waxmann. Münster, S. 156-168

Welzer, H. et al. (2016): Die offene Gesellschaft und ihre Freunde. Welches Land wollen wir sein? Fischer. Frankfurt am Main
Aufsatzsammlung zum Thema und darüber hinaus.

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Bibliografische Nachweise

Celic, C. / Seltzer, K. (2011): Translanguaging. A CUNY-NYSIEB-Guide for Educators. New York
Online abrufbar hier

García, O. / Wei, L. (2014): Translanguaging. Language, Bilingualism and Education. Palgrave, New York.

Welsch, W. (2009): Was ist eigentlich Transkulturalität? In: Darowska, L. / Machold, C. (Hrsg.): Hochschule als transkultureller Raum? Beiträge zu Kultur, Bildung und Differenz. transcript, Bielefeld 2009, S. 39-66.

Welsch, W. (2011): Immer nur der Mensch? Entwürfe zu einer anderen Anthropologie. Akademie Verlag. Berlin, S. 294-322
Online abrufbar hier

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