16.10.2019

Französischsprachige Theater-AG

Hildegardis-Schule Bochum, 40jähriges Bestehen des französisch-bilingualen Zweiges

Quoi de neuf - Nouvelles du bilingue - 1/2019

Hinter strahlender Fassade Tragik auf und hinter der Bühne

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Der Terminkalender der Duchesse Dupont-Dufort. - Foto: Klaus Otterbach

Im März 2019 feierte die Hildegardis-Schule Bochum stolz das 40jährige Bestehen ihres französisch-bilingualen Zweiges mit einem einwöchigen Festprogramm. Die zwanzigste Produktion ihrer ambitionierten französischsprachigen Theater-AG, einer AG, die sonst oft als Aushängeschild der Schule und besonders des bilingualen Zweiges gepriesen wurde, sollte, obwohl gerade fertig und aufführungsreif, ursprünglich nicht mit ins Festprogramm – erst auf Intervention einer Elternvertreterin gelang es, eine der drei geplanten Aufführungen im Festprogramm zu platzieren.
Und das Zustandekommen der Aufführungen verlief bei diesem 20. Mal auch nicht so reibungslos wie sonst:

„Bitte möglichst keinen Nachmittagsunterricht, ich finde sonst unter Umständen keine Zeit zum Proben mit der Theater-AG!“ - Der Bitte des AG-Leiters auf dessen „Wunschzettel“ für den Stundenplan des Schuljahres 2018/19 war leider nicht entsprochen worden, und so kam es, dass er zu der einzigen Doppelstunde in der Woche, in der die Schüler Zeit zum Proben hatten, selber alle 14 Tage unterrichten musste. Einfach mal probieren, ob es nicht doch ginge, beides parallel zu meistern, wurde ihm freundlich empfohlen.

Bei der Festlegung des zu spielenden Stückes entschieden sich die Schüler fast einstimmig für das einzige lange ernste Problemstück, das zur Auswahl stand (statt für mehr Komödiantisches und Absurdes von Musset, Ionesco oder Tardieu): Le Voyageur sans bagage von Jean Anouilh (uraufgeführt 1937) sollte es sein:
Die Geschichte von einem Mann, der im Ersten Weltkrieg als wehrpflichtiger Soldat sein Gedächtnis verloren hat. Nach vielen Jahren in einem Heim wird er nun mit seiner großbürgerlichen Familie konfrontiert, die ihn sofort erkennt, und er erfährt, welch schlechten Charakter er als Kind und Jugendlicher hatte: mutwillige Sachbeschädigungen, Tierquälereien, den besten Freund zum Krüppel gemacht, große Summen Geld veruntreut und verprasst, sexuelle Kontakte mit Schwägerin und weiblichem Hauspersonal, Alkoholexzesse … und der nun Gedächtnislose weigert sich, diese für ihn neue Identität anzunehmen, seine negativen Seiten, Fehler und Unzulänglichkeiten von damals als Teil seiner Persönlichkeit zu akzeptieren und die ihm fremde Familie als seine eigene anzuerkennen.

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Gaston und der petit garcon. - Foto: Klaus Otterbach
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Das Hauspersonal. - Foto: Klaus Otterbach

Im ersten Schulhalbjahr fielen die Proben und der Unterricht häufiger noch als sonst einfach aus: Französisch-Fachkonferenz, Tag der Deutschen Einheit, Lehrerfortbildung, Berufsberatung, Orchesterfahrt, Generalprobe fürs Weihnachtskonzert – alles immer am Mittwoch! - machten effektives Proben nahezu unmöglich. Und das Wenige, was in mühevoller Kleinarbeit erarbeitet worden war, wurde, wenn Herr Otterbach während der Probenzeit unterrichten musste, kurzerhand ohne Absprachen unbekümmert über Bord geworfen; eine (nicht ohne Grund) gekürzte Szene wurde trotzdem gespielt (so sei Schülertheater nun mal), ein neues Konzept von Choreographie, Bühnenbild und Kostümen allen aufgezwungen, der Redefluss der Darsteller beim Proben ständig unterbrochen (man wolle ja schließlich modernes und professionelles Theater machen), die Zentraltreppe entfernt, auf der einige Szenen hatten spielen sollen. Die große schwere ausgestopfte Gemse, die Herr Otterbach in einem gefahrenvoll-riskanten Manöver aus einem bereits vollen Sperrmüllcontainer gerettet hatte, durfte für das von ihm bereits angedachte Bühnenbild nicht zum Einsatz kommen, schon mit großem Zeitaufwand ausgesuchte und anprobierte Kostüme mussten durch schwarze Kleidung ersetzt werden, das vom AG-Leiter bereits fertiggestellte Lichtregiekonzpt für die Techniker wurde völlig ignoriert und im letzten Moment sehr spontan durch ein anderes ersetzt; das Klavier durfte nicht sehr dezent hinter dem hinteren Vorhang verschwinden, sondern musste Teil des Bühnenbildes werden, vor dem einer der Darsteller sich dann als Pianist im sonst dunklen Raum beleuchten ließ.

