Industrialisierung der USA
Die Zeit von 1820 bis zum amerikanischen Bürgerkrieg (1861 – 1865) gilt als die Vorbereitungsphase der Industrialisierung der USA, die Jahre von 1865 bis 1890 gelten als die das Zeitalter der eigentlichen industriellen Revolution.
Erschließung des Westens
Vor dem Bürgerkrieg waren amerikanische Siedler bis ins westliche Einzugsgebiet des Mississippi und an die pazifische Küste vorgedrungen. Die Great Plains und die Gebirgsketten mit dem Great Basin (
Karte USA) waren noch nicht erreicht worden.
Nach dem Bürgerkrieg wurde diese Gebiete nun besiedelt, was zu einer Reihe von Indianerkriegen führte. Die Lebensgrundlage der Prärieindianer waren die Büffelherden, die nun die Bewegungsfreiheit der Farmer und Viehzüchter behinderten. Ursprünglich gab es im Westen 15 bis 30 Millionen Büffel, bis Mitte der 1880er jahre waren sie fast völlig ausgerottet. (Guggisberg, 139)
Im Verlauf der Indianerkriege wurden die restlichen Ureinwohner teils ausgerottet, teils dezimiert, teils in Reservaten angesiedelt. (Vgl. auch den Link "Indianerpolitik ab dem letzten Drittel des 19. Jh." in der rechten Spalte.)
Eisenbahnen
Die Gleise der Gesellschaften
Union Pacific und
Central Pacific begegneten sich im Mai 1869 in Utah, womit die erste transkontinentale Eisenbahnverbindung hergestellt war.
Der Eisenbahnbau wurde vom Kongress durch zinslose Darlehen und Landschenkungen massiv befördert. "Bis 1880 wurden allein über 4,5 Milliarden Dollar in den Eisenbahnbau investiert, von denen der Staat rund 600 Millionen Dollar bereitgestellt hatte, die Hälfte davon durch die Einzelstaaten. Landschenkungen von nahezu 200 Millionen acres (immerhin eine Fläche, die in etwa der Größe von Belgien, Großbritannien und Spanien zusammen entspricht), fast 90% davon westlich des Mississippi, hatten den Bau wesentlich erleichtert. Als Gegenleistung mussten die Bahnen Regierungsfracht, Truppen und Post zu besonderen Tarifen befördern. 1865 hatte das Schienennetz 35.000 Meilen betragen und war bis 1900 auf rund 310.000 km (länger als das gesamte europäische Schienennetz einschließlich Russland) angewachsen." (Dippel, S. 67)
An der Spitze standen riesiger Eisanbahngesellschaften mächtige Finanzleute wie Cornelius Vanderbilt, James J. Hill, Jay Gould und J. Pierpont Morgan.
Die Eisenbahnen verbanden die wirtschaftlichen und politischen Zentren miteinander und beschleunigten die Erschließung des westens, weil sie an manchen Stellen sogar den Siedlern vorauseilten und weil sich die Besiedlung an den Schienensträngen entlang schneller vollzog.
Viehzüchter
Das Hauptgebiet der Viehzucht in des USA war Texas. Dort wurden die
Longhorn- Rinder gezüchtet. 1865 betrug der Bestand an diesen Rindern ca. 5 Millionen Stück. (Guggisberg, 127) Seit 1866 trieben die Texaner ihre Herden durch die Prärie zu den End- und Anschlusspunkten der Eisenbahnen ("Long Drive"). Die Viehzucht dehnte sich auch nach Colorado, Montana, Idaho und die beiden Dakotas aus. (Guggisberg, 127 f.)
Karte Cattle Trails
"Das Ende des ´Cattle Kingdom` kam jedoch mit dem plötzlichen Zerfall der Fleischpreise im Jahre 1885. Die dadurch entstandene Krise wurde noch verschärft, als in den extrem kalten Wintern von 1885/86 und 1886/87 große Teile der Viehbestände zugrunde gingen." (Guggisberg, 128) Nach der Erholung hatten die Viehzüchter aber nicht mehr ihre voherige wirtschaftliche Bedeutung.
