Altsteinzeit: Eine ungewöhnliche Pferdejagd
Die prähistorischen Speere im niedersächsischen Schöningen sind die ältesten vollständigen Jagdwaffen der Menschheit
VON MATHIAS ORGELDINGER
Mit freundlicher Genehmigung des
Südkurier
Die Erde. Unendliche Zeiten. Wir schreiben das Jahr 400000 vor unserer Zeit.
Pferdejagd beim Lager einer Sippe
Der Herbst hat begonnen, auf dem trockenen Uferstreifen eines 800 Meter langen Sees zieht eine Wildpferdherde nach Süden. Da die Tiere den Wind im Rücken haben, erkennen sie die Gefahr erst, als es bereits zu spät ist. Ein 2,5 Meter langer Speer durchbohrt den Leithengst und bringt ihn zu Fall. Führungslos eingeklemmt zwischen dem See und einer Gruppe von wenigstens zehn Urmenschen wird die Herde regelrecht abgeschlachtet: mindestens zwanzig Stuten, Hengste und Fohlen tränken die Seggenwiese mit ihrem Blut.
Wenig später bevölkert eine Sippe von etwa 30 Urmenschen den Ort des Geschehens. Sie schlägt ein Jagdlager auf und legt vier Feuerstellen an. Das Pferdefleisch wird in Streifen geschnitten und geräuchert. Fell, Sehnen, Knochenmark, Eingeweide - alles wird verwertet, nur die Köpfe bleiben unangetastet, damit die Tiere (in der Vorstellungswelt der Jäger) ein neues Leben beginnen können. Diesem Zweck dient wohl auch die Opfergabe von mindestens acht Jagdspeeren an den "Geist der Pferde". So oder so ähnlich könnte die Jagd im Altpaläolithikum abgelaufen sein.
Dann fällt der erste Schnee und die Urmenschen ziehen mit ihrem Wintervorrat weiter.
Im nächsten Frühjahr lässt das Schmelzwasser den Seespiegel wieder ansteigen, der Jagdplatz wird überflutet und mit Sedimenten zugedeckt. Jahrzehntausende vergehen, doch das Grundwasser hält die Zeugnisse der Großwildjagd ständig feucht und verhindert somit den biologischen Abbau des organischen Materials. Als sich vor 250000 Jahren die Gletscher der Saale-Vereisung über das nördliche Harzvorland schieben, lastet ein enormer Druck auf den "Beweisstücken". Spätestens jetzt zerbrechen die Speere.
Fundplatz 13 II-4 - Entdeckung und Ausgrabung der Speere
Wieder vergehen unvorstellbare Zeiträume, bis der Tatort entdeckt wird. Am 20. Oktober 1994 findet der Archäologe Hartmut Thieme im Südfeld des Braunkohletagebaus Schöningen bei Helmstedt einen 78 Zentimeter langen Holzstab, der an beiden Enden zugespitzt ist. Der Fund, welcher später als Wurfstock eines Homo erectus identifiziert wird, lag nur einen Meter von der Abbaukante entfernt. Dennoch gelang es dem Forscher, die Betriebsleitung davon zu überzeugen, den 40 Meter hohen Schaufelradbagger zu stoppen und das Areal großzügig auszusparen. Noch im selben Jahr entdeckt Thieme mit den ersten drei Holzspeeren die "ältesten vollständig erhaltenen Jagdwaffen der Menschheit". Fundplatz 13 II-4 gilt zudem weltweit als der "früheste Nachweis von aktiver, systematisch betriebener Großwildjagd".
Erst zwölf Jahre später werden diese einzigartigen Funde einem breiten Publikum gezeigt: In der Landesausstellung "Die Schöninger Speere - Mensch und Jagd vor 400000 Jahren." Die lange Wartezeit hängt sicherlich mit den schwierigen Restaurationsbedingungen zusammen, aber auch damit, dass das "Pferdeland" Niedersachsen nicht genügend Geld und Personal zur Verfügung stellte, um das Wildpferd-Jagdlager des Homo erectus auszugraben und zu dokumentieren. Selbst nach dem Fund der Speere war Thieme zeitweise nur mit zwei Mitarbeitern vor Ort. Oder er bekam ABM-Kräfte, die erst mühsam angelernt werden mussten.
