Landesbildungsserver Baden-Württemberg - Der Versailler Vertrag 1919/20
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Der Versailler Vertrag 1919/20

Linktexte

1 - Einführung

"Wenn Sie die Weltkarte umzugestalten haben, so geschieht dies im Namen der Völker und unter der Bedingung, treu ihre Gedanken zu übersetzen, das Selbstbestimmungsrecht der kleinen und großen Nationen zu achten und es mit dem ebenso geheiligten Recht der völkischen und religiösen Minderheiten in Einklang zu bringen."

(Der französische Staatspräsident Raymond Poincaré am 18. Januar 1919 anlässlich der Eröffnung der Konferenz der Siegermächte des Ersten Weltkriegs)

"Wir sind nicht eifersüchtig auf die deutsche Größe und es ist nichts in diesem Programm, das sie verringert. [...] Wir wünschen nicht, Deutschland zu verletzen oder in irgendeiner Weise seinen berechtigten Einfluss oder seine Macht zu hemmen. [...] Wir wollen Deutschland nicht bekämpfen, weder mit Waffen noch mit feindlichen Handelsmethoden, wenn es bereit ist, sich uns und den anderen friedliebenden Nationen in Verträgen der Gerechtigkeit, des Rechts und der Fairness anzuschließen. Wir wünschen nur, dass Deutschland einen Platz der Gleichberechtigung unter den Völkern einnimmt, [...] statt eines Platzes der Vorherrschaft." Icon externer Link Quelle

(US-Präsident Woodrow Wilson fast am Ende seines 14-Punkte-Vorschlags in seiner Botschaft an den Kongress vom 8. Januar 1918.)

In der Note Wilsons an die Reichsregierung vom 5. November 1918 - es geht um den abzuschließenden Waffenstillstand - "erklären sie" (das heißt die Regierung der Vereinigten Staaten und die alliierten Regierungen) "ihre Bereitschaft zum Friedensschlusse mit der deutschen Regierung aufgrund der Friedensbedingungen, die in der Ansprache des Präsidenten an den Kongress vom 8. Januar 1918, sowie der Grundsätze, die in seinen späteren Ansprachen niedergelegt sind." (Dokumente der Deutschen Politik und Geschichte von 1848 bis zur Gegenwart, Herausgeber Johannes Hohlfeld, 2. Band, Berlin o. J., Seite 404.)

Allerdings wurde als weitere Friedensbedingung hinzugefügt, "daß Deutschland für allen durch seine Angriffe zu Wasser und zu Lande und in der Luft der Zivilbevölkerung der Alliierten und ihrem Eigentum zugefügten Schaden Ersatz leisten soll". Dieses Abkommen vom 5. November war Teil des Waffenstillstandsvertrages, der am 11. November 1918 unterschrieben wurde. Icon externer Link Quelle

Tatsächlich waren England und Frankreich in wichtigen Punkten mit Wilsons 14 Punkten beziehungsweise deren Interpretation durch den amerikanischen Präsidenten nicht einverstanden.

Aufgaben zur Einführung

Aufgabe 1

Notiere die Prinzipien, die nach Auskunft des französischen Staatspräsidenten Poincaré für den Vertrag gelten sollen und die US-Präsident Woodrow Wilson im Zusammenhang mit seinem 14-Punkte-Friedensvorschlag formuliert.

Aufgabe 2

Was erwartet die deutsche Führung, als sie in die Waffenstillstandsverhandlungen eintritt?




2 - Umstände der Vertragschließung: Chronologie

18. Januar 1919
Beginn der Friedenskonferenz. Die Blockade der deutschen Häfen bleibt trotzdem bestehen, was mehrere hunderttausend Todesopfer fordert.

18. April 1919
Die Siegermächte fordern die Reichsregierung auf, eine Delegation nach Versailles zu entsenden, um dort die Friedensbedingungen in Empfang zu nehmen. Bisher hatten sie ohne Teilnahme Deutschlands lediglich unter sich beraten.

7. Mai 1919
Der deutschen Delegation werden die Friedensbedingungen übergeben. Alles Wesentliche ist bereits von den Siegermächten beschlossen. Mündliche Verhandlungen zwischen Siegern und Besiegten sind nicht gestattet, Bemerkungen und Einsprüche müssen innerhalb der kommenden Wochen schriftlich eingereicht werden. Der französische Ministerpräsident Georges B. Clemenceau kommentiert diesen Vorgang so: Die "Stunde der Abrechnung" ist gekommen.

