"Tonart" - Musik erleben - reflektieren - interpretieren
Unterrichtswerk für die Oberstufe des Gymnasiums; 272 Seiten, fester Einband, 19,4 x 26,5 cm; ISBN 978-3-85061-460-3; EUR 25,80.
Lehrerband; 5 CDs mit Hörbeispielen; CD-ROM mit klingenden Partituren, Präsentationen, Arbeitsblättern, DVD; Medienpaket erhältlich.

Neben "Musik um uns" und "Soundcheck" von "Schroedel" hat jetzt auch der Esslinger Helbling-Verlag ein umfängliches Schülerbuch für die gymnasiale Oberstufe im Fach Musik vorgelegt. Die Entdeckung dieser "Marktlücke" ist zunächst mal erfreulich, denn die bisherigen Bücher waren in der Praxis wenig präsent, dem Musikpädagogen bleibt nun eher die "Qual der Wahl".
Ebenso wie die Konkurrenzprodukte ist "Tonart" eindeutig als didaktisch-methodischer "Materialsteinbruch" zu betrachten, nicht als Lehrgang und auch aufgrund der Vielfalt der Materialien in keinem Fall als "abzuarbeitendes" Ganzes.
Die Aufteilung der Kapitel ist mutig, da es keine Sach-Systematik gibt sondern Querschnitte abgebildet werden, meist meta-thematisch orientiert ("Der Umgang mit musikalischer Tradition" oder "Einflüsse anderer Kulturen"). Vollständigkeit ist da nicht machbar, vielmehr ist alles exemplarisch. Das hat aber den Vorteil, dass die behandelten Stücke und Komponisten/Musiker jeweils dann doch etwas ausführlicher als nur "doppel-seitig" zum Zuge kommen können.
In der Konsequenz sind z.B. recht viele Noten so abgebildet, dass eine Behandlung im Unterricht damit tatsächlich machbar erscheint. Es gibt zwar auch Quellen-Texte, doch die Mehrzahl der Informationen wird schon über "Lehrbuch-Texte" der Helbling-Autoren vermittelt.
Durchgängig gibt es Aufgabenstellungen am Rand (ähnlich wie in den beiden o.g. Werken), die quasi auch den Lehrenden ein Stück weit mit-leiten können.
Inhaltlich findet sich viel Interessantes und nicht "Ausgelutschtes". Die Beispiel aus dem Rock/Pop/Jazz-Bereich sind ausgewogen über die Zeitlinien hinweg. Es gibt ausreichend "Neue Musik" in verschiedenen Stilrichtungen.
Die Ausstattung ist auf "Helbling-Niveau" durchaus gut. Das "Niveau" ist eher "Grundkurs".
Gut gelungen ist auch die quer durch das Werk verlaufende Kategorie "Methoden der Werkerschliessung", welche jeweils unterschiedliche musikalische Aspekte fokussiert und recht genaue Anleitungen gibt für die schüler-basierte, eigenständige Erschliessung rhythmischer, melodischer, formaler, interpretatorische ... Besonderheiten einzelner Musikstücke.
Bayern hat den Band für die Oberstufe anerkannt (und Bayern ist hier meist der "schwierigste" Kandidat aus Verlagssicht). Inhaltlich findet sich für Baden-Württemberg vieles wieder, das im neuen Bildungsplan berücksichtigt werden dürfte. Die "Sternchenthemen" im Abitur können aber natürlich keine Berücksichtigung finden.
Leseproben finden sich auf der Website von Helbling.
Inhalte/Gliederung:
- Musik und Sprache
- Musik und Religion
- Musik im Dienst politischer Ideen
- Klangkörper im Wandel
- Interpreten und Interpretationen
- Musik und Tradition
- Musik nach 1950
- Methoden der Werkerschließung
Fazit: Für Lehrende in Baden-Württemberg gut geeignet, um die schon vorhandenen Materialien sinnvoll zu ergänzen und zu bereichern.
