Landesgeschichtliche Einordnung
Autor: Ludwig Hanisch (Arbeitskreis RP Karlsruhe)
Die epischen Formen (die erzählenden Gattungen) der Sagen und Märchen
haben von der Unterstufe bis zur Oberstufe im Literaturunterricht ihren festen
Platz. Ihnen benachbart sind zwei weitere Erzählformen, nämlich Mythos
und Legende. Während der Mythos vorwiegend in einer fernen Urzeit
spielt, schwebt das Märchen über Raum und Zeit. Sagen und Legenden gehen
dagegen eher von der Besonderheit und Bedeutung einmaliger Gegebenheiten in
Raum und Zeit aus. So verkörpert die Legende lediglich eine Sonderform der
Sage, die vor allem religiöse oder heilige Personen, Orte, Einrichtungen und
Zeiten zum Inhalt hat.
Diese vier Gattungen punktgenau voneinander zu unterscheiden, ist bei näherer
Betrachtung nicht möglich, da die Grenzen zwischen ihnen in der Praxis nicht
scharf zu ziehen, also eher fließend sind. Während der Mythos ein göttliches
und zugleich grundlegendes Geschehen für das menschliche Dasein darzustellen
versucht, bewegt sich das Märchen in einer Phantasiewelt, wobei die Kulisse
jedoch durchaus real sein kann. Ebenso enthalten Sagen und Legenden nicht
selten märchenhafte Züge. Und umgekehrt tauchen in Märchen oft Elemente einer
Sage, aber auch der Fabel oder der Satire auf.

Die sieben Schwaben - eine grotesk-komische Satire über Blindheit, Dummheit und
Selbstüberschätzung, Gemeinschaftsarbeit (Schnittmustercollage) der Klasse 2
der GS Bilfingen 1986
© L. Hanisch
Auch die heute in der Jugendliteratur sehr beliebten
Fantasy-Geschichten schöpfen ihre Motive aus den genannten Urformen. So tauchen
in ihnen bekannte Märchen- und Sagengestalten neben eigens erfundenen Wesen
oder anthropomorphen (menschenähnlichen) Tieren auf. Hier wie auch in den
bereits genannten Gattungen ist der Drache ein Archetyp.

Raffael 1506: Der heilige Georg im Kampf mit dem Drachen, New York,
Metropolitan Museum
© L. Hanisch
Als episch-lyrische Form sollte aber auch die Ballade
nicht vergessen werden. Sie ist wie das Märchen eine Gattung der Volks- und der
Kunstdichtung und hat zudem teil an den drei poetischen Grundarten: So ist sie
episch, indem sie eine Handlung erzählt. Sie ist dramatisch, weil sie die
Handlung auf einen Konflikt zuordnet (Personenrede, Dialog) und sie ist
lyrisch, weil sie das der Ballade innewohnende Empfinden auf den Hörer oder
Leser übertragen möchte, indem sie einen geheimnisvollen, schrecklichen oder
tragischen Vorgang aus Mythos, Sage oder Geschichte erzählt (Verwendung
lyrischer Gestaltungselemente wie Reim, Metrum).
Da es also bei diesen epischen Formen gerne zu Mischungen und Überschneidungen
kommt, ist es sinnvoll, wenn es nun im Folgenden um Sagen und Märchen
geht, das Gemeinsame wie das Unterscheidende parallel zu betrachten, zu
erkennen und zu analysieren.

Junker Burkart verfällt nachts am heidnischen Opferstein den Verlockungen einer
verschleierten Frau, die ihn küsst und ihm dabei die Seele aus dem Leib saugt.
Gemälde von Jakob Götzenberger im Wandelgang der Trinkhalle Baden-Baden,
fertiggestellt 1844.
© L. Hanisch
In der Unterstufe, etwa bis zum achten Lebensjahr, steht
das "einfache" Hören, Vorlesen und Lesen der Sagen und Märchen im Vordergrund.
Man könnte diese Phase auch das erste Sagen- und Märchenalter nennen.
Der Ton des Erzählers sowie sein Gebärden- und Mienenspiel sind von besonderer
Bedeutung. Sagen und Märchen eignen sich in diesem Alter vorzüglich zur
Nachgestaltung sowohl durch die Schüler selbst als auch mit Hilfe von
angefertigten Stab- oder Marionettenpuppen.
Ein Schwerpunkt der Aufsatzerziehung im Deutschunterricht der Klassen 3 und 4
ist neben dem Verfassen von Erlebnisgeschichten auch das Verfassen von
Fantasiegeschichten. In ihnen dürfen märchenhafte Elemente, Träume und
Fantasien beschrieben werden.

