16.10.2019

Bericht Niederbronn

Quoi de neuf - Nouvelles du bilingue - 1/2019

„Wie stellt man Franzosen und Deutsche her?“

Die Drittortbegegnung des AbiBac-LK 12 des Otto-Schott-Gymnasiums Mainz Gonsenheim und des Lycée Camille Jullian (Bordeaux) in Niederbronn-les-Bains (Dez. 2018)

Deutsche und Franzosen bunt durcheinander
Deutsche und Franzosen bunt durcheinander. - Quelle: Alexander Schröer

Was macht einen Deutschen aus? Was macht einen Franzosen aus? Die Sprache, das Essen, die angebliche Feindschaft zum jeweils anderen oder die herausragende Freundschaft zwischen den beiden Ländern? Und wer bestimmt diese Identitäten? Wann und warum? Kaum ein Ort eignet sich besser für die Beantwortung dieser Fragen, insbesondere wichtig für die persönlichen Identitäten der vielen deutsch-französischen Schüler dieses Kurses, als das Elsass, ein militärisches, aber auch kulturelles Schlachtfeld zwischen französischen und deutschen Einflüssen, und kaum ein Ort eignet sich besser, um die Konsequenzen dieser Fragen und ihrer Antworten zu erfahren als der Soldatenfriedhof in Niederbronn-les-Bains.

Unter diesem Vorzeichen stand unsere Begegnung mit einer Gruppe des Lycée Camille Jullian aus Bordeaux; organisiert von Herrn Schröer, Frau Senger und auf französische Seite Herr Mousson-Lestang. In der Jugendbegegnungsstätte Albert Schweitzer sollten wir, die Deutschen aus Mainz sowie die Franzosen aus Bordeaux, eine Woche lang mithilfe vielfältiger Exkursionen auf beiden Seiten des Rheins, gemeinsam diese Fragen zu ergründen. Zu diesem Zweck besuchten wir im Laufe der leider recht kurzen Woche geschichts-, aber vor allem symbolträchtige Orte beider Länder, das Hambacher Schloss, die überall im Elsass verteilten Schlachtfelder, weite Landschaften sowie die Vogesen und an jeder Station unserer Reise lernten wir Neues, begleitet durch einen überaus meinungsstarken und begeisterten Einrichtungsleiter und Historiker, Bernard Klein, der uns auch die Archive des Friedhofs öffnete, um aus der bekannten, aber unverständlichen, Zahl der Toten Menschen zu machen, völlig gleich ihrer Herkunft.

Vor dem Kriegsgräberfriedhof Niederbronn
Vor dem Kriegsgräberfriedhof Niederbronn. - Quelle: Alexander Schröer

Die Woche begann mit dem Vortrag über die lokale Geschichte eines Grenzdorfes, welche uns viel über die soziale Macht von Grenzen lehrte und uns in geringer Zeit einen tiefen Einblick in die zu oft geschundene Seele des Elsasses werfen ließ; man fühlte sich mit dem armen, zerrissenen Dorf verbunden, und die große Geschichte wurde in der lokalen Historie nur allzu deutlich. Daraufhin folgte der Spaziergang über den ersten der vielen Soldatenfriedhöfe, direkt neben dem Centre gelegen, und die tiefe Symbolik jeder einzelnen Entscheidung auf diesen Friedhof, seien es nur Details wie die aufgehängten Flaggen eröffneten uns einen Einblick über die Art und Weise, in der Trauer oder Gedenken viel mehr ist als simples Erinnern, es zeigte uns auf, wie die Art unseres Gedenkens und der Ort unseres Gedenkens uns als Bürger formt. So verfolgt der gemeinsame Friedhof in Niederbronn-les-Bains einen deutsch-französischen und internationalistischen Ansatz; in ihm weht der Geist der Versöhnung: die neuen Deutschen und Franzosen, Freunde und Europäer, sind auf solchen Gräbern geboren.

