Zum
Scénario "Les jeunes et la retraite".
Rentenreform - ein Thema für Jugendliche?
Für die französischen Schülerinnen und Schüler ist diese Frage beantwortet. Sie nehmen massenhaft an
Demonstrationen, Streiks und Blockaden gegen die Rentenpolitik der Regierung teil!
Die Rentenreform und der Protest dagegen
Seit 2008 können Franzosen
freiwillig
bis 70 arbeiten, und schon damals waren in Umfragen
zwei
Drittel gegen diese Regelung.
Während nur
38
% der Franzosen über 55 noch arbeiten (
EU-Durchschnitt: 48%), soll nun die
Altersgrenze für die Verrentung von 60 auf 62 erhöht werden. Die volle Rente (das sind 50% des durchschnittlichen Lohns der 25 besten Arbeitsjahre) kann dann erst mit 67 statt mit 65 Jahren - nach demnächst 41,5 Beitragsjahren - bezogen werden
können; für jedes an 65/67 Jahren fehlende Vierteljahr wird 1,25% abgezogen, also 5% pro Jahr (Deutschland: 3,6%). Zu den Details s. eine

"
Infographie" des Figaro (Mauszeiger auch auf blau unterlegte Felder stellen) und
eine kurze
Übersicht
bei Libération und etwas ausführlicher bei
L'Expansion
(3 Seiten).
Doch verstehen die Franzosen überhaupt ihr Rentensystem?
Für viele ist es eine Lotterie, statt es zu reformieren wird
es nach
Th. Piketty
nur notdüftig geflickt.
Die
Gewerkschaften
sind einmal nicht gespalten und beklagen sich darüber, dass
mit ihnen nur zum Schein gesprochen wurde.
Trotz der
größten
Demonstrationen der
Gewerkschaften
seit 20 Jahren mit
millionenfacher
Beteiligung, auch von Jugendlichen (
"Les jeunes
au turbin, les vieux au jardin!"), und
schlechten
Umfrageergebnissen (eine große Mehrheit spricht sich
dagegen aus) will Präsident
N. Sarkozy
die Reform "bis zum Ende" durchziehen.
S. auch
Pressestimmen
zur Mobilisierung gegen die Reform.
Nach nur
wenigen Änderungen an den Bestimmungen des Gesetzentwurfs durch Senat und Nationalversammlung fand die
Schlussabstimmung in den Herbstferien statt, s.
Pressestimmen dazu.
Diese hat Sarkozy zwar gewonnen, aber er geht dennoch geschwächt aus der Auseinandersetzung hervor, befindet das
Edito von Le Monde. Ein neuer Mai 68 findet allerdings nicht statt, so
Alain Duhamel.
Die Gewerkschaften wollen die
Mobilisierung weitergehen lassen, in der vagen Hoffnung, dass Präsident Sarkozy auf die Inkraftsetzung des Gesetzes (promulgation) verzichtet. Die Regierung wiederum bietet ihnen
Verhandlungen über soziale Themen an. Die
Sozialistische Partei will den
Verfassungsrat anrufen.
Eine
Bilanz des Protests in Zahlen bietet Le Monde. Wird die Bewegung langfristige Auswirkungen haben, z. B. auf die Wahl des nächsten Präsidenten in 18 Monaten?
Jugendliche und Rentenreform
Was die
Jugendlichen angeht, befürchten sie größere Jugendarbeitslosigkeit, mehr prekäre Beschäftigung und ein massives Absinken ihrer Rentenansprüche; so sehen es
auch
G. Fonouni
und die Studentengewerkschaft
SUD Etudiant.
Der Soziologe
O. Galland
stellt eine Angst der Jugendlichen vor gesellschaftlichem Ausschluss
durch Schulsystem, Wohnungs- und Arbeitsmarkt fest, nun meldet sich die
so individualistische Jugend in der Gesellschaft über Politisierung und Radikalisierung zurück.
Generell hat sie eine große
Zukunftsangst,
wie der Soziologe und Jugendspezialist
Michel Fize
erläutert. Er verteidigt auch die Legitimität ihres
Eingreifens in den politischen Prozess, der sich in zahlreichen
Aktionsformen
widerspiegelt. Eine Anklage gegen die aktuelle Politik formuliert ein
Student.
Zwei
engagierte
Schüler berichten über die
Aktivitäten einer Woche.
Zahlreiche Aussagen von Jugendlichen bei Le Monde zeugen von
schwankenden
Meinungen, aber auch von
Fatalismus.
Ein
Rap "Ma
retraite j'la veux" wurde auch bereits ins Internet gestellt.
Ein
Video
des Figaro zeigt ihre Aktionsformen und Meinungen.
Die kleinen
Schülergewerkschaften sind sehr engagiert, z.B. die
UNL mit ihrem Präsidenten
Victor Colombani vom elitären Lycée Henri-IV; s.
