Analphabetismus
"Analphabeten im engeren Sinne sind Menschen, die keinerlei Lese- und
Schreibfertigkeit haben, d.h. die nicht einmal ihren Namen schreiben können.
Analphabeten im weiteren Sinn können zwar einzelne Worte lesen und/oder ihre
eigene Unterschrift leisten. Sie sind aber im Sinne der UNESCO-Definition
des funktionalen Analphabetismus nicht gleichberechtigt in der Lage, an den
gesellschaftlichen Aktivitäten ihres Kulturkreises teilnehmen zu können."
(Heinz Bonfadelli, in: Handbuch Lesen, München 1999, S.131)
Bei Analphabetismus denkt man in der Regel zunächst an Entwicklungsländer,
da der Analphabetismus sicher auch eine Folge sozialer und wirtschaftlicher
Unterentwicklung ist. Während der Analphabetismus aber seit den 70er Jahren
in den Ländern der Dritten Welt deutlich zurückgeht, wird er in den
westlichen Industriestaaten wieder auffällig.
Man kann drei Gruppen von Analphabeten unterscheiden:
1. Personen, die ihren Namen und noch einzelne Buchstaben schreiben können,
ansonsten aber des Lesens und Schreibens nicht kundig sind.
2. Personen, die mühsam Texte auf geringem bis mittlerem Sprachniveau
lesen, aber nicht schreiben können.
3. Personen, die lesen, aber nur äußerst mangelhaft schreiben können und
auf Grund der ihnen bewussten mangelhaften Rechtschreibung Situationen
meiden, in denen sie schreiben müssen.
Man unterscheidet im allgemeinen drei Gruppen von Analphabetismus: den
primären, den sekundären und den funktionalen.
Primärer Analphabetismus.
Er liegt vor, wenn jemand keinerlei Lese- und Schreibfertigkeiten besitzt
und solche auch nie erworben hat.
Sekundärer Analphabetismus.
Er liegt vor, wenn die ehemals erworbenen Lese- und Schreibkenntnisse
wieder vergessen worden sind, etwa wegen mangelnder Praxis im Lesen und
Schreiben.
Funktionaler Analphabetismus.
Er liegt vor, wenn die Lese- und Schreibfertigkeiten unter den allgemeinen
Anforderungen in der Gesellschaft, in der der Betreffende lebt,
liegen.
Analphabeten sind eine Randgruppe unserer Gesellschaft, weil sie von
beruflichen Arbeitsmöglichkeiten und von der Teilhabe am öffentlichen, auch
am politischen Leben, weitgehend ausgeschlossen sind. Viele Analphabeten
entwickeln Strategien, um ihre Defizite zu verbergen.
Fachleute schätzen, dass es in Deutschland bei einer Einwohnerzahl von 80
Millionen etwa 4 Millionen (sekundäre und/oder funktionale) Analphabeten
gibt. Etwa 13% aller Hauptschüler, die heute die Schule verlassen, können
offensichtlich nicht ausreichend lesen und schreiben. (FAZ 17.7.1999, S.10,
"Der Mythos vom Alphabet"). Auch die Tatsache, dass 22,7% der
Fünfzehnjährigen in Deutschland bei PISA 2000 nur das Kompetenzniveau I und
darunter erreicht haben, weist auf gravierende Defizite hin.
Seit 1912 wurden in Deutschland keine statistischen Daten mehr zu Schreib-
und Lesekompetenz der Bevölkerung erhoben, da es faktisch so gut wie keine
Analphabeten mehr gab. Wenn auch die Definition dessen, was illiterat ist,
schwankend ist, müssen wir heute davon ausgehen, dass der Analphabetismus
wieder ein zahlenmäßig relevantes Problem in unserer Gesellschaft
darstellt.
Unter
http://www.alphabetisierung.de gelangen wir
im Internet zu den Seiten des Bundesverbandes Alphabetisierung , der mit
seiner Zeitschrift ALFA FORUM regelmäßig über Alphabetisierung und
Grundbildung informiert. Der 1984 als "Schreibwerkstatt für neue Leser und
Schreiber e.V." gegründete Verband, der 1994 von der UNESCO ausgezeichnet
worden ist, bietet u.a.
- leicht lesbare Lektüre für jugendliche und erwachsene
Leseanfänger/innen
- erwachsenengerechte Unterrichtsmaterialien zum Lesen- und
Schreibenlernen
- Vermittlung von Referenten für Fachvorträge zum Thema
Alphabetisierung
Die Geschäftsstelle des Bundesverbandes Alphabetisierung ist in der
Goebenstr. 13
D-48151 Münster
Tel.: 0251/53469-40
Fax: 0251/53469-41
eMail: bundesverband@alphabetisierung.de
Informationsblatt des Bundesverbandes Alphabetisierung:
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Literatur:
- Marion Döbbert/Peter Hubertus: Ihr Kreuz ist die Schrift.
Analphabetismus und Alphabetisierung in Deutschland, Stuttgart Klett-Verlag
2000
- Iris Füssenich: Funktionaler Analphabetismus in Deutschland, in LRS
Stuttgart 1999, Seite 183 bis 188
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- Cordula Löffler: Analphabetismus in Wechselwirkung mit gesprochener
Sprache.
Zu Sprachentwicklung, Sprachbewusstsein, Variationskompetenz und
systematisch fundierter Förderung von Analphabeten, Alfa Zentaurus Verlag
2002
- Tipps zur Lese- und Schreibförderung:
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