Die erzählende Großmutter von Ludwig Richter (1803 bis 1884).
© L. Hanisch aus dem Lesebuch "Das goldene Tor" von 1924
Das zweite Sagen- und Märchenalter beginnt dann, wenn
eine analysierende Betrachtung des Erzählstoffes möglich wird. Diese Form der
Betrachtung kann bis zur psychoanalytischen Methode fortgesetzt werden. Man
denke in diesem Zusammenhang nur an Antoine de Saint-Exupérys Märchen vom
"Kleinen Prinzen", das für viele Menschen die entscheidende Erkenntnis brachte,
was im Leben wirklich wichtig ist.
Märchen und Sagen jedoch im Allgemeinen als moralische, ethische oder
gar religiöse Erziehungsmittel zu benutzen, ist äußerst umstritten. Behandeln
doch die Märchen und Sagen oft auch eine zutiefst verstörte Welt, die dem
Rezipienten eine Vielzahl von Beispielen praktizierter Moralfreiheit vor Augen
stellt und die auf Kinder des ersten Sagen- und Märchenalters auch eine
erschreckende und schockierende Wirkung haben kann. Andererseits gehören in die
Phantasiewelt des Kindes gefährliche wie liebenswürdige Gestalten. Die einen
werden von ihm gefürchtet, die anderen dagegen zu Freunden erhoben. Märchen und
Sagen stellen somit auch Handlungsmöglichkeiten vor, wie man mit
selbstzerstörerischen oder aggressiven Kräften umgehen kann.
Das Geglaubt-Werden wie das Nicht-Geglaubt-Werden ist zwischen Sagen und
Märchen heute kein Unterscheidungsprinzip mehr. Allerdings werden in den beiden
epischen Formen die diesseitige und die jenseitige Welt entscheidend anders
dargestellt. Während man sagen kann, dass im Märchen das Diesseits und das
Jenseits auf dieselbe Ebene gehoben werden, können die Menschen in der Sage das
Transzendente wirklich als Jenseitiges erfahren.
Schauplatz des Märchens sind die Erde und die Welt der Menschen. In ihr
treten in der Regel "göttliche" Wesen nur in einer niederen Form auf, und zwar
teils in freundlicher, teils in feindlicher Beziehung zum Menschen. Zu ihnen
zählen Göttinnen oder Dämonen der Natur wie Nymphen, Elfen, Feen, Gnome, Nixen
oder Zwerge, aber auch böse Wesen und Geister wie Hexen und Teufel. Eine
besonders interessante Gestalt ist Frau Holle. Als Verkörperung einer uralten
weiblichen Erdgottheit könnte sie bis in die Jungsteinzeit zurückgehen. Da das
Märchen weder an Raum und Zeit noch an Kausalgesetze gebunden ist, wird die
Phantasie zur Wirklichkeit erhoben. Märchen können aus verschiedenen Kulturen
und Ländern übernommen werden.
Wir dürfen annehmen, dass uns kein Märchen in einer "reinen", ursprünglichen
Gestalt erhalten ist. So haben die Brüder Grimm vor fast 200 Jahren viele ihrer
gesammelten Märchen "entschärft", um sie pädagogisch verwertbar zu machen und
sie haben diese dann "Kinder- und Hausmärchen" genannt. Die von ihnen
zusammengetragenen Märchen schildern oft die großen Wünsche nach Liebe und
Glück, sie deuten diese, stellen aber auch in sinnbildlichen Handlungen die
Lage von bedrohten, angsterfüllten, in Armut lebenden und in Armut zu Grunde
gehenden Menschen dar. Oder sie zeigen uns Gestalten, die im Streben nach Geld,
Macht und Sicherheit einen Weg gesucht und gefunden haben, der sie dann zum
Guten wie zum Schlechten verändert hat. Die Welt der von den Brüdern Grimm
zusammengestellten Märchen stellt vorwiegend eine ländliche und
feudal-fürstliche, seltener eine städtische Umgebung dar.