Helbling-Verlag: "Tonart"

Experimentelle
Musik in der Hauptschule
Ausgewählte Ansätze für das Klassenmusizieren;
Stefan Jäger (Diss.); Wißner-Verlag; Forum Musikpädagogik
(Hg. Rudolf-Dieter Kraemer), Augsburger Schriften; Band 83; 25.-
Euro; ISBN 978-3-89639-621-1; 204 Seiten; 2008.
Im Bereich der musikpädagogischen Publikationen füllt
die von Stefan Jäger vorgelegte Dissertation eine deutliche
Lücke in zweifacher Hinsicht: Es wird a. sehr konkret
am Unterricht entlang die Untersuchung geführt und b. geht
es um die Schulform, von der viele nicht mehr viel erwarten: die
"Hauptschule".
Mehr als die Hälfte des Bandes - ungewöhnlich bei einem
Promotions-Vorhaben - widmet sich diversen methodischen
Vorschlägen. Gegliedert wird dies in Experimentelle
Musik mit Alltagsgegenständen, mit der Stimme und mit technischen
Geräten. Es kommen vor allem Komponisten bzw. Inspiratoren
Neuer Musik dabei zum Zug von John Cage über Dieter Schnebel,
Mauricio Kagel, Cathy Berberian bis zu Ernst Jandl und Klaus Stahmer.
Im theoretischen Anfangsteil werden Überlegungen zum
Lernen durch Musikmachen aufgearbeitet. Ausgangspunkt ist
auch hier wiederum die Praxis des Musikunterrichts selbst. Pädagogen
von der Reformpädagogik bis zu Musikpädagogen wie Aebli
und Gruhn werden auf das Thema bezogen. In einem kurzen Exkurs wird
auch der sog. "Aufbauende Musikunterricht" pro und contra
diskutiert.
Die Diskussion zum "Klassenmusizieren" wird
auf etwa 20 Seiten verfolgt. Dabei werden vor allem Begründungszusammenhänge
ausgeführt sowie verschiedene methodische Formen vom Orff-Instrumentarium
über das Steckbundmonochord bis zur "Bläserklasse"
erläutert. Die Explikationen zum "Experimentellen Musizieren"
sind demgegenüber vergleichsweise knapp und bündig.
Es wird hier sicherlich keine neue Musikdidaktik geschrieben. Wer
sich jedoch sowohl zur historischen Entwicklung der genannten
musikpädagogischen Diskussionsstränge als auch
zu den diesbezüglichen aktuellen Positionen relativ schnell
informieren möchte, ist hier an der richtigen Stelle.
Es wird im Gesamten ein schüler- und handlungsorientierten
Musikunterricht entworfen. Im Zentrum stehen musikalische
Grunderfahrungen, die auf verschiedenen Ebenen und mit
unterschiedlichen Klangerzeugern ermöglicht werden. Die Schüler
können dabei in Musizier- und Produktionsprozesse eintreten,
die ihrem jeweiligen Leistungsstand entsprechen und vielfältige
Formen des Musikmachens im Klassenzimmer ermöglichen. Es werden
sehr unterschiedliche Unterrichtsmodelle bezogen auf Neue Musik
aufgefächert.
Der unterrichtspraktische Teil ist z.T. fast in Form von
Stundenentwürfen mit Materialien gestaltet. Es sind
Notenbeispiele dabei, ebenso Anregungen zu Arbeitsblättern
oder Tafelbildern. Die Textgliederung ist insgesamt sehr kleinschrittig,
was für die praktische Verwertbarkeit aber sicher als Vorteil
gewertet werden kann. Oftmals sind Unterrichtsverläufe in Stichpunkten
bzw. sogar durchnummeriert angegeben. Fotos illustrieren bspw. spezielle
Klangerzeuger, wie das "Instrumentarium" bei Schnebels
"Blasmusik". Bilder aus dem Unterricht ergänzen dies,
ebenso Aufstellungen von Tischen für "Aufführungen"
etc.
Die relativ kurzen didaktischen Reflektionsteile sind eher einer
Arbeit zum zweiten Staatsexamen ähnlich. Es wird tatsächlich
gehaltener Unterricht beschrieben und ggf. werden Verbesserungsvorschläge
dazu gemacht. Der Unterricht fand offenbar vorwiegend in den Klassenstufen
5, 6 und 7 der Hauptschule statt.