Folgt man den Erkenntnissen von Hartmut Thieme, dann hatten diese Urmenschen bereits kultisch-religiöse Vorstellungen und betrieben eine Vorratshaltung. Sie verfügten also über Fähigkeiten, von denen man bisher vermutete, dass sie erst sehr viel später entwickelt wurden. Verblüffend ist auch die handwerkliche Qualität der Jagdwaffen aus Fichten- bzw. (in einem Fall) aus Kiefernholz. Dafür wählten die Urmenschen junge, gerade Fichtenstämmchen aus. Diese wurden mit Feuersteinwerkzeugen gefällt, entrindet und sorgfältig entastet. Weil das Holz an der Stammbasis am härtesten ist, wurde hier die Speerspitze angelegt. Sie ist mehr als 60 Zentimeter lang, vermutlich, damit sie mehrfach nachgespitzt werden konnte.
Auch die Speerbasis wurde aus ballistischen Gründen angespitzt. Die Speere I bis VI sind bis zu 2,5 Meter lang, bei einem maximalen Durchmesser von bis zu fünf Zentimeter. Länge, Schwerpunkt und Gewicht gleichen in etwa dem heutigen Damen-Wettkampfspeer. Spitzensportler bescheinigen den Nachbauten eine sehr gute Treffsicherheit bei einer Wurfdistanz bis 15 Meter. Die maximale Wurfweite wird mit 100 Meter angegeben.
Hartmut Thieme arbeitet seit 1983 im Braunkohletagebau Schöningen. Ohne diese langjährige, akribische Aufarbeitung kleinster Details und die Zusammenarbeit mit Klimaforschern, Geologen, Zoologen und Botanikern wäre es unmöglich, einen Fundkomplex wie das Wildpferd-Jagdlager so umfassend zu interpretieren.
Was heute mit naturwissenschaftlichen Untersuchungsmethoden möglich ist, dürfte der Laie für Science-Fiction halten. Wie weit werden wir wohl noch in die Vergangenheit vorstoßen können? Am Ende der Ausstellung erwartet den Besucher ein Kinosaal mit Klassikern wie "2001- Odyssee im Weltraum" oder "Eine Million Jahre vor unserer Zeit." Stellvertretend für alle Wissbegierigen sucht die Crew von Raumschiff Enterprise nach den Anfängen der Menschheit.
Aufgaben
- Aufgabe 1: Pferdejagd in der Altsteinzeit
Zeichne eine Skizze der geschilderten Pferdejagd (Abschnitt Pferdejagd beim Lager einer Sippe) (Überschrift: Pferdejagd in der Altsteinzeit). Überlege und notiere darunter, welche Voraussetzungen und Fähigkeiten der Homo erectus (siehe Kasten in der rechten Spalte) brauchte, um eine solche Jagd durchzuführen.
- Aufgabe 2: Steckbrief Homo erectus
Der Homo erectus gehört in die Reihe der Vorfahren des heutigen Menschen. Er ist schon lange ausgestorben. Schaue ihn Dir an (Kasten "Homo erectus" in der rechten Spalte) und lade Dir ein Bild von ihm nach Word (Bildschirmfoto mit Drucktaste -> einfügen nach Paint -> Kopf markieren -> kopieren -> einfügen in Word. Überschrift: Homo erectus). Verfasse dann einen Steckbrief des Homo erectus mit Hilfe des Textes im Kasten. - Aufgabe 3: Fähigkeiten des Homo erectus
Dem Homo erectus (siehe Kasten in der rechten Spalte) wurde von der Forschung unterstellt, er kenne weder Vorratshaltung, noch sei er der Sprache mächtig, noch kenne er religiöse Vorstellungen. (Übernehme diese Feststellung als Überschrift.) Notiere darunter: Wie stehst Du dazu?
- Aufgabe 4: Die Speere von Schöningen
Die Überschrift zu Aufgabe und 4 heißt: Die Speere von Schöningen.
