Russland 1855 - 1917
Zar Alexander II. (1855 - 1881)
Zar Nikolaus I., der "Gendarm Europas", starb 1855 noch während des Krimkriegs. Die Niederlage von 1856 in diesem Krieg machte die Notwendigkeit von Reformen in Russland deutlich, die Zar Alexander II. nun anging. Es ging zunächst vor allem um das Problem der russischen Bauern.
Bauernbefreiung 1861
"Dieses Problem bestand hauptsächlich in der Leibeigenschaft der Bauern, die über 80 % der Bevölkerung ausmachten. Diese war – abgesehen vom Verfügungsrecht des Herrn über die Person des Bauern – verbunden mit vielfältigen Dienstleistungen für den adligen Grundbesitzer, mit Abgaben, persönlicher Bindung an den jeweiligen Besitz des Herrn und vor allem mit einem System, das weder Eigeninitiative noch soziale Veränderungen oder Mobilität noch effektivere und rationellere Bewirtschaftungsmethoden zuließ. [...] Die einzigen, die die Leibeigenschaft abgeschüttelt hatten, waren die Kosaken, die aus der Leibeigenschaft in die unerschlossenen Gebiete des Ostens fliehen konnten. Die Starrheit des Systems äußerte sich auch in der Organisation des Mir, der russischen Dorfgemeinde mit Gemeinhaftung und periodischer Landumverteilung." (Dr. Christoph Bühler: Grundlagen der russischen Geschichte und Gesellschaft, S. 12, siehe Links in der rechten Spalte)
1861 kam nun die Bauernbefreiung in Russland. Aber wie bei den Preußischen Reformen, so waren auch hier die neu entstandenen Bauernwirtschaften zu klein und unrentabel, um überleben zu können, zumal die Kleinbauern den Gutsherren innerhalb von 49 Jahren eine Entschädigung für ihr Land zahlen mussten. Auch kleine und mittelgroße Grundbesitzer kamen durch die Reform in Schwierigkeiten.
"Beibehalten wurde auch die Dorfordnung des Mir (obschtschina), der Dorfgemeinschaft, der das Land gehörte und die kollektiv für die darauf ruhenden Lasten (v. a. die Steuern) haftbar war. Sie war die Absicherung für die Ansprüche des Staates aus der Bauernbefreiung. Das Land gehörte der Dorfgemeinschaft als Kollektiv; um eine gerechte Versorgung der Mitglieder mit dem Land, das ja von unterschiedlicher Qualität war, zu sichern, wurden die Felder auf alle Bereiche der Dorfgemarkung verteilt und außerdem in einem "rollierenden System" immer wieder umverteilt. Schließlich sank aber mit dem Ansteigen der Bevölkerungszahl im Dorf der Anteil, der dem einzelnen Bauern noch zur Verfügung stand.
Die Bauern suchten diesen Nachteil durch Vergrößerung der eigenen Familie auszugleichen, um ein größeres Stück Land zu erhalten. Die Folge war eine rapide Bevölkerungsvermehrung, die innerhalb dieses Systems nicht aufgefangen werden konnte, da es darauf angelegt war, die Bauern im Dorf zu halten.
Die weitere wirtschaftliche Entwicklung war auch dadurch gehemmt, daß zwar der Besitz, aber nicht die Wirtschaftsweise kollektiv organisiert war, d. h. jeder Bauer arbeitete ausschließlich für sich allein. Rationellere Wirtschaftsmethoden, Bodenverbesserungen oder gar eine Mechanisierung der Landwirtschaft unterblieben auch, weil Kapital und Bildung fehlten." (Dr. Christoph Bühler: Grundlagen der russischen Geschichte und Gesellschaft, S. 13, siehe Links in der rechten Spalte)
Im Ergebnis wurde die Lage der Bauern nicht besser. HUngerkrisen kehrten ständig wieder und waren exzessiv.
Verwaltungsreform 1864
Die Verwaltungsreform von 1864 schuf Rechtsgleichheit und eine Reihe von schwachen Selbstverwaltungsorganen. Im Unterschied zu West- und Mitteleuropa gab es aber kein starkes, selbstbewusstes, ökonomisch vorwärts treibendes und gebildetes Bürgertum, das zum Träger einer Liberalisierung nach westeuropäischem Vorbild hätte werden können. Das Bürgertum beschränkte sich auf abhängige städtische Beamte. Die Bauern blieben mehrheitlich Analphabeten, eine wirksame Bildungsreform unterblieb. So konnte sich in Russland kein funktionierender, starker Parlamentarismus entwickeln.
