Youtube-Lernvideos im bilingualen Geschichtsunterricht

Quoi de neuf 2020 - Youtube-Lernvideos

Quoi de neuf ? Nouvelles du bilingue 2020

Den digitalen Alltag durchleuchten

Youtube-Lernvideos im (bilingualen) Geschichtsunterricht

Lernvideos sind ein Genre, das für Schülerinnen und Schüler zum Schulalltag gehört und das für viele von ihnen, spätestens wenn es auf Prüfungen zugeht, eine dankbare Ergänzung und Vertiefung (sowie gelegentlich auch: beliebte Alternative) zum Unterricht darstellt. Wir können daher davon ausgehen, dass Lernvideos in nicht unerheblichem Maße das Geschichtsbewusstsein junger Menschen beeinflussen. Die beiden zentralen Thesen, die daraus resultieren sind: Erstens sollte der Geschichtsunterricht die Gattung „Lernvideo“ aktiv im Unterricht thematisieren, und zweitens sollten hierbei die spezifischen Merkmale dieser Gattung herausgearbeitet und fachmethodische Konsequenzen daraus gezogen werden. Explizit kann und soll nicht die Qualität dieser Videos beurteilt werden, vielmehr geht es um die Förderung fachlicher Medienkompetenz.

Dieser Beitrag fußt auf der Vorbereitung und Durchführung des Ateliers „Besser als mein Geschichtslehrer“?? Youtube-Lernvideos und Medienkompetenz im (bilingualen) Fachunterricht“, das im Rahmen der Libingua-Jahrestagung 2020 in Münster zweimal durchgeführt wurde.

Widerspruch zwischen Alltag und Unterricht

Youtube-Lernvideos

Abb 1.: Schülerperspektive – vielleicht manchmal gar nicht falsch?!
Quelle: https://youtu.be/ErSO_z2SYtE

Die Erfahrungen, das Bauchgefühl und auch eine kurze anonyme Umfrage bei den Atelier-Teilnehmer*innen zeigen einen ebenso trivialen wie paradoxen Befund: Geschichtslehrer*innen gehen einerseits davon aus, dass ihre Schüler*innen Lernvideos häufig nutzen, binden diese Gattung aber andererseits so gut wie gar nicht systematisch in ihren Fachunterricht ein. Die Tatsache, dass solche Videos mitunter „zur Auflockerung“, „zum Einstieg“ oder „als Zusammenfassung“ im Unterricht gezeigt werden, ändert diesen Befund nicht, sondern unterstreicht vielmehr: Eine systematische Thematisierung im Sinne einer methodologischen, analytisch-kritischen Herangehensweise findet nicht statt. Damit tun wir aber so, als wäre dieses Medium ohne jedes fachliche Werkzeug selbsterklärend. Zur Veranschaulichung dieser Auffälligkeit: Kämen wir jemals auf die Idee, die Analyse und Interpretation von historischen Karikaturen könne ohne gattungsspezifisches Bewusstsein gelingen?

Was wir über Lernvideos wissen

Ein paar Bemerkungen zur Einordnung dieses Genres: Lernvideos müssen fachdidaktisch immer als historische Darstellungen gesehen werden (für diesen, auch im Deutschen sperrigen, weil mehrdeutigen Begriff gibt es im Französischen keine echte Übersetzung). Als solche sind sie Narrationen, also interpretierte Geschichte, die fachmethodisch passende Operation ist die Dekonstruktion. Weniger fachlich gesprochen: Ein Lernvideo zeigt uns (natürlich!) nicht, wie es war, sondern wie die Autoren „ihre“ subjektive Version der Geschichte darstellen. Das sagt überhaupt nichts über die Seriösität des Mediums aus, denn das gilt ja ebenfalls für die Texte hochangesehener Wissenschaftler. Einschränkend ist jedoch zu erwähnen, dass manche Videos einen vorwiegend erklärenden Charakter haben, der eher Strukturen erläutert und weniger Ergebnisse und deren kausalen Zusammenhang darstellt. Im Atelier stand etwa ein Video im Zentrum, das die Elemente der NS-Ideologie erläutert – hierbei wird mehr beschrieben bzw. erklärt. Diese Textfunktion lässt sich sehr viel „objektiver“ vollziehen als eine ereignisgeschichtliche Narration, aber auch die Auswahl und Anordnung der Elemente sowie ihre sprachliche Darstellung erfolgt natürlich individuell.