Die Bekanntgabe der Vertragsartikel löste nicht nur auf deutscher Seite Entsetzen aus, siehe Kasten "Reaktionen auf den Friedensvertrag und Folgen".

16. Juni 1919
Der deutschen Delegation, die eine Reihe von Forderungen so nicht erfüllen will, wird mitgeteilt, "das letzte Wort" sei gesprochen. Dann wird ein Ultimatum gestellt: Innerhalb von fünf Tagen müsse der Vertrag unterschrieben sein, sonst würden die Alliierten "diejenigen Schritte ergreifen, die sie zur Erzwingung ihrer Bedingungen für erforderlich halten". Das war eine indirekte Drohung mit militärischem Einmarsch.

20. Juni
Rücktritt der Regierung Scheidemann (SPD) einschließlich des Außenministers Brockdorff- Rantzau. Das Kabinett Gustav Bauer (SPD) will unter den gegebenen Umständen unterzeichnen, aber nicht die Bestimmung, dass das deutsche Volk Urheber des Krieges sei. Gegen diesen Punkt hatte sich auch die deutsche Delagation am erbittertsten gewehrt.

Doch die Alliierten bestehen darauf, dass der Vertrag wie gefordert unterzeichnet werden müsse, und drohen erneut mit Einmarsch ins Reich.

28. Juni 1919
Außenminister Hermann Müller (SPD) und Johannes Bell (Zentrum) unterzeichnen im Spiegelsaal des Schlosses von Versailles für die Reichsregierung einschließlich des Kriegsschuldartikels.

Aufgabe zu den Umständen der Vertragschließung

a - Handelt es sich um einen "Diktatfrieden" bzw. um einen "Gewaltfrieden"?

b - Waren die Politiker der Reichsregierung bzw. die unterzeichnenden Politiker "Verzichtspolitiker" oder gar "Vaterlandsverräter", wie in der extremistischen Propaganda der Weimarer Republik behauptet? Begründe deine Meinung.

c - Untersuche die Handlungsweisen und Rollen der Delegationen und begründe deine Meinung.




3 - Bestimmungen des Versailler Vertrages

Icon externer Link Versailler Vertrag

Icon externer Link Aufgabenvorschläge zum Versailler Vertrag
Mit Arbeitsblatt.

Zusätzlich zu den im obigen Link genannten Bestimmungen setzen die Alliierten Folgendes durch:

  • Deutschland verliert die Hoheit über seine Binnenwasserstraßen
  • Deutschland verliert die Lufthoheit im eigenen Land.
  • Die Marine wird auf 15.000 Mann beschränkt.
  • Luftwaffe, U-Boote und schwere Artillerie sind für Deutschland verboten.
  • eine 50 Kilometern breite Zone auf dem rechtsrheinischen Ufer wird für deutsches Militär gesperrt.
  • Deutschland muss den größten Teil der Handelsflotte und der Goldreserven an die Sieger aushändigen.

Deutschland verliert außerdem

  • einen Großteil der jährlichen Erz- und Kohleförderung, der Kalk-, Zement- und Benzinproduktion
  • Unmengen von Nutzvieh und Landwirtschaftsmaschinen
  • 150.000 Eisenbahnwaggons
  • viele tausend Lokomotiven und Lastkraftwagen

Das gesamte deutsche private Auslandsvermögen und unzählige Industriepatente werden konfisziert. (Nach Schultze- Rhonhof: Der Krieg, der viele Väter hatte, München 2003, S. 76)

Artikel 8 des Vertrages sieht vor, dass alle Unterzeichner des Vertrages, nicht nur die Besiegten, ihre Armeen "auf ein Mindestmaß herabsetzen". Deutschland erfüllt diesen Artikel, die Siegermächte verweigern sich aber, was schon in der Weimarer Republik zu Forderungen der Reichsregierung führt, Deutschland in angemessenem Umfang wieder aufzurüsten. (ebd., S.79)

Der Vertrag trat am 10. Januar 1920 in Kraft.

Aufgaben zu den Bestimmungen des Versailler Vertrages:

Aufgabe 1

Vergleiche die Bestimmungen des Versailler Vertrages mit den Prinzipien, die zu Beginn der Konferenz vom französischen Staatspräsidenten Raymond Poincaré verkündet wurden.

Aufgabe 2

Lese den Kasten "Reaktionen auf den Friedensvertrag und Folgen" in der rechten Spalte durch, schreibe sie stichwortartig heraus und nimm jeweils dazu Stellung.




