Straßburg
Ab dem Jahr 12 v. Chr. befand sich auf dem Boden des späteren Stadtkerns ein römisches Lager namens Argentoratum. Durch die Rue du Dôme und die Rue des Juifs, vormals Hauptstraße und Prätorianerstraße, zogen damals die Legionen des Kaisers. Doch die eigentliche Blütezeit Straßburgs ist das Mittelalter, als die Stadt zum "Heiligen Römischen Reich deutscher Nation" gehörte. Sie zeichnete sich durch eine vorbildliche Stadtverfassung aus, die der große Humanist Erasmus von Rotterdam in Lobeshymnen pries.
Zwischen dem 11. und dem 15. Jahrhundert wurde das Münster,
das Wahrzeichen der Stadt, errichtet. Bauherr war zunächst der
Bischof der Stadt, seit der 2. Hälfte des 13. Jahrhunderts
trugen die Bürger der Stadt den Bau und errichteten mit dem
monumentalen Westwerk ein Zeugnis ihres Bürgerstolzes. Noch
heute legt der Bau ein beredtes Zeugnis ab von einer Zeit, in der die
Kunst sowohl im Dienst des Glaubens als auch im Dienst der
städtischen Politik stand. Er ragt inmitten winkeliger Gassen
auf, die den Namen von Gilden und alten Märkten tragen und von
denen ein mittelalterliches Flair ausgeht. Ganz in der Nähe stößt man beim Rundgang durch die Stadt auf historische Gebäude, die einen guten Eindruck vom öffentlichen Leben der damaligen Zeit vermitteln, wie das Haus des Oeuvre Notre-Dame (Frauenwerk, die Münsterbauhütte), das im Zusammenhang mit dem Bau des Münsters entstand. Früher hatte die Steinmetzgilde hier ihren Sitz, heute befindet sich in seinen Räumlichkeiten heute eines der schönsten Museen Frankreichs, das u. a. die Kunst der mittelalterlichen Statuen in den Mittelpunkt stellt. Direkt am Ill-Ufer liegt die Ancienne Douane, das als „Altes Zollhaus“ bekannte Stapelhaus der in die Stadt eingeführten Waren - ein imposantes Gebäude mit Zinnen und Giebeln, das die schon damals rege Handelstätigkeit der Stadt veranschaulicht. Die Türme der Ponts Couverts ("überdachte Brücken") sind die bemerkenswert erhaltenen Überreste der Befestigungsanlage, die Straßburg im Mittelalter umgab, und durch welche die Verteidigung dieser freien Stadt gewährleistet wurde.
Die Stadt beherbergte im Mittelalter zahlreiche Kirchen:
- St-Etienne, deren Chor und Querschiff auf das 12. Jahrhundert zurückgehen,
- St-Thomas, eine seit der Reformation protestantische Hallenkirche, die nach dem Münster größte Kirche, zwischen dem 12. und dem 14. Jahrhundet errichtet. Im Chor das Grabmal des Marschalls von Sachsen, ein Werk von Pigalle.
- St-Pierre-le-Vieux (Alt St. Peter), zugleich katholisch und evangelisch (12.-15. Jahrhundert),
- St-Pierre-le-Jeune (Jung St. Peter, 12. – 14. Jahrhundert), mit einem schönen Lettner und einem sehr stilvollen Kreuzgang,
- die Kirche St-Guillaume (St. Wilhelm), die 1301 geweiht wurde, und
- St-Nicolas (St. Nikolaus), im 14. Jahrhundert neu errichtet
Im ausgehenden Mittelalter und der frühen Neuzeit,
insbesondere im 16. Jahrhundert, in einer Epoche eines regen geistigen
Lebens, wurde Straßburg zu einem Mittelpunkt humanistischen
und reformatorischen Gedankenguts. Dessen Inhalte fanden durch die
Erfindung des Buchdrucks, den Gutenberg im Rahmen seines
Straßburgaufenthaltes entwickelte, eine
größere Verbreitung. Erhalten sind auch
schöne Renaissancebauten wie die frühere Grande
Boucherie ("Große Metzig", heute Historisches Museum), die
Industrie- und Handelskammer, das Kammerzell-Haus, die Hostellerie du
Corbeau, und vor allem auch das Gerber- und Müllerviertel,
„Petit France“ genannt, mit seinen
Fachwerkhäusern, Dachschrägen und den Bogenspeichern.