Reformbewegungen von unten
Dennoch gab es Reformbewegungen von unten, die durch Rückständigkeit und Reformunwilligkeit der Regierung Auftrieb erhielten. Träger war die Intelligentsija als gebildete Schicht.
Unter Zar Alexander II. entwickelten sich bereits vormarxistische revolutionäre Bewegungen. Die stärkste waren die Narodniki, die die Bauern, einfache Lebensformen und den Mir trotz ihrer Rückständigkeit idealisierten. Die Bauern sollten eine Revolution tragen und eine ideale Gesellschaft errichten.
Mangels Unterstützung bei den Bauern "zerfiel die Bewegung in einen aufklärerischen Teil, der den Umsturz durch Volksaufklärung ("Gang ins Volk" 1874) und die Bildung einer revolutionären Elite einleiten wollte, und einen anarchistisch- terroristischen Teil." (Bühler, a.a.O., S. 14)
In die Zeit Alexanders II. fiel aber auch die erste Auseinandersetzung mit den Ideen des Marxismus.
In die Zeit Alexanders II. fiel aber auch die erste Auseinandersetzung mit den Ideen des Marxismus. "Aus dieser Diskussion entstand um die Jahrhundertwende die Partei der Sozialrevolutionäre, während der 1883 in Genf gegründete Kreis "Befreiung der Arbeit" zur Basis der russischen Sozialdemokratie wurde. [...] Gedanken Lenins von der Führungsrolle einer disziplinierten Elite und der Machtergreifung, ohne die Erhebung der Massen abzuwarten, wurden hier schon vorweg genommen." (Bühler, a.a.O., S. 14)
Mehrere Attentate auf den Zaren führten zur Verschärfung der Zensur und zu polizeistaatlichen Überwachungsmaßnahmen.
Außenpolitisch unterstützte Alexander II. die deutsche Einigung. 1881 schloss er mit Deutschland und Österreich- Ungarn das Dreikaiserbündnis. Unter dem Druck des Panslawismus musste er sich jedoch auf dem Balkan engagieren. In Russland gab es nämlich starke Bestrebungen nach einem politischen und kulturellen Zusammenschluss aller Slawen unter russischer Führung (=Panslawismus). Insbesondere verstand sich Russland immer wieder als Schutzmacht der orthodoxen Slawen gegen den osmanischen Sultan.
1877- 1878 kam es zum Russisch- Türkischen Krieg, Anlass war ein bulgarischer Aufstand im
April 1876. Russland versuchte, eine Kontrolle über die Meerengen Bosporus und Dardanellen und damit einen Zugang zum Mittelmeer zu erlangen und die christlich- slawischen Völker im islamischen Osmanenreich zu befreien. Er endete 1878 im
Frieden von San
Stefano.
Dieser Krieg führte 1878 zum Berliner Kongress, denn die Großmächte, insbesondere Russlands Rivale Österreich- Ungarn und Großbritannien, waren mit dem russischen Machtzuwachs nicht einverstanden. Mit dem Ausgang des Berliner Kongresses war Russland unzufrieden. Er führte auch zu einer Verstimmung zwischen Russland und Deutschland. Bulgarien wurde stark verkleinert.
1881 fiel Zar Alexander II. einem Attentat der Terroristen zum Opfer.
Zar Alexander III. 1881 - 1894
Alexander III. lebte in ständiger Angst vor Attentaten. Er baute den Polizeistaat aus. So gründete er 1881 den Sicherheitsdienst Ochrana, erweiterte die Machtbefugnisse der Polizei und verbannte eine wachsende Zahl von Anarchisten und Sozialisten nach Sibirien. Die liberalen Reformen seines Vaters hob er fast alle außer der Aufhebung der Leibeigenschaft auf. (Quelle: Wikipedia)
Unter seiner Regierung kam es zu einer ganzen Reihe von antijüdischen Pogromen. 1882 erließ er die judenfeindlichen Maigesetze, die bis kurz nach der Februarrevolution von 1917 galten und den Juden die Niederlassung außerhalb der Städte verbot, Kauf- und Pachtverträge von Juden außerhalb der Städte ungültig machte und jüdischen Handel an christlichen Sonn- und Feiertagen verbot. (Quelle: Wikipedia)
In seiner Regierungszeit begann in Russland die Industrialisierung. Die Transsibirische Eisenbahn wurde auf den Rat des Finanzministers Witte begonnen. Sie führt auf über 9.000 km Länge von Moskau nach Wladiwostok im Fernen Osten. Sie ermöglichte die Ausbeutung Sibiriens und sollte den Chinahandel fördern. Militärisch unterstützte sie die außenpolitischen Ambitionen Russlands in der Madschurei und auf der koreanischen Halbinsel. Insbesondere französische und belgische Anleihen trugen zum Bau bei. Die Transsib bildete den eigentlichen Startschuss für die Industrialisierung in Russland.
