3. Zielgruppen für Erlebnispädagogik
Kurt Hahns Ideen und ihre pädagogische Anwendung bezogen sich immer auf die sogenannte normale Jugend unserer Gesellschaft.Auf der Suche nach entsprechender heutiger Literatur zum Thema "Erlebnispädagogik" fällt zunächst auf, dass es zwar inzwischen eine Vielzahl von verschiedenen Autoren gibt, die vor allem ihre praktischen Erfahrungen im Sinne der Erlebnispädagogik berichten, vorwiegend in verschiedenen pädagogischen Zeitschriften. Es gibt aber bis jetzt nur ganz wenige theoretische Beiträge zu diesem Thema, geschweige denn umfassende Abhandlungen im Sinne einer wissenschaftlichen Begründung der Erlebnispädagogik. Ein erster Schritt in dieser Richtung scheint mir die fortgeschriebene Konzeption der "Jugendschiff Corsar e.V. Outlaw" zu sein, die seit zwei Jahren den Versuch macht, ein theoriebildendes System für ihre "sozialtherapeutischen" Segelfahrten mit sozialwissenschaftlicher Begründung zu erarbeiten. (5, S. 45).
Zum zweiten fällt auf, dass sich diese Vielzahl von Einzelberichten v. a. auf die pädagogische Arbeit in Heimen beziehen. Es scheint so, dass der erlebnispädagogische Ansatz heute vor allem aus der Arbeit mit verhaltensauffälligen Jugendlichen in Heimen erwächst, also mit sogenannten nicht normalen Jugendlichen in einer völlig pädagogisierten Umwelt. Bemerkenswert ist, dass es inzwischen einige wenige Bei-träge aus der Psychiatrie gibt, so z. B. segeltherapeutische Fahrten, die das Psychiatrische Landeskrankenhaus Weißenau durchführt.
Mit dem Begriff des "sozialtherapeutischen Segelns" begann etwa vor zehn Jahren in Deutschland die Renaissance der Erlebnispädagogik im Sinne Kurt Hahns als Alternative zur geschlossenen Heimunterbringung. Hier gibt es vereinzelt inzwischen auch begleitende wissenschaftliche Forschung, die sich vor allem auf die Erfahrungen mit schwer verhaltensgestörten Jugendlichen bei bis zu halbjährigen Segeltörns u. a. der "Outlaw" und der "Anna Catharina" bezieht. Bei Sichtung der vorhandenen vorhandenen Literatur lassen sich drei Gruppen von Jugendlichen ausmachen, für die erlebnispädagogische Maßnahmen durchgeführt wurden, werden oder geplant sind:
a) Verhaltensauffällige Jugendliche in offenen Institutionen (Heime)
b) Jugendliche in geschlossenen Institutionen (Heime mit geschlossenen Abteilungen, Strafvollzug, Psychiatrie)
c) Jugendliche im Rahmen der offenen Jugendarbeit (Haftentlassene, Jugendliche in der Bewährung, Arbeitslose, Jugendliche in der Berufsfindungsphase, delinquente Jugendliche u. a.)
Für mich als langjährigen Mitarbeiter in der Heimerziehung des Typs a) ist es nur zu verständlich, dass sich neue pädagogische Strömungen und Entwicklungen gerade aus unserer Arbeit entwickeln bzw. entwickeln müssen.
Die Heimerziehung hatte noch nie mit sogenannten normalen Familienkindern zu tun, jede Heimeinweisung ist die Folge einer sozialen, ökonomischen oder emotionalen Katastrophe in einer Herkunftsfamilie. Die Heimerziehung hatte und hat zu tun mit Kindern und Jugendlichen, die oft in massiver Weise gestört sind, deren Verhaltensweisen sich so negativ auf das Gruppenleben auswirken, dass manchmal fast untragbare Verhältnisse eintreten können. Wir beobachten in den letzten Jahren hier in unserem Hause die Häufung und das Anwachsen von massiven Störungen und Auffälligkeiten vor allem in der Gruppe der Jugendlichen, aber nicht nur. Zu dieser sich verändernden Situation in den Heimen haben verschiedene gesellschaftliche Mechanismen und geänderte Heimeinweisungspraktiken der Jugendämter geführt, die es hier nicht zu untersuchen gilt. Damit ist gemeint:
- enorm aggressives Verhalten
- unberechenbares, scheinbar sinnloses Verhalten
- allgemeine Unfähigkeit, menschliche Beziehungen einzugehen
- totales oder teilweises Versagen in der Schul- und Arbeitswelt bei gleichzeitig
vorliegender intellektueller Befähigung
- allgemein apathisches und interesseloses Verhalten
- total unausgebildete Frustrationstoleranz mit entsprechenden Verhaltensweisen bei
geringsten Anlässen
- das Zunehmen von delinquenten und vordelinquenten Verhaltensweisen.