Mit der Annexion durch Frankreich 1681 ging eine bedeutende politische,
aber auch religiöse und geistig-ästhetischen Neuerung
einher. Straßburg verlor zwar größtenteils
seinen autonomen Status, wurde aber Regionalhauptstadt, da die Hohe
Militärkommandatur und die Militärintendantur
Elsaß unter anderen hier ihren Sitz nahmen. Mit
unvorstellbarem Prunk wurde die Ankunft von Ludwig XV. und von
Marie-Antoinette in Straßburg gefeiert. Mozart gab hier eine
Reihe von Konzerten, und Goethe war einer der berühmtesten
Studenten der bedeutenden Straßburger Universität.
Im Angesicht des Münsters kam er zu einer Neubewertung der
ehemals verachteten gotischen Baukunst.
Überall in der Stadt wurden schmucke Patrizierhäuser
im Pariser Stil erbaut. Viele dieser Stadtresidenzen liegen im Bereich
der Place Broglie und der Rue Brûlée: das
Hôtel Klinglin (heute Hôtel des
Präfekten), Hanau-Lichtenberg (heute das Rathaus), das
Hôtel de Deux-Ponts (Palais Zweibrücken, heute Sitz
des Militärkommandeurs), das Hôtel du Grand
Doyenné (derzeit bischöfliches Palais). Aber das
unzweifelhaft schönste und prächtigste Bauwerk ist
das Rohan-Palais, das nach den Plänen von Robert de Cotte,
einem der Architekten von Versailles, erbaut wurde und seinen Namen der
Dynastie von Fürstbischöfen verdankt, die hier bis
1789 ihren Sitz hatten.

Chateau des Rohan von der Münsterplattform aus gesehen. Bild: OT Strasbourg
Dennoch blieb Straßburg in weiten Teilen eine deutsch
geprägte Stadt mit festen deutschen Traditionen.
Die Revolution von 1789 sowie die napoleonischen Kriege trugen zur
weiteren Integration Straßburgs in die französische
Nation bei. Hier komponierte Rouget de l'Isle 1792 das Lied der
französischen Rheinarmee, das später die
Nationalhymne Marseillaise werden sollte !
Nach dem deutsch-französischen Krieg 1870/71 bestanden die
deutschen Nationalisten um Kaiser Wilhelm I., vor allem aus den Kreisen
der Armee, auf einer Annexion des Elsass und der Stadt
Straßburg, nachdem die Stadt zu Beginn des Krieges durch
preußisches Bombardement unter anderen ihre wertvolle
Universitätsbibliothek verloren hatte. Das Elsass erhielt
allerdings nicht den Status eines Bundeslands, sondern wurde als
„Reichsland“ unmittelbar vom Reich verwaltet.
Die Zeit der Zugehörigkeit zum deutschen Reich (1871-1918) ist
durch eine umfassende Stadterweiterung in Richtung Nord-Ost, sowie
einen architektonischen Stil, der den historischen Eklektizismus des
Endes des 19. Jahrhunderts wiederspiegelt, gekennzeichnet:
offiziell-repräsentative Bauten (Palais du Rhin,
Präfektur, Bibliothek, Universität), Kirchen St-Paul
und St-Maurice, zahlreiche Schulen und einige schöne Fassaden
zeugen von der kurzen Blüte des Jugendstils um die
Jahrhundertwende.

Palais du Rhin, der ehemalige Kaiserpalast, an der Place de la Republique
Straßburg ist, wie Le Corbusier sagte, eine Stadt "die zu
wachsen wusste". Es gilt für das Stadtviertel, das die
europäischen Institutionen beherbergt – das
beeindruckende Palais d’Europe (1975), das Palais der
Menschenrechte (1995), und seit 1999 auch das neue Gebäude des
Europaparlaments. Straßburg ist eine Metropole
europäischer Größenordnung, die sich
zugleich den Charme einer lebenslustigen Stadt bewahren konnte.
Textvorlage: OT Strasbourg, überarbeitet.