Außenpolitisch schloss Alexander III. den Rückversicherungsvertrag mit Bismarck ab, wandte sich aber nach Bismarcks Rücktritt und der Nichtverlängerung des Vertrags Frankreich zu, mit dem 1892 die Russisch- Französische Militärkonvention geschlossen wurde. Am 4. Januar 1894 trat der Russisch- Französische Zweibund in Kraft.
Alexander III. starb im November 1894.
Zar Nikolaus II. 1894 - 1917
Innenpolitisch setzte Nikolaus II. die autokratische Innenpolitik zunächst fort.
Russisch- Japanischer Krieg 1905
Außenpolitisch führte er 1904/05 den
Russisch- Japanischen Krieg. Es ging dabei
um den Einfluss beider Mächte in Korea und der Mandschrei. Die Russen hatten sich seit 1897 den Hafen
Port Arthur und den südlichen Teil der Liaodong-Halbinsel gesichert. Beides verlangte auch Japan, das sich nach dem Ersten Japanisch- Chinesischen Krieg 1894 in Korea festgesetzt hatte (Frieden von Shimonoseki).
Der Krieg endete mit einer russischen Niederlage in der Seeschlacht von Tsushima, wo die in den Fernen Osten zu Hilfe gesandte russische Ostsee- Flotte fast völlig vernichtet wurde. Im Vertrag von Portsmouth musste Russland Liaoyang und Port Arthur sowie die südliche Hälfte von Sachalin an Japan abgeben und sein Engagement in der Mandschurei beenden. Korea blieb im Einflussbereich von Japan, Reparationen wurden nicht bezahlt. Eine aufstrebende asiatische Nation hatte eine europäische Großmacht klar besiegt.
Die Erste Russische Revolution 1905 - 06
Innenpolitische Folge für Russland war die
Russische Revolution von 1905 -
06. Am Petersburger Blutsonntag im Januar 1905 wurde eine Massendemonstration von der Armee
zusammengeschossen, was zweihundert Menschenleben forderte. Die etwa 150.000 Demonstranten hatten für
Menschenrechte, Verfassung, wirtschaftliche Erleichterungen und den Achtstundentag demonstriert.
Nun enteigneten Bauern spontan Ackerland und es kam zu Streiks von Arbeitern in den Städten, die noch unter frühkapitalistischen Bedingungen lebten. Höhepunkt der Streikbewegung war der Eisenbahnerstreik im Oktober 1905. Berühmt wurde auch die Meuterei auf dem Panzerkreuzer Potemkin. Lenin sammelte Erfahrungen für sein Konzept der Rätediktatur.
Mit dem Oktobermanifest von 1905 erlaubte der Zar bürgerliche Freiheitsrechte und die Einberufung einer Duma als Parlament. Im Ergebnis wurde Russland 1906 Konstitutionelle Monarchie mit einem starken Zaren, der Duma als Parlament und zunächst allgemeinem, später Zensuswahlrecht. Der Zar besaß ein Vetorecht gegenüber der Duma. Es gab keine Presse-, Versammlungs- und Koalitionsfreiheit.
Vor dem Ersten Weltkrieg. Februar- und Oktoberrevolution 1917
Triple- Entente 1907
1907 bereinigte Russland seine außenpolitischen Differenzen in Asien mit Großbritannien im Vertrag von Sankt- Petersburg. Dabei wurde Persien in eine nördliche russische, eine mittlere neutrale und eine südliche britische Zone geteilt. Afghanistan wurde wie ein britisches Protektorat behandelt, die Ansprüche Chinas auf Tibet wurden anerkannt, Tibet wurde also als neutral betrachtet. Der Vertrag führte zur Erweiterung der Entente Cordiale von 1904 zwischen Großbritannien und Frankreich zur Triple- Entente von 1907 und brachte die Isolierung Deutschlands weiter voran.
IM Ersten Weltkrieg kämpfte Russland auf Seiten der Entente. In der Februarrevolution von 1917 wurde der Zar gestürzt, im Oktober 1917 (nach altem russuschem Kalender) erfolgte der bolschewistische (= kommunistische) Umsturz unter Wladimir Iljitsch Lenin und Leo Trotzki.
Am 17. Juli 1918 wurde die Zarenfamilie von russischen Kommunisten in Jekaterinburg erschossen.