Märchenwelt der Brüder Grimm - ländlich. Die Wichtelmänner, Zeichnung von G.
Olms um 1900
© L. Hanisch

Der Prunkwagen des Königs, Märchenwelt der Brüder Grimm - feudalistisch. Aus
dem Beiheft des Instituts für Film und Bild in Wissenschaft und Unterricht
(München 1951) zum Film "Der gestiefelte Kater"
© L. Hanisch
Märchen wurden aber auch in große sagenhafte und geschichtliche
Darstellungen eingeordnet, wie wir sie im Alten Testament gerne vorfinden (z.
B. der wunderwirkende Stab des Moses, Elija und der nicht leer werdende
Mehltopf und Ölkrug, die redende Eselin Bileams). So leben Märchenmotive in
anderen literarischen Gattungen fort.
Einige markante Märchentypen und -motive seien nachfolgend aufgeführt:

Kostümschrank der GS Bilfingen bemalt von Bernhard Rapp 1989 nach Aquarellen
von Ruth Koser-Michaëls
© L. Hanisch
-
Das Zaubermärchen (z. B. Ein Krug wird nicht leer)
-
Das Brüdermärchen (z. B. Von dem Machandelboom)
-
Das Verwandlungsmärchen (z. B. Der Frosch wird zum Königsohn)
-
Das Standesmärchen (z. B. Der reiche Bauer und der arme Bettler)
-
Das Glücksmärchen (z. B. Die drei Glückskinder)
-
Das Liebesmärchen (z. B. Aschenputtel)
-
Das Feen- oder Mythenmärchen ( z. B. Die Schöne und das Biest)
-
Das Erlösungsmärchen (z. B. Dornröschen)
-
Das Schwankmärchen (z. B. Das tapfere Schneiderlein)
-
Das Rätselmärchen ( z. B. Das Rätsel)
-
Das Tiermärchen (z. B. Die Bremer Stadtmusikanten)
In der Problematik von Märchen besteht oft auch eine
auffallende Ähnlichkeit mit gewissen gesellschaftlichen Verhältnissen. So
nehmen z. B. in dem zuletzt genannten Märchen die vier Tiere die Rolle der
nutzlos gewordenen, älteren, für die Gewinnmaximierung und Leistungssteigerung
unbrauchbar gewordenen Menschen in einer Gesellschaft ein. Statt aber
schicksalsergeben ihr bevorstehendes Ende abzuwarten, rebellieren sie in
Solidarität erfolgreich gegen diese Gesellschaft. Tiermärchen sind aber oft
auch zugleich Tierfabeln, da sie, um mit Lessing zu sprechen, "Erdichtungen
sind, die auf einen gewissen Zweck abzielen".
Eine relativ leicht durchschaubares Märchen ist z. B. das Märchen vom Wettlauf
zwischen Hasen und Igel. Die Moral dieses Märchens ist: Keiner soll sich
einfallen lassen, sich über den einfachen und geringen Mann lustig zu machen
und es kann von großem Vorteil und Nutzen sein, wenn man eine Frau oder einen
Mann aus seinem Stande ehelicht.

Aus dem Beiheft des Instituts für Film und Bild in Wissenschaft und Unterricht
(München 1953) zum Film "Der Wettlauf zwischen dem Hasen und dem Igel"
© L. Hanisch
In vielen Märchen tauchen aber auch mehrere Märchenmotive auf, wie zum Beispiel im gestiefelten Kater. In diesem Märchen geht es ja um Verschlagenheit, um Ängste, um Betrugsstrategien, um Veränderungen der Standespositionen, um die Macht der Verführung. Die Brüder Grimm haben deutlich erkennbar bei ihrer Fassung vom "Gestiefelten Kater" die um 100 Jahre ältere gleichnamige Erzählung von Charles Perrault im Auge gehabt, die den französischen Merkantilismus unter König Ludwig XIV. zu karikieren versuchte.

