Politik in Friedrichshafen in der Zeppelinzeit
Die Arbeiter, die man so gerne bei dem rauschhaften Aufstieg der Stadt übersah, scheinen mit dem ihnen zugedachten, möglichst unauffälligen Platz in Gesellschaft und Stadt nicht zufrieden gewesen zu sein. Sie begannen sich zu formieren und ihre Interessen kollektiv zu vertreten. Im Luftschiffbau bestand ein "Arbeiterausschuss", ein Vorläufer des heutigen Betriebsrats, allerdings ohne jegliche Rechte, sowie ein "Wohlfahrtsausschuss" zur Kontrolle der Sozialrichtungen des Konzerns. Dass der Arbeiterausschuss dennoch als wirkungsvolles Instrument der Interessenvertretung fungierte, zeigten die Lohnverhandlungen des Jahres 1911. Im Arbeiterausschuss waren allerdings, wie der Name sagt, nur die Arbeiter vertreten. Zwischen Arbeitern und Angestellten, die bezeichnenderweise Beamte genannt wurden und wieder in Beamte, Unter- und Hilfsbeamte aufgeteilt waren, klaffte ein tiefer Graben.
Aber die Arbeiter organisierten sich auch überbetrieblich und so wurde 1910 erstmals ein Gewerkschaftskartell mit 5 Einzelgewerkschaften und etwa 100 Mitgliedern genannt. Das Kartell löste sich offenbar bald wieder auf und wurde erst nach dem 1. Weltkrieg wieder gegründet. Beherrschend blieb mit und ohne Kartell ohnehin der Deutsche Metallarbeiterverband, der Vorläufer der heutigen IG Metall.
Auch politisch begannen die Arbeiter ihre eigenen Wege zu gehen. 1907 wurde ein Ortsverein der SPD gegründet, der bis zum 1. Weltkrieg auf 100 Mitglieder anstieg. Wenn man sich vorstellt, dass im Bewusstsein des normalen Friedrichshafener Bürgers damals die SPD eine Partei war, die auf Umsturz und Chaos sann und jeder, der sich in ihr organisierte, im Ruch des Terrorismus stand, so gehörte einiger Mut dazu, sich einer solchen staatsfeindlichen Organisation anzuschließen. Dass dennoch etwa ein Achtel der damaligen Friedrichshafener Arbeiter in der SPD Mitglieder waren und gar ein Viertel für sie bei der Landtagswahl 1912 stimmte, lässt die Ängste der Friedrichshafener erahnen, was da bei aller vordergründigen Aufwärtsentwicklung auf sie zukam.
In der Stadtpolitik, vor allem in der Vertretung in den komunalen Gremien, schlug sich das noch kaum nieder. Denn um die komunalen Vertreter wählen zu können, benötigte man das Stadtbürgerrecht und das erhielt man als nichts besitzender Neuzuzügler nicht so schnell.