Eine Strukturierung der Beispiele ist nicht wirklich erkennbar.
Auch die Gesamtreflektion ist mit 2 Seiten sehr knapp geraten, enthält
im Grunde keine selbstkritischen Überlegungen oder Abwägungen
und ist sehr allgemein gehalten. Ein irgendwie geartetes wissenschaftliches
Auswertungsverfahren wird nicht thematisiert.
Dennoch scheinen hier sehr viele gute Anregungen für
gelingenden Unterricht zur Neuen Musik enthalten zu sein.
Dies ist insbesondere auch deshalb spannend, da die Arbeit für
den neuen Fächerverbund der Hauptschule MSG ("Musik-Sport-Gestalten")
mit konzipiert wurde (die Arbeit entstand an der PH in
Karlsruhe bei Herrn Prof. Dr. Frisius).
Fazit: Ein interessanter didaktisch-methodischer
Ansatz, von dem auch andere Schulformen durchaus profitieren können.
Wissner-Verlag:
Experimentelle Musik in der Hauptschule - Stefan Jäger

Klavierimprovisation
- Liedbegleitung vom Choral bis zum Popsong
Bernd Frank; Schott-Verlag, Mainz, EUR 24,95 pro Band, 2 Bände
(342/208 Seiten), DIN-A-4, ISBN 978-3-7957-5824-0, ED 9752-02
Band 1: Lied und Choral von der Antike bis zur Gegenwart; Band 2:
Internationale Folklore und Rock/Pop/Jazzsong.
Ein mit insgesamt 550 Seiten sehr umfassendes Kompendium
zur improvisatorischen Klavierbegleitung hat Bernd Frank
aus Mainz neu vorgelegt, der an der dortigen Hochschule die Professur
für schulpraktisches Klavierspiel, Klavierimprovisation und
Jazz vertritt. Es richtet sich an alle professionellen und semi-professionellen
Musiker von der Kirchen- und Schulmusik bis zur Chorleitung, die
einen Weg vom notierten Spiel zur Improvisation finden möchten.
Angelegt ist es als Lernbuch mit zahlreichen Notenbeispielen,
Übungen, Anleitungen und Beispielen. So entwickelt sich quasi
eine Klavierschule, der anderen bzw. neuen Art, für den autodidaktisch
motivierten Fortgeschrittenen. Thematisch reicht die Spanne weit,
vom antiken und mittelalterlichen Lied, der Gregorianik, dem Kantionalsatz,
dem Generalbass-Lied, dem Bach-Choral, den Volksliedern aller Epochen
und dem Lied des 20. Jahrhunderts im 1. Band, von Folklore über
Spiritual, Blues, Swing, Latin, Pop/Rock und Neues Geistliches Lied
im Band 2.
Als Vorlagen für die Begleit-Improvisationen werden jeweils
stilistisch authentische Beispiele aus allen Gattungen
und Zeiten verwendet. Grundlagen der Harmonie- und Satzlehre werden
als nötige Basis jeweils im Kontext vermittelt. Besonders wichtig
ist dem Autor, dass jedes Lied, jeder Song seinem Stil gemäß
richtig begleitet werden kann. Die Übungsfolgen entspringen
eigenen Erfahrungen des Autors im studentischen Umfeld und gehen
jeweils von leicht nachspielbaren Melodien und Begleitmustern aus,
die dann z.T. ergänzt oder übertragen werden sollen. Im
Anhang der beiden Bände findet sich ein umfangreicher Lösungsteil
mit Vorschlägen für das Aussetzen der jeweiligen Begleitungen.
Neben Spieltechnik, Stil- und Sachkenntnis sowie improvisatorischer
Kreativität spielen das "innere Hören"
und das Hörgedächtnis eine große Rolle für
eine differenzierte Begleitfähigkeit. Es wird eine "Checkliste"
bereitgestellt, wie man sich einem Lied exemplarisch nähern
kann über Text- und Melodieanalyse, Ausweniglernen des Liedes,
die Bestimmung musikalischer Parameter und die Berücksichtigung
der zeitliches und gattungsmäßigen Rahmenbedingungen.
