Landesbildungsserver Baden-Württemberg - Einleitung
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1. Einleitung

Vor Jahren fuhr ein Segelschiff namens "Outlaw" mit einer Gruppe schwer verhaltensgestörter Jugendlicher hinaus auf die Nordsee mit Erziehern, Sozialpädagogen und einem professionellen Skipper. Sie erlebten den Berichten zufolge ein dreiwöchiges Abenteuer mit frappierenden positiven Verhaltensänderungen. Das seemännische Leben vor Ort mit seinen funktionalen täglichen Pflichten jedes Einzelnen, anfänglich nicht oder nur widerwillig übernommen, öffnete die vielfältig geschichteten Panzer dieser Jugendlichen, die ihr Leben wie eine asoziale Schutzhülle umschlossen, angewachsen durch jahrelange defizitäre und problembeladene Biographien. Vor allem in echten Gefahrenmomenten auf See zeigten sich die so menschlichen Eigenschaften des gegenseitigen Helfens, des Vertrauens, des spontanen Einsatzes für andere, die gerade und immer wieder bei Menschen in Not erkennbar werden und in Zeiten saturierter Gleichförmigkeit so schwer zu gelingen scheinen.

1982 zum ersten, im Jahr 1983 zum zweiten Mal und seither regelmäßig jährlich fuhren je acht Zöglinge des Staatlichen Waisenheims Esslingen in wechselnden Gruppen mit drei Erziehern nach Korsika. Die acht Jugendlichen im Alter von 16-19 Jahren waren nicht schwerst verhaltensgestört im Sinne der Symptomskala von Kälveston, Johnson oder Thalmann, aber doch alle belastet durch instabile familiäre Konstellationen in der frühen Kindheit und oft langandauerndem Heimschicksal.
Die faszinierende Idee der Outlaw hatte den Verfasser dieser Zeilen nie mehr ganz losgelassen. Über inzwischen 15 Jahre großgeworden in der Heimerziehung als ausgebildeter Sonderpädagoge, über die Stationen Lehrer, Schulleiter, sonderpädagogischer Berater und Leiter des Staatlichen Waisenheims Esslingen, Theodor-Rothschild-Haus, bleibt vorerst und bis jetzt eine einfache Erkenntnis: Verhaltensgestörte Kinder in Heimen misstrauen dem Erzieher oder dem Lehrer, seinen verbalen Äußerungen, sogar seinem Leben als Modell, weil sie es als professionelle, künstliche Situation erleben.

Dieses Phänomen, in der Fachwelt als "Pädagogisieren" bekannt, meint den Vorgang, den vor allem Lehrer, aber auch Erzieher und Sozialpädagogen täglich bewältigen müssen: Sie müssen den Wissensstoff oder die Erziehungsziele auf die Rezipierenden, die Schüler oder die Zöglinge zuschneiden; die pädagogische, d. h. zu-geschnittene Wirklichkeit der Welt wird aber von den Schülern oder Zöglingen als Scheinwelt und künstlich erkannt. Jeder im pädagogischen Geschäft Ausgebildete kennt die semesterlangen Diskussionen, wie intrinsische, extrinsische Motivation, optimale Passung und dergleichen zu erzeugen und durchzuhalten ist. Jeder Pädagoge kennt den Begriff der Anschauung, von Pestalozzi geprägt, neu entdeckt durch verschiedene pädagogische Bewegungen (Kerschensteiner; Hermann Nohl; Projektpädagogik; "holt die Wirklichkeit ins Klassenzimmer oder sucht sie gleich draußen auf Lerngängen und Ausflügen"; Werkgymnasium, Odenwaldschule, Waldorf-Schulen).
Angefüllt mit theoretischen Kenntnissen über Bernfeld, Aichhorn, Makarenko, Father Flanegan, die ihre erfolgreichen Ideen mit schwierigen Jugendlichen immer in einer echten Aufbauarbeit vor Ort verwirklichten, überprüfte ich obige Erkenntnis in meiner Arbeit immer wieder in vielfältigen Versuchen, zunächst als Lehrer (GHS) und Sonderschullehrer (für Verhaltensgestörte) durch Ausflüge, Schullandheimaufenthalte, Experten und Eltern in der Schule, Projekte, Nachtwanderungen, Ferienfreizeiten usw. mit unterschiedlichen, meist guten Erfolgen. Auch privat spürte ich dem nach, was mich motivierte.

Als leidenschaftlich Reisender, der schon als Jugendlicher die Faszination des Reisens als schönste, aber auch schwierige Form des Umgangs mit sich und anderen kennengelernt hatte, entdeckte ich vor 15 Jahren Korsika als die Insel vor der Haustür. (Man ist in 9 Stunden in Livorno, in weiteren vier mit der Fähre auf Korsika!) Damals für den Tourismus noch kaum erschlossen, nahm mich diese Insel in ihrer urtümlichen, vielfältigen und kraftvoll bizarren Schönheit sofort gefangen.
Es gibt dort auch heute noch nicht das Leichte, Vorgefertigte, wenn man von Pauschalreisen absieht. Die schönsten menschenleeren Buchten erschließen sich auch heute noch nur demjenigen, der zu Fuß und mit allem notwendigen Gepäck auf dem Rücken hinabsteigt, oder umgekehrt, auf die auch im Sommer mit Schneeresten bedeckten Berge hinaufklettert.

Um es kurz zu machen: Immer wieder tauchten bei diesen privaten Ferienaufenthalten, die mich auf eine natürliche Weise auf das Lebensnotwendigste reduzierten und gleichzeitig auf eine für mich neue, erstaunliche Art kreativ machten im Umgang mit der vorgefundenen Natur, Gedanken an "meine (Heim-)Kinder" auf wie: "Was würde jetzt Udo machen, wie würde sich Jasmin verhalten, was wäre, wenn sie dabei wären . . . ?"

Der Autor und zwei Jugendliche kochen im Freien

 

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Erlebnispädagogik

 

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