Eine damals heroische Gedenkplatte auf dem Gipfel
Eine damals heroische Gedenkplatte auf dem Gipfel. - Quelle: Alexander Schröer

Der Schritt in die Vergangenheit von der Französischen Revolution bis zum Zweiten Weltkrieg folgte kurz danach und führte uns über die kalten Felder des Elsasses auf die noch kälteren, aber malerisch und winterlich schönen Gipfel am Dononpass. In nur wenigen Kilometern Abstand erzählt das eine Schlachtfeld von den gewonnenen Schlachten der Revolutionstruppen und somit der Schaffung des neuen, „revolutionären“ Franzosen, das andere den Urmythos der Reichsdeutschen, der Sieg über dem "Erbfeind". Die überragende Bedeutung dieser Schlachten im 1870/71er Krieg für die Reichsdeutschen trat auch durch den überraschenden Fakt zutage, dass diese leicht verlorenen und sehr ländlichen Hügel einer Art Mekka gleichkamen und der damit verbundene Militarismus auch Einzug in Hitlers "Mein Kampf" fand. Bei den errichteten Denkmälern kam auch kleinen Details in der Gestaltung große Bedeutung zu, alles zielte darauf ab, ein reines „Deutschtum“ in Abgrenzung zum „Romanischen“ zu konstruieren. In den Friedhöfen des Elsasses fanden wir dann die schrecklichen Konsequenzen dieser Inszenierung und der harten Abgrenzung zwischen Deutschen und Franzosen, die unzählbaren Namen, in den Berggipfeln oft nur mit Regimentsnummern angedeutet. Doch bot ausgerechnet der unwirtliche Ort des Berggipfels den zumindest auf historischer Ebene witzigsten Moment, als auf einem Stein zwei Gedenktafeln ihren Platz fanden, eine frühe von deutscher Seite und eine spätere Antwort der Franzosen nach der Rückeroberung.

Vergangene, leere Glorie
Vergangene, leere Glorie. - Quelle: Alexander Schröer

Programmatisch sowie inhaltlich bildete die Fahrt zum Hambacher Schloss den Gegenpart: der Gründungsort des anderen, freiheitlichen Deutschen, eine Fahrt ins Mekka unserer aktuellen, demokratischen Tradition, die zweifelsohne bessere Erzählung der Deutschen, welche ebenfalls durch aktuelle Ereignisse wie den aufkommenden Rechtspopulismus an Bedeutung gewinnt. Doch darf gerade hier trotz der fantastischen historischen Erkenntnisgewinne über unsere oft geteilte Geschichte der außerschulische Aspekt nicht unerwähnt bleiben. Nirgends sonst spürte man die Vorteile der deutsch-französischen Freundschaft so lebendig wie beim Essen (Flammkuchen, Pfälzer Teller …) und beim Zusammensein: am Ende der Woche waren aus zwei Gruppen eine geworden und der Abschied vor dem Straßburger Hauptbahnhof fiel schwer.

Abschließend lässt sich nur ein Fazit ziehen: Trotz der schwierigen Fragen wurde es niemals langweilig, dank der guten Begleitung, aber auch dank der wirklich sehenswerten Landschaft des Elsasses blieb man die langen Tage über fokussiert; nicht nur der Input, sondern auch die freie Zeit ließ die beiden Gruppen das Gehörte und Gesehene verarbeiten. Für mich persönlich als Deutsch-Franzosen, aber auch für die gesamte Gruppe muss diese Fahrt als eine der besten Fahrten eingestuft werden: es war Lernen, ohne dies zu häufig zu bemerken, es war die richtige Balance aus Programm und Selbstgestaltung und eine Fahrt, die aus vielfältigen Gründen im Gedächtnis bleiben wird.

 


 

Timo Bijelic, Otto-Schott-Gymnasiums Mainz, AbiBac 2019
Kontakt: Alexander Schröer alexschroeer@hotmail.com, Lehrer für Französisch und Geschichte am Otto-Schott-Gymnasiums Mainz

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