Moralische Dilemma - Diskussionen
Die Diskussion moralischer Dilemmas dient der
Förderung moralischer und demokratischer
Grundfähigkeiten. Diese Methode hat sich als die bislang
wirksamste und nachhaltigste Unterrichtsmethode erwiesen.
Nachfolgend wird diese Methode in ihren Grundzügen
be-schrieben und ein Ablaufschema für eine
Unterrichtssequenz dargestellt. Alle Materialien wurden
mit freundlicher Genehmigung des Autors Prof. Dr. Georg
Lind von der Universität Konstanz aus dem Studienbrief
Kontaktstudium Molekularbiologie "Bioethik -
Förderung der moralischen Urteilsfähigkeit",
entnommen. Vertiefende und weiterführende Informationen
sowie Themen für Dilemmadiskussionen aller Klassenstufen
erhalten Sie unter:
Universität-Konstanz
Für das Gelingen einer Dilemma-Diskussions-Stunde ist
eine gute Ausbildung des Lehrers bzw. der Lehrerin
notwendig. Gründliche pädagogische und psychologische
Kenntnisse sind ebenso wichtig, wie eine Beschäftigung
mit der Moralphilosophie wobei vor allem Autoren wie
Kant, Habermas und Apel und ihre Schüler berücksichtigt
werden sollten. Die Ausbildung sollte schon früh mit der
praktischen Erprobungen der Dilemma-Methode einsetzen
unter der Supervision erfahrener Anwender. Wichtig ist
eine gute Verzahnung von Theorie und Praxis.
Ein Lehrerhandbuch zur Methodik der Dilemmadiskussion, auf das an
dieser Stelle aufmerksam gemacht werden soll, ist Anfang des Jahres 2003
erschienen.
Autor: Prof. Dr. G. Lind
Titel: Moral ist lehrbar. Handbuch zur Theorie und Praxis
für moralische und demokratische
Bildung
Verlag:
Oldenbourg, ISBN: 3-486-03506-1
1.1 Moralische Urteilsfähigkeit
Im Mittelpunkt steht die moralische Urteilsfähigkeit,
die Lawrence Kohlberg (1964) definiert hat als die
Fähigkeit, das eigene Denken an moralischen Idealen oder
Prinzipien auszurichten und auf der Grundlage dieses
Denken zu handeln, und zwar, so fügen wir hinzu, auch
dann, wenn man unter dem Druck steht, sich anderen
Zwängen zu unterwerfen. Solcher Druck kann von
Mehrheitsmeinungen, Vorurteilen, missbräuchlich
eingesetzter Autorität oder einfach aus Träg-heit und
mangelnder Stimmung ausgeübt werden. Er kann aber auch
aus der Tatsache resul-tieren, dass in einer Situation
mehrere moralische Anforderungen zu beachten sind, die
miteinander in Konflikt geraten können. Ein reifes
oder entwickeltes moralisches Urteil, so Kohlberg
(1958), muss daher beidem gerecht werden, a) den
moralischen Prinzipien, denen sich eine Person
verpflichtet hat, und b) der jeweiligen Situation. Es
muss gleichzeitig konsistent (in Bezug auf die eigenen
Moralprinzipien) und differenziert (in Bezug auf
konkurrierende Moralprinzipien) sein.
1.2 Lernprozesse stimulieren
Wie in vielen anderen Lernfeldern ist die beste
Lehrmethode auch hier, Schüler und Schülerinnen mit
Aufgaben zu konfrontieren, zu deren Bewältigung man sie
befähigen will. Diese Aufgaben sollen jedoch einen für
das Lernen optimalen Schwierigkeitsgrad haben. Am besten
geeignet sind dazu Dilemmas, die "semireal"
sind, das heißt, die von anderen Personen als den
Lernenden erlebt wurden (oder so hätten erlebt werden
können), die aber die Lernenden nicht direkt betreffen.
