Thesen zur Messwerterfassung im Physikunterricht.
Der Einsatz vom Messwerterfassungssystemen und Computern verändert
den Physikunterricht in vielfacher Weise - sowohl in thematischer als
auch in methodischer und didaktischer Hinsicht.
Die Experimente laufen teilweise in kürzerer Zeit ab, man erhält
in der Regel viel mehr Messdaten als bisher, und es sind auch Versuche
möglich, die man bisher aus technischen oder Zeitgründen
nicht durchführen konnte. Andererseits
verschieben sich dadurch auch die Fragestellungen und die Schwerpunkte
des Unterrichts: Routinearbeiten, wie das Auswerten von
Messdaten und das Zeichnen von Schaubildern von Hand, treten mehr in
den Hintergrund. Die Interpretation dieser Messdaten und der
gewonnenen Schaubilder gewinnt dafür stärker an Bedeutung.
Dies bietet Chancen für einen zeitgemäßen
Physikunterricht, kann aber - bei aller Faszination der technischen Möglichkeiten
- Probleme für die didaktische Umsetzung von Experimenten mit
sich bringen, derer man sich bei der Unterrrichtsplanung stets bewußt
sein sollte.
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Vorteile der Messwerterfassung mit Computern: |
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- die Aufnahme von schnell ablaufenden Vorgängen wird
möglich, auch wenn diese nicht periodisch sind. Man kann nun
auch Vorgänge untersuchen, die bisher nicht - oder nur mit großen
technischem Aufwand - erforschbar waren.
Man denke
z.B. an folgende Versuche / Fragestellungen:
- gedämpfte elektrische Schwingungen größerer
Frequenz
- wie verändern sich Stromstärke und Widerstand beim
Einschalten einer Glühlampe?
- welche Verzögerungen / Beschleunigungen treten bei einem
Crashtest / Raketenstart auf?
- man kann auch Experimente durchführen, die sehr lange
dauern ( d.h. länger als eine Unterrichtsstunde).
Solche Versuche konnte man im Unterricht oder Praktikum aus Zeitgründen
bisher nicht durchführen.
- zusätzlich zum graphischen Verlauf erhält man auch noch
die Zahlenwerte, so dass weitere Auswertungen - etwa mit
Hilfe einer Tabellenkalkulation - möglich werden.
- Schülerinnen und Schülern werden Routinearbeiten bei
der Auswertung eines Experiments abgenommen. Sie haben mehr
Gelegenheit Vermutungen über Zusammenhänge anzustellen und
eigene Auswertungsideen einzubringen, die dann ausprobiert werden können.
So können sie den Unterricht stärker mitgestalten, durch
die bei der Messung gewonnene Zeit kann sich die Lehrkraft in dieser
Phase mehr zurücknehmen, der Unterricht wird offener.
- man erhält in der Regel mehr Messdaten als bei einer
Auswertung "von Hand". Dies ist realitätsnaher, die
Schüler erfahren mehr über die Arbeitsmethoden der
modernen Physik und Technik außerhalb des Klassenzimmers.
Die Frage nach den Anwendungen und den Bezügen der Physik zum "realen
Leben" kann mehr Gewicht bekommen als bisher.
- durch ein Messinterface lassen sich ggf. mehrere teure Einzelgeräte
wie z.B. Speicheroszilloskop, x-ySchreiber und Digitalzähler
ersetzen.
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Mögliche Probleme der Messwerterfassung mit Computern: |
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- die Auswertung des Experiments übernehmen nun nicht mehr die
Schüler mit Unterstützung der Lehrkraft, sondern ein
Computerprogramm.
Es besteht dadurch die
Gefahr, dass die Schüler die Vorstellung davon verlieren, wie
genau die Messung vor sich geht, was gemessen wird und wie die
Auswertung der Daten erfolgt.
- die große Zahl der bei Auswertungen entstandenen,
unterschiedlichen Diagramme kann leicht verwirren.
Es ist
daher wichtig, ausführlich zu besprechen, was in den Diagrammen
dargestellt ist und sich bei deren Interpretation Zeit zu lassen.
- insgesamt läuft die Aufnahme und Auswertung eines
Experiments in kürzerer Zeit ab.
Der Unterricht schreitet
schneller fort und wird für die Schüler evtl. auch
anstrengender und anspruchsvoller. Nicht so leistungsstarke Schülerinnen
und Schüler können dadurch schneller den Überblick
verlieren. Das Leistungsgefälle innerhalb einer Gruppe kann
sich so vergrößern.
- vor allem Schüler (aber auch Lehrer) können der
Faszination der Messwerterfassung und dem Spieltrieb im Umgang mit
dem Computer so stark erliegen, dass dies zu stark in den
Mittelpunkt rückt, und das eigentliche Ziel - der Zuwachs an
physikalischer Erkenntnis - in den Hintergrund tritt.
"Lernen braucht Zeit".
Bei aller Begeisterung für die Möglichkeiten der
Messwerterfassung sollten wir Physiklehrerinnen und Physiklehrer dies
nie vergessen. Messwerterfassungssysteme sind
eher technische Hilfsmittel als didaktische, d.h. ihr
Einsatz dient in der Regel nicht primär dem besseren Verständnis
eines Experiments, sondern ihr Vorteil liegt meist in der schnelleren
Erfassung bei der Aufnahme der Messwerte und in der Automatisierung
bei deren Auswertung. Das Verständnis
für einen Versuchsaufbau und die zu messenden Zusammenhänge
benötigt aber Zeit und wird am Besten durch eigenes Tun erworben.
Je perfekter, komplexer und ausgefeilter Messwerterfassungssysteme
sind, um so mehr sollte dies bedacht werden. Dies gilt
ganz besonders für das Praktikum. Vor dem
Einsatz von Messwerterfassungsprogrammen sollten Schüler daher -
wo immer dies möglich ist - zunächst einmal eine ähnliche
Versuchsauswertung "von Hand" gemacht haben. Dies
vertieft einerseits das Verständnis dafür, was die
Messwerterfassung genau macht. Andererseits werden die Schülerinnen
und Schüler die Erleichterung, die ihnen der Einsatz eines
Messwerterfassungssystems bietet, erst dann richtig zu schätzen
wissen, wenn sie sich der Mühe der Messwertaufnahme und -
auswertung von Hand einmal unterzogen haben.
So ist der Einsatz von Messwerterfassungssystemen - aus didaktischer
Sicht - oft eher eine Ergänzung zu einem konventionellen
Experiment als eine Alternative dazu.
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Klaus-Dieter Grüninger, Landesbildungsserver
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