Farmer
Mit der Besiedlung des Westens drangen auch die Farmer immer weiter vor und ermöglichten die Ernährung der wachsenden Städte. Dabei waren auch sie auf den Transport ihrer Waren durch die Eisenbahnen angewiesen. "Neue Maschinen ermöglichten die extensive Nutzung [des Bodens], Windmühlen betrieben Pumpwerke und Bewässerungsanlagen, und technisch verbesserte Pflüge erleichterten die Feldarbeit. Das Problem der Einzäunung des bebauten Landes wurde durch die Einführung des Stacheldrahts (1874) gelöst. Verschiedene Bundesgesetze verschafften den Farmern Zutritt zum anbaufähigen Weideland." (Guggisberg, 128)
Mining Frontier
Schon vor dem Bürgerkrieg herrschte der berühmte
kalifornische Goldrausch (1848 - 1854), der nicht nur Tausende von Goldsuchern anlockte, sondern auch einen Mann wie
Levi Strauss, der für die Goldgräber die Jeans erfand.
1858 brach der Colorado Gold Rush aus, 1859 wurde die enorm reichhaltige Comstock- Ader mit Gold und hochwertigem Silbererz in Nevada gefunden. Weil Abraham Lincoln Einnahmen für den Bürgerkrieg brauchte, machte er Nevada wegen dieser Gold- und Silbervorkommen 1864 zum Bundesstaat, obwohl es eigentlich noch nicht genügend Einwohner hatte, um Bundesstaat zu werden. (
History of Virginia City, Nevada and the Comstock Lode).
Der letzte große Goldrausch fand in den Black Hills in South Dakota statt. Weil die Adern meist schnell versiegten, wurden die Goldgräberstädte so schnell verlassen, wie sie entstanden waren, und bildeten die berühmten Geisterstädte (Ghost Towns) (
Amusement Park "Knott's Berry Farm", America's First Theme Park).
Der Abbau von Gold und Silber durch Goldgräber in der Pionierzeit des Westens wurde aber bald durch den industriellen Abbau von Kupfer, Blei, Quarz und Eisenerz durch große Bergbauunternehmungen abgelöst.
Die Erholung der Wirtschaft im Süden nach dem Bürgerkrieg
Trotz Abschaffung der Sklaverei erholte sich die Wirtschaft im Süden. Die ehemaligen Sklaven wurden zu Kleinpächtern, sogenannten „Sharecroppers“, 1875 hatte die Produktion von Baumwolle und Tabak wieder den Vorkriegsstand erreicht. (Guggisberg, 131) Der Ausbau des Eisenbahnnetzes förderte auch im Süden die Ansiedlung von Industrie, z.B. im Bergbau und in der Erdölgewinnung.
Die sogenannte „Cotton Mill“, eine Fabrik, in der Baumwolle weiterverarbeitet wurde, wurde zum Symbol des New South. "In der Zeit von 1880 bis 1900 stiegen die Investitionen in diesem Bereich um das Siebenfache an." (Guggisheim, 131) (
Bild: Arbeit in der Cotton Mill) Hauptsächlich wurden in der südstaatlichen Industrie aber Waren hergestellt, die im Norden weiterverarbeitet wurden.
Der Lebensstandard im Süden blieb trotz des Aufschwunges gegenüber dem Norden zurück. „Das durchschnittliche Einkommen pro Kopf der Bevölkerung betrug um 1880 für die gesamten Vereinigten Staaten 870 Dollar, für den Süden allein jedoch bloß 376 Dollar. Um 1900 beliefen sich die entsprechenden Werte auf 1.165 bzw. 509 Dollar.“ (Guggisheim, 132). So wundert es nicht, dass eine Binnenwanderung nach Norden in die großen Industriezentren einsetzte.
Big Business
Im Zuge der Industrialisierung bildeten sich in der US- amerikanischen Industrie durch Konzentration große Gesellschaften heraus, die kleinere Betriebe niederkonkurrierten, Kartelle und Trusts bildeten, ganze Branchen kontrollierten und den freien Wettbewerb aushebelten. Der Typus des großen Industriekapitäns bildete sich heraus, von ihren Gegnern „Robber Barons“ genannt. Beispiele waren die Stahlbarone
Andrew Carnegie und
John Pierpont Morgan, der „Eisenbahnkönig“
Cornelius Vanderbilt und andere.