Rein abstrakte moralische Aufgaben, bei denen zum
Beispiel moralische Werte wie Freiheit und Gerechtigkeit
nach ihrer Wichtigkeit eingeschätzt werden müssen,
unterfordern die Lernenden und lösen kaum Lernprozesse
aus. Ebenso werden kaum Lernprozesse ausgelöst, wenn die
moralischen Dilemmas, mit denen sie konfrontiert werden,
zu realistisch sind und in den Lernenden sehr starke
Emotionen (vor allem Ängste) auslösen. Die
Konfrontation mit wirklichen Dilemmas, das sind Dilemmas,
die reale Konsequenzen für die Lernenden haben, sollte
erst erfolgen, wenn die Möglichkeiten von
"semirealen" Dilemmas vorangegangen ist und
wenn sicher ist, dass die Entscheidungen in der realen
Dilemma-Diskussion pädagogisch und rechtlich vertretbar
sind.
Die eigentliche Kunst des Lehrens liegt hier wie auch
sonst in der richtigen Wahl des Schwierigkeitsgrads der
Lernaufgabe. Es sollte ein moralisches Dilemma als
Ausgangspunkt der Diskussion gewählt werden, das in den
Lernenden gerade so viele emotionale Reaktionen
(Interesse, Entrüstung, Zustimmung, Ärger, Freude etc.)
freisetzt, dass bei ihnen kognitive Akti-vitäten
ausgelöst werden, sie also zum Nachdenken und
Diskutieren anregt. Das moralische Dilemma darf aber
nicht so schwer sein, dass es die Lernenden verunsichert
und verängstigt. Gelegentlich stellt sich erst im
Nachhinein heraus, dass ein Dilemma für eine bestimmte
Gruppe von Lernenden zu wenig interessant oder zu
realistisch ist. In diesem Fall kann die Diskussion
abgebrochen und mit anderen Unterrichtsinhalten
fortgefahren werden oder aber versucht werden, durch
nachträgliche Abänderungen das Dilemma interessanter
oder weniger emotional zu gestalten. Für diese Variante
bedarf es einiger Übung seitens des Lehrers bzw. der
Lehrerin.
1.3 Unterstützung und Herausforderung
Die von Moshe Blatt und Lawrence Kohlberg
vorgeschlagene Methode der Diskussion
"semirealer" moralischer Dilemmas läßt sich
gut auf diese Anforderungen abstimmen. Der beste Weg,
sich an das optimale Lernvermögen der Heranwachsendem
heranzutasten besteht darin, eine Dilemma-Stunde mit
stärkenden (stützenden, helfenden) Phasen zu beginnen,
dann herausfordernde Phasen einzubauen und diese beiden
Phasen während einer Unterrichtseinheit (einer
Schulstunden oder einer längeren Unterrichtsequenz) sich
mehrmals abwechseln zu lassen. Wie das konkret aussehen
kann, ist unten beispielhaft beschrieben.
1.4 "Semi-reale" Dilemmas
Die Forderung, dass das Thema einer Dilemma-Stunde
"semireal" sein soll, läßt einen breiten
Spielraum für die Wahl des Dilemmas offen. Es kann
fiktiv und erfunden oder real und 'hautnah' sein; es kann
sich aus den Themen ergeben, die in einem bestimmten Fach
gerade behandelt werden (z.B. das Gleichnis vom
'verlorenen Sohn' in Religion), oder aus der
unmittelbaren Erfahrung der Schüler. Man kann ein
fertiges Dilemma der Literatur entnehmen oder selbst aus
einer Geschichte den 'Dilemma-Kern' herausarbeiten und
dem Unterricht zugrunde legen.
1.5 Was ist ein "moralisches Dilemma" ?
Es gibt viele Arten von Handlungskonflikten, aber
nicht jeder ist ein moralischer. Ein moralisches Dilemma
beschreibt eine Situation, in der mindestens zwei
moralische Prinzipien miteinander - oder sogar mit sich
selbst - in Konflikt geraten, indem sie dem Handelnden
zwei völlig entgegengesetzte Handlungen vorschreiben.
Ein didaktisch gutes Dilemma sollte auf zwei bis drei
konfligierende Moralprinzipien begrenzt sein und sich
kurz auf etwa einer halben Seite beschreiben lassen.
Längere Beschreibungen lenken oft vom Dilemma-Kern ab.
