Der Lernprozess als Modell für die Stromleitung.
..... eine Erklärungshilfe für den Unterricht.
"Alles schläft und einer spricht, das Ganze nennt man Unterricht."
Wer kennt nicht diesen kalauerhaften Spruch über Wissensvermittlung in der Schule! Unserer Vorstellung von einem gelungenen Lernprozess entspricht er sicher kaum.
Aber worum geht es beim Lernen und was hat der Lernprozess mit der
Stromleitung im Physikunterricht zu tun?
- Um diese Frage soll es in diesem Beitrag gehen.
1.) Worum es eigentlich geht.
Ein Ziel des Unterrichts und des Lernens ist doch wohl, dass
Sachverhalte oder Wissenselemente in die Köpfe der
Schülerinnen und Schüler gelangen.
Diese Wissenselemente entsprechen bei der Stromleitung den
Elektronen. (Wobei wir davon absehen wollen, dass mache Wissenselemente
wichtiger sind als andere, alle Elektronen aber gleiche Ladung haben!)
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Das insgesamt in einer Unterrichtsstunde vermittelte Wissen entspricht also der geflossenen elektrischen Ladung Q. |
2.) Auf die Quelle (Lehrer) kommt es an.
Betrachten wir zunächst einen "Durchschnittsschüler". Ob
dieser in einer Stunde viel oder wenig lernt - ob der "Lernfluss" also groß oder klein ist -
hängt zunächst einmal von der Lehrkraft ab.
Er (oder sie) ist sozusagen die "Quelle des
Unterrichts" und entspricht daher im dem Modell der Spannungsquelle.
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Steckt der Lehrer (oder die Lehrerin) viel Energie W in
den Unterricht - bereitet also gut vor, bietet Abwechslung, vermittelt seine /
ihre eigene Begeisterung für die Sache und kann die Schüler gut
motivieren, dann wird der Lernstoff (die Ladung Q)
im wahrsten Sinne des Wortes "spannend". |
Stark plakativ vereinfacht bedeutet dies, dass der Lernfluss dann beim Durchschnittsschüler besonders groß wird, wenn die Lehrkraft einen "spannenden" Unterricht macht.
Dies ist Schülern natürlich sofort klar, denn sie haben alle schon erlebt, dass sie bei einer motivierenden Lehrkraft (Energie W), die einen spannenden Unterricht macht (Spannung U), in einer Stunde mehr lernen (Stromstärke I).
Die Stromstärke I ( = Lernfluss) wächst also mit der Spannung U ( = Spannung des Unterrichts) an.
3.) Schüler sind genauso wichtig.
Eine motivierte Lehrkraft und ein spannender Unterricht bestimmen aber
nicht allein das Lernergebnis einer Stunde.
Ihre eigene Rolle in einem Lernprozess hinterfragen Schülerinnen und
Schüler in der Regel weniger, sie ist aber mindestens genauso wichtig!
In einer Klasse gibt es ganz unterschiedliche Schülerinnen und
Schüler. Deren Begabung und Bereitschaft ist genauso wichtig
für den Ertrag einer Stunde für den jeweiligen Schüler. Die
Schüler selbst bestimmen den "Lernfluss" mit.
Genauso bei der Stromleitung : außer der Quelle
(Lehrer, Spannung des Unterrichts) bestimmt auch noch das
Gerät im Stromkreis (Schüler, Begabung und
Bereitschaft) wie groß die Stromstärke
(der "Lernfluss") ist.
a.) Begabung : manche haben "eine lange Leitung".
Wer eine "lange Leitung" hat, braucht länger um etwas zu
begreifen.
In der zur Verfügung stehenden Zeit einer Unterrichtsstunde kommen
(Frontalunterricht!) beim Schüler also weniger Wissenselemente an (er/sie
bekommt manches einfach nicht so schnell mit).
Selbst bei einer anderen Organisationsform des Unterrichts würden diese
Schüler mehr Zeit benötigen, um dieselbe Wissensmenge (Ladung Q) zu
erwerben.
Auf jeden Fall ist der Lernfluss kleiner.
Diese Idee ist ganz parallel zur Stromleitung : bei einer (wörtlich!)
langen Leitung wird der Stromfluss mehr behindert, die Stromstärke I wird
kleiner.
"Ich stehe auf dem Schlauch".
Diese Redewendung benützt als Bild den Wasserschlauch. Wenn einer
"auf dem Schlauch steht", dann wird die Querschnittsfläche des
Wasserschlauches verkleinert. Die Folge davon ist, dass weniger Wasser je
Sekunde durch dem Schlauch geht - die Wasserstromstärke also kleiner
wird.