Eine kleine Antwort auf das sich allmählich verändernde Heimklientel auch in unserem Hause war die jetzt inzwischen im 5. Jahr durchgeführte erlebnispädagogische Gruppenreise mit je acht Jugendlichen nach Korsika. Wie weit inzwischen ähnliche Maßnahmen in anderen Heimen gediehen sind, soll exemplarisch der Bericht einer Regionalgruppe der "Internationalen Gesellschaft für Heimerziehung" im Frühjahr 1986 verdeutlichen, den ich nur unwesentlich gekürzt wiedergebe:
Bericht von der Regionalgruppe Hannover-Hildesheim
(Aus: "Jugendhilfe Informationen" Nr. 10/86, IGfH, Frankfurt)
"Abenteurer im Stephansstift"
Es waren ca. 250 werdende oder bereits praktizierende Pädagogen, die sich
am 24.4.86 in der Fachschule des Stephanstiftes über Abenteuer informierten.
Da wurde von Reisen nach Lappland und in die Pyrenäen geschwärmt, von
Segeltörns in der Ostsee oder im Mittelmeer und von Fahrten nach Indien oder
sogar nach Südamerika. Man sah Bilder und - so man wollte - auch
"Videostreifen"! Aber keine Touristikfirma warb für den neuesten Katalog,
sondern Erzieher berichteten von ihrer in Deutschland wohl ungewöhnlichsten
Arbeit. Sie fahren, um ihren verhaltensschwierigen Jugendlichen, mit denen
sie reisen, Erlebnisse zu vermitteln, die sich im Heim nicht herstellen
lassen. Die Erlebnisse werden aber benötigt, um die Jugendlichen zu dem zu
motivieren, was sie bisher verweigert haben. Es sind eigentlich
"Heimjugendliche",
- die nicht einsehen können, dass sie nach vielen Jahren der
Misserfolgserlebnisse in Schulen noch einmal wieder Unterricht versuchen
sollen,
- die ihre Körperkräfte sinnvoll einsetzen möchten, aber in unserer Zeit
wieder auf verschulte Bildungsgänge verwiesen werden,
- die alle Mechanismen von Heimerziehung cool überstehen,
- die nirgendwo gebraucht werden und sich daher überflüssig vorkommen, weil
alles ohne sie "läuft".
Sie brauchen Erlebnisse, die sie anders und neu fordern. Nächte in Eis und
Schnee, Brotbacken in unwegsamen Wäldern, die Begegnung mit Fremden, die
ihnen begegnen und anders handeln als Deutsche. Wasserleitungen in Indien zu
bauen oder eine Kirche in Spanien zu errichten, sind Erlebnisse, bei denen
Jugendliche von selber Einsichten bekommen und bei denen sie Erzieher als
Partner erleben, die unter Umständen hilfloser sind als sie. Nun wird der
"clevere Jugendliche" für das Überleben der Gruppe tatsächlich gebraucht.
(Cleverness, in PKW-Einbrüche umgesetzt, erübrigt sich.)
Berichterstatter derartiger Maßnahmen waren Erzieher, die wussten, wovon
sie redeten, die dabei waren und die wieder losfahren werden. Sie bekommen
ihr Gehalt in der Regel so, als wenn sie im Heim arbeiteten nicht mehr. Für
die Jugendlichen zahlen die Jugendämter in der Regel Heimpflegesätze oder
weniger. Schichtdienst, freie Tage, Überstundenregelungen sind Vokabeln, die
es auf diesen Fahrten für die Mitarbeiter nicht gibt. Was zieht sie denn
dann hinaus in solche Abenteuer?
Jedenfalls nicht das große Geld. Vielleicht ist es das Freisein von
Strukturen der Institution, das andere Zusammenleben mit den Zöglingen, die
Lust am Abenteuer, die Einsicht in die wirksamere Pädagogik.
Wie wirksam diese Pädagogik wirklich ist, beweist sich natürlich erst
nach der Rückkehr. Die Fahrt war Mittel zum Zweck zum Zweck einer
anschließend besseren Resozialisierungsarbeit. Und sie wird klappen, wenn
der Jugendliche jetzt weiß, wofür er noch mal einen Anlauf macht, besser
oder erstmals lesen und rechnen zu lernen, wenn er weiß, was er wert ist und
leisten kann und wenn er im Erzieher einen Freund hat, der ihm schon in
Spanien weitergeholfen hat und für den er auch etwas tun konnte.
Selten hat ein Forum über Heimerziehung so viel interessante Eindrücke auf
einmal vermittelt. Sicher, es war alles nicht neu. Manches ist in
pädagogischer Fachliteratur der zwanziger Jahre bereits nachzulesen. Aber
die Begegnung mit Pädagogen, die so arbeiten und aus ganz Norddeutschland
anreisten, um hier zu berichten, das war schon beeindruckend. Zumal zum
Schluss der Veranstaltung alle acht Berichterstatter noch in kleinen Steh
und Sitzrunden bereitstanden.
Fazit vieler Besucher: In der Heimerziehung tut sich was, und eine
derartige Veranstaltung über neue Wege müsste eine Dauereinrichtung werden.
Und schon sahen sich die Veranstalter, für die dieser Abend ein Hobby war,
in die Pflicht genommen."