1.6 Optimale Länge
Die optimale Länge einer Dilemma-Stunde ist 80 bis
100 Minuten. Der ungefähre Zeitablauf kann dem Beispiel
unten entnommen werden. In dem Maße, wie sich der
Lehrer/die Lehrerin mit dem Ansatz vertraut gemacht hat,
kann er/sie diesen Zeitplan variieren, bestimmte Phasen
verlängern oder verkürzen oder zusätzliche Elemente in
den Unterricht einbauen. Das Beispiel unten beschreibt
die Durchführung einer 'klassischen' Dilemma-Stunde, wie
sie von Blatt und Kohlberg vorgeschlagen und von uns an
der Universität Konstanz weiterenwickelt wurde.
1.7 Zielgruppe
Die Methode der Dilemma-Diskussion hat sich in vielen
schulpraktischen Erprobungen bewährt. Sie ist vor allem
für die Klassenstufen 5 bis 10 geeignet, kann in
abgewandelter Form aber auch sowohl bei jüngeren Kindern
wie bei Oberstufenschülern/-innen, Studierenden und
Erwachsenen angewandt werden.
1.8 Voraussetzungen für eine gute Dilemma-Diskussion
Damit eine Dilemma-Diskussions-Stunde gelingt und die
Schülerinnen einen optimalen Lerngewinn haben, sollten
folgende Voraussetzungen angestrebt werden:
- Gute Vorbereitung der Unterrichtsstunde. Je
besser (und zeitaufwän-diger) eine
Dilemma-Diskussionsstunde durchdacht und
vorbereitet wurde, desto weniger muss der
Lehrer/die Lehrerin später in den Verlauf der
Diskussion "pädagogisch" eingreifen
und kann ihn weitgehend der Selbstregulation der
Schüler und Schülerinnen überlassen.
- Verstetigung der Dilemma-Diskussions-Stunden im
Unterricht. Wenn solche Stunden regelmäßig,
sprich: etwa alle zwei bis drei Wochen
durchgeführt werden, trägt sich diese Methode
bald selbst. Die Schüler und Schülerinnen
wissen bald, worauf es ankommt und schlagen
notwendige Änderungen selbst vor. Absprachen
zwischen den Fachlehrern sollten aber verhindern,
dass diese Methode zu oft eingesetzt wird.
- Offenheit für "wirkliche" Probleme.
Die Diskussion von Pseudo-Problemen bereitet oft
weniger Mühe und ist für alle weniger
anstrengend, aber sie ist für das moralische
Lernen zumeist auch weniger ergiebig.
- Offenheit für die Grenzen der Methode. Die
Diskussion moralischer Dilemmas ist eine sehr
leistungsfähige Methode zur Förderung
moralischer Kompetenzen bei Heranwachsenden, aber
moralisches Lernen bedarf mehr als nur dieser
Methode. In gewissem Sinne sind alle Sachfächer
moral-relevant, da auch sie notwendig sind, um
die moralische Dimension naturhafter und
technisch-ökonomischer Vorgänge voll zu
begreifen.
Das folgende Ablaufschema einer
Moralischen-Dilemma-Diskussion ist nicht als rigide Norm
gedacht, sondern als hilfreiche Richtlinie für
Anfänger. Sie enthält einige wesentliche Aspekte der
Dilemma-Diskussions-Methode: das Herausarbeiten des
sogenannten Dilemma-Kerns (Was ist hier passiert? Wo
liegt hier eigentlich das Problem? Weshalb ist es ein
Problem? Welcher Natur ist das Problem?) und die Phasen
der Unterstützung und der Herausforderung. Viele Aspekte
sind jedoch je nach Fach, Alter der Schüler und
persönlicher Erfahrung des Lehrers veränderbar. Vor
allem können mehr Kleingruppen-Phasen durchgeführt
werden.