In der Eisen- und Stahlindustrie, dem Herz der Industrialisierung, machte
Andrew Carnegie ein großes Vermögen. „Er war als Sohn armer Eltern aus Schottland eingewandert, hatte seine ersten Erfolge im Eisenbahngeschäft errungen, umgab sich als Stahlfabrikant [Er errichtete 1873 bei Pittsburgh das größte Stahlwerk der Welt] mit äußerst tüchtigen Mitarbeitern und profitierte bei der Überwindung seiner Konkurrenten u.a. von den Tarifermäßigungen, die ihm die „Pennsylvania Railroad“ gewährte. Mit einem Vermögen von mehreren hundert Millionen Dollar zog er sich um 1901 zurück und betätigte sich von da an hauptsächlich als Philanthrop und Förderer humanitärer und kultureller Institutionen aller Art.
Seine Firma verkaufte er dem New Yorker Bankier
J. Pierpont Morgan, der sie noch im gleichen Jahr mit elf anderen Stahlgesellschaften zur United States Steel Corporation verband. Dieses neue Unternehmen verfügte über ein Gesamtkapital von ca. 1,4 Milliarden Dollar und kontrollierte drei Fünftel der gesamten amerikanischen Stahlproduktion.“ (Guggisheim, 135)
Ein weiteres Großunternehmen war die Standard Oil Company, die 1882 von John D. Rockefeller gegründet wurde. „Sie führte alle Arbeitsprozesse in eigener Regie durch: Gewinnung des Rohmaterials, Transport, Raffinierung, Verpackung („Tin Cans“) und Verkauf. [Sie besaß eigene Eisenbahnlinien und eine eigen Tankerflotte.] Die Standard Oil Company beherrschte mit der Zeit nicht nur den nationalen Ölmarkt [über 90% der Raffineriekapazizäten des Landes], sondern auch denjenigen Europas und Lateinamerikas. Ihre Einflüsse waren mannigfaltig: Sie korrumpierte die öffentliche Verwaltung und viele Politiker, sie rief die Antitrust- Gesetzgebung auf den Plan, sammelte riesige Gewinne, ruinierte die Konkurrenz, hielt viele Menschen in Armut, genoss illegale Privilegien und begründete ebenfalls bedeutsame philanthropische Unternehmungen.“ (Guggisberg, 136 f.)
Henry Ford revolutioniert die Automobilindustrie mit der Massenproduktion des Modells T am Fließband, siehe hierzu
Tin Lizzy – Henry Fords Modell T.
1879 gründete
Franklin Winfield Woolworth sein erstes Warenhaus. Bei seinem Tod 1919 besaß er mehr als tausend Warenhäuser.
Für die Verschmelzung von Industrie- und Bankkapital steht
John Pierpont Morgan. „Seit 1871 war er selbstständig durch die Gründung eines nach ihm selbst benannten, ab 1895 als J. P. Morgan & Co firmierenden Bankhauses, das vor allem marode Eisenbahnlinien erwarb und sanierte. 1901 gründete Morgan dann den Stahltrust United States Steel Corp., den zu stützen 1902 noch ein auch englische Linien akquirierender Schifffahrtstrust, die International Mercantile Marine Company (IMMC), unter Beteiligung deutscher Reedereien begründet wurde. Mehrmals griff er auch in die Staatsfinanzen ein. 1895 und 1907 bewahrte er als Anführer von Investorengruppen die USA vor dem Staatsbankrott.“ (
John Pierpont Morgan, Wikipedia)
Regional unterschiedliche Schwerpunkte der Industrialisierung
„1890 stammten über 85% aller amerikanischen Industrieerzeugnisse aus dieser Region [dem Norden], während der Westen vielfach Rohstoffe lieferte und der Süden zwar in einigen Bereichen Fortschritte machte, im wesentlichn aber mit der Beseitigung der Kriegsfolgen beschäftigt war. 1890 erreichte der Wert der Industrieproduktion des gesamten Südens nur etwa die Hälfte jener des Staates New York. Fünfzig Jahre lang, von 1865 bis 1914, wuchs das amerikanische Bruttosozialprodukt jährlich um über 4%. Nie zuvor hatte es eine so lange Phase kontinuierlichen Wachstums gegeben.“ (Dippel, 70)