- genauso beim Lernprozess : steht der Lernende "auf dem Schlauch",
so hat das denselben Effekt wie bei der "langen Leitung": der
Lernfluss wird behindert.
- und bei der Elektrizitätsleitung: ein "dünner" Draht
(kleine Querschnittsfläche) behindert den Stromfluss mehr als ein
"dicker" Draht.
b.) Bereitschaft - "ich habe null Bock".
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Wenn Schüler "keinen
Bock"( = Unlust) haben, hat dies denselben Effekt : der
Lernfluss wird behindert. Diese Parallele ist Schülern leicht klar zu machen und macht den
Widerstandsbegriff anschaulich: |
Zum Extrem getrieben, würde ein Schüler, der "zu macht"
also den "Schlauch" ganz verstopfen, was den Lernfluss zum Erliegen
bringt: Der "Widerstand" wird dann sehr groß, die
"Stromstärke" hingegen sehr klein - es kommt praktisch kein
Lernstoff mehr im Kopf des Schülers an.
Der Schüler "schaltet ab" - das kann man ganz wörtlich
nehmen, denn auch bei einem Schalter passiert dasselbe, der Stromfluss wird
unterbrochen, der Widerstand geht gegen unendlich.
Soll die Stromstärke also groß sein, ist das ideale Gerät
ein Gerät mit möglichst kleinem Widerstand (kurzer, dicker Draht).
Dies entspricht dann einem hoch begabten und hoch motivierten Schüler, bei
dem der Lernfluss groß ist.
Ein leistungsschwacher und lustloser Schüler entspricht dann im Modell
einem langen und dünnen Draht, der Widerstand ist groß, der
Lernfluss wird stark behindert, die Stromstärke ist also klein.
Diese Überlegung ist unabhängig von der Quelle (Lehrer)!
Ein begabter und motivierter Schüler lernt also bei jedem Lehrer
mehr als ein leistungsschwacher und lustloser Schüler. Eigentlich auch
eine Binsenweisheit.
Stärken und Schwächen des Modells.
Stärken des Modells.
Schülerinnen und Schüler und Lehrerinnen und Lehrer sind
"Experten" im Lernen und Lehren - in Lernprozessen.
Schließlich haben sie schon viele Jahre lang bei verschiedenen
Lehrkräften Unterricht erhalten, oder in verschiedenen Klassen Unterricht
erteilt.
In meinem Unterricht fühlten sich die Schülerinnen und Schüler
von diesem Modell sehr angesprochen, es bietet einen stark affektiven Zugang zu
dem Thema. Der Begriff der "Widerstands" wird für die
Schüler besonders plastisch, anschaulich und nachvollziehbar.
Das Modell kann sogar - durch die Verwendung von Redewendungen aus dem Alltag -
deutlich machen, was den Widerstand eines Gerätes (oder Drahtes)
bestimmt: die Abhängigkeit des Widerstands von der Drahtlänge und
Drahtstärke ergibt sich (zumindest qualitativ) quasi nebenher.
Schließlich kann das Modell auch noch dazu beitragen, dass die
Schüler ihre eigene Rolle in einem Lernprozess besser verstehen und
hinterfragen. Sie erkennen, dass nicht nur die Lehrkraft, sondern auch sie
selbst für den Erfolg ihres Lernprozesses verantwortlich sind.
Schwächen des Modells.
Das Modell beschreibt eine "Einbahnstraße" von der Quelle
(Lehrer) durch einen Widerstand (Schüler) hin in den Kopf des
Schülers. Die Idee, dass Stromkreise geschlossen sind, kann das Modell
nicht vermitteln......
Es sei denn, man berücksichtigt, dass der Lehrer über die
Lernerfolgskontrolle ein "Feedback" über das Wissen der
Schüler erhält und darauf u.U. reagiert (Macht die Quelle das auch?).
Rückkopplungseffekte zwischen Lehrer und Schüler im Lernprozess
kommen in dem Modell auch nicht vor.
Im Gegenteil: belastet man eine Quelle stark, fordert ihr also einen
großen Stromfluß ab, so nimmt wegen ihres Innenwiderstands die
(Klemmen-)spannung ab. Eine Lehrkraft, die auf eine hoch motivierte Klasse
trifft, wird aber eher einen noch "spannenderen" Unterricht machen
als mit einem "langweiligeren" Unterricht darauf zu reagieren.
Man sollte sich ohnehin davor hüten zu sehr in diese Rückkopplungsproblematik und die Gründe der "Motivation" der Schüler und Lehrer einzusteigen. Sonst findet man sich ganz schnell in gesellschaftlichen Problemfeldern und der Bildungspolitik wieder, und das ist ja nicht Gegenstand dieses Modells!
OStR. Klaus-Dieter Grüninger, Landesbildungsserver Baden-Württemberg