1.9 Ablaufschema einer Moralischen Dilemma-Diskussion
| Zeit (Min) |
Aktivität |
Lernziele
[Motivationsphase] |
| 0 |
Das moralische
Dilemma erkennen lernen (vortragen, lesen und
nach-erzählen lassen) und den
"Dilemma-Kern" herausarbeiten |
[Unterstützung] 1.Die
Schüler werden mit den äußeren Umständen des
Dilemmas vertraut gemacht und
2.sie lernen, das (moralische) Dilemma zu
erkennen und sich in die Handelnden
hineinzuversetzen.
|
| 15 |
Probe-Abstimmung:
War das Verhalten der zentralen Person eher
richtig oder eher falsch? Pro- und
Contra-Gruppen bilden; falls keine etwa gleich
starken Gruppen zustande kommen: das Dilemma
erneut darstellen und dabei die
"schwache" Seite stärker
berücksichtigen; evtl. das Dilemma etwas
abändern, so dass einige Teilnehmer in das
"schwache" Lager wechseln.
|
[Herausforderung] 3.
Sich öffentlich mit einer Meinung zu einer
Kontroverse exponiere
4. Lernen, den Unterschied zwischen
Entscheidung unter Druck und druckfreier
Meinungsbildung zu verstehen
5.Die Vielfalt von Meinungen zu einem
moralischen Problem anerkennen lernen
|
| 30 |
In jedem
Meinungslager werden kleine Gruppen von 3-4
Schülerin/innen gebildet, die Gründe für ihre
Meinung zu dem Dilemma austauschen und neue
sammeln. |
[Unterstützung] 6.
Gleichgesinnte als Quelle der Unterstützung
sehen lernen.
7. Begründungen als Quelle der Stärkung der
eigenen Position sehen lernen
|
| 40 |
Diskussion von Pro
und Contra im Plenum: Die Lehrperson erläutert
die Diskussionsregeln; die beiden Meinungslager
setzen sich einander ge-genüber; aus jedem Lager
trägt ein Teilnehmer zunächst nochmals die
jeweilige Meinung und einige Gründe hierfür
vor. Danach beginnt ein
"Schlagabtausch" der Argumente: nach
jedem Beitrag aus einer Gruppe folgt Gruppe. Wer
gerade gesprochen hat, ruft aus der anderen
Gruppe eine Person auf, die sich zu Wort gemeldet
hat. Die Lehrperson wirkt in dieser Phase fast
ausschließlich als Moderator; sie achtet darauf,
dass die Diskussionsregeln eingehalten werden.
|
[Herausforderung] 8.Öffentliche
Diskussionen über wirkliche moralische Probleme
schätzen lernen
9.Sich Gehör verschaffen lernen; die eigenen
Argumente pointiert vortragen lernen
10.Anderen genau zuhören lernen
11.Zwischen der Qualität von Argu-menten
(über die man sich manchmal gewaltig ärgern
kann) und von Menschen (die man immer
respektieren sollte) zu unterscheiden lernen.
|
| 70 |
Weitere
Kleingruppen-Phase: Die Argumente der Gegenseite
sollen eingeschätzt werden. Welche Argumente der
anderen Gruppe sind akzeptabel? |
[Unterstützung] 12.Mit
Gleichgesinnten beraten, wie weit man
Andersdenkenden ent-gegenkommen kann/soll.
|
| 75 |
Plenum: Von jeder
Gruppe berichtet ein Sprecher, welches das beste
Argument der Gegenseite ist; evtl. werden die
Argumente in eine Rangreihe gebracht. |
[Herausforderung
& Unterstützung] 13.Gute Argumente auch
dann schätzen lernen, wenn sie von der
Gegenseite kommen.
|
| 80 |
Schluß-Abstimmung:
War das Verhalten der Person in dem Dilemma eher
richtig oder eher falsch? |
[Herausforderung] 14.Kritik
an der eigenen Position zu schätzen wissen.
15.Lernen, dass auch die kontroverse
Diskussion über ernsthafte Probleme zur
Qualität des Lebens beiträgt.
|
| 85 |
Nachfragen: Wie
haben die Beteiligten die Diskussionsstunde
empfunden? Als Gewinn? Was war das vermutliche
Ziel der Stunde? Was hat man über sich und die
Mitschüler gelernt? |
[Unterstützung] 16.Sich
über die Entwicklung bewusst werden, die man
selbst und andere durch die Dilemma-Diskussion
erfahren haben.
|
| 90 |
Ende der
Dilemma-Stunde |
|
2. Beispiele für eine Dilemmadiskussion
Hinweis: Die hier vorgestellten
Dilemmas wurden speziell entwickelt für den Einsatz in
der Kursstufe des Gymnasiums und sollten in dieser Form
nur dort eingesetzt werden.