“1865 war der amerikanische Industriausstoß deutlich geringer als der Großbritannien, Deutschland und Frankreich; 1900 war er größer als der aller drei Länder zusammen.“ (Dippel, 69)
Verstädterung und Immigration
Verbunden mit der Industrialisierung war die Verstädterung der USA, v.a. im Osten. "Um 1890 lebte mehr als die Hälfte aller amerikanischen Stadtbewohner in den fünf Staaten New York, Pennsylvania, Massachusetts, Illinois und Ohio. Die Stadt New York zählte bereits 2,3 Millionen Einwohner, Chicago und Philadelphia hatten etwas mehr als 1 Million. Daneben gab es eine ganze Reihe von Städten mit über 200.000 Einwohnern, und überall nahmen die Bevölkerungszahlen rapid zu." (Guggisheim, 137f.) 1874 fährt in New York City die erste elektrische Straßenbahn, 1877 stehen die ersten Telefonverbindungen zwischen Chicago und Milwaukee, 1884 wird in Chicago der erste Wolkenkratzer errichtet. Er besitzt 10 Stockwerke. (Deschner: Der Moloch, 139)
Das massive Städtwwachstum war nicht nur auf die Landflucht, sondern auch auf die wachsende Immigration zurückzuführen. "Diese hatte sich in der Zeit von 1870 bis 1889 auf insgesamt 2,8 Millionen belaufen, aber schon im folgenden Jahrzehnt die Fünfmillionengrenze überschritten. Zwischen 1890 und 1900 wanderten 3,7 Millionen ein, und in der Zeit von 1900 bis 1910 sollte die Immigration die vorher und auch seither nicht mehr erreichte Gesamtziffer von 8,8 Millionen erreichen." (Guggisheim, 138) Dabei verschob sich die Herkunft der Immigranten zunehmend zugunsten der sogenannten "neuen" Einwanderer, die mehrheitlich aus Süd- und Osteuropa kamen, aber auch Mexikaner, Französisch- Kanadier, Chinesen und Japaner umfassten. "Im Jahrzehnt des amerikanischen Bürgerkrieges hatte der Anteil der `neuen` Einwanderer an der gesamten Immigration bloß 1,4% betragen; zwanzig Jahre später belief er sich auf 20%, um im Jahrzehnt von 1890 bis 1900 auf 50% und nach 1900 zeitweilig bis auf 70% anzusteigen." (Guggisheim, 139)
Gründe für das enorme Wachstum der Industrie in den USA
Gründe waren:
- der amerikanische Binnenmarkt als weltgrößter zusammenhängender Wirtschaftsraum
- Vorhandensein zahlreicher riesiger Rohstoffvorkommen
- das starke Bevölkerungswachstum, das durch die Einwanderung gestärkt wurde
- die Abschottung der amerikanischen Wirtschaft nach außen durch Schutzzölle
- Vertrauen ausländischer Kapitalanleger, die große Summen investierten, in den amerikanischen Aufschwung
- der technologische Fortschritt
- eine große Zahl von Erfindungen, von der Glühlampe bis zur Schreibmaschine, aber auch Colt und Winchester
- die staatliche Förderung der Industrie, z.B. im Eisenbahnbau oder bei der Unterstützung der Siedler
- das Bekenntnis zum freien Unternehmertum und zur Marktwirtschaft
- staatliche Zurückhaltung bei Eingriffen in die Arbeitsbedingungen
(Dippel, 69 und Guggisberg, 135)
Soziale Frage und Reformbewegungen (1): Industrie
Der Reallohn der Industriearbeiter stieg zwischen 1860 und 1914 um etwa 100%. (Mickel / Kampmann / Wiegand: Politik und Gesellschaft, Band 1, Frankfurt/Main 1980, S.239) Das änderte nichts daran, dass die Arbeitszeiten lang und die Sicherheitsstandards bei der Arbeit niedrig waren. Die Frauen- und Kinderarbeit nahm zu: "Jede fünfte, im allgemeinen unverheiratete Frau über 16 Jahren war am Jahrhundertende berufstätig - durchweg in untergeordneten Berufen -, und die Zahl der arbeitenden Kinder hatte in den voraufgegangenen drei Jahrzehnten um 130% auf 1,8 Millionen zugenommen." (Dippel, 71) Daneben gab es Diskriminierung. Weiße verdienten mehr als Schwarze, Schwarze mehr als Asiaten, Männer mehr als Frauen, Protestanten mehr als Katholiken. Sozialversicherungen fehlten, Slums breiteten sich aus.
