Wikipedia und bilingualer Geschichtsunterricht

Quoi de neuf 2020 - Wikipedia und bilingualer Geschichtsunterricht

Quoi de neuf ? Nouvelles du bilingue 2020

Wikipedia und bilingualer Geschichtsunterricht

Weil", so schließt er messerscharf, "nicht sein kann, was nicht sein darf." (Christian Morgenstern)

Wikipedia – alle nutzen sie, aber keiner gibt es zu – das ist natürlich übertrieben, aber die Frage nach der sinnvollen Nutzung von Wikipedia im Unterricht stellt sich schon. Hierbei wurden drei Bereiche in den Fokus genommen: Kriterien der rezeptiven Nutzung und unterrichtliche Potentiale des Vergleichs verschiedensprachiger Wikipedia-Artikel (Alexander Schröer) sowie die aktive Nutzung, nämlich das Erstellen eines eigenen Wikis (Julia Hilpert)

1. Kriterien rezeptiver Nutzung

Kann man / können Schüler und Schülerinnen erkennen, ob ein bestimmter Wikipedia-Artikel vertrauenswürdig ist oder nicht? Und wie kann ihr kritischer Geist beim Nutzen der Wikipedia geschärft werden? Wikipedia selbst nimmt dazu recht offen und hilfreich Stellung: https://de.wikipedia.org/wiki/Wikipedia:Wikipedia_f%C3%BCr_Sch%C3%BCler. Erkenntnisse liefert auch www.wikibu.ch: Diese Seite analysiert nach transparenten Kriterien, inwiefern ein bestimmter Artikel vertrauenswürdig ist. An der Abb. 1 sieht man jedoch, wie absichtliche Manipulationen ihre Wirkung entfalten können.

Grundgedanke der Wikipedia ist ja der sog. neutrale Standpunkt (https://de.wikipedia.org/wiki/Wikipedia:Neutraler_Standpunkt); nicht nur bei der Analyse in Teil 3 wird deutlich, dass dieser im Prinzip oft eingehalten wird; wenn nicht, erscheint recht zuverlässig der „Warnhinweis“ auf mangelnde Quellenangaben bzw. eine intensive Diskussion auf den entsprechenden Seiten. In der Fachliteratur wird vorgeschlagen, verschiedene nationale Perspektiven durch den Vergleich der jeweiligen Wikipedia-Artikel herauszuarbeiten1. Der „neutrale Standpunkt“ erschwert diese Idee > siehe 3. Teil.

2. Vom passiven zum aktiven Nutzer: Erstellen eines eigenen Wikis (Julia Hilpert)

Informationsgesellschaft“ – „Generation Internet“ – „Mediengläubigkeit“ – „Generation 2.0“: Dies sind Schlüsselworte der Selbstbezeichnung einer Gesellschaft mit (selbst)kritischem bis satirischem Unterton. Keine Generation vor der unserer Schülerinnen und Schüler hatte so weitreichende Möglichkeiten der Information, der Bildung, der politischen Partizipation, sollte man meinen. „Twitter“ wird zum Instrument politischer Teilhabe stilisiert, alle können alles in den wichtigsten Sprachen der Welt erfahren über Google, Wikipedia und Co – sollte man meinen.

Abb.1: BildBlog, „Wie ich Freiherr von Guttenberg zu Wilhelm machte.“

Screenshot aus Bild-Blog

Quelle: http://www.bildblog.de/5704/wie-ich-freiherr-von-guttenberg-zu-wilhelm-machte (10.02.2009, abgerufen am 14.05.2020)

Doch: Wie viele unserer Schülerinnen und Schüler kennen und erkennen die Möglichkeiten für Bildung und politische Teilhabe mit den „Neuen Medien“? Erkennen sie die Gefahren: Manipulation, Zensur durch Suchmaschinen, „weichgespülte“, konsensfähige „Wahrheiten“ in „Mitmach“-Enzyklopädien? „Medienkompetenz“ ist zu einem Schlüsselwort in der neueren Pädagogik geworden, doch wer fühlt sich dafür verantwortlich (und in der Lage), diese Medienkompetenz zu vermitteln? Ist dafür der Informatikunterricht verantwortlich? Deutsch? Sollte nicht erst einmal, und damit kommen wir zum Geschichtsunterricht, eine vernünftige Basis von Fachwissen und Fachkompetenzen gelegt werden, bevor mit „Spielereien“ im Internet begonnen wird?

Eigene, „echte“ Wikipedia-Artikel zu erstellen, ist unrealistisch, aber eine Lerngruppe kann ein eigenes Wiki erstellen, entweder „alleine“ oder zusammen mit einer französischen Partnergruppe. Die entsprechende Software kann hier heruntergeladen werden: https://www.wikimedia.de/projects/mediawiki/, nützliche Tipps findet man hier: https://wiki.zum.de/wiki/Wikis_in_der_Schule.

Der Ablauf des Projektes sah wie folgt aus:

  • L richtet eigenes Wiki auf z.B. dem Schulserver ein / moodle / …
  • L gibt Überblicksartikel (z.B. aus LeMo) und Quellen zu Details /Vertiefungen.
  • S erstellen in Gruppen Artikel zu Details und Vertiefungen, die sie hochladen und dann mit Hyperlinks versehen müssen (zum Oberartikel und untereinander).
  • Dabei können sie „Fehler“ in anderen Artikeln „verbessern“ > Erkenntnis, dass es unterschiedliche Perspektiven und auch „Verschlimmbesserungen“ gibt.
  • Dabei können sie „Fehler“ in anderen Artikeln „verbessern“ > Erkenntnis, dass es unterschiedliche Perspektiven und auch „Verschlimmbesserungen“ gibt.
  • Es entstehen große Diskussionen in der Gruppe.
  • Es entsteht ein sehr wertiges Endprodukt, das der ganzen Schule zur Verfügung gestellt werden kann.