Aus dem ursprünglichen Miteinander wurde zeitweise mehr ein Gegeneinander. „Sie waren ja so oft abwesend während der Proben“, hielt man entschuldigend dem unzufriedenen AG-Leiter vor. Immerhin begeisterten ihn auch einige Regie-Einfälle der Schüler, so die Miteinbeziehung eines Video-Ausschnitts mit Szenen aus dem Ersten Weltkrieg und einer mit Klavierspiel untermalten Choreographie zu Beginn, so der Rezeptions-Tresen unten vor der Bühne wie auch das Spielen der ersten zwei Tableaux im Zuschauerraum.

Wie fast immer in letzter Zeit lernten etliche Schüler ihre Rollen viel zu spät auswendig, was ein Feilen an Details kurz vor der Aufführung unmöglich macht. So musste sich der zwischendurch immer wieder abwesende AG-Leiter zähneknirschend an viele ihn zunächst weniger überzeugende Einfälle und Deutungen gewöhnen.

Das Spiel der Schüler stellte in erster Linie die tragischen Aspekte des Stückes in den Mittelpunkt, obwohl der Text bei einigen Figuren (nicht bei allen) auch noch andere Interpretationen zuließe. Die schwarze Kleidung der großbürgerlichen Familie unterstrich dies noch und sorgte für eine erstaunliche Geschlossenheit der Aufführungen bis einschließlich zum Schlussapplaus. Selbst der heitere, völlig unrealistische, ja fast groteske Schluss vermochte hieran nichts zu ändern.

An allen drei Aufführungsabenden gaben die Mitwirkenden einfach alles und glänzten mit erstaunlicher Bühnenpräsens. Der Hauptdarsteller (Malte Arnscheidt) bewältigte seine umfangreiche zentrale Rolle sehr überzeugend. Die Techniker, die wegen zwischenzeitig anderer Nutzung der Aula immer wieder ab- und neu aufbauen mussten, sorgen für einen perfekten Ablauf. Besonders erwähnenswert ist die zweite Aufführung, bei der Martin Steinau und Yari-Lasse Jäger zusätzlich die Rollen zweier erkrankter Darsteller übernahmen und sie (auswendig!) ganz souverän meisterten.

 


 

Bisherige Produktionen:

  • Juni 2000: La Cantatrice chauve (Ionesco)
  • Juni 2001: Pique-nique en campagne (Arrabal)
  • Juli 2002: Knock ou le triomphe de la médecine(Romain)
  • Juni 2003: Jacques ou la soumission (Ionesco)
  • Juli 2004: Ubu Roi (Jarry)
  • Juni 2005: La ballade du grand Macabre (Ghelderode)
  • Mai 2006: Macbett (Ionesco)
  • Juni 2007: Rhinocéros (Ionesco)
  • April 2008: Equarrissage pour tous (Vian)
  • März 2009: Jacques et son Maître (Kundera)
  • März 2010: Sinfonietta/Politesse inutile/Sonate/Société Apollon/Style enfantin (Tardieu)
  • April 2011: L’Odyssée pour une tasse de thé (Ribes)
  • März 2012: Electre (Giraudoux)
  • März 2013: PALACE (Ribes)
  • März 2014: Les pas perdus (Bonal)
  • März 2015: Musée haut – musée bas (Ribes)
  • Febr 2016: Exercices de conversation (Ionesco)
  • März 2017: Le Bourgeois Gentilhomme (Molière)
  • März 2018: Equarrissage pour tous (Vian)
  • Febr 2019: Le voyageur sans bagage (Anouilh)

 


 

Klaus Otterbach, willywolltaehr@gmx.de, Französischlehrer und Leiter der französischsprachigen Theater-AG an der Hildegardis-Schule, Bochum

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