Landesbildungsserver Baden-Württemberg - Russland 1801 - 1855
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Russland 1801 - 1855

Russland 1801 - 1855

1. - Autokratie

Die "Moskauer Autokratie (Selbstherrschaft) unterschied sich von den damaligen Herrschaftsformen Mittel- und Westeuropas durch eine erheblich größere Machtfülle des Monarchen und einen höheren Grad an Zentralisierung. Man kann sie definieren als prinzipiell unbeschränkte, religiös begründete Alleinherrschaft des Zaren, der in sich alle Funktionen des Gesetzgebers, des Richters und der Exekutive vereinigt, an keinerlei Rechtsnormen gebunden ist und auf keine Institutionen wie Ständeversammlungen Rücksicht nehmen muss, sondern allein Gott verantwortlich ist. Ein Tyrann war er allerdings nicht, denn seine Herrschaft wurde vom göttlichen Recht, von der dynastischen Erbfolge und von der Tradition (starina) begrenzt. In der Praxis regierten die russischen Herrscher meist im Einklang mit anderen Gruppen, vor allem mit den alten Adelsgeschlechtern." (Andreas Kappeler: Russische Geschichte,München, 3. Auflage 2002, S.47f.)

"Der Herrscherdienst brachte den Adligen Vorteile in Form von Grundbesitz und Privilegien. Die Unterordnung des russischen Adels unter den Herrscher hatte deshalb [...] weitgehend den Charakter freiwilliger Gefolgschaft. Beide Seiten waren aufeinander angewiesen und profitierten von dieser Interessengemeinschaft." (Ebenda, S. 49)

Der Herrscher stützte sich bis 1917 also gesellschaftlich und geistig auf Adel und Kirche, verwaltungstechnisch und im Hinblick auf den Machterhalt auf Armee, Bürokratie und Polizei, seit dem 19. Jh. stark auf die Geheimpolizei. Westlichen, demokratisch gesonnenen Beobachtern erschien die Knute (Peitsche) als das Symbol Russlands.

Aufgaben:

  1. Wodurch unterscheidet sich die Herrschaft des Zaren von der westeuropäischer Herrscher?
  2. Wodurch unterscheidet sich die Herrschaft des Zaren von einer Tyrannis, also einer unrechtmäßigen, grausamen Herrschaft eines Einzelnen?
  3. Zeichne ein Schema mit den Stützen der Herrschaft des Zaren.



2. - Einerseits Beibehaltung der Autokratie, andererseits Reformen? Alexander I.

Zar Alexander I. bestieg 1801 nach der Ermordung Zar Peters I. den russischen Thron. Er war in den Ideen der Aufklärung erzogen worden, stand also zunächst unter dem Einfluss westlicher liberaler Ideen. Er begann auch mit einigen Reformen, sein Staatsminister Speranski betrieb sogar ein Verfassungsprojekt, doch die Reformen endeten bald , denn der Zar schwenkte unter dem Eindruck der Umwälzungen in Europa durch die Französische Revolution und Napoleon bald auf den autokratischen Kurs seiner Vorgänger ein. Auf dem Wiener Kongress, nach dem Sieg über Napoleon, schloss er sich der Heiligen Allianz an, einem Bündnis zwischen Russland, Preußen und Österreich gegen revolutionäre Umtriebe in Europa, dem sich noch weitere Staaten anschlossen. Der "Bund von Thron und Altar" sollte erhalten werden. Er erkannte, dass der Liberalismus die Autokratie und der Nationalismus den Zusammenhalt des Vielvölkerstaates Russland gefährden würden. Auch zu Reformen wie in Preußen (Icon interner Link Preußische Reformen), die die Machtstellung des Herrschers nicht gefährdeten, raffte er sich nicht auf. Die Notwendigkeit von Reformen war damals noch nicht so deutlich, da der Abstand zum Westen noch geringer war als in der Mitte und in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts, als dieser nach der einsetzenden Industrialisierung in West- und Mitteleuropa und wegen außenpolitischer Rückschläge immer deutlicher wurde.

Polen kam auf dem Wiener Kongress in Personalunion zu Polen. Zar Alexander I. gewährte eine liberale Verfassung, so dass die Polen größere Freiheiten besaßen als die Russen. Nach zwei polnischen Aufständen 1830/31 und 1863 wurde Polen allerdings russische Provinz. Das Verhältnis der Polen zu Russland ist heute noch schwierig.