a) Embryonen-Spenderin Lara
(Autor: Prof. Dr. Lind)
Lara ist 16 und wohnt in einem armen,
südamerikanischen Land. Sie hat keine Ausbildung und
findet nirgends eine Anstellung. Die Aussichten sind
gering, je eine zu bekommen, da es bereits viele
Arbeitslose gibt. Auch ihre Eltern sind ohne Arbeit und
ihre jüngeren Geschwister gehen noch zur Schule. Als sie
wegen einer ungewollten Schwangerschaft im Armenhospital
abtreiben läßt, sagt ihr die Ärztin, dass sie für
einen großen Pharmakonzern arbeite, der viele Embryonen
benötige für neue gentechnische Heilungsmethoden. Sie
könnte gut verdienen, wenn sie der Firma nicht nur den
abgetriebenen Fötus überläßt, sondern sich auch
verpflichtet, fünf Jahre lang einmal pro Jahr sich
künstlich befruchten zu lassen und den Embryo der Firma
zu geben. Das Geld, das Lara angeboten wurde, würde
genügen, um sich und ihre Familie zu ernähren und dazu
noch eine Ausbildung als Lehrerin zu machen. Auch das
Hospital würde davon profitieren. Sie würde das Geld im
Voraus bekommen. Bei Vertragsbruch müsste sie aber das
Geld wieder zurückgeben. Lara plagen Zweifel. Schon die
Abtreibung war ihr schwer gefallen, aber noch viel
schwerer fällt ihr, den abgetriebenen Embryo zu
verkaufen und das jedes Jahr wieder zu tun. Sie wollte
ihn eigentlich beerdigen, wie es ihr Glauben vorschreibt.
Aber sie weiß nicht mehr, wovon sie überhaupt leben
soll. Daher beschließt sie, den Vertrag zu
unterschreiben.
War die Entscheidung Laras Ihrer Meinung nach eher
falsch oder eher richtig? Kreuzen Sie bitte auf der
folgenden Skala an, wie Sie darüber urteilen:
Ich meine, das Verhalten von Lara war . . .
völlig falsch -3 -2 -1 0 +1 +2 +3
völlig richtig
Wie sicher sind Sie sich ihrer Meinung?
Ich bin . . .
völlig unsicher 0 1 2 3 4 5 6 völlig
sicher
Was sind die Gründe für Ihre Meinung über Lara ?
Geben Sie bitte mit kurzen Sätzen oder Stichworten so
viele Gründe wieder, wie Ihnen einfallen.
b) Keimbahntherapie (Muskeldystrophie)
(Autorin: StD Sabine Schatte)
Klaus und Brigitte Haller er ist 38, sie 37 Jahre alt,
haben beruflich Erfolg und sind glücklich verheiratet.
Seit einiger Zeit verspüren sie beide den starken Wunsch
nach Kindern. Der Bruder von Brigitte litt jedoch an
Muskeldystrophie Duchenne und starb bereits mit 17
Jahren. Für Frau Haller war die Leidenszeit ihres
Bruders so gravierend, dass sie dies bei ihren Kindern
auf keinen Fall nochmals durchmachen wollte.
Um abzuklären, inwiefern ein Risiko besteht, dass
auch ihre Kinder an Muskeldystrophie erkranken, besuchte
das Ehepaar Haller eine humangenetische Beratungsstelle.
Es stellte sich heraus, dass Brigitte Haller selbst
Überträgerin der Krankheit ist, d. h. dass ihre Söhne
mit einer Wahrscheinlichkeit von 50% an der
Muskeldystrophie erkranken würden.
Überraschenderweise erklärte der leitende Arzt dem
Ehepaar, dass sein Team eine Möglichkeit gefunden
hätte, eine Keimbahntherapie durchzuführen, d. h. die
Gendefekte der Eizellen könnten durch einbringen
intakter Gene behoben werden. Zwar sei die gesetzliche
Grundlage für einen solchen Eingriff noch nicht
vorhanden, aber wenn beide Partner als spätere Eltern
die Verantwortung übernehmen und eine entsprechende
Erklärung unterschreiben würden, könnte man das in
ihrem Fall tun.