In einem kurzen historischen Überblick wird zu Beginn des ersten
Bandes eine Geschichte des Liedes formuliert.
Es wird meist ein typisches Lied der Zeit erläutert
und dann werden verschiedene Begleitoptionen vorgeführt. Eine
oder mehrere Übungen zum Transfer dieser Techniken schließen
sich an. Beim einfachen pentatonischen Lied reichen die Techniken
von oktaviertem Unisono der Melodie über einfache Heterophonie
zu Orgelpunkt, Bordun, Organum, ausharmonisiertem Organum und der
Kombination der genannten Optionen.
Kirchenmusikalische Traditionen und Möglichkeiten der kirchentonalen
Begleitung werden ausführlich erläutert. Der Weg
in die einfache Polyphonie wird in kleinen Schritten aufbereitet.
Akkordische Begleitungen werden mit Klauseln, mit Modulationen,
mit Sextakkorden mit chromatischen Übergängen, mit Funktionsharmonik
u.a. eingeführt. Interessant sind die "Begleitmodelle",
welche aus der Kunstliedliteratur des 18. und 19. Jahrhunderts herausdestilliert
wurden und oft nur in wenigen Takten als "Pattern" vorgestellt
werden.
Das Vorspiel zum Lied wird eigens thematisiert,
besonders im Zusammenhang mit dem romantischen Lied. Die Beispiele
zum Lied des 20. Jahrhunderts entstammen eher dem konventionellen
neo-barocken oder neo-klassischen Umfeld sowie dem Kirchenlied.
Im zweiten Band wird auf den Techniken dieser Stilgeschichte aufgebaut.
Auch hier wird zunächst eine Stilgeschichte des Songs
als Text geliefert. Sehr ausführlich wird die Folklore
europäischer Nationen illustriert von französischer, englischer
und irischer über skandinavische und osteuropäische bis
zu mediterraner Liedkultur. Außereuropäische Folklore
beginnt mit Israel und setzt sich fort mit türkischen Liedern,
Liedern aus Indien, Songs aus Afrika und den USA.
Letzteres wird zum Ausgangspunkt für die Darstellung der Populären
Musik und ihrer Songs. Hierbei ist eine Erläuterung
neuerer harmonischer Entwicklungen integriert. Blues und Jazzstandards
finden ihren Platz, ebenso das sog. "Neue geistliche Lied".
Auch hier werden jeweils mehrere Begleitpatterns zu den angegebenen
Beispielen geliefert.
Der Autor profitiert von reicher praktischer Erfahrung und bietet
Material für umfangreiche Studien. Eine praktische
Umsetzung mit erfahrenen Vorbildern und Lehrenden kann dies aber
natürlich - wie Bernd Frank selbst anfangs einräumt -
nicht ersetzen. Die Beispiele sind stets stilsicher und differenziert,
gleichzeitig aber machbar und realistisch, auch für "Nicht-Hauptfach-Pianisten".
Der Bereich der Pop- und Rock-Musik sowie des Jazz fällt etwas
kurz aus, auch angesichts der Bedeutung dieser Gattungen für
die Praxis des Musikunterrichts; gewünscht hätte man sich
z.B. noch eine Anweisung zur Erstellung eines eigenen Walking-Bass.
Vermutlich könnte man gerade dem Jazz aber auch nochmal ein
ganzes eigenes Kompendium widmen, was dieses Werk gesprengt hätte.
Sehr schön jedoch z.B. die Ausarbeitung zu "A Whiter Shade
Of Pale", die jedem Chor, Klassenensemble oder Einzelsänger
eine anspruchsvoll und musikalisch tiefgehende Begleitung bietet.
Fazit: Ein neues Standardwerk für den Bereich
des schulpraktischen Klavierspiels, das ab sofort in jede Hochschul-
und Seminarbibliothek gehört.
Schott-Verlag:
Klavierimprovisation und Liedbegleitung

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