Filmtitel „NS-Ideologie | Nationalsozialismus | musstewissen Geschichte“ aus der Reihe Mr. Wissen2go Geschichte
Auch bei noch so objektivem Anspruch: Historische Darstellungen sind subjektive Konstrukte.

Erfahrungen mit den Nachbargattungen

Übrigens findet sich in den Fachdidaktiken zu diesem vergleichsweise neuen Genre (noch) kein eigenes Kapitel. Hingegen ist der Umgang mit geschichtlichen Fernsehdokumentation ganz gut ausgeleuchtet und diese haben ja sicherlich einiges gemeinsam mit den Lernvideos, wie etwa die audiovisuelle Multimedialität und häufig die Online-Verfügbarkeit. Hinsichtlich des Adressatenkreises wären sicherlich Schulbuchtexte als eine Art „Nachbargattung“ zu betrachten, denn Lernvideos richten sich ja in aller Regel genau wie diese an ein bzgl. Alter und Vorwissen sehr genau definiertes Publikum (während Fernsehdokumentationen eine möglichst breite, interessierte Allgemeinheit adressieren). Auch hierzu gibt selbstverständlich bereits zahlreiche fachdidaktische Überlegungen, die sich teilweise gut übertragen lassen.

Youtube-Lernvideos

Abb. 2: Lernvideos und verwandte Gattungen haben Einiges gemeinsam

Es ist sicherlich kein Problem, wenn Lernvideos – genauso wie TV-Dokumentationen oder Schulbuchtexte – „einfach nur“ zur Information genutzt werden, wenn sie von der Lehrkraft vorher auf ihre Qualität geprüft wurden. Da die Schüler*innen solche Videos aber nur in den seltensten Fällen nach vorheriger Empfehlung sehen und deren fachliche Qualität sehr unterschiedlich ist, sollten wir sie für die Machart und Besonderheiten dieser Gattung sensibilisieren. Das geht am besten, wenn man – mit Mut zur Reduktion bzw. Fokussierung – Einzelaspekte analysiert und ganz gezielte Arbeitsaufträge verwendet.

Anders als in gedruckten Texten können die Schüler*innen in Videos nichts unterstreichen, markieren oder kommentieren. Aber sie können sie (wenn die technischen Möglichkeiten dafür gegeben sind) ebenfalls in ihrem individuellen Tempo erarbeiten und ihren persönlichen Fokus setzen. Das geht natürlich nicht, wenn ein Video gemeinsam im Plenum gesehen wird. Jeder Schüler sollte das Video für sich, d.h. am eigenen Bildschirm (Handy reicht!) und mit Kopfhörern sehen. Auf diese Weise kann er das Arbeiten an bzw. mit diesem Medium zu seinem individuellen Lernprozess machen. Eine didaktisch gesteuerte Auseinandersetzung ist natürlich durch vorab formulierte Beobachtungsaufträge und Fragen ohne Weiteres möglich. Ein gezielter, individueller Zugang ist aber auch durch Video-Bearbeitungs-Tools hervorragend unterstützt werden. Im Atelier wurde dafür exemplarisch die App „edpuzzle“ genutzt, zu der es aber zahlreiche Alternativen (etwa H5P) gibt. Allen diesen Tools ist gemein, dass sie verschiedene Fragetypen – vom Kommentar bis zur Multiple-Choice-Frage – zulassen. Zwei mögliche Vorteile dabei: Das Video kann erst weitergesehen werden, wenn der Arbeitsauftrag erfüllt ist. Und: Die Antworten werden, ggf. anonymisiert, gespeichert und sind so später leicht zu absprechen. Auf diese Weise lassen sich sehr gut individuelle Reflexionsprozesse über die Struktur des Videos, seine Inhalte oder auch seine unausgesprochenen Subtexte initiieren, die im Anschluss im Plenum diskutiert werden können.

Interkulturelle und bilinguale Aspekte

Dieser Workshop fand wie die ganze Tagung im bilingualen Kontext statt, so dass Fragen der Interkulturalität und des Sprachvergleichs immer mitgedacht wurden. Dazu ist zunächst zu bemerken, dass es in Frankreich einen Typus von Lernvideo gibt, der in Deutschland so nicht existiert: Bei den Videos der Reihe „Les bons profs“ handelt es sich eigentlich „nur“ um gefilmte Unterrichtsstunden, die in der Regel mit ein paar Notizen oder Skizzen an der Tafel illustriert werden. Ansonsten handelt es sich um eloquente Lehrervorträge, die in Deutschland in dieser Form eher in Universitätsvorlesungen vorkommen als in der Schule. Diese Videos geben, weil sie in engerem Sinne keine digitalen Multimedia-Produkte sind, nicht viel her für eine mediale Dekonstruktion. Aber inhaltlich und sprachlich sind sie sowohl für historische-kritische Fragen als auch für sprachliche Aspekte bestens geeignet.