Video und
Interview mit ihm.
Laut
Jugendminister
Marc-Philippe Daubresse muss man den Jugendlichen
erklären, dass diese Reform für sie gemacht wird.
Bei den Demonstrationen von Gymnasiasten kam es auch zu
Vandalismus
von "casseurs" (Randalierern); s. auch ein
Video
des Figaro.
Die Jugendlichen der Vorstädte, die sich vor fünf Jahren so lautstark ("
émeutes") zu Wort gemeldet hatten, scheinen diesmal zurückhaltend zu sein. Einen flammenden Appell zur Teilnahme an den Aktionen richtet Z. Bihan stellvertretend an eine

"
p'tite racaille".
Präsident Sarkozy will
hart
gegen Randalierer vorgehen;
L. Joffrin
warnt die Regierung vor einer "Politik der Hartgummigeschosse"
(Flashballs) und rät zu Kompromissen.
Er spielt darauf an, dass ein Jugendlicher von einem solchen Geschoss
am Auge verletzt
worden war (s. auch ein
Video),
woraufhin der Pariser Polizeipräfekt
die Polizisten zur
Vorsicht mahnte (Zur Wirkung von Gummigeschossen s. die
deutsche Seite von
Telepolis).
Vertiefende Analysen
Le Monde zeichnet die
Geschichte
der Rente mit 60 nach (Seite inzwischen kostenpflichtig).
Xavier Bertrand,
Generalsekretär de Regierungspartei UMP, verteidigt die
Reform.
Die soziale Lage der
Kinder
der "Babyboomer" ist schlechter als die ihrer Eltern, also
muss die Lebensarbeitszeit verlängert werden, erklärt
A. Duprez.
Die Rentenreform 2010 hat bereits ihren Eingang in die
Online-Enzyklopädie
Wikipédia
gefunden.
Die Positionen der
Oppositionsparteien fassen kurz der Nouvel Observateur und
Le Monde zusammen.
Ein Video zeigt die Positionen der größten
Oppositionspartei, der
Parti socialiste, die jedoch nach
Meinung des
Online-Magazins Slate
eine Radikalisierung der Bewegung fürchtet und auch
nicht von der Krise der Regierung profitiert.
Ob mit 60 oder 62, die Rente ist ungerecht, findet
G. Biseau.
Frankreich fehlt der soziale Zusammenhalt, die Gegner der Reform opponieren nur ohne echte Perspektive zu haben, analysiert
G.-N. Fischer. Die Institutionen der 5. Republik versagen, so
C. Lepage,
es muss eine "négociation sociale" stattfinden.
B. Legrand
findet, dass Sarkozy sich zwischen vier Lösungswegen
entscheiden musste: Verhandeln, Aussitzen, polizeiliche Repression im Namen der
öffentlichen Ordnung oder eine neue "sozialere" Regierung nach
der Verabschiedung des Gesetzes, um so 2012 für eine weitere
Amtszeit gewählt werden zu können; ähnlich
sieht es
A. Duhamel.
Im Sinne der vierten Alternative fordert Umweltminister
Borloo
- er gilt als
möglicher
neuer Premierminister -: "
Il faut
maintenant renouer le dialogue social".
Vorerst
verhärtet
Sarkozy aber seine Linie.
Nach
Y. Michaud
verscherzt er sich damit seine Wiederwahl.
Grundsätzlicher sieht der Philosoph
Robert Redeker
die Protestbewegung:
Seiner Meinung nach geht der französische "Mythos" des
Ruhestands als paradiesische Zeit in einer "
agonie (...) convulsive" zu Ende - und die Demonstranten verabschieden
sich gerade von diesem Traum, ohne es zu ahnen.
Anregungen für den Unterricht in S II: Scénario
In unserem
Scénario erhalten Sie
Vorschläge für eine Behandlung des Themas. Die
Details der Rentenreform und ihre Entstehungsgeschichte nehmen dort nicht allzu viel Raum ein, zudem
sollten die Materialien möglichst anschaulich sein und die
unterschiedlichen politischen Positionen deutlich machen. Hörverstehens- und kreative Aufgaben sind eingearbeitet. Der Akzent
wird auf die Lage und die Aktionen der Jugendlichen gelegt, aber auch
versucht, allgemeine Erkenntnisse über Frankreich zu
erarbeiten, indem die eine oder andere der Hintergrundanalysen von
Gruppen oder einzelnen Schülern und Schülerinnen
erarbeitet werden. Dabei sollte auch die Analyse des französischen politischen Systems eine Rolle spielen, da es sonst zu fragwürdigen
Verallgemeinerungen über den Hang der Franzosen zur Gewalttätigkeit o. ä. kommen könnte (s. o.,
Vertiefende Informationen).
Sinnvoll kann auch ein Vergleich der deutschen mit der französischen Diskussion sein.