Streiks galten als Verschwörung und wurden unterbunden, wobei auch Polizei zum Einsatz kam und es Tote gab, wie etwa 1886 auf dem Hamarket Square in Chicago.
Zwar gab es gut gemeinte Antitrust- Gesetze gegen die wachsende Konzentration in der wirtschaft, z.B. den 1890 verabschiedeten Sherman Antitrust Act, aber eine konservative Justiz wandte diese wirtschaftlich ziemlich wirkungslosen Gesetze gegen die Versuche der Arbeiter an, sich organisatorisch zusammenzuschließen.
Die Gewerkschaftsbewegung blieb schwach. Seit 1869 bestand der "Order of the Knights of Labor", der aber nach 1887 seine Bedeutung verlor. Die 1886 gegründete "American Federation of Labor" (AFL) stand nur Facharbeitern offen. Obwohl der Marxismus keine Chancen hatte und die Arbeiterbewegung reformorientiert war, standen ihr weit verbreitete wirtschaftsliberale Überzeugungen in der Bevölkerung, der American Dream vom allen möglichen Aufstieg, der Glaube, Gewerkschaften seien unamerikanisch und antinational, die Spaltung der Bevölkerung durch die oben genannten Diskriminierungen und die geschlossene Front vob Big Business und konservativer Justiz entgegen. Erst im New Deal der 1930er Jahre machten gewerkschaftliche Ansätze Fortschritte.
Soziale Frage und Reformbewegungen (2): Landwirtschaft
In der Landwirtschaft wuchs die Produktion durch die Ausweitung der Anbauflächen und die Maschinisierung gewaltig an. Aber gerade dies verhinderte den Wohlstand der Masse der Farmer, denn der Preis für landwirtschaftliche Güter sank gleichzeitig. "So stieg beispielsweise der Weizenertrag von 179 Bushel (1 Bushel = 35,23 l) im Jahre 1859 auf 599 Bushel im Jahre 1900. In der gleichen Zeitspanne sank aber der durchschnittliche Preis pro Bushel von ca. 2 Dollar auf 62 Cents." (Guggisheim, 146) Aus dem landwirtschaftlichen Selbstversorger war um 1900 längst ein spezialisierter landwirtschaftlicher Unternehmer geworden, der für Binnenmarkt und Export produzierte.
Die Preise für landwirtschaftliche Maschinen wie für Verbrauchsgüter überhaupt stiegen andererseits in dem durch Schutzzölle abgeschotteten und von monopolistischen Unternehmen geprägten amerikanischen Markt. So stieg die Verschuldung der Farmer dramatisch an, die immer mehr Darlehen aufnehmen oder sogar ihren Landbesitz verpfänden mussten. Kredite durch die Banken wurden deshalb auch immer knapper. Entsprechend sahen die Farmer die Schuldigen an ihrer Misere in den Eisenbahngesellschaften mit ihren hohen Frachtpreisen, in den Schutzzöllen und in der Kreditpolitik der Banken.
So entwickelte sich im letzten Viertel des 19. Jahrhunderts eine "agrarische Revolte". Es kam zur Gründung von Farmerorganisationen, die die agrarischen Interessen gegen die Vorherrschaft von Big Business in der Politik durchsetzen sollten. 1867 wurden die "Patrons of Husbandry" oder Grangers gegründet, die auch mit Kooperativen zu helfen versuchten, in den 1880ern entstand die "Farmer`s Alliance", um 1889 der nationale Farmerbund und 1892 endlich eine dritte Partei neben Republikanern und Demokraten, die People`s Party. Sie verlangte "eine abgestufte Einkommensteuer, ein nationales Kreditsystem für die Landwirtschaft, die Verstaatlichung der Eisenbahnen und die Wahl der Senatoren durch das Volk" (Guggisheim, 147), außerdem die Kontrolle der Monopole, den Achtstundentag für Industriearbeiter, eine allgemeine Erhöhung der umlaufenden Geldmenge und die Beschränkung der Einwanderung. Die neue Partei errang im Westen und Süden in den 1890er Jahren große Erfolge, so dass auf Dauer auch die Präsidenten die neue Bewegung nicht mehr auf Dauer ignorieren konnten, umfasste diese in der Zwischenzeit doch Industriearbeiter, Farmer, Frauen und Schwarze, vgl. auch die Links in der rechten Spalte. Man sprach von der "populistischen Bewegung" bzw. "Progessive Movement".