Aufgaben:

  1. Weshalb gibt der Zar seine liberalen Reformpläne bald auf? Begründe deine Meinung.
  2. Erläutere die Begriffe "Heilige Allianz" und "Bund von Thron und Altar" und was dahinter steckt.
  3. Nenne mögliche Gründe, weshalb Zar Alexander I. keine gesellschaftlichen Reformen wie in Preußen durchführte, und erläutere sie.



3. - Die Herrschaft Nikolaus` I. 1825 - 1855

Zar Alexander I. starb am 1. Dezember 1825. Nikolaus I. trat am 24. Dezember seine Nachfolge an, am 26. Dezember wurde von liberal gesinnten adligen Offizieren in der russischen Armee ein schlecht organisierter Putschversuch unternommen, der vom neuen Zaren aber schnell niedergeschlagen wurde, nicht nur weil er schlecht geplant war, sondern weil die liberalen Kräfte in der russischen Gesellschaft keinen Rückhalt besaßen. Die Dekabristen (vom russischen Wort dekabr = Dezember, so wurden die Aufständischen später genannt) wandten sich gegen Leibeigenschaft, Zensur und Polizeistaat und traten für eine konstitutionelle Monarchie oder sogar eine Republik ein. Für die Reformkräfte in Russland waren sie aber trotz ihres Misserfolgs lange Zeit Vorbilder.

Nikolaus I. betrieb fortan eine extrem konservative Innen- und Außenpolitik auf der alten Linie der Autokratie. Während sich Mittel- und Westeuropa in dieser Zeit in der Epoche von Restauration und Vormärz befand, unterstützte Nikolaus I. als "Gendarm Europas" die monarchisch- konservativen Kräfte, indem er 1831 den polnischen Aufstand und 1849 auf Bitten Österreichs den ungarischen Aufstand niederschlug.

Auf Kosten Persiens und der Türkei erreichte Nikolaus I. einige Gebietsgewinne. Sein Bestreben, die Icon externer Link Meerengen zwischen Mittelmeer und Schwarzem Meer zu kontrollieren, stieß allerdings nicht nur auf den Widerstand des Osmanischen Reiches, sondern auch der europäischen Großmächte.

Hinter dem russischen Druck auf die Türkei stand nicht nur das Bestreben, ungehindert das Schwarze Meer verlassen und in das Mittelmeer einfahren zu können, sondern auch die Idee, die nationalen Bestrebungen der orthodoxen slawischen Völker des Balkans, sich von der islamischen Herrschaft der Osmanen zu befreien, zu unterstützen und diese unter russischen Einfluss zu bringen (Icon externer Link Panslawismus).

Österreich hingegen wollte eine russische Vorherrschaft auf dem Balkan verhindern, während England seine Verbindung nach seiner Kolonie Indien sichern wollte und wichtigster Handelspartner der Osmanen war. Auch England hatte kein Interesse an einer Ausweitung der russischen Macht, weder am Bosporus, noch in Asien.

Der Krimkrieg 1853 - 1856 zwischen Russland einerseits und England, Frankreich (Ziel: Prestige), Sardinien- Piemont (Ziel: Unterstützung Frankreichs für die italienische Einigung) und der Türkei (Ziel: Verteidigung ihres Territoriums und ihres Status) andererseits endete schließlich mit einer großen militärischen Niederlage für Russland. Weder Flotte noch Heer Russlands waren auf der Höhe der Zeit, und so wurde überdeutlich, dass das Land - ebenso wie Preußen nach der Niederlage von 1806 bei Jena und Auerstedt - innere Reformen benötigte. Österreich griff in den Krieg nicht ein, sympathisierte aber mit den Gegnern Russlands.

Noch vor Kriegsende starb Nikolaus I. am 2. März 1855.

Aufgaben:

  1. Wer sind die Dekabristen? Warum heißen sie so? Was wollen sie und warum scheitern sie?
  2. Welche Aufstände schlug Nikolaus I. in Europa nieder? Warum?
  3. Zeichne ein Schema der Bündnisse im Krimkrieg und trage die Motive der Kriegsparteien für die Teilnahme am Krieg ein.
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