Der gestiefelte Kater im Schloss des Zauberers, Märchenwelt der Brüder Grimm -
feudalistisch. Aus dem Beiheft des Instituts für Film und Bild in Wissenschaft
und Unterricht (München 1951) zum Film "Der gestiefelte Kater".
© L. Hanisch
Sagen (und die Sonderform Legende) lassen sich in sechs Hauptarten gliedern:
- Am häufigsten dürften wohl die Orts- und Natursagen auftreten, da es kaum einen historischen Ort oder einen markanten Landschaftsflecken gibt, dem nicht eine Sage anhaftet (z.B. "Sybille von der Teck" oder "Die Spinnschwestern vom Mummelsee").

Die Spinnschwestern vom Mummelsee von Wilhelm Volz (1855 - 1901).
© L. Hanisch/Museum Neuenbürg

Die Nixe Merline soll mit einschmeichelnder Musik und betörendem Gesang einen
jungen Hirten an das Ufer des Wildsees gelockt haben. Er erliegt der Versuchung
und versinkt in der Tiefe des Sees. Gemälde von Jakob Götzenberger im
Wandelgang der Trinkhalle Baden-Baden, fertiggestellt 1844.
© L. Hanisch
- Eine weitere Hauptart ist sicherlich die Stammes- und Volkssage. Oft ist diese mit einer geschichtlichen oder erdachten Einzelgestalt verknüpft und geht von der Vorstellung aus, dass ein Stamm oder Volk einen Ahnherrn hat (z.B. Romulus und Remus). Sie beschreibt aber auch den Niedergang eines Volkes oder einer Dynastie wie in dem großen Epos der Nibelungensage.

Kapitolinische Wölfin mit Romulus und Remus, Rom, Konservatoren-Palast
© L. Hanisch
- Eine andere Art wäre die Heldensage. Gerade bei ihr gehen oft Geschichtlichkeit und Sagenstoff eine enge, unlösbare Verbindung ein, die die Protagonisten in eine neue Dimension erhebt

Ritter Wolf von Eberstein war gegen Ende des 14. Jhs. Mitglied des
Schleglerbundes. Von seinen Verfolgern auf Neu-Eberstein aufgespürt, musste er
fliehen. Als Ausweg blieb ihm nur der kühne Sprung vom Felsen unterhalb seiner
Burg ins Tal der Murg. Gemälde von Jakob Götzenberger im Wandelgang der
Trinkhalle Baden-Baden, fertiggestellt 1844.
© L. Hanisch

Abfahrt des Odysseus und seiner Gefährten vom Gestade der Zyklopen von
Friedrich Preller (1804 - 1878)
© L. Hanisch aus Deutsches Lesebuch von 1949
- Die Personenlegende ist die Heldensage in religiöser Gestalt. Diese Helden treten kaum in Schlachten oder Landeroberungsszenen auf, sondern werden als Helfer und Wundertäter geschildert oder zeigen übermenschliches Verhalten in Situationen ihrer Verfolgung und Hinrichtung.

