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5. Zusammenfassung und Kritik

Ich gehe davon aus, "dass manche Jugendlichen auch deshalb auffällig sind, weil sie innerhalb der technisierten Umwelt", die sich auch im Heim und seiner totalen Versorgung zeigt, "keine reale Gelegenheit mehr haben, ihre konstruktiven Möglichkeiten sinnhaft unter Beweis zu stellen" (7, S. 309).
Viele unserer Jugendlichen, die oft sehr spät ins Heim eingewiesen werden, hatten bislang ziel und perspektivlos, sinnlos in den Tag hineingelebt und sehen auch unter den jetzigen Heimbedingungen keinerlei Sinn in einem aktiven und konstruktiven Tun oder Mittun. Im Gegenteil, ihre destruktiven Tendenzen sind oft der letzte Beweis für sie, dass sie am Leben sind.
Erlebnispädagogik kann Sinn bzw. wieder Sinn stiften in den sinnentleerten defizitären Biographien dieser Jugendlichen. Der erlebnispädagogische Ansatz der Korsika Reisen setzt hier ein: (7, in Anlehnung an R. Günder, S. 308ff.). Unsere Jugendlichen können auf dieser Reise nicht länger uninteressiert, inaktiv, apathisch, egozentrisch, destruktiv oder sinnlos sein, denn das gefährdet das sich gemeinsam vorgenommene Unternehmen, an ein bestimmtes, attraktives Ziel zu gelangen. Die Betreuer werden von den Jugendlichen weniger als die "doofen Erzieher", die immer nur fordern, erlebt, sondern sind Teil der Mannschaft mit den genau gleichen Teilen des körperlichen und geistigen Einsatzes zur fast schon entzivilisierten täglichen Lebensbewältigung. Das "blöde Heim" ist weit zurückgelassen, die Natur, in ihrer imposanten Eindrücklichkeit auf Korsika, ist der Lebensraum, der gleichzeitig natürliche, also einsehbare Grenzsituationen aufweist.
Es lassen sich inzwischen deutlich positive Verhaltensänderungen nach den Korsika-Freizeiten des Staatlichen Waisenheims feststellen, die durch die beschriebene Nachbereitung stabilisiert werden können. Vor allem drei zentrale Bereiche bei verhaltensauffälligen Jugendlichen lassen sich positiv beeinflussen: (7, sinngemäß R. Günder, S. 300)

1. Das Verweigern von Aufgaben und Pflichten, das Verweigern vor der Auseinandersetzung mit sich selbst und anderen.
2. Die Bindungsunfähigkeit, die das Unvermögen ausdrückt, tragfähige Beziehungen mit Mitmenschen einzugehen, was den pädagogischen Bezug, das Angehen der Ju-gendlichen, oft so schwer bis unmöglich macht.
3. Die Perspektivlosigkeit, die nicht nur das Fehlen realer Zukunftsmöglichkeiten meint, sondern das bewusste Ausschließen von Perspektiven jeglicher Art, womit sich Interesselosigkeit und Apathie erklären und auf der anderen Seite situative enorme Aggressivität.

Dieser Symptomkomplex, der heute einen Großteil unserer Heimjugendlichen charakterisiert, kann mittels der Reise initial angegangen, positiv beeinflusst und im Nachbereiten im Heim stabilisiert werden, vielfach deutlich schneller und kürzer als bei Jugendlichen innerhalb der normalen Heimpädagogik. Hier sind oft jahrelange Versuche nötig, um zu ähnlichen positiven Verhaltensänderungen zu kommen. Insofern kann die Reise als therapeutisch verstanden werden.
Berichte über erlebnispädagogische Unternehmungen und deren Ergebnisse leiden derzeit alle an der jeweiligen Subjektivität des Autors. Auch meine "Ergebnisse", die ich gerade berichte, sind subjektiv über meine Beobachtungen und Empfindungen entstanden. So ist die Frage bzw. die Aussage berechtigt, die ich ab und zu höre, dass jemand anderes außer mir, aus seinem subjektiven Erleben heraus, die Dinge ganz anders sehen könnte.
Solange es innerhalb der erlebnispädagogischen "Fakultät" den wissenschaftlich aufwendigen, aber exakten Weg einer vergleichenden Untersuchung zwischen erlebnispädagogisch "behandelter" Gruppe und "unbehandelter" Kontrollgruppe nicht gibt (wenn dies überhaupt möglich ist), ist dieser Weg der Introspektion einer auf-scheinenden subjektiven Evidenz und damit der entstandenen Auseinandersetzung mit der "Gegenstandsmannigfaltigkeit von Phänomenen" (8, S. 31ff.) im jeweiligen Subjekt der zunächst einzig mögliche. In der Psychologie dient diese phänomenologische Methode, auch Phänomenanalyse genannt, als legitime Forschungsmethode der Erhebung empirischer Befunde über die Erlebnisweise individueller Subjekte. So angreifbar die Methode der Phänomenanalyse aus jeweils subjektiven Gründen auch ist, es "lässt sich somit zumindest eine propädeutische Disziplin konstituieren, der es obliegt, das je individuell Phänomenale beschreibend auszusprechen und dadurch diskutierbar zumachen" (8, S. 31). Sie ist jedoch "ungeachtet aller Unklarheiten und Antinomien außerhalb jedes vernünftigen Zweifels" (8, S. 36).