Wie konnten sich Holzspeere über einen Zeitraum von 400.000 Jahren erhalten, ohne zu vermodern? (Abschnitt Konservierung)
- Aufgabe 5: Technischer Steckbrief der Speere:
Verfasse einen kurzen technischen Steckbrief der Speere (Abschnitt Technische Beschaffenheit)
- Aufgabe 6: Ausgrabung und Konservierung der Speere von Schöningen
Überlege und notiere (Überschrift: Ausgrabung und Konservierung der Speere von Schöningen): Worin lag das Problem, die Speere überhaupt ausgraben zu können? (Abschnitt Fundplatz 13 II-4) Wieso dauert es 12 Jahre, bis die sensationellen Speere überhaupt ausgestellt werden konnten? Wie werden sie heute konserviert? (vgl. Bild rechts oben)
- Aufgabe 7: Faustkeil
Der Homo erectus arbeitete auch mit dem Faustkeil (Überblick Altsteinzeit Kasten rechte Spalte). Kopiere den Faustkeil nach Word (Überschrift: Faustkeil). Überlege und notiere, wozu man ihn verwenden kann und weshalb man ihn als Universalwerkzeug bezeichnen kann.
- Aufgabe 8: Eiszeiten
Die Überschrift zu dieser Aufgabe heißt: Eiszeiten.
Der Homo erectus in Mitteleuropa lebte in der sogenannten "Elsterkaltzeit" (Kasten "Klima um 400,00 v.Chr. in der rechten Spalte).Lade zunächst ein Bild einer eiszeitlichen Tundra nach Word.
Notiere darunter: Woher kommt dieser Name? Welche Eiszeit entspricht der "Elsterkaltzeit" in Süddeutschland? Von wann bis wann dauerte die "Elsterkaltzeit"? Bis wohin reichte die Eisdecke in Norddeutschland?
Lade die Karte "Vegetation in Europa während der letzten Eiszeit vor 65.000 Jahren" (Es handelt sich um die letzte Eiszeit von 115.000 - 10.000 v.Chr.) nach Word und notiere: Welche Veränderungen der Küstenlinie gab es in Europa und warum? Welche Vegetation gab es in Mitteleuropa?
- Aufgabe 9: Tiere der Eiszeit
Die Überschrift über diese Aufgabe heißt "Tiere der Eiszeit". Rufe den Link unter dem gleichnamigen Link auf, lade die Bilder der einzelnen Tiere nach Word und notiere in Stichworten, was Du über sie erfährst. Welche leben heute noch in Mitteleuropa? Warum leben die anderen heute nicht mehr in Mitteleuropa oder sind ausgestorben? - Aufgabe 10: Höhlenmalerei und religiöse Vorstellungen in der jüngeren Altsteinzeit
Lade das Bild "Darstellung aus der Höhle von Les Trois Frères in Frankreich" (Kasten "Höhlenmalerei und religiöse Vorstellungen in der jüngeren Altsteinzeit") nach Word (Überschrift: Höhlenmalerei und religiöse Vorstellungen in der altsteinzeit) und male das Bild an. Notiere die folgenden Antworten darunter:Das menschliche Wesen inmitten einer Herde von verschiedenen Tieren: Bläst es ein Instrument? Werden die Tiere gejagt (Linien, Pfeile)? Wofür hälts Du das menschliche Wesen? Begründe.
Du hast zu der Höhlenmalerei einen riesigen Zeitsprung zum modernen Menschen (Homo sapiens sapiens) gemacht. Wie viele Jahre bist Du nach vorne gesprungen? Welche Menschenart zwischen Homo erectus und Homo sapiens sapiens wird übersprungen? (Kasten "Menschen nach Homo erectus" in der rechten Spalte)
Rufe den Link "Evolution des Menschen" (im Kasten "Menschen nach Homo erectus" in der rechten Spalte) auf, scrolle hinunter zum Abschnitt "Merkmale von Homo sapiens sapiens", lade das Bild unter dieser Überschrift nach Word und notiere die Unterschiede zwischen den beiden dort abgebildeten Menschen.
- Aufgabe 11: Zusammenfassung Altsteinzeit