Landesbildungsserver Baden-Württemberg - Industrialisierung auf der Baar am Beispiel der Uhrenindustrie in Schwenningen am Neckar
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Industrialisierung auf der Baar am Beispiel der Uhrenindustrie in Schwenningen am Neckar

Das Uhrenindustriemuseum Villingen-Schwenningen

 

Geschichte

Die Anfänge des Schwarzwälder Uhrenhandwerks liegen in der 2. Hälfte des 17. Jh.  Die Nähe zu alten Handelswegen und das Anerbenrecht för­derten seine Entwicklung, ein Verlagssystem bildete sich heraus. Als einzig­artig gilt das Gleichgewicht zwischen handwerklich-hausgewerblich produ­zierenden Uhrmachern, Uhrenhändlern und Spediteuren, die hier „Packer“ genannt wurden (>Rostow, Phase 1, traditionale Gesellschaft).

Im 19. Jh. führte die Bevölkerungszunahme zur personellen Überbesetzung des Uhrenhandwerks; gleichzeitig dämpfte der Pauperismus die Nachfrage. Die Krise wurde ausweglos, als billige Industrieuhren aus der Schweiz, Frankreich und besonders den USA („Amerikaneruhren“) den deutschen Markt überschwemmten. Staatliche Maßnahmen wie die Gründung der Uhrmacherschule in Furtwangen 1850  hatten keine Wirkung; die Zeit des Uhrmacherhandwerks war abgelaufen (⇒Rostow, Phase 2, Voraussetzungen des Aufstiegs).

In dieser Situation begründete Johannes Bürk 1855 die „Württembergi­schen Uhrenfabrik“ zur Herstellung einer von ihm erfundenen vereinfachten Nachtwächterkontrolluhr. Sie ist die älteste Uhrenfabrik in Württemberg. Von Anfang an ersetzte hier konsequente Arbeitsteilung die alte Produktionsweise, 1860 wurde die erste Dampfmaschine aufgestellt. Damit ist Bürk der Pionier der industriellen Uhrenproduktion zumindest im Südwesten, wenn nicht in ganz Deutschland. Um 1860 begann der Kaufmann und „Packer“ Friedrich Mauthe in Schwenningen eine eigene Uhrenproduktion. 1861/64 gingen die Gebrüder Junghans in Schramberg zur Massenproduktion von „Amerikaneruhren“ über. Diese Ereignisse markieren den take-off (⇒Rostow, Phase 3) der Industrialisierung im mittleren Schwarzwald und auf der Baar.

Die Arbeiter rekrutierten sich zunächst aus dem überbesetzten Uhrenhandwerk, später wurden zunehmend ungelernte Zuwanderer beschäftigt. Der Anschluss an das Eisenbahnnetz (1869 Donaueschingen-Villingen und Rottweil-Schwenningen-Villingen, 1873 Hausach-Villingen) war einerseits Folge der industriellen und demographischen Entwicklung der Region, andererseits Voraussetzung für den Durchbruch zur Hochindustrialisierung (⇒Rostow, Phase 4, Entwicklung zur Reife).

Nach 1880 entstand in Schwenningen, aber auch in St. Georgen und Villingen eine Uhrengroßindustrie mit weltweitem Absatzmarkt (1886 Produktion von Amerikaneruhren bei Mauthe, Fa. Thomas Haller, 1894 Schlenker & Kienzle). Von 1870 bis zur Stadterhebung 1907 wuchs die Einwohnerzahl von 4300 auf über 15000. Schwenningen war zur „größten Uhrenstadt der Welt“ geworden (⇒Rostow, Phase 5, Massenproduktion).

Von der großen Uhrenkrise in den 1970er Jahren waren fast alle Schwen­ninger Firmen betroffen. 1984 ging die „Württembergische Uhrenfabrik“ in Konkurs. 1994 gründeten ehemalige Mitarbeiter, die sich zu einem privaten Verein zusammengeschlossen hatten, in ihrem Gebäude das Uhrenindustriemuseum. Es wurde 2003 vom „European Museum Forum“ mit dem „Luigi Micheletti Preis“ für das beste technische Museum des Jahres ausgezeichnet.

 

- Arbeitskreis Landeskunde/Landesgeschichte RP Freiburg -

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