Den Typus „moderiertes Multimedia-Lernvideo“, das neben einer prominenten Moderatorenfigur auf die Einbindung von Bild- und Tondokumenten, von dynamischen Infografiken und Karten setzt, gibt es sowohl in Deutschland als auch Frankreich. Qualitativ sind die Videos des Kanals „wissen2go“, hinter denen auch der öffentlich-rechtliche Rundfunk steht, aber ziemlich einzigartig. Andere, deutsche wie französische Kanäle (In französischer Sprache neben den „Bons profs“ etwa „Antisèche“, auf Deutsch u.a. „Sofatutor“, „TheSimpleHistory“, „Simpleclub Geschichte“, „Merkhilfe“ oder „Geschichte lernen leicht gemacht“) setzen deutlich mehr auf (Pseudo-)Jugendsprache und sind auch fachlich häufig sehr viel weniger seriös.

Im Atelier wurden ein Video des Kanals „Antisèche“ zur NS-Ideologie mit dem erwähnten Clip von „Mr. Wissen2go“ vergleichend genutzt. Dabei ging es nicht um den Medienvergleich, sondern um das Erstellen eines zweisprachigen Glossars zu diesem Thema mit dem Ziel, einen bilingualen Wortschatz aufzubauen und über die die Übersetzbarkeit von Vokabular nachzudenken, das eine bestimmte Kultur gebunden ist (hier: den deutschen Nationalsozialismus). Für das sprachliche Lernen ist übrigens die bei den meisten Videos verfügbare Untertitelfunktion sehr hilfreich.

Am Titel „Régimes totalitaires - histoire - 3ème“ kann man übrigens gut sehen, dass diese Art von Videos gezielt für eine bestimmte Klasse als Prüfungsvorbereitung gemacht wird.
Wenn es in erster Linie um das sprachliche Lernen geht, ist die fachliche Qualität des Videos gar nicht so entscheidend. Untertitel helfen!

Der Erwerb eines zweisprachigen Fachwortschatzes ist ein wichtiges Ziel des bilingualen Unterrichts. Eine interkulturelle Ebene wird aber erst erreicht, wenn aktive Sprachreflexion betrieben wird: Warum sind bestimmte Begriffe kaum zu übersetzen? Wann sollte man den originalsprachlichen Begriff verwenden? Welche Konnotationen schwingen jeweils mit? Das alles könnten lohnende Denkanstöße sein.

Die interkulturelle Komponente kann aber natürlich auch auf inhaltlicher Ebene thematisiert werden. Es kann etwa sehr lohnend sein, Fragen der Periodisierung oder vor allem auch der Auswahl und Schwerpunktsetzung im interkulturellen Vergleich zu betrachten: Welche Aspekte werden prominent behandelt, welche eher vernachlässigt und was kann das mit einer nationalen Perspektive zu tu haben? Dass man dazu nicht unbedingt mit Videos arbeiten muss, liegt auf der Hand. Je seriöser sie daherkommen, umso wahrscheinlicher ist es aber, dass Schülerinnen die vorgestellte Version von Geschichte verabsolutieren – alternative Darstellungen vergleichend daneben zu stellen, heißt multiperspektivisch zu arbeiten!

So oder so besteht dabei immer die Gefahr, dass man neue Stereotype schafft: So sollte niemals Ergebnisse stehen bleiben wie „So sehen die Franzosen das“ oder „Das ist die deutsche Sichtweise.“ Diese stereotypisierende, nationalistische Denkweise aufzubrechen und durch multiperspektivische Verfahren zu entkräften, ist doch das eigentliche Ziel des bilingualen Unterrichts!

 


 

Florian Niehaus florian_niehaus@web.de, bildet als Fachleiter (u.a. bilinguale) Geschichtslehrer*innen aus und unterrichtet selbst an einem Aachener Gymnasium. Als Mitorganisator der Libingua-Tagung hat er u.a. das Youtube-Atelier geleitet.

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