Quoi de neuf 2013-2

 


Quoi de neuf – Nouvelles du bilingue


Projektbericht: "Auf Spurensuche in Berlin - Geschichte(n) durch Zeitzeugen erfahren"
Ein Projekt für den bilingualen (französisch-deutschen) Geschichtsunterricht in der Oberstufe

Poster zum Lesemarathon

Die Schüler des Lycée Salvador Allende und des Gymnasium Süderelbe, vor dem Reichstaggebäude
Photo: Elodie Bargy

"Was denken Sie heute, wenn Sie an Ihre Zeit bei der Hitlerjugend zurückdenken?"
"Was bewegte Ihre Mutter, in den Widerstand [gegen die Nationalsozialisten] zu gehen?"
"Wann haben Sie das erste Mal gemerkt, dass die Stasi Sie bespitzelt?"
"Was hat sich für Sie durch den Mauerfall geändert?"

Diese und viele weitere Fragen haben deutsche und französische Schüler im Februar 2012 Berliner Zeitzeugen gestellt, die sie im Rahmen ihres Projekts "Auf Spurensuche in Berlin - Geschichte(n) durch Zeitzeugen erfahren" interviewt haben. Den Zeitzeugeninterviews vorangegangen war eine ca. halbjährige Projektvorbereitungsphase, die in den bilingualen Geschichts- wie auch in den Deutsch- bzw. den Französischunterricht der beiden an dem Projekt beteiligten Schulen eingebettet war: des Lycée Salvador Allende in Hérouville Saint-Clair (Normandie) und des Gymnasiums Süderelbe in Hamburg. Beide Gymnasien sind seit Jahren Partnerschulen, die im Rahmen ihrer AbiBac-Profile kooperieren und, insbesondere im Bereich des bilingualen Sachfachunterrichts der Oberstufe, gemeinsame Projekte durchführen.

Im Zentrum des Projekts "Spurensuche in Berlin" stand das Interviewen von Zeitzeugen, die Auskunft über ihre persönliche Lebensgeschichte geben wollten. Die Themen, die den Schülern zu Beginn des Projekts durch ihre Lehrer zur Auswahl gestellt wurden, lauteten u.a.: Hitlerjugend; Widerstand im Nationalsozialismus; Stasi und Bespitzelung; Sport in der DDR; Fernsehen in der DDR; Weggehen oder dableiben, Jung sein in der DDR und Ostalgie. Die Schüler sollten sich zunächst für das Thema entscheiden, das sie am meisten interessiert. Anschließend sollten sie sich in dem für das Projekt eingerichteten CommSy-Raum einen Tandempartner im Kurs der Partnerschule suchen, mit dem sie gemeinsam das Thema erarbeiten wollten, um schließlich über eine der zahlreichen Berliner Zeitzeugenbörsen einen passenden Zeitzeugen zum Thema zu finden. Bei der inhaltlichen Erarbeitung der Themen wurden die Schüler natürlich von ihren Lehrern unterstützt, sowohl methodisch als auch in Form geeigneter Literatur in beiden Sprachen. Arbeitsblätter, die die Arbeit der Schüler strukturierten, und feste Abgabetermine für erste Zwischenprodukte haben zusätzlich dafür gesorgt, dass die Schüler sich in den von ihnen gewählten Themengebieten nicht verloren.

Am Ende der Vorbereitungsphase standen umfangreiche Fragenkataloge, die die Schüler in deutsch-französischen Tandems erarbeitet hatten und mit denen sie sich im Februar 2012 nach Berlin aufmachten, um sich dort mit "ihren" Zeitzeugen zu treffen - mal zu Hause, mal im Café, und stets ohne Begleitung durch ihre Lehrer. Für die Schüler waren die Begegnungen mit den Zeitzeugen echte Erlebnisse - insbesondere die französischen Schüler haben nach dem Projekt hervorgehoben, dass sie ohne ein solches Projekt kaum die Möglichkeit gehabt hätten, einen authentischen deutschen Zeitzeugen zu treffen und zu befragen.

Poster zum Lesemarathon

Die Schüler des Lycée Salvador Allende und des Gymnasium Süderelbe im Denkmal für die ermordeten Juden Europas
Photo: Elodie Bargy

Alle Gespräche wurden mit dem Einverständnis der Interviewpartner aufgezeichnet. Der nächste Arbeitsschritt bestand für die Tandempartner darin, sich auf einen aussagekräftigen Auszug ihres Gesprächs zu einigen, der anschließend transkribiert, redigiert und ins Französische übersetzt wurde, so dass alle Produkte am Ende in beiden Arbeitssprachen vorlagen. Auf diese Weise sind Quellentexte entstanden, die wiederum Eingang in den Geschichtsunterricht der beiden Schulen finden können.

Bereichert wurden die Tage in Berlin durch den Besuch zahlreicher historischer Orte und deren Vorstellung durch die französischen Schüler, die sie in den Monaten zuvor fächerübergreifend im Deutsch- und Geschichtsunterricht ihrer Schule erarbeitet hatten.

Das Projekt reiht sich in eine mehrjährige Folge von Drittortbegegnungen ein, die abwechselnd in Deutschland und Frankreich stattgefunden haben. Finanziell gefördert wurde es u.a. vom Deutsch-Französischen Jugendwerk. Im Mai 2013 haben die beiden beteiligten Schulen den Preis des deutsch-französischen Schulprojekte-Netzwerks erhalten. Die Beiträge der Schüler sind auf der Seite des DFJW einzusehen: http://www.dfjw.org/deutsch-franzoesischer-schulprojekte-netzwerk-preis-2012.

Elodie Bargy, Lycée Salvador Allende, Hérouville Saint-Clair, Dirk Hofmann, (dirk.hofmann3@googlemail.com), Gymnasium Süderelbe, Hamburg

 


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Hier finden Sie in Form einer kommentierten Bibliographie Hinweise auf unterrichtsgeeignete Lehr- und Lernmittel für den bilingualen Sachfachunterricht in der Zielsprache Französisch.