Das durchgeführte Projekt hatte im Bereich der Methodenreflexion für uns als Lehrkräfte folgende Ergebnisse:

Das erstellte Wiki ist ein medial aufgefrischtes Langzeit-Gruppenpuzzle, mit allen Vor- und Nachteilen, die Gruppenpuzzles haben: L muss Kontrolle abgeben, Wissen und Erkenntnisse werden selbst arbeitet, präsentiert und diskutiert. In der Expert*innen-Phase wird eher in die Breite als in die Tiefe gegangen, letztlich wird nur ein Thema am Ende wirklich beherrscht. Der hohe Zeitaufwand ist durch die erworbene Medien-, Darstellungs- und Recherchekompetenz, weniger durch die Fachkompetenz (im AFB I) zu rechtfertigen.

Im Bereich der kognitiven Lernziele / Erkenntnisse lässt sich folgendes resümieren:

Das Problem des Plagiierens sowie der Verbreitung von Halbwissen wird reflektiert und erkannt: Die SuS stellen in der Expert*innen-Phase, in der sie sich durch Lesen der anderen Artikel und das sinnvolle Verlinken auf eine Leistungsüberprüfung vorbereiten sollen, fest, dass das, was sie an Informationen, die von gleichberechtigten Wikipedianer*innen erstellt wurden, bekommen, oft nicht zuverlässig recherchiert oder auch wertend ist. Sie erkennen also, dass Wikipedia genau die Vor- und Nachteile birgt, die sie selbst in Gruppenpuzzles schätzen und kritisieren: Schwarmintelligenz auf der einen Seite, Falschinformationen, politisch-ideologische Einflussnahme und Abhängigkeit der online auffindbaren Themen vom Interesse der Wikipedianer*innen auf der anderen Seite.

Daraus folgt, dass bei einer Neuauflage des Projekts einige Elemente verändert werden müssen:

Es sollten noch ein oder zwei Artikel zur Zusammensetzung der Wikipedianer-Community (interessant sind v.a. die Kategorien Alter, Geschlecht, Hautfarbe, Herkunft) und die Auswirkung dieser Zusammensetzung auf die dort veröffentlichten Inhalte mit den SuS gelesen werden (Links unten); auch muss über die Verstärkung der oben reflektierten Vor- und Nachteile der Nutzung von Web 2.0 als (oft einzige) Informationsquelle in Zeiten von Social Media diskutiert werden (Links unten).

Der Ablauf einer solchen Reihe müsste dahingehend verändert werden, dass die zu erstellenden Artikel sich untergliedern in ausführliche thematische Artikel, kurze Definitionen und biographische Angaben zu einer im Artikel genannten Person sowie Quellenanalysen (darf ja auch nicht fehlen).

Artikel zur Zusammensetzung und daraus resultierenden Themen der Wikipedia-Community heute: (abgerufen am 15.05.2020)

Video über Social Media im Zusammenhang über gezielte Wähler*innen-Beeinflussung:

Manipulation: Wie uns soziale Medien beeinflussen | Quarks

3. unterrichtliche Potentiale des Vergleichs verschiedensprachiger Wikipedia-Artikel

Meine Beschäftigung mit dem Thema ergab sich aus einem Moment im Histoire-Unterricht, als ein Schüler eine Karte sachlich kritisierte und wir schnell verlässliche Informationen zum Regierungssystem Atatürks brauchten (Inwiefern kann man das System als „autoritär“ bezeichnen bzw. ist es „autoritärer“ als das Osmanische Reich in seiner Endphase?). Da in der Gruppe die Sprachen Albanisch, Bulgarisch, Deutsch, Englisch, Französisch, Neugriechisch und Spanisch gelesen werden können, ließ ich den jeweiligen Sprachen suchen und das Ergebnis war, dass erfreulicherweise die Idee des neutralen Standpunktes stärker war als eventuell zu vermutende historische Ressentiments.

Anschließend wurden die TN des Ateliers selbst aktiv und verglichen in Kleingruppen die deutschen und französischen Wikipedia-Artikel zu den untenstehenden Themen und überlegten, in welchem unterrichtlichen Kontext eine Analyse dieser Artikel sinnvoll ist: Liberalismus / Grande nation / Nation / Laïcisme, Laizität, laïcité, Säkularismus / Heimat.

Die inhaltliche Auswertung würde den Rahmen des Artikels sprengen, es wurde aber deutlich, dass dieses Vorgehen in der fortgeschrittenen Oberstufe zu vielen Reflexionen anregt und ein Problembewusstsein schafft, dass ein und der gleiche Begriff in den beiden Sprachen deutlich andere Nuancen beinhaltet bzw. gar eine Erfindung des anderen Sprachraums ist (Grande nation).

 


 

Anhang: redaktionell betreute Alternativen zu Wikipedia

allgemein: / tw. für Kinder

fachlich

 


 

Fußnoten:

  • 1: So etwa bei ALTENKIRCH (2016), S. 414.

 


 

Literatur:

 


 

Alexander Schröer, alexschroeer@hotmail.com, Oberstudienrat am Otto-Schott-Gymnasium Mainz-Gonsenheim, Mitarbeiter im Bildungsministerium des Landes Rheinland-Pfalz und Lehrbeauftragter an der Johannes-Gutenberg-Universität Mainz
Julia Hilpert, Oberstudienrätin am Otto-Schott-Gymnasium Mainz-Gonsenheim und praktikumsbetreuende Lehrkraft am Staatlichen Studienseminar für das Lehramt an Gymnasien in Mainz

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