4 - Der Vertrag in Zahlen

  • Gebietsverluste: ca. 3 Millionen Quadratkilometer, insgesamt 13 %
  • Bevölkerungsverlust durch Gebietsabtretungen: 10 %
  • Verlust an Kolonien: 100 %
  • Verlust der Handelsflotte: 90 %
  • Verlust an Bodenschätzen (Blei, Zink, Eisen): jeweils über 50 %
  • Verlust an Steinkohle: ca. 30 % 
  • Reparationszahlungen in zunächst offener Höhe

Icon externer Link Verstümmelung Deutschlands - Grafik aus einem Geschichtsatlas vor 1945

Icon externer Link Grafische Darstellung der materiellen Verluste durch den Vertrag vor 1945

Aufgabe:

"Der Versailler Vertrag erwies sich als zu hart, um die Deutschen und ihre Nachbarn dauerhaft zu versöhnen. Und er war zu weich, um die Rückkehr Deutschlands als Großmacht und einen Revanchekrieg für immer auszuschließen."
(Quelle: SPIEGEL Nr. 28 vom 6.7.2009, S. 53)

Nimm begründet Stellung zu dieser Aussage.

Vertragsunterzeichnung im Spiegelsaal von Versailles am 28.06.1918

Bild von William Orpen

Der deutsche Außenminister Hermann Müller sitzt mit dem Rücken zum Betrachter. Vor ihm die Vertreter der Siegermächte.

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Icon externer Link Bildnachweis

Aufgabe:

Was sagt dieses Bild über das Verhältnis der Deutschen Delagation zu den anderen Delegationen aus?

Kaiserproklamation im Spegelsaal von Versailles am 18. Januar 1871
Gemälde von Anton von Werner

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Icon externer Link Bildnachweis

Aufgabe:

Was hat dises Bild von Anton von Werner mit dem darüber abgebildeten von William Orpen zu tun?

US-Präsident Wilsons 14-Punkte Wilsons Botschaft an den Kongress vom 8. Januar 1918
President Wilson's Fourteen Points - Englische Sprache, deutsche Ausgaben im Internet lassen entscheidende, erläuternde Passagen des Textes weg und zitieren nur die 14 Punkte selbst.
Die 14 Punkte der Botschaft des Präsidenten der Vereinigten Staaten von Amerika Woodrow Wilson an den US-Kongreß. Deutsche Ausgabe, aber nur die eigentlichen 14 Punkte werden wiedergegeben.
Folgende Passage aus Wilsons Botschaft an den Kongress wird oft nicht zitiert: "Wir sind nicht eifersüchtig auf die deutsche Größe und es ist nichts in diesem Programm, das sie verringert. [...] Wir wünschen nicht, Deutschland zu verletzen oder in irgendeiner Weise seinen berechtigten Einfluss oder seine Macht zu hemmen. [...] Wir wollen Deutschland nicht bekämpfen, weder mit Waffen noch mit feindlichen Handelsmethoden, wenn es bereit ist, sich uns und den anderen friedliebenden Nationen in Verträgen der Gerechtigkeit, des Rechts und der Fairness anzuschließen. Wir wünschen nur, dass Deutschland einen Platz der Gleichberechtigung unter den Völkern einnimmt, [...] statt eines Platzes der Vorherrschaft."
Reaktionen auf den Friedensvertrag und Folgen

In Deutschland kam es zum Regierungswechsel. Die Regierung Scheidemann trat zurück, die Regierung Müller unterschrieb nur unter dem Druck eines militärischen Einmarsches der Alliierten. Zehntausende demonstrierten nach Bekanntgabe der Forderungen der Sieger täglich gegen den "unerfüllbaren Gewaltfrieden". Der Friedensvertrag wurde zu einer schweren Hypothek für die Weimarer Republik und begünstigte den Extremismus. US-Präsident Wilson wurde Verrat vorgeworfen, weil er vor dem Frieden verkündet hatte, der Frieden müsse auf dem Boden des Selbstbestimmungsrechts der Völker geschlossen werden.

Der Vertrag führte zu wirtschaftlicher Not, die Reparationen heizten die Inflation mit an und hielten die Verbitterung am Kochen, als am schlimmsten wurde der Kriegsschuldartikel empfunden, der Deutschland die Schuld am Kriege auferlegte. Deutschland war militärisch schutzlos, was auch der Einmarsch der Franzosen und Belgier in das Ruhrgebiet und die Angriffe der Polen und Litauer in den 1920er Jahren zeigten, und fühlte sich gedemütigt. Dass Millionen Deutsche anderen Völkern ausgeliefert wurden, ließ den Wunsch nach einer Veränderung der Grenzen entstehen. Auch die Österreicher empfanden sich als Deutsche und verlangten ohne Erfolg den Anschluss an Deutschland. Hier konnte Hitler 1938 anknüpfen.