Soziale Frage und Reformbewegungen (3): Die Reformen unter den Präsidenten Theodore Roosevelt und Woodrow Wilson
Reformen unter Theodore Roosevelt (1901 - 1909): Programm des Square Deal
Folgende Maßnahmen wurden ergriffen:
- Roosevelt regte einige Prozesse gegen Trusts an, den bedeutendsten gegen die Northern Securities Company unter J.P.Morgan. Er endete mit deren Auflösung.
- Einrichtung des "Bureau of Corporations" durch den Kongress, das zur besseren Kontrolle der großen Gesellschaften dienen sollte, allerdings mit wenig Erfolg.
- Erlass des Elkins Act von 1903 (Die großen Gesellschaften mussten ihre Tariflisten veröffentlichen und Ermäßigungsbestimmungen einhalten) und des Hepburn Act von 1906. Dieses Gesetz verbot Sondertarife im Eisenbahnwesen und zielte auf Entflechtung von Eisenbahngesellschaften, Schiffahrtsgesellschaften und Kohlengruben.
- Gesetze zur Lebensmittel- und Arzneikontrolle (Meat Inspection Act und Pure Food and Drug Act 1906
- Eingreifen der Bundesregierung in einen Streik der Kohlengrubenarbeiter vom Mai bis Oktober 1902, auch aus Angst vor einem Kohlenmangel. Die Minenbesitzer wurden angewiesen, sich einem Schiedsgerichtverfahren zu unterziehen. Bei dem Streik ging es um die Einführung des Achtstundentags und eine saftige Lohnerhöhung.
- Einsatz für den Naturschutz. Entstehung einzelstaatlicher Naturschutz-Kommissionen und 1909 Bildung des "Amerikanischen Naturschutzverbandes" (National Conservation Association).
- Einladung Booker T. Washingtons, eines schwarzen Pädagogen, Sozialreformers und Vorkämpfers für die Rechte der Afroamerikaner, ins Weiße Haus
Reformen unter Woodrow Wilson (1912 - 1919): "New Freedom"
Folgende Maßnahmen wurden ergriffen:
- Underwood Tariff 1913: Reduzierung der hohen Schutzzölle
- Federal Reserve Act 1913: Schaffung eines Zentralbanksystems. Es erlaubt die Steuerung der Konjunktur.
- Clayton Antitrust Act 1913: Verbot des Zusammenschlusses von Großunternehmen durch Verflechtung von Direktorenposten. Gewerkschaften fallen nicht unter antimonopolistische Maßnahmen. Erschwerter Einsatz juristischer Mittel durch Unternehmer bei Lohnkämpfen.
- Gesetz zur Verbesserung der Arbeitsbedingungen von Seeleuten
- Achtstundentag für Eisenbahnarbeiter
- Kreditsystem für Farmer, das die Hypothekenzinsen reduzierte.
Mit diesen Reformen war das Prinzip des "Laissez faire" eingeschränkt, aber nicht komplett abgeschafft. Der nächste soziale und wirtschaftliche Reformschub kam nach dem Boom der 1920er Jahre mit dem New Deal unter Franklin Delano Roosevelt in der 1930er Jahren. Er nahm Ideen des Progressivismus wieder auf.
Viele Zitate und Belege in diesem Artikel stammen aus folgenden Werken:
- Hans R. Guggisberg: Geschichte der USA, Stuttgart, Berlin, Köln, Mainz 1975, Zweite Auflage, Band 1
- Horst Dippel: Geschichte der USA, München 1996