Die Interpretation im Lateinunterricht
Gesichtspunkte der Interpretation im Lateinunterricht
Der Lateinunterricht ist zu guten Teilen 'Arbeit mit Texten'. Neben der Übersetzung weisen die baden-württembergischen Bildungsstandards auch die Fähigkeit, Texte zu interpretieren, als wesentliche Kompetenz aus, die im Lateinunterricht vermittelt werden soll. Wie wichtig dies ist , kann man auch daran erkennen, dass das Latein-Abitur zur einen Hälfte aus einer Übersetzungsaufgabe, zur anderen Hälfte aus Interpretationsfragen zu einem Schwerpunktthema besteht. Für die Abitura 2011 und 2012 ist der Text, den Schülerinnen und Schüler interpretieren sollen, Vergils Aeneis.
Aber worauf kommt es bei der Interpretation an? Was soll den Schülern vermittelt werden, welche Kompetenzen sollen die Schüler entwickeln?
Im Folgenden werden einige wesentliche Gesichtspunkte aufgeführt. In abgestufter Form gelten sie für alle Klassenstufen.
1. Die Frage nach den Textsorten oder Gattungen
Die erste Frage, die an einen Text gestellt werden sollte, ist die, zu welcher Textsorte oder Gattung er gehört. Von der Antwort auf diese Frage hängt nämlich ab, was von diesem Text zu erwarten ist und wie er zu verstehen ist.
Der Textsortenbegriff ist offener als der Gattungsbegriff. Man kann ihn so verwenden, dass jeder beliebige Text zu einer Textsorte gehört. Ferner ist es möglich, dass eine Textsorte andere Textsorten umfasst. Damit kann der Begriff der Textsorte in jedem Schulfach angewendet werden, das sich mit Texten befasst.
Die erste Einteilung der Textsorten ist die in künstlerische oder literarische und nicht-künstlerische. Eine Trennung ist hier nicht immer möglich: Bereits für die Literaturtheorien der Antike bereitete das Lehrepos Probleme (Beispiel in der lateinischen Literatur: Lukrez, De rerum natura), denn es ist im Hexameter, also einer als künstlerisch empfundenen Sprachform verfasst, stellt aber keine erfundenen Geschichten dar.
Der Lateinunterricht stellt, anders als z.B. der Deutschunterricht, beide Klassen von Textsorten, die künstlerischen und die nicht-künsterlischen, gleichberechtigt nebeneinander.
Bewährt hat sich bei den literarischen Gattungen die Dreiteilung in Lyrik, Epik und Dramatik.
Unter den nicht-künstlerischen Texten spielen im Lateinunterricht philosophische Abhandlungen und Reden die wichtigste Rolle, aber man sollte auch praktische Lehrbücher wie M. Porcius Catos De agri cultura (Über die Landwirtschaft) nicht vergessen.
2. Die Gliederung des Textes
Jeder Text weist eine gewisse Binnengliederung auf. Zu fragen ist hier nach dem Aufbau des Textes, etwa nach der Abfolge der Argumente, z.B. bei einer Rede, oder nach der Entwicklung der Handlung bei einem dramatischen oder erzählerischen Text. Eine Methode für die Erschließung des Aufbaus ist die Einteilung des Textes in Abschnitte, denen jeweils eine kurze Überschrift gegeben wird.
Jede Textsorte weist ihre besonderen sprachlichen Signale für die Gliederung auf.
3. Die sprachliche Gestaltung des Textes
Ein zentraler Gesichtspunkt jeder Textinterpretation ist die Beschreibung seiner sprachlichen Gestalt. Folgende Aspekte können hier berücksichtigt werden:
- Handelt es sich um Prosa oder ist der Text in einem Versmaß geschrieben? Wenn in einem Versmaß, in welchem?
- Verwendet der Autor bestimmte Stilmittel? Bereits die antiken
Rhetoriklehrer haben ein umfassendes System der rhetorischen Tropen und
Figuren entwickelt. In jeder lateinischen Grammatik findet sich (meist im
Anhang) eine Liste dieser Stilmittel. Auf den Seiten des
Landesbildungsservers wird eine Liste mit einigen wichtigen Stilmitteln
angeboten:
Liste der Stilmittel
- Welche grammatischen Merkmale weist der Text auf? Hier kann man sich an der morphologischen Analyse der Prädikate orientieren, d.h. der Schüler oder die Schülerin kann die Kenntnisse der Formenlehre (Morphologie) auf den Text anwenden und fragen, welches Tempus der Autor verwendet, ob es Konjunktive gibt und welche Funktion sie haben. Zum Bereich der Grammatik kann man auch die Syntax rechnen, also den Satzbau. Hier ist zu fragen, ob der Text viele Nebensätze enthält (Hypotaxe) oder aus vielen eigenständigen Hauptsätzen besteht (Parataxe).
Für die Klassische Philologie ist bei der Untersuchung von Texten immer die erste Frage die nach der Überlieferung des Textes. Diese Arbeit an der Textkritik ist im Schulunterricht kaum möglich; aber für Schüler ist es interessant, an einzelnen Beispielen zu erfahren, welches Überlieferungsschicksal die antiken Texte haben.
4. Intertextualität und Literaturgeschichte: die Beziehungen zu anderen Texten
Mit dem in der modernen Literaturwissenschaft gebräuchlichen Begriff der Intertextualität ist gemeint, dass sich jeder Text in irgendeiner Weise auf andere Texte bezieht. So greift Ovid in seinen Metamorphosen Motive aus Vergils Aeneis auf. Die römischen Redner orientieren sich an griechischen Vorbildern. Es ist oft erst dann möglich, einen Text in die Literaturgeschichte einzuordnen, wenn man über genaue Kenntnisse der antiken Literatur verfügt. Daher können in der Schule solche Beobachtungen nur in Ansätzen geübt werden. Aber im Fortschreiten des Unterrichts öffnen sich zunehmend weitere Perspektiven, d.h. es wird immer besser möglich, einen Text mit anderen zu vergleichen.
5. Die historische Einordnung des Textes
Jeder Autor ist auch in die Geschichte seiner Zeit verwoben. In manchen Texten ist diese historische Dimension sozusagen mit Händen greifbar. Dies gilt etwa für Vergils 'Aeneis', die an mehreren Stellen Hinweise auf Augustus enthält. Andere Texte machen es dem Interpreten schwerer, den Zusammenhang mit der Realgeschichte zu erkennen. Grundsätzlich gilt, dass dort, wo ein Autor das Problem der Macht und Ohnmacht thematisiert, die gesellschaftlichen Machtverhältnisse mit hineinspielen. Auch dort, wo ein Autor das Verhältnis der Geschlechter anspricht, kann er kaum vermeiden, sich auf die Realität zu beziehen, die ihn umgibt.
6. Die Zusammenfassung
Auf der Basis aller Beobachtungen kann nun eine zentrale Interpretationsthese herausgearbeitet werden. Traditionell orientiert man sich hier an der "Aussageabsicht", wobei gegen diesen Ansatz eingewendet wird, dass es dem heutigen Leser - manche sagen auch: prinzipiell jedem Leser - unmöglich ist, die Absichten eines Autors zu erkennen. Eine sorgfältige Interpretation achtet immer darauf, dass alle Thesen einen Rückhalt im untersuchten Text selbst finden müssen.