In den Siegerstaaten gab es unterschiedliche Reaktionen.

Die Franzosen feierten den Vertrag mit Feuerwerkskörpern. Aber während der französische Staatschef Clemenceau noch 1918 in der französischen Öffentlichkeit als "Vater des Sieges" gerühmt wurde, erhielt er wegen des Versailler Friedensvertrages den Spitznamen "Verlierer des Sieges". Die Rückgabe Elsaß-Lothringens, die Durchsetzung der deutschen Gebietsverluste im Osten sowie der "Cordon Sanitaire" (Sicherheitsgürtel) aus Polen, der Tschechoslowakei und Jugoslawien gegen Deutschland reichte Teilen der französischen Öffentlichkeit bei weitem nicht. Clemenceau äußerte: "Der Fehler der Deutschen ist, dass es 20 Millionen zu viel von ihnen gibt." Es gelang ihm aber nicht, die Südpfalz und das Saargebiet an Frankreich zu bringen und aus dem linksrheinischen Restdeutschland einen Vasallenstaat zu machen, der mit Frankreich durch eine Zollunion hätte verbunden werden sollen.

England profitiert von einem Teil der deutschen Kolonien, die es als Völkerbundsmandate erhält, und erhält 22 Prozent der deutschen Reparationen. Es will zukünftig verhindern, dass Frankreich zu stark wird, wovon die deutsche Außenpolitik in der Zwischenkriegszeit profitiert.

Italien hadert mit dem Vertrag, weil die anderen Sieger nicht alle Gebietszusagen an Italien einhalten, die gemacht wurden, um es zur Aufgabe seiner Neutralität im Krieg zu bewegen.

Polen hat sich vom Versailler Vertrag noch mehr Territorien versprochen. Es erhebt über die ihm im Versailler Vertrag zugestandenen Gebiete hinaus allein gegenüber Deutschland Ansprüche auf Danzig, ganz Ostpreußen, das Memelland und Oberschlesien. Gegenüber Russland, Litauen und der Tschechoslowakei werden ebenfalls Gebietsansprüche erhoben, da sich Polen als Nachfolger des historischen Groß-Litauen-Polen sieht.

In 3 Aufständen versuchen polnische Aufständische, teils auch gestützt auf polnische Freiwillige, die nicht aus Schlesien stammen, zwischen 1919 und 1921 Ansprüche auf den größeren und industriell wertvollen Teil Oberschlesiens durchzusetzen, was mit Hilfe der Alliierten im Nachhinein gelingt, als diese Oberschlesien nach einer Abstimmung für Deutschland teilen.

Weil Polen seine Forderungen nicht erfüllt sieht, erobert und erwirbt es zwischen 1920 und 1938 Gebiete in Litauen, Russland und der Tschechoslowakei.

Die Vertreter der USA unterzeichnen den Friedensvertrag, aber der Kongress ratifiziert ihn nicht. So schließen die USA 1921 einen eigenen Friedensvertrag mit Deutschland.

In den Siegerstaaten gab es aber auch kritische Stimmen.

Die britische Labour Party etwa lehnt ihn ab, weil er im Widerspruch zum Selbstbestimmungsrecht der Völker stehe.

US-Außenminister Lansing äußert: "Prüft den Vertrag, und ihr werdet finden, dass Völker gegen ihren Willen in die Hand anderer gegeben sind, die sie hassen, während ihre wirtschaftlichen Quellen ihnen entrissen und anderen übergeben sind. Hass und Verbitterung, wenn nicht Verzweiflung müssen die Folgen derartiger Bestimmungen sein."

Winston Churchill schreibt in seinen Memoiren: "Die wirtschaftlichen Bestimmungen des Vertrages waren so bösartig und töricht, dass sie offensichtlich jede Wirkung verloren. Deutschland wurde dazu verurteilt, unsinnig hohe Reparationen zu leisten. [...] Die siegreichen Alliierten versichrn nach wie vor, sie würden Deutschland ausquetschen, bis die `Kerne krachen`. Das alles übte auf das Geschehen der Welt und auf die Stimmung des Volkes gewaltigen Einfluss aus."

Versailler Vertrag

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