Sie würden dadurch auch der Wissenschaft helfen.
Beide willigten ein und der Arzt führte die
Keimbahntherapie durch.
War die Entscheidung des Ehepaars Haller Ihrer Meinung
nach eher falsch oder eher richtig?
Kreuzen Sie bitte auf der folgenden Skala an, wie Sie
darüber urteilen:
Ich meine das Verhalten der Hallers war ...
völlig falsch -3 -2 -1 +1 +2 +3
völlig richtig
Wie sicher sind Sie sich ihrer Meinung?
Ich bin . . .
völlig unsicher 0 1 2 3 4 5 6 völlig
sicher
Was sind die Gründe für Ihre Meinung über die
Entscheidung der Hallers ? Geben Sie bitte mit kurzen
Sätzen oder Stichworten so viele Gründe wieder, wie
Ihnen einfallen.
c) Stammzellentherapie
(Autor: OStR Hans-Joachim Rösner)
Die in England lebende Familie Hashmis möchte durch
künstliche Befruchtung ein weiteres Kind zeugen, mit
dessen Stammzellen ein kranker Sohn gerettet werden soll.
Die Familie hat bisher vier Kinder. Eines davon, der Sohn
Zain, hat "Beta-Thalassämie". Diese
Erbkrankheit ist auch mit Medikamenten nicht zu
heilen ist. Ein fünftes Kind war von den Eltern in der
Hoffnung gezeugt worden, dass dieses Kind die für eine
Heilung von Zain notwendigen Stammzellen oder geeignetes
Knochenmark liefern könnte. Ein Test in der 12.
Schwangerschaftswoche ergab, dass das Kind zwar gesund
sein würde, aber als Spender für seinen Bruder nicht
geeignet ist.
Nachdem die Familie von der
Präimplantationsdiagnostik, einem Verfahren das in
Großbritannien erlaubt ist, erfahren hat, sieht sie in
einer künstlichen Befruchtung die einzige Chance, das
Leben des Sohnes zu retten. Aus den Embryonen soll
der ausgewählt und in die Gebärmutter eingepflanzt
werden, der in seiner Nabelschnur die passenden
Stammzellen bilden wird. Bisher wurde ein
Auswahlverfahren nur angewandt, um genetisch kranke
Embryonen auszusondern. Die Mutter ist 37 Jahre alt. Man
hofft 6-8 Embryonen gewinnen zu können. Ist ein
geeigneter Embryo dabei, soll dieser eingepflanzt werden.
Die restlichen Embryonen werden tiefgekühlt, bis sie
jemand adoptiert. Verläuft die Schwangerschaft und die
Transplantation der Stammzellen aus der Nabelschnur
erfolgreich, liegen die Chancen für eine völlige
Heilung bei über 90 %. Zur Zeit muss Zain an fünf Tagen
in der Woche mittels einer schmerzhaften Prozedur über
Nacht zehn Milliliter Desferal injiziert werden.
Das Ehepaar möchte auf diesem Weg ihrem Kind helfen
und hat inzwischen einen Arzt gefunden, der die
künstliche Befruchtung durchführen und den passenden
Embryo implantieren will. Dieser hat bei der zuständigen
Genehmigungsbehörde der "Human Fertilisation and
Embryology Authority" (HFEA) einen entsprechenden
Antrag gestellt.
Bewerten Sie die Entscheidung dieses Ehepaares. War
Ihrer Meinung nach die Entscheidung eher richtig oder
eher falsch? Kreuzen Sie auf folgender Skala an, wie Sie
darüber urteilen:
Meiner Meinung nach war die Entscheidung des Ehepaares
...
völlig falsch -3 -2
-1 0 +1 +2 +3 völlig
richtig
Wie sicher sind Sie sich ihrer Meinung?
Ich bin . . .
völlig unsicher 0 1 2 3 4 5 6 völlig
sicher
Was sind die Gründe für Ihre Meinung zur
Entscheidung des Ehepaares ? Geben Sie bitte mit kurzen
Sätzen oder Stichworten so viele Gründe wieder, wie
Ihnen einfallen.
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