Der Nachmittag aus der Sicht eines Teilnehmers
Wir waren etwa 15, die der Einladung gefolgt waren, ein bunter Haufen
bekannter und weniger bekannter Kolleginnen und Kollegen, die sich auf einer
Waldwiese bei Böblingen getroffen hatten und nun mit leichter Nervosität auf
den Beginn des Abenteuers warteten. Gemeinsam bestaunten wir eine hohe und
komplizierte Struktur aus Masten, Seilen, Plattformen und Brettern, die
einerseits zierlich, andererseits auch ehrfurchtgebietend aus der Wiese gen
Himmel ragte. Sie sollte noch eine wichtige Rolle spielen…
Die beiden Übungsleiter begannen mit einem Vortrag über die
Erlebnispädagogik und die zentrale Rolle der "Simulation archetypischer
Existenzgefährdung". Als unbedarfter Laie fand ich das Wort
Existenzgefährdung ein wenig beunruhigend, zumal da sie als archetypisch
qualifiziert wurde. Einen kleinen Trost bildete der Zusatz "Simulation".
| Die Praxis begann dann aber mit vollkommen stressfreien
Aufwärmübungen. Besonders das Spiel Evolution lockte uns alle aus der
eher ernsthaften Reserve, zu der wir als verbeamtete Träger von
Verantwortung vielleicht neigen: Jeder begann die Evolutionsleiter als
(hüpfendes) Ei, und stieg dann mehr oder weniger rasch über die Stufen
Huhn, Dinosaurier und Ninja-Kämpfer schließlich zum Weisen auf. Das
Schöne daran war, dass jede Stufe animiert dargestellt werden musste. So
bildete unsere Gruppe nach kurzer Zeit ein chaotisches Durcheinander
artgerecht gackernder, scharfe Kampfschreie ausstoßender und röhrender
Kreaturen. Wir waren mit Herz und Seele dabei, und noch Stunden später
ließ sich ein hoher Vertreter der Hierarchie zu wildem Gackern und
Flügelschlagen verlocken, als ich nur fragte: "Wie ging das noch mal mit
dem Huhn?" |
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In einer zweiten Phase ging es um
konstruktive Zusammenarbeit. Wir bildeten zwei Gruppen, von denen jede
ein etwa mannshohes „A“ aus Holzbalken mit wechselseitig zu ziehenden
Seilen so über eine Strecke von 50 m transportieren sollte, dass ein
Mitglied ständig auf dem „A“ ritt, und dabei nicht die Erde berühren
durfte. Zusätzliche Würze bekam die Übung dadurch, dass die beiden
Gruppen gleichzeitig begannen und natürlich verglichen, wer schneller am
Ziel war, oder wo die Kommunikation besser lief... |
Schließlich kamen wir zu der hohen Struktur, die uns schon am Anfang so
beeindruckt hatte. Hier bestand die Aufgabe darin, zu zweit eine etwa 10m
lange Brücke zu überqueren, die sich in 10m Höhe (!) zwischen zwei winzigen
Plattförmchen spannte. Das wirklich Haarsträubende war, dass die Brücke aus
vier losen Brettern bestand, die jeweils nur in ihrer Mitte an einem
einzigen Seil hingen. Das Ganze war also eine äußerst instabile
Angelegenheit, die beunruhigend, leicht im Wind schwingend auf uns wartete.
Die Brücke zu überqueren, wäre überhaupt unmöglich, wenn nicht zur
Stabilisierung der Bretter von allen vier Ecken jeweils noch dünne Seile
herab hingen. Mit diesen ergab sich die Möglichkeit, jedes Brett durch vier
Helfer zu stabilisieren. Dennoch – die Vorstellung über diese Brücke zu
gehen, wirkte auf die meisten äußerst beunruhigend.
Mancher von uns mag sich hier erinnert haben, dass zu Beginn von einer
"archetypischen Existenzgefährdung" die Rede war. Wo aber blieb die
"Simulation"? Die Brücke wirkte so wacklig und instabil, dass selbst Indiana
Jones eine Schlucht mit Krokodilen dieser Brücke bestimmt vorgezogen hätte.
| Die Übungsleiter erklärten nun, dass die mutigen
Himmelsstürmer durch ein persönliches Sicherungsseil im Notfall
aufgefangen würden. Für die Sicherung sollten jeweils drei Kollegen
verantwortlich sein. Das wirkte beruhigend, zumindest für meinen Kopf,
denn dass meine Kollegen mich gut sichern würden, daran hatte ich keine
Zweifel. Dennoch war meine Reaktion gespalten: Mein Bauch lässt sich
nicht so einfach überzeugen, dass er keine Angst haben muss. Die Lust zum
Abenteuer überwog aber, und ich meldete mich als erster Kandidat für den
Brückengang. Drei weitere folgten bald. |
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Die Stunde der Wahrheit war nun also gekommen:
ausgerüstet mit Helm und Sicherungsseil gingen mein Partner und ich auf
eine lange Leiter zu, die zur winzigen Plattform hoch führte. Mein Bauch
signalisierte mir, dass er der Sache nicht ganz traute, aber dieses
Gefühl wurde schnell wieder in den Hintergrund geschoben, denn nun war
Konzentration angesagt: Oben auf der Plattform sprachen wir uns kurz über
die Taktik ab und es ging los: Rauf aufs erste Brett. Hoffen, dass die
Helfer an der richtigen Stelle ziehen. Das ging gut, schnell standen wir
beide im Zentrum des ersten Brettes und klammerten uns an das zentrale
Seil. Kurz Luft holen. Jetzt wurde es richtig spannend. Die Lücke zum
nächsten Brett klaffte nicht nur waagerecht, sondern die Enden waren auch
auf verschiedener Höhe. Außerdem schwankte das Ganze. Dennoch: Rüber
auf’s nächste Brett, geklappt. Ehe wir uns versahen, hatten wir so die
vier Bretter überquert und standen drüben, auf der anderen winzigen
Plattform. Es war ganz schnell gegangen. Anstrengend muss es auch gewesen
sein, ich hatte Schweißperlen auf der Stirn. Aber nichts ist so schön wie
der Erfolg, und die Anstrengung (und ein wenig Angst) waren schon wieder
vorbei. |
| Leider hatte man vergessen, eine Leiter für den Abstieg
vorzusehen. Wir hatten deshalb nur zwei Möglichkeiten, wieder auf den
sicheren Boden zu kommen. Entweder zurück über die Brücke oder einfach
ins Sicherungsseil fallen lassen. Keine Frage – hinein ins Seil. Es war
wirklich schön, so herunter zu gleiten. Unten war die Erleichterung groß,
und Körper und Seele konnten sich entspannen. |
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In einer abschließenden Diskussion verglichen wir unsere Eindrücke und es
wurde klar, dass uns allen der Nachmittag Wesentliches gebracht hat: Wir
hatten Anregungen für Schule und Unterricht erhalten, die einige Kollegen
konkret umsetzen wollen, wir lernten eigene Grenzen und deren Überwindung
kennen, vor allem aber waren wir Kollegen uns näher gekommen. Denn heute
ging es um mehr als Alltagssituationen, heute hatten wir uns
vertrauenswürdig und vertrauensvoll aufeinander verlassen. Heute hatten wir
in klar sichtbarer Weise gemeinsam, aber mit unterschiedlichen Funktionen
eine Aufgabe erfolgreich gelöst.
Für mich selbst war es vor allem ein bewegendes Erlebnis, das mir noch
lange in Erinnerung bleiben wird.
Claus Meyer-Bothling
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