Das Rosenwunder (Legende) der heiligen Elisabeth von Thüringen. Nach einem
Wandgemälde Moritz v. Schwinds aus dem Jahre 1855 in der Wartburg.
© L. Hanisch aus „Das Reich Gottes auf Erden“. Kirchengeschichte in
Einzelbildern für das katholische Volk, zusammengestellt von Anselm Rotzinger,
Domkapitular, Dresden 1922)
- Die Heiligtumssage oder -legende handelt von einem besonderen Ort und soll erklären, warum er als heilig gilt, von den Menschen in Not aufgesucht und verehrt wird. Hier seien die vielen großen, aber auch kleinen Wallfahrtsorte erwähnt, bei denen sich oft um ein Gnadenbild eine oder mehrere Sagen oder Legenden ranken.
- Die Kultsage oder -legende, auch ätiologische Sage genannt, möchte den Ursprung oder die Ursache von etwas Bestehendem, also auffällige Erscheinungen, Bräuche, Kulthandlungen und Namen, erklären.
Sagengestalten bleiben in aller Regel an einen Ort gebunden, was allerdings nichts über den Entstehungsort aussagt, vor allen Dingen bei Volkssagen, die von anderen Völkern und Kulturen übernommen sein können. So findet sich am höchstgelegenen Punkt des Enzkreises, dem Heuberg, der Artusstein. Die Geschichten um den sagenhaften kelto-britischen König, der um 500 gegen die eindringenden Angeln und Sachsen gekämpft haben soll, gehen teilweise auf keltische Märchen, Fabeln und Sagen zurück und verschmelzen mit historischen Grundlagen. Über die französisch-englische Artusepik vom 12. bis 14. Jahrhundert haben sie die volkssprachige Literatur fast ganz Europas befruchtet.

König-Artus-Stein auf dem Heuberg im Enzkreis
© L. Hanisch
So wie im o. g. Beispiel werden oft übernatürliche
Erlebnisse zusammen mit glaubhaften Elementen zum Wesenskern einer Sage.
Sagen und Legenden, aber auch viele Märchen kann man als aus dem Mythos
erwachsene Erzählungen bezeichnen. Ein Beispiel dazu ist die griechische Sage
von der schönen Prinzessin Europa, die von Zeus in der Gestalt eines weißen
Stieres aus Syrien (damals Phönizien) in einen anderen Erdteil (Insel Kreta)
entführt wurde. Den Erdteil, auf dem die beiden schließlich landeten, nannte
Zeus nach seiner Prinzessin "Europa".

"Raub der Europa" von Paolo Veronese Venedig, Dogenpalast.
© L. Hanisch
Gerade Orts- und Natursagen, Heldensagen oder Heiligtumslegenden führen uns gerne an mythische Orte.
Karsee bei Baiersbronn (Sankenbachkessel). In ihn ergießt sich der
Sankenbachwasserfall (Naturdenkmal).
© L. Hanisch

Um das Alte Eisinger Loch und die verschüttete Höhle auf der Bauschlotter
Platte ranken sich zahlreiche Geschichten und Sagen
© L. Hanisch
Wie aber wird ein Ort zu einem mythischen Ort? Er muss im Menschen ein Grund- oder Urbedürfnis nach Erhabenheit stillen. Diese Erhabenheit kann ein Berg, ein Tal, eine Schlucht, ein markanter Felsen, ein tiefer Wald, eine Höhle, ein Bergwerkstollen, ein stiller See, eine imposante Quelle, ein prähistorisches wie historisches Denkmal ausstrahlen.

Am Fuße der Hornisgrinde liegt der sagenumwobene, verwunschene Mummelsee.
Diesen mythischen Ort sollen die Römer schon "locus mirabilis" genannt haben.
Gemälde von Jakob Götzenberger im Wandelgang der Trinkhalle Baden-Baden,
fertiggestellt 1844
© L. Hanisch
Mythische Orte sind meist auch Orte der Stille, der Einsamkeit,
der Zuflucht, der Heilung. Und wer diese Orte aufsucht, sucht eine Veränderung
für seinen Körper, seine Seele oder einen Ausweg aus einer ihm unerträglichen
oder belastenden Situation. Schon die Kelten verehrten zum Beispiel das
Belchendreieck (Badischer Belchen - Ballon d´Alsace - Schweizer Belchen) als
göttlich. Sie glaubten in den beobachteten Sonnenvisuren (gradlinige
Sichtverbindungen) zwischen den drei Bergen, zu dem sich auch noch ein vierter
Berg, der Petit Ballon, gesellt, eine für sie überirdisch erscheinende
Konstellation zu erkennen. In unserer heutigen modernen Zeit könnte man den
Jakobsweg nach Santiago de Compostela in Spanien, den so viele pilgern, auch
als mythischen Weg bezeichnen.
Viele Kirchen und Kapellen unseres Landes, die von Gläubigen gerne als
Heiligtümer verehrt werden, sind heilige Stätten der Kelten und Römer gewesen,
bevor sie solche der Christen wurden, wie oft archäologisch im Untergrund oder
äußerlich an Gebäuden (z. B. Viergöttersteine in Kirchenmauern) nachweisbar
ist. Mit den Heiligtümern gingen ihre Sagen und Legenden auf die neuen Besitzer
über, die an der Stelle der früheren Gottheiten ihre Heiligen und Stifter
verehrten.

Viergötterstein an der Pfarrkirche von Gräfenhausen, Herkules mit der
Keule
© L. Hanisch

Auch die Wurmlinger Kapelle gilt als christianisierte Kultstätte vorrömischer
Zeit.
©
www.lmz-bw.de (Brugger)
Wie alt ein Sagen- und Legendenstoff wirklich ist, der einem Ort, einem Volk oder einem Helden anhaftet, ist sicher sehr schwer zu sagen. Werden doch die Sagen und Legenden einer Situation angepasst und dieser dienstbar gemacht. Viele Orts-, H eiligtums- oder Heldensagen scheinen Varianten ein und derselben Ursagen zu sein, an welche dann manche durchaus an geschichtliches Geschehen angepasste Erinnerungen geknüpft wurden.

Pudelstein im Tonbachtal bei Baiersbronn, vermuteter Kultort der Alemannen
© L. Hanisch
Uns Menschen, ob jung oder alt, erschließen sich Orte,
Kulturdenkmale, Städte oder gar Regionen von unserer subjektiven Lebenslage
aus. Unser Standort als Betrachter eines besonderen Schauplatzes kann daher von
vielen Faktoren abhängig sein, die im Einzelnen hier nicht aufgezählt werden.
Erinnerungen, die wir an einen Ort haben und Beziehungen, die wir zu ihm mit
seiner Geschichte und seiner unverwechselbaren Ausstrahlung aufbauen, können
sich durch äußeres Gelenktwerden in Familie, Schule oder durch einen
Interessenskreis, aber vor allem auch durch persönliches Interesse an einem
ortsgebundenen Sachverhalt weiterentwickeln. Sie können aber auch durch widrige
Umstände und negative Erlebnisse verschiedenster Art wieder verkümmern.

Der steinerne Heuhaufen im oberen Albtal - eiszeitliches Relikt, doch zugleich
die Fantasie über unerklärbare teuflische Kräfte anregendes Objekt.
© L. Hanisch
Das Interesse für die geschichtliche, kulturelle und
geographische Besonderheit eines Ortes zu wecken und das Bestreben, sich dem
ausgewählten Ort zu nähern, gelingt mit Sicherheit leichter, wenn dies durch
irgendeine Form der Anschauung möglich wird. Eine den Ort überragende
Burganlage oder Kirche weckt sicher leichter die Neugier an dessen
geschichtlicher Entwicklung als ein Ort ohne nennenswerte Auffälligkeiten.
Schon der kleinste Blickfang setzt leichter eine Spurensuche in Gang als eine
Wissensvermittlung, die sich nur auf Zahlen, Daten und verbal geäußerte Fakten
beschränkt.
Ähnlich leichter oder mit größerem Interesse werden wir uns dann einem Ort
zuwenden, wenn wir uns diesem durch spannende Literatur nähern dürfen,
unabhängig davon, welche weiteren Assoziationen auf den Ort ausgerichtete
Literatur noch auslösen kann.
Die Beschäftigung mit Sagen, Märchen, Legenden und Mythen, auch mythischen
Orten ist somit sicher ein probates pädagogisches und didaktisches Mittel,
einen Ort oder eine Region einem Menschen näher zu bringen oder gar zu
erschließen.
- Arbeitskreis für Landeskunde/Landesgeschichte RP Karlsruhe -