Bei der Beantwortung der oben aufgetauchten Frage geht es letztlich um schwierige erkenntnistheoretische Probleme, die hier nicht weiter untersucht werden sollen.
Ich hoffe, dass meine individuellen Phänomene, die sich in mir während der Korsika-Reisen subjektiv abgebildet haben, im Aufzeigen durch diesen Bericht im Sinne der Phänomenanalyse evident und damit diskutierbar, öffentlich werden und zumindest eine gewisse propädeutische Relevanz für die Sache der Erlebnispädagogik erreichen.
Immer wieder höre ich von interessierten Laien, aber auch von Mitarbeitern unseres Trägers die erstaunte Frage, warum wir denn ausgerechnet nach Korsika fahren mit unseren Heimjugendlichen und z. B. nicht an den Bodensee oder ähnliche Ziele in Baden-Württemberg oder Deutschland. Abgesehen davon, dass unsere 16- bis 19jährigen vor dieser in der Regel ersten Auslandsreise ihres Lebens die engere und weitere Heimat bis zu ihrem sechzehnten Lebensjahr durch jahrelang durchgeführte sogenannte Fremdfreizeiten genau kennengelernt haben, ist diese Frage letztlich diskriminierend. Hilfreich ist oft die freundliche Gegenfrage bei entsprechenden Familienverhältnissen, wo denn der 17jährige Sohn oder die 18jährige Tochter die Ferien in diesem Jahr verbringen oder wohin denn die ganze Familie mit ihren halb-wüchsigen Kindern in den Urlaub fährt. Unsere Jugendlichen, aus den verschiedensten Gründen familienlos, obwohl Vater und Mutter in der Regel vorhanden, sind ohne jede Schuld in oft jahrelangen schmerzhaften Biographien schließlich im Heim gelandet. Es ist nicht einzusehen, dass sie nicht ähnliche Erfahrungen wie gleichaltrige sog. Familienkinder machen sollen, ganz abgesehen von den beschriebenen positiven Wirkungen einer erlebnispädagogischen Gruppenreise.

Freizeiten im Sinne der Erlebnispädagogik und bezogen auf Kurt Hahns Prinzipien lassen sich nicht am Bodensee oder im Bayrischen Wald durchführen, weil hier der intrinsische Sinn einer absichtlich entzivilisierten Lebensbewältigung mit einsichtigen natürlichen Grenzen nicht gegeben ist bzw. nicht einsehbar ist, wenn der organisierte Campingplatz, die Disco, das Hotel, der Supermarkt gleich um die Ecke sind! Auch die Frage nach den absichtlich annähernd entzivilisierten Bedingungen und damit nach der gesellschaftlichen Realität dieser Reise gilt es immer wieder zu beantworten, auch andere Autoren erlebnispädagogischer Projekte berichten darüber: "Gerade das außergewöhnliche, nicht traditionelle Vorgehen der alternativen Pädagogik bildet bei den Jugendlichen den Anreiz zum Mittun. Wenn die Angebote nicht in gewöhnlichen gesellschaftlichen Rahmenbedingungen ablaufen, so bedeutet das keineswegs, dass sie außerhalb der Gesellschaft stehen. Denn die pädagogischen Erfolge sprechen vielmehr dafür, dass hier Handlungen, Formen, Werte und Ideen aufgegriffen werden, die ansonsten in der Gesellschaft so ziemlich verlorengegangen zu sein scheinen." (7, S. 304/305.)
Solche Fragen zeigen, wie immer zu Zeiten innovativer pädagogischer Ideen (oder Innovation schlechthin), dass noch sehr viel Skepsis, Unverständnis und Misstrauen gegenüber alternativen erlebnispädagogischen Projekten in der Öffentlichkeit vorhanden sind, obwohl diese Maßnahmen in der Regel nicht teurer als die sonst vorhandene, vergleichbare Heimerziehung sind. "In der Öffentlichkeit gilt es, die alternativen Projekte innerhalb der Heimerziehung vernünftig und besonnen darzustellen. Es muss hier Überzeugungsarbeit geleistet werden, man wird keine offenen Türen vorfinden." (7, S. 310) (In diesem Sinne soll auch mein vorliegender Bericht einen Beitrag leisten.) Einem immer wieder auftauchenden Kritikpunkt möchte ich unter den jetzigen Bedingungen der Heimerziehung (und unseres Hauses) zustimmen, weil ich ihn selbst immer wieder bedauernd feststelle: Obwohl die gemachten Erfahrungen in Korsika sehr intensiv, eindringlich, erlebnisreich sind und zurück im Heim sich unter den Teilnehmern noch lange auch im gemeinsamen Miteinander auswirken, obwohl wir uns bemühen, innerhalb der geschilderten Nachbereitung der Reise die positiven Verhaltensänderungen zu stabilisieren und diesen Prozess jährlich zu verbessern suchen, bleibt die Frage bis jetzt offen, wie diese neuen positiven Erfahrungen der Jugendlichen in ihr weiteres Leben systematisch zu integrieren sind, um sie auf Dauer beständig zu machen.

Die in den letzten Jahren wieder aufkommende Erlebnispädagogik in der sich wandelnden Heimerziehung ist derzeit ein pädagogisches Mittel in der Vielzahl anderer Versuche, einer schwieriger werdenden Klientel gerecht zu werden; ein Mittel, das bis jetzt noch einer Sondersituation entspricht. Es ginge darum, Erlebnispädagogik in die vielfältigen pädagogischen Bemühungen der Heime um ihre Kinder und Jugendlichen zu integrieren, als alternativen Weg anzuerkennen und auszubauen (vielleicht im Sinne eines Fachdienstes, wie er schon in verschiedenen segeltherapeutischen Projekten als institutionelle Nachbetreuung eingerichtet ist).
Eine letzte kritische Frage, die oft gestellt wird, ist zumindest in unserem Hause durch die Realität beantwortet. Auch sie enthält, sicherlich unbeabsichtigt, ein gewisses Vorurteil gegenüber Heimkindern und ihrem späteren Leben. Korsika ist kein unerschwingliches Traumziel im Sinne eines später nie zu erreichenden Lebensniveaus unserer Zöglinge. Die ersten 3 Ehemaligen, inzwischen aus dem Heim entlassen, die 1982 die erste Reise mitgemacht haben, fuhren vor 2 Jahren mit einem selbstreparierten alten Auto (Autoschlosser inzwischen) nach Korsika in "unsere Bucht". Letztes Jahr waren es wieder zwei Ehemalige, diesmal mit dem Motorrad. Erlebtes Heimschicksal endet glücklicherweise in der Regel irgendwann einmal im späteren Leben.
Eine von mir mit gewünschte Absicht, die ich mit dieser Reise hege, scheint in Erfüllung zu gehen, zumindest für einzelne: Ich will meinen Jugendlichen Korsika als einen "realen Traum" ins Herz pflanzen. Wen Korsika, die "l'ile de beauté" gefangengenommen hat, der ist nicht verloren im Sinne von Ziel und Perspektivlosigkeit. Ich meine Korsika durchaus auch stellvertretend für alle denkbaren Ziele, die Pädagogen mit ihren Jugendlichen im Sinne der Erlebnispädagogik ansteuern mögen, und die, als Grundvoraussetzung für jede Pädagogik, mit dem Herzen bei der Sache sind.

"Da fahr' ich später wieder hin" sagen bis jetzt fast alle Jugendlichen, die dabei waren. "Dann tut was dafür" sage ich meistens darauf und werde verstanden, und zwar nicht als der